In der letzten Zeit hat es unter denjenigen, die sich dem Kampf gegen den Antisemitismus verschrieben haben, eine völlig unnötige, kontraproduktive und sektiererische Diskussion um den Begriff “Islamophobie” gegeben. Dass es in Europa einen antimuslimischen Affekt gibt, eine Islamfeindschaft, ein Feindbild Islam - oder wie man das auch immer nennen will, a piece of shit by any other name would smell as foul: Das immerhin wird nicht bezweifelt. Dass aber etwa das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung die Parallelen zwischen Judenhass und Islamophobie auf einem Kongress thematisiert, wird - etwa von Clemens “Wer Antisemit ist, bestimme ich” Heni und Matthias Küntzel - kritisiert; angeblich hätten die beiden Erscheinungen des Rassismus nichts miteinander zu tun.
Zu Küntzels teilweise haarsträubenden Argumenten werde ich noch Stellung nehmen. Wie so oft in solchen Fällen nahm jedoch die Wirklichkeit die Widerlegung der Ideologie selbst in die Hand. In Arras, Nordfrankreich, sind am Vorabend des muslimischen Opferfests auf einem Soldatenfriedhof Hunderte von Gräbern muslimischer Gefallener von Neonazis geschändet worden. Wie schon im April 2007 (hier ein Foto der damaligen Aktion) und im April 2008 (hier noch ein Foto) wurden die Gräber der Soldaten, die für Frankreich ihr Leben ließen, mit Hakenkreuzen und den Worten “Heil Hitler” beschmiert. Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy fand die richtigen Worte, als er von einem “widerlichen Rassismus” sprach, der sich gegen die muslimische Gemeinschaft Frankreichs richte. Ob man nun diesen widerlichen Rassismus Islamophobie nennt oder Islamfeindschaft oder Muslimfeindschaft oder Antiislamismus oder was auch immer: die Urheber dieser Tat haben mit ihren Hakenkreuzen und dem Slogan “Heil Hitler” klar gemacht, dass sie für die feinen Unterschiede im Hass gegen die eine wie die andere Gruppe wenig Gefühl haben, und sie haben eine klare Rechtfertigung für die Tagung des Zentrums für Antisemitismusforschung und für seine Themenstellung geliefert.
In seiner Kritik an dieser Tagung und im Versuch, jede Parallele zwischen alt-neuem Judenhass und neuem Muslimhass zu leugnen, führt Matthias Küntzel einige abenteuerliche Thesen an, die - da sie im “Wall Street Journal” abgedruckt wurden - nicht unwidersprochen bleiben sollen. So schreibt er:
“Während erstens der Rassismus Menschen in der Regel „klein“ macht, um sie zu versklaven, auszubeuten oder auszuweisen, macht der Antisemitismus Juden wahnhaft „groß“. Wichtigstes Merkmal des Antisemitismus ist eine Verschwörungstheorie, die Juden sowohl für den Kapitalismus wie auch für den Kommunismus, für Aids, Revolutionen, Finanzkrisen – kurz: für alle „unerklärlichen“ Katastrophen der Moderne verantwortlich macht.”
Hat Küntzel seinen Hitler nicht gelesen? Weiß er denn nicht, dass die Nazis, weit davon entfernt, die Juden “groß zu machen”, sie als Untermenschen bezeichneten, ihnen die Fähigkeit zu jeder zivilisatorischen und kulturellen Aufbauleistung, ja den Charakter als Menschen absprachen, und von ihnen als “Ungezeifer”, “Bazillen”, “Pest” usw. sprachen? Freilich unterstellten die Nazis, wie alle anderen Rassisten es immer tun, diese minderwertige Rasse könne dennoch die höherwertige Rasse besiegen, was ja eine Tragödie geradezu kosmischen Ausmaßes bedeuten würde: “Indem ich mich des Juden erwehre, vollbringe ich das Werk des Herrn!” (Adolf Hitler) Das heißt: die Juden sind nur “groß” im Negativen. Und ähnlich sehen die heutigen Islamophoben die heutigen Muslime, denen sie zwar jedes Verständnis für die höherwertige westliche Kultur absprechen, wohl aber die Fähigkeit, diese Kultur vor allem durch ihre Gebärfreundigkeit zu zerstören.
Matthias Küntzel schreibt weiter:
“Auch wenn jeder Generalverdacht gegen Muslime zurückzuweisen ist, kann doch zweitens niemand übersehen, dass die Vorbehalte gegen Muslime auf realen, von Muslimen begangenen Verbrechen basieren, während die Feindschaft gegen Juden keine realen Auslöser hat. Ereignisse wie der 11. September oder die Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh habe keine Entsprechung in der jüdischen Tradition.”
Was denn nun? Ist “jeder Generalverdacht zurückzuweisen”, oder beruhen die “Vorbehalte” - also der Generalverdacht - “auf realen Verbrechen”? War Deutschland etwa vor 9/11, als der Islamismus ins allgemeine Bewusstsein trat, ein Hort des friedlichen Zusammenlebens der Kulturen? Haben wir die Neonazi-Mordanschläge von Mölln 1992 (!) und Solingen 1993 vergessen? Vom täglichen Rassismus (allein 2007/2008 z.B. findet man hier eine erschreckende Beispielfülle) ganz zu schweigen. Genau so, wie der vagabundierende Judenhass seine Beispiele sucht, ob das die Ruinierung des Mittelstands durch die jüdische Zinsknechtschaft, die verwüstung Europa durch den jüdischen Bolschewismus oder die Vernichtung der Palästinenser durch den jüdischen Zionismus ist, genauso sucht die vagabundierende Islamophobie ihre Beispiele - und verdrängt, was nicht ins Bild passt, so z.B. das Massaker von Srebrenica, bei dem Christen Muslime in Europa unter den Augen der Weltöffentlichkeit hinschlachteten.
Matthias Küntzel schreibt:
“Wenn sich nunmehr auch das Berliner Zentrum die Trendvokabel „Islamophobie“ zu eigen macht und Muslim- und Judenfeindschaft auf eine Stufe stellt, liegt es nicht nur analytisch falsch. Es läuft zudem Gefahr, die gegenwärtig vordringlichste Aufgabe im Umgang mit dem Antisemitismus zu hintertreiben: Die Erforschung und Bekämpfung der Judenfeindlichkeit unter Muslimen.”
Nun ja, eine “Trendvokabel” ist ja natürlich eine schlimme Sache, und wir sind gern bereit, eine nicht trendige Vokabel zu verwenden, wenn uns Matthias Küntzel eine liefern kann. Die Unterstellung, die Untersuchung von Parallelen bedeute, “Muslim- und Judenfeindschaft auf eine Stufe zu stellen”, ist absurd. Freilich wäre es noch absurder, eine Art Rangstufe der Rassismen und Rassismusopfer herstellen zu wollen. Das scheint Küntzel aber zu wollen. Was aber “die vordringlichste Aufgabe im Umgang mit dem Antisemitismus” ist - nun, formulieren wir es vorsichtig: das hat Matthias Küntzel nicht zu bestimmen. Und selbst wenn das die vordringlichste Aufgabe wäre - was sehr viele Deutsche, Franzosen, Holländer usw. als sehr entlastend empfinden würdenm nicht wahr: heißt das, dass alle anderen Untersuchungen und Aktionen zu unterbleiben hätten?
Wer hier was untertreibt, und aus welchen Motiven heraus, ist also durchaus nicht so ganz klar.