Ahmet Refii Dener, Gastautor / 24.10.2023 / 16:00 / Foto: pixabay / 32 / Seite ausdrucken

Wer arbeitet schon für einen Euro?

Was die Neuankömmlinge noch vor der deutschen Sprache lernen: sie wissen, wie der Sozialstaat Deutschland funktioniert, wo was zu holen ist. Und wenn sie sich dann weigern, dieser Gesellschaft mal etwas zurückzugeben, regt mich das wirklich auf. Hier schildere ich einen solchen Fall.

Was ist ein 1-Euro-Job? Ein-Euro-Jobs sind sozialversicherungsfreie Tätigkeiten, die im öffentlichen Interesse liegen müssen. Sie werden auch als Arbeitsgelegenheiten bezeichnet. Arbeitsgelegenheiten (Ein-Euro-Jobs) sind eine Hilfestellung auf dem Rückweg ins Berufsleben für Empfängerinnen und Empfänger von Bürgergeld.

Im konkreten Fall zahlt der Staat einem von mir Betreuten (ich bin Erziehungsbeistand des Sohnes) und seiner Familie (zwei Kinder) Bürgergeld. Der Familienvater ist Programmierer und hat einen Uni-Abschluss aus Aserbaidschan. Die Familie ist aber syrisch und ist im Rahmen der „Wir schaffen das!“-Euphorie nach Deutschland gekommen. Die Mutter hat ernsthafte gesundheitliche Einschränkungen und kann nicht arbeiten. Der Vater unterscheidet sich mit seiner Ausbildung stark von den sonstigen Flüchtlingen und könnte eigentlich sofort loslegen und sehr gutes Geld verdienen. Der Mann kommt nicht dazu, zu arbeiten, weil er immerzu neue Zertifikate macht und sich weiterbildet. 

So lange wie ich seinen Sohn begleite (anderthalb Jahre), so lange ist er ständig in irgendwelchen Kursen und packt noch mehr Wissen drauf. Gerade hat er B2 geschafft, aber er meint, dass C1 ihm besser zu Gesicht stehen würde. Sein C1-Deutschkurs fängt im Februar 2024 an. Er bekam einen Bescheid, dass er einen 1-Euro-Job annehmen muss. Wohlgemerkt: drei Monate lang. Jetzt hat er mich gebeten, dass ich ihm einen Brief formuliere, damit er drumherumkommt. Mache ich nicht! Ich helfe überall, wo ich kann, aber beim Bescheißen des Staates: NEIN!

„Du gehst arbeiten, sonst betreue ich deinen Sohn nicht mehr"

Grob gerechnet haben er und seine Familie den deutschen Staat seit 2015 um die 288.000 Euro (monatlich 3.000 Euro) gekostet. Die ständigen Behandlungskosten der Frau müssten in etwa genauso hoch sein. Jetzt verlangt der Staat, dass du die drei Monate bis zum Kursbeginn einen Job verrichtest und dem Staat und somit der Gesellschaft der Steuerzahlenden und Arbeitenden was zurückgibst. Aber nein, du bist dir zu fein und zu schade, solch einen unterbezahlten Job zu tun. „Wer arbeitet schon für einen Euro?“, fragt er. Dann habe ich seinen Verdienst, den er, ohne eine Arbeit zu verrichten, bekommt, hochgerechnet und gesagt, dass die 1 Euro pro Stunde noch draufkommen. Unverständnis!

„Für Palästina und folglich für Hamas zu demonstrieren und beten zu gehen, machst du aber auf Kosten des deutschen Staates“, sagte ich. So etwas wie „Herzenssache“ hat er gesagt, in dem er seine Hand auf sein Herz legte. Ich legte meine Hand auf mein Herz und sagte: „Du gehst arbeiten, sonst betreue ich deinen Sohn nicht mehr, soll ein anderer machen.“ Das konnte ich sagen, weil der Sohn durch mich in die Spur gefunden hat und der Vater das weiß und auch dankbar dafür ist. Davon mal abgesehen, der Junge kann nichts dafür, dass der Vater so tickt.

Früher, zu meinen Studienzeiten, war es genauso. Immer kamen sie zu mir und baten darum, dass ich ihnen Gründe erfinde, damit sie solche Jobs nicht verrichten müssen, die 24 Monate dauern können. Die leichteste Lösung war damals, schwanger zu werden. Die Frau wurde schwanger, täuschte eine schwere Schwangerschaft vor, wo der Ehemann sie rund um die Uhr betreuen musste. So blieben beide der Arbeit fern.

In Deutschland gab es mehr zu holen

Damit ich meinen Schlaf verliere, schrieb mir der obige Vater gestern Abend, dass er für einige Tage nach London fliegen müsse. „Warum das?“ „Ich muss meinen dortigen Aufenthaltstitel verlängern. Das ist nach dem Brexit nötig.“ Zur Erklärung: Die Familie war zwei Jahre in England, aber da der Vater schlau ist und ihm der Sozialstaat Deutschland mehr zusagte, haben sie den Standort gewechselt. Das haben sie bei dem Durcheinander des Wir-schaffen-das-Jahres getan, erzählte er mir. „Was brauchst du noch Großbritannien, du und deine Familie sind jetzt hier?“ „Wer weiß, vielleicht bieten sich dort jobmäßig bessere Chancen für mich an.“

Genug geschrieben, ich bekomme keine Luft mehr. Was die Neuankömmlinge noch vor der deutschen Sprache lernen: sie wissen, wie der Sozialstaat Deutschland funktioniert.

Seit drei Tagen ist der Vater von der Ehefrau geschieden. Sie lebt aber noch in Deutschland und würde wegen der Krankenhausbehandlung auch nirgendwo sonst hingehen. Heute Morgen hat er mich wieder mit was Neuem beglückt. „Ich habe gehört, dass wenn man geschieden ist und das Sorgerecht der Kinder hat, dass man vom Staat 316 Euro Unterhalt pro Kind bekommen kann.“ Ich habe aufgelegt.

Jetzt grübele ich, ob es das tatsächlich gibt. Wird es wohl. Denn die Kuh ist da, um gemolken zu werden.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Homepage des Autors.

Ahmet Refii Dener, geb. 1958, ist deutsch-türkischer Unternehmensberater, Blogger und Internet-Aktivist aus Unterfranken. Mehr von ihm finden Sie auf seinem Blog und seiner Facebookseite.

Foto: Pixabay

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Leserpost

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Oliver Lehr / 24.10.2023

Danke, sehr unterhaltsam, mehr davon !!!

Kerstin Behrens / 24.10.2023

Geradezu niedlich kindlich, das Programm der Nacherziehung im intimen Kreis. Es scheint ja immer noch so ganz uneigennützige Zeitgenossen zu geben, die letztlich ihr Scheitern zumindest in epischer Breite darstellen. Wer weiß schon, was Ahmet Refii Dener wirklich antreibt?

Günter H. Probst / 24.10.2023

So lustig die Einzelbeispiele sind, das Problem ist doch, daß bei 6 Millionen arbeitsfähigen Arbeitslosen 200 Tausend offene Stellen nicht besetzt werden, und deswegen die irre Politik nach mehr unqualifizierter Einwanderung schreit.

Thomin Weller / 24.10.2023

“Der Familienvater ist Programmierer “. Soso ein Programmierer muss erst einmal die Sprache lernen. Und ich dachte das die Programmierung in C, Java oder noch besser ASM global einheitlich ist. Gibt es eine Assemblersprache speziell im Dialekt? Sofort, unverzüglich könnte ich der EDV-Person einen Job-Arbeit vermitteln. Egal ob B2, C1 oder ähnlich. Der Flurfunk vermeldet, das EDV Fachleute, Selbstständige aus einem Kriegsgebiet der Ukraine, hier in Vollpension bedienen lassen und hier ihre beruflich, selbstständige Arbeit erledigen. Kommend aus Kiew oder weiter entfernt. Und diese Ukro Selbstständige stellen natürlich Rechnungen. Die, die ernsthaft betroffen sind, werden hier niemals sichtbar. Sie haben zu wenig Geld. Alles eine gigantische Lüge!! Was für ein Traum, bei Vollpension der eigenen Geschäfte nachgehen. Ohne Trümmer.

P. Wedder / 24.10.2023

17-jähriger afrikanische Flüchtling, aus dem Sportverein, geht 2x die Woche zur Sprachschule und 1x die Woche zur Fahrschule. Die Kinder, die ich sonst kenne, mussten/müssen den Führerschein selber finanzieren.

finn waidjuk / 24.10.2023

@Anaxagoras Frank: Sie schreiben, dass Sie dem Islam nicht nahestehen. Das glaube ich Ihnen gern, denn hätten Sie sich damit näher beschäftigt, dann würden Sie nicht von einer “fiesen Verallgemeinerung” schreiben. Wenn man einer “Religion”, in der ein Kinderficker, Räuber, Sklavenhändler und Massenmörder als höchstes Vorbild angesehen wird, angehört, dann sagt das schon etwas über den Charakter des Gläubigen aus. Und meiner Meinung nach nichts gutes. Bevor Sie sich jetzt aber noch so spät am Abend über die von mir gebrauchten Bezeichnungen für Mohammed echauffieren, bitte ich Sie ganz ruhig zu bleiben und kurz zu recherchieren. Die Belege dafür finden Sie ganz schnell im Koran bzw. der Shira und dem Haddith. Dann werden Sie feststellen, dass es sich dabei keineswegs um böswillige Verleumdungen von Islamkritikern handelt, sondern um Fakten aus dem Leben Mohammeds, die kein Muslim bestreiten würde.

Wulf Fuhs / 24.10.2023

Ich kenne das von Ukrainern. Ein Informationsnetz über Deutschland wo es welche Leistungen in welcher Höhe gibt. Aber: ich habe einem einen Job angeboten mit sv- Pflicht.  Das Jobcenter ist seit einem Jahr nicht in der Lage das zu bearbeiten.

Frank Heyer / 24.10.2023

Der Deutsche will gemolken werden, sonst wuerde er anders waehlen. Den Leuten die das ausnutzen kann man mangelnde Integration und Moral vorwerfen, aber nach moralischen Grundsaetzen funktioniert die Welt ja nicht.

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