Peter Grimm / 16.01.2019 / 12:00 / 8 / Seite ausdrucken

Wer Hohenschönhausen nicht übernimmt

„Wer übernimmt Hohenschönhausen?“, hieß es vor ein paar Tagen an dieser Stelle. Und auch wenn man diese Frage mangels hinreichender Informationen nicht beantworten kann, ist es natürlich legitim, darüber zu spekulieren, wer der Nachfolger von Hubertus Knabe, dem entlassenen Direktor der bekannten Gedenkstätte in der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit werden könnte. Dass man dabei Historikerkollegen in den Blick nimmt, die sich nun kritisch zu Knabe äußern, ist ebenfalls nachvollziehbar.

Doch wenn man dabei das Missfallen an der Knabe-Entlassung noch einmal über den Umweg eines Angriffs auf Knabe-Kritiker kommunizieren möchte, vergaloppiert man sich. Auf die umstrittene Abberufung und Entlassung von Hubertus Knabe will ich hier nicht noch einmal näher eingehen. Unabhängig von dem Vorgang sollte man akzeptieren, dass es auch schon lange vor dem aktuellen Streit Kritiker des einstigen Gedenkstätten-Direktors gab. Und unabhängig davon, was man von ihrer Kritik hält, ist es falsch, diese Kritiker jetzt zu „Konjunkturrittern“ zu erklären.

Grautöne und Mitläufer

Beispielsweise Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk, zu dem es im Beitrag auf Achgut.com heißt:

„In der marxistischen Jungen Welt las man dazu Ende Oktober: ‚Hubertus Knabe ist weg. Das heißt auch: In der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen ist ein Posten frei. Das erste Bewerbungsschreiben ist eingegangen und am Dienstag im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht worden. Abgeschickt hat es der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk.‘ Der wolle ‚Grautöne‘ in der Aufarbeitung. Verbalisiert: „Die SED und gerne auch die ganzen ‚Mitläufer‘ gehören mit in die Pfanne gehauen. Es sei eine ‚schreiende Ungerechtigkeit‘, schreibt Kowalczuk in der SZ, dass ‚eine Institution, das Ministerium für Staatssicherheit, zum Beelzebub erklärt wurde‘. Knabe habe „geschichtspädagogische Überwältigungsstrategie“ betrieben. ‚Eine Folge: ‚Chemnitz‘. Faschoaufmärsche in Sachsen, weil bisher nicht richtig ‚aufgearbeitet‘ wurde? Hier will jemand nach oben.‘ Jou, so oder so ähnlich wird’s wohl laufen.“

Die Junge Welt ist aber keine seriöse Quelle. Und Kowalczuk dürfte bei den Genossen kaum weniger unbeliebt sein als Knabe. Insofern ist es nur denunziatorische Häme, mit der der Autor der Jungen Welt den Zwist zweier Gegner genießt.

Ein Amt anzustreben, in dem er vor allem eine Institution verwalten müsste, ist für Ilko-Sascha Kowalczuk eine eher absurde Vorstellung. Er fühle sich nur an seinem eigenen Schreibtisch wohl, an dem er nur für sich und seine Arbeit Verantwortung trage und an dem er seine Bücher schreiben könne, sagt er. Im Frühling des letzten Jahres ließ er sich von seiner Stelle als Projektleiter in der Abteilung Bildung und Forschung beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes beurlauben, um seither an einer Biographie über Walter Ulbricht arbeiten zu können. Außerdem soll bereits in diesem Sommer noch ein Buch unter dem Titel „Die Übernahme“ erscheinen, in dem es um die Wiedervereinigung geht. Wer sich sein Leben so einrichtet, den drängt es eindeutig nicht ins Direktoren-Büro in Hohenschönhausen.

Antikommunismus und Antifaschismus

Und weil wir gerade bei seinen Büchern und in einem Jubiläumsjahr sind: Sein vor zehn Jahren erschienenes „Endspiel“ ist nach wie vor jedem zu empfehlen, der den Herbst 1989 und seine Vorgeschichte besser verstehen möchte, als es die meisten massenmedialen Geschichtsaufbereitungen erlauben (weitere Bücher finden Sie hier). Außerdem: Auch jeder, der nicht seiner Meinung ist, kann nachlesen, dass die Art, in der er sich in den letzten Jahrzehnten in verschiedene Debatten eingemischt hat, kaum einem opportunistischen Konjunkturrittertum entspricht.

Auch Kowalczuks Kritik am Gedenkstättendirektor Knabe kam nicht als Begleitmusik zu dessen Entlassung, sondern die hat er auch schon zu Zeiten vorgebracht, als damit kaum Gehör zu finden war. Außerdem ist der Verdacht, er wolle jetzt Hand in Hand mit der SED-Nachfolgepartei die DDR-Geschichte schönfärben, absurd. Kowalczuks Motto ist nach wie vor: „Antikommunismus ist wie Antifaschismus eine Einstellung, die allen Demokraten immanent sein sollte.“ Da ist eine grundsätzliche Nähe zu linker Geschichtspolitik wohl kaum zu erwarten.

Das Problem der heutigen Zeit ist, wer eine Position zu einem heiklen Themenfeld bezieht, wird schnell in eine Wagenburg abgeschoben. Dieses Denken hat sich leider so weit verbreitet, dass es auch Menschen infiziert, die sich solchen indifferenten Zuordnungen eigentlich verweigern wollen. Oben wird indirekt – über die Junge Welt – aus einem interessanten Artikel von Kowalczuk in der Süddeutschen Zeitung zitiert. Die Zusammenfassung der Genossen Junge-Welt-Redakteure ist allerdings etwas zu unterkomplex. Denn Kowalczuk greift bei seinem Ritt durch die DDR-Aufarbeitungslandschaft eine breite Palette an Fragen auf.

"Beruhigungspille für die Mitläufergesellschaft"

Es gibt Etliches in dem Text, an dem ich mich reibe: Beispielsweise „Chemnitz“ recht umstandslos als Synonym für die „rassistischen Vorgänge in Ostdeutschland“ zu nehmen. Auch der provokative Vergleich von Knabes Gedenkstättenkonzept mit den Mahn- und Gedenkstätten der DDR kann verständlicherweise nicht jeder Betroffene als gepflegte Polemik genießen. Dennoch enthält Kowalczuks Text richtige und wichtige Gedanken. Der Appell für mehr Grautöne, also für mehr Differenzierung ist deshalb ja nicht falsch, im Gegenteil.

„Keine Frage, es war von hoher symbolischer Bedeutung, dass Oppositionelle und Opfer der SED-Diktatur den kommunistischen und postkommunistischen Geschichtsmärchen ihre lebensgeschichtliche Wucht entgegenhielten. Die Aufarbeitung in den Neunzigern stand im Zeichen der Revolution. Endlich konnten mithilfe der Regime-Archive jene Geschichten und Biografien öffentlich gemacht werden, die zuvor brutal unterdrückt worden waren.

Aufarbeitung ist im Gegensatz zur Geschichtswissenschaft ein geschichtspolitisches Anliegen. Es geht nicht um Differenzierung, sondern um Anklage, Demaskierung, Entblößung, darum, mit Geschichtsbildern etwas zu legitimieren. Deshalb stehen Aufarbeitung und Wissenschaft in ständiger Konfrontation miteinander. Wenn letztere Alltag und Gesellschaft in ihren vielschichtigen Erscheinungen analysieren will, so wirft ihr erstere Verharmlosung und Schönfärberei vor. Konzentriert sich die Aufarbeitung auf Mauertote, Opposition und Widerstand, Haftanstalten und politische Justiz, bemängelt die professionelle Forschung, hier würde ein einseitiges Bild gemalt, das Schwarz und Weiß, aber keine Grautöne kenne.

Viel Platz für Differenzierung blieb da nicht. Dies umso weniger, da nur diese eine Institution, das Ministerium für Staatssicherheit, zum Beelzebub erklärt wurde. Ihr Auftraggeber, die SED, blieb unbeachtet. Was für eine schreiende Ungerechtigkeit! Im Nachhinein erscheint die Stasi-Überprüfung wie eine Beruhigungspille für die Mitläufergesellschaft.“

Letzter Erfolg der SED

Letzteres beschreibt doch nur, was viele ehemalige DDR-Bewohner schon lange beklagen: Die beinahe ausschließliche Fixierung auf die Stasi, wenn es um die SED-Diktatur geht, war einer der größten Erfolge der SED bei der Abwicklung ihrer Herrschaft. Die Partei als Auftraggeber ihrer Geheimpolizei durfte sich wohl organisiert mehrfach umbenennen und nach einer gewissen Schamfrist von der Mehrheit der politischen Klasse und der Medien in die „Gemeinschaft der Demokraten“ aufnehmen lassen. Als schuldig und mitschuldig an der SED-Diktatur galt höchstens, wer irgendwie Stasi-kontaminiert war, während sich etliche Parteifunktionäre und Nomenklaturkader einträgliche Positionen im neuen Deutschland sichern konnten. Dies zu beklagen, ist das Gegenteil von Schönfärberei. Das gilt auch für folgendes bittere Fazit:

„Als die DDR-Vergangenheit, wie sie sich in den Akten darstellte, ab 1990 öffentlich erzählt wurde, staunten die meisten Ostler. Vieles sei ihnen neu, hörte man immer wieder. Das war oft schwer zu glauben. Dahinter verbarg sich aber etwas anderes: Diese Geschichte von Leid, Opfern, Unterdrückung und Widerstand erreichte die Gesellschaft nicht, es war nicht ihre Geschichte, noch schlimmer: Es wurde nicht ihre Geschichte.“

Dass ein engagierter Historiker an dieser Stelle Handlungsbedarf erkennt, ist nicht verwunderlich. Und bei allen offenen Fragen in der dennoch abgeschlossenen Causa Knabe, Kowalczuk nun in diesem Zusammenhang quasi als potenziellen Entlassungsgewinnler hinzustellen, ist – diplomatisch gesagt – völlig verfehlt. Mag solche Art der schnellen pauschalen Unterstellung auch inzwischen so sehr um sich greifen, dass sie einem zuweilen auch ungewollt unterläuft – es lohnt sich, dagegen anzukämpfen.

Mit Kowalczuk lässt sich an den Stellen offen streiten, an denen man es für nötig hält. An anderer Stelle kann man ihm zustimmen und außerdem in seinen Büchern seriöse Geschichtswissenschaft gut lesbar genießen. 

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Andreas Rochow / 16.01.2019

Mit Diplomatie hat das ja nun wirklich nichts zu tun, verehrter Peter Grimm. Schon bald nach dem Fall der Mauer haben die vereinigten Linken aus West und Ost erfolgreich an der Legende gestrickt, sie haben mit Diktatur nie zu tun gehabt und damit eine unglaubliche Täter-Opfer-Umkehr betrieben. Genosse Gregor Gysi mit seiner komödiantischen Begabung wurde von der öffentlichen Meinung für “clever” im positiven Sinne gehalten und erhielt Absolution dafür, dass er der Partei angehörte, die es für richtig hielt, dass an der Grenze auf “Republikflüchtlinge” geschossen wurde. Der Kommunist und eingefleischte Antidemokrat machte auf den Talkshow-Stühlen der Bundesrepublik keinerlei Anstalten, sich zu seinen Irrtümern (Euphemismus) zu bekennen! Er rettete die SED und deren Parteivermögen vor dem Zugriff der Treuhandanstalt und erntete Applaus für seinen lustigen Linkspopulismus! Nicht Kowalczuk war es, der diese Aspekte einer fehllaufenden “historischen Aufarbeitung” gegen den populistischen Strom anprangerte, sondern der Historiker Hubertus Knabe! Als Publizist hat er es verstanden, die Stasi aus dem blindmachenden Fokus zu nehmen. Besonders vertrauenswürdig war er in seiner Position des Leiters der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, weil er selbst kein Betroffener war. Die wahre Fratze der SED-Diktatur zu enthüllen und strafrechtlich Relevantes mit rechtstaatlichen Mitteln zu ahnden war von Anfang an nicht offiziell vorgesehen. Unter diesen Voraussetzungen konnte sich der unbestechliche und bewusst “undiplomatische” Aufklärer nur unbeliebt machen. Sein Abgang ist ein dramatisches Zeichen für all jene, die gehofft hatten, dass sich die “diplomatischen” Fehler der Aufarbeitung der Nazivergangenheit nicht wiederholen würden. Knabes “Fehler” ist es, seinen Posten nicht als Schweigegeld verstanden zu haben. Alles andere ist irreführende Spekultion. Kawalczuk hat sich zu spät ins Spiel gebracht. Berlin wird längst rotrot regiert.

Rolf Lindner / 16.01.2019

Sehr viele Kader in der DDR waren Kraft ihres Amtes Informelle Mitarbeiter der Staatssicherheit, ohne als solche geführt zu werden. Die verblieben nach der Wende oft in ihren Ämtern, weil sie ja nicht stasibelastet waren, manchmal sogar mit erweiterten Entscheidungsbefugnissen, weil sie sich von heute auf morgen den neuen Mächten andienten.

Karla Kuhn / 16.01.2019

Herr Knabe war die Ideale Besetzung für Hohenschönhausen. Allerdings frage ich mich, WAS hat eigentlich die STASI AUFARBEITUNG gebracht, wenn heute unter der Merkel Leitung ehemalige STASIS wie z. B ANETTA KAHANE,  IM VOCTORIA wieder fleißig mitmischen dürfen?? Das ist so grotesk !!  Es ist ein einziges Trauerspiel !!  Und dann fragen viele der Politkaste, WARUM viele Menchen in diesem die Faxen dicke haben ?!!

Jörg Plath / 16.01.2019

Betrachtet man die ganze Aufarbeitung nüchtern, hat sie kaum was gebracht. Da ist zum einen der Fakt, dass ach so viele Stalinisten und SED-Kader geräuschlos in die neue Gesellschaft geglitten sind und in hohren Positionen des neuen Staates selbigen von innen aushöhlen. Übrigens ganz in Stasi-Manier oder mit “Parteiauftrag”. Da ist zum anderen ein riesiger Verwaltungsapparat namens BStU, Bundesstiftung Aufarbeitung, Landesbeauftragte etc entstanden, der hauptsächlich ein urdeutsches Bürokratie-Monster ist und außer in absoluten Fachkreisen kaum etwas bewirkt und sich auch selbst bewusst vom betroffenen Volk durch wissenschaftliches Elitegehabe abgrenzt. Zum dritten sieht man eben genau das in der Gesellschaft, von dem der Autor schreibt: Der Wolf SED gerierte sich perfekt im Schafspelz und wird tatsächlich in Form der Linkspartei als demokratische Institution wahrgenommen. Die Bundesrepublik ist schon lange eine andere. Sie hat mit dem, was viele Demonstranten 89 wollten, nichts mehr zu tun. Diese sehen vielmehr mit Grauen, wie das alte Gespenst des Kommunismus, welches in der DDR spukte, zurückkehrt.

M. Hartwig / 16.01.2019

“In einem riesigen Pulk in Leipzig von hunderttausenden Leuten, da kann ich mein Individuum immer verstecken. Aber wir haben unser Individuum damals überhaupt nicht versteckt, wir haben unsere Gesichter gezeigt, wir sind mit unseren Namen eingestanden, mit unserer Musik und haben dafür gezahlt. Und dann stand irgendwann in Leipzig groß am Ortseingangsschild ‘Heldenstadt’.  Heldenstadt - da wird es einem ein klein bisschen schlecht, wenn man sich überlegt, verdammte Scheiße, wo wart ihr denn zehn Jahre vorher.” Das sagt Stracke, Sänger von Wutanfall am Ende des Films Too Much Future - Punk in der DDR. Ende der Aufarbeitung.

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