Jürgen Braun über die deutsche TV-Iranberichterstattung
„Change“ allerorten. Marotten und Rituale, selbst die ändern sich. Früher karikierten wir gerne die heilige Tea-Time der Briten um Punkt 5, ganze Asterix-Bände lebten davon. Heute badet nicht mehr die typische deutsche Familie nur am Samstag und versammelt sich dann um 20.15 vor dem technischen Lagerfeuer namens Flimmerkiste. Heute haben wir stattdessen eine andere Wellness-Oase der TV-Macher: Wir genießen eine nachrichtenarme Zeit, auch wenn sich außerhalb der Sendeanstalten gerade Weltgeschichte abspielt. Während sich von Montag bis Freitag nahezu täglich Großartiges manifestiert, was immer mindestens einen „ARD-Brennpunkt“ und ein „ZDF spezial“ erfordert, hält sich die ganze Welt brav an die Grundregel deutscher Fernsehbosse, daß ab dem Freitagsstau nichts mehr passiert, was uns aus der Ruhe bringen könnte. In der Woche, ja, da ist richtig was los. Da wird angeblich sensationell, tatsächlich aber lange erwartet ein Bundesliga-Trainer entlassen, wozu nun ein „Brennpunkt“ her muss. Eine knappe Minute in der Tagesschau hätte auch gelangt, aber die ARD beweist halt gerne ihre weltweite News-Kompetenz.
Dann passiert tatsächlich etwas, was in die Geschichtsbücher eingehen könnte: Nach 30 Jahren islamischer Schreckensherrschaft geht das Volk in Teheran auf die Straße, um gegen das Regime der Khomeini-Nachfolger zu demonstrieren. Die friedlichen Proteste werden mit gezielten Schüssen auf wehrlose Menschen brutal unterdrückt: Mindestens 12 Tote ist nur eine vorsichtige Schätzung. Doch der 20. Juni 2009 ist ein Samstag. Kein Laufband, keine auch nur kurze Sondersendung stört die Wochenendruhe der großen deutschen TV-Sender.
Am Sonntag das gleiche Bild. Außer einem ungewöhnlich interessanten Presseclub mittags keine besonderen Informationen oder gar Hintergründe aus dem Iran. Die Tagesschau um 20 Uhr leistet sich sogar noch die Posse, mit dem lahmen Parteitag der medial gehätschelten SED-Nachfolger aufzumachen.
Dabei war seit Freitagmittag, seit Chameinis Drohauftritt, klar, daß den mutigen Menschen in Teheran am Samstag Lebensgefahr droht. Doch aus den Sendern, den deutschen Kompetenz-Centern für weltweit vorbildliche TV-News meint man, leise Vorwürfe zu hören: Wie können diese Perser plötzlich todesmutig am Samstag demonstrieren? Kennen die denn die deutschen TV-Rituale nicht? Wir müssen doch unsere Leute ins ruhige Wochenende fahren lassen.
Jürgen Braun, 47, leitete zehn Jahre TV-Redaktionen, jetzt selbständiger Medienberater und Dozent für TV-Journalismus an der Hochschule Europa Campus. Der Kommentar erschien rundy Nr.13 vom 2. Juli 2009