Der Wunsch nach rationalen Entscheidungen im Interesse Deutschlands bleibt unerfüllt, solange die Bundesregierung sich beharrlich weigert, ihr Menschenbild der Realität anzupassen. Statt Politik für Entrückte zu machen, die, alle irdischen Zwänge verleugnend, nur mehr emotionale Erfüllung in der Hingabe an spirituelle Dogmen suchen, sollte Berlin vor allem die Imperative unserer biologischen Herkunft wieder berücksichtigen. Andernfalls nehmen Gemeinwesen, Wirtschaft und äußere Beziehungen dieser Republik weiterhin schweren Schaden. Dies gilt für alle Maßnahmen in allen Politikbereichen.
Dreihunderttausend Jahre hat der moderne Mensch als Jäger und Sammler in einer ihm feindlich gesonnenen Wildnis überlebt. Was dies ermöglichte, prägt ihn bis heute. Natürlich gehört die Fähigkeit dazu, sich individuell und situativ über langfristig etablierte Verhaltensmuster hinwegzusetzen. Aber in einer von Partikularinteressen fragmentierten Gesellschaft stellt das evolutionäre Erbe bei vielen Kontroversen die einzig verbleibende Rückfallebene dar, auf der ein Konsens größerer Gruppen überhaupt noch möglich wird.
Die Migrationspolitik statuiert dafür ein augenfälliges Exempel. Werden deren Rahmenbedingungen nicht in geeigneter Weise gestaltet, fällt es vielen Einheimischen und vielen Zuwanderern schwer, Toleranz zu üben und Friedfertigkeit zu bewahren. Zahlreiche Steinzeitmenschen in ein Land zu lassen, in dem schon sehr viele andere Steinzeitmenschen leben, die nicht wirklich auf Neuankömmlinge hoffen, führt dann automatisch zu Konflikten.
Dabei können Steinzeitmenschen durchaus verträgliche Gesellen sein. Aber eine selbstlose Willkommenskultur ist ihnen auf der einen Seite ebenso wenig möglich, wie bedingungslose Assimilation auf der anderen. Wäre es anders, hätten sie die Steinzeit nicht überstanden.
Unser evolutionäres Erbe
Konsequent eliminiert die natürliche Selektion die Genotypen von Individuen, deren Fortpflanzungserfolg mit dem anderer Mitglieder ihrer Population nicht mithalten kann. Neben Umweltfaktoren und physiologischen Eigenschaften zahlt auch das Verhalten auf die Fruchtbarkeit ein. Die Prozesse der Evolution belohnen artspezifisch bestimmte Handlungsweisen und bestrafen andere. Das gilt für jede Form menschlicher Interaktion ebenfalls. Wer der Anforderung ungenügend nachkommt, angesichts der eigenen Vergänglichkeit zumindest der eigenen Keimbahn Unsterblichkeit zu verschaffen, stirbt aus.
Unsere Art gibt es noch. Weil wir ein soziales Verhalten als erstrebenswert ansehen, das unter Berücksichtigung der Spezifika der menschlichen Biologie effektiv zum Überdauern unserer eigenen Erbinformation beiträgt. Hier finden sich die Wurzeln ethischer Prinzipien, die uns ermöglichen, „gut" von „böse" zu unterscheiden. Hier liegen die Fundamente moralischer Maßstäbe, die uns gestatten, „richtig" oder „falsch" zu erkennen. Unsere Werte stammen nicht aus metaphysischen Erleuchtungen, sie wurden uns nicht durch Eingriffe transzendenter Mächte oder durch göttliche Offenbarungen vermittelt. Sie leiten sich letztendlich alle aus Instinkten ab, die das Überleben unserer Gene begünstigen.
Unfertig und im Grunde viel zu früh kommen beispielsweise unsere Kinder auf die Welt. Die Hinwendung der Eltern zu ihrem Nachwuchs hat sich daher als vorteilhaft erwiesen, bedarf dieser doch intensiver, längerfristiger Betreuung, um schließlich eigenständig überlebensfähig zu werden. Dauerhaft angelegte Paarbeziehungen ergeben Sinn, angesichts der Belastungen, die die Mutter durch Schwangerschaft und Säuglingspflege zu tragen hat. Kooperation und Altruismus in kleinen Gruppen lohnen sich direkt und indirekt, sind doch alle Individuen in Familien- oder Stammesverbänden mehr oder weniger eng miteinander verwandt. Die gelegentliche Aufnahme einzelner Neulinge ändert daran nur wenig, beugt aber der Inzucht vor. Schwierig wird die Situation erst dann, wenn Fremde in größerer Zahl auftauchen. Stellen diese doch ernsthafte Konkurrenten im Kampf um die knappen Ressourcen eines Lebensraums dar.
Solche Eindringlinge mittels Gewalt zu vertreiben oder gleich ganz zu vernichten, ist die offensichtliche Option. Gefährlich, schließlich könnte der Feind obsiegen, aber im Erfolgsfalle auch mit erheblichen unmittelbaren Vorteilen, sprich Beute, verbunden. Deswegen lohnt sich Feindseligkeit bis hin zur kriegerischen Auseinandersetzung oft genug. Entsprechend blutig verlief unsere Geschichte, und wie zahlreiche archäologische Funde beweisen, war es auch schon vor der Sesshaftigkeit nicht anders.
Da stellt sich natürlich die Frage, warum sich Menschen überhaupt jemals in größeren Strukturen jenseits familiärer Einheiten organisierten. Auf den ersten Blick bietet das Wirken evolutionärer Mechanismen hierfür keine Erklärung an. Der bedeutende Evolutionsbiologe Ernst Mayr (1904-2005) schrieb einst, man könne nur schwer „ein Szenario konstruieren, in dem wohlwollendes Verhalten gegenüber Konkurrenten und Feinden von der natürlichen Selektion belohnt wird". Seiner Meinung nach ist die Fähigkeit, sich gegenüber Außenstehenden friedfertig zu verhalten, uns nicht angeboren. Sie muss erlernt werden, angeregt beispielsweise durch „kulturelle Führungsgestalten". Religionen sieht Mayr diesbezüglich als bedeutende, unverzichtbare Faktoren.
Keine Zivilisation ohne Religion?
Gemeinsame Glaubensvorstellungen sind ohne Zweifel hilfreich, aus einem unorganisierten Haufen tumber Bauern und Hirten, die sich gegenseitig misstrauen, so etwas wie ein arbeitsteiliges Gemeinwesen zu machen, von dem alle profitieren. Zu diesem Zweck wurden Religionen schließlich erfunden. Aber sie nutzen letztendlich auch nur unsere natürlichen, evolutionär selektierten Prägungen als Basis einer Verhaltensdoktrin. Morden, lügen, betrügen oder stehlen stiften eben nur Unfrieden, gefährden den Zusammenhalt einer Gruppe und damit die Aussichten auf eine erfolgreiche Reproduktion für alle ihre Angehörigen. In diesen wie in anderen Aspekten schaffen Religionen keine neuen Verhaltensmuster. Sie beschreiben, ordnen und bewerten nur die bereits in uns angelegten. Und zwar alle – abhängig von situationsbedingter Opportunität vermögen auch Religionen wirkungsvoll zu Gewalt anzustacheln.
Ursächlich für den Erfolg der Gattung Homo ist nicht die Entstehung spiritueller Glaubenssysteme, sondern eine Alternative zur physischen Attacke, die wahrscheinlich Erectus erstmals einsetzte und deren Verbreitung vielleicht sogar den eigentlichen Moment der Menschwerdung markiert. Statt nämlich dem Fremden bei der ersten Begegnung gleich aufs Haupt zu schlagen, kann man ja auch mit ihm handeln. „Handel" steht in diesem Zusammenhang als Oberbegriff für den gleichzeitigen Austausch unterschiedlicher Dinge zum gegenseitigen Vorteil und meint nicht nur den Kauf von Fleisch oder Früchten. Er beinhaltet ebenfalls die Weitergabe von Wissen, Ideen und Konzepten sowie die Bereitstellung der eigenen Arbeitskraft gegen eine Entlohnung beliebiger Art. Auch wir, liebe Leser, „handeln" gerade miteinander. Ich erhalte Ihre Zeit und Aufmerksamkeit für die Gedanken, die ich Ihnen mitteilen möchte.
Der Handel ist nicht nur mindestens ebenso gewinnträchtig wie das Meucheln in räuberischer Absicht, er ist zudem mit deutlich geringeren Risiken verbunden und gestattet die optimale Wertschöpfung aus unterschiedlichen Talenten für alle Beteiligten. Der Handel ist jene einzigartige Fähigkeit, die kein Tier auch nur im Ansatz beherrscht. Es mag Löwen geben, die perfekt in der Jagd auf Antilopen sind, obwohl ihnen doch Zebras besser schmecken. Es mag auch Löwen geben, bei denen es sich genau andersherum verhält. Ein Treffen zweier solcher Rudel in der Savanne zum Tausch der jeweiligen Beute wird allerdings niemals stattfinden. Für menschliche Jäger wäre dies eine Selbstverständlichkeit.
Durch den Handel zahlt die friedliche Begegnung mit Außenstehenden ebenfalls auf den individuellen genetischen Egoismus ein und wird daher positiv selektiert. Diesen Zusammenhang hat Ernst Mayr übersehen. Die anfangs sicher nur sporadischen Treffen einander unvertrauter Sippen, bei denen Güter ebenso transferiert wurden wie Informationen oder gar neue Ehepartner, markieren den Beginn der Bildung größerer stabiler Gemeinwesen, die nicht ausschließlich die Absicht verfolgen, sich gegenseitig abzuschlachten. Sondern vielmehr dazu dienen, den Handel zu forcieren, ihm verlässliche Strukturen und ein gewisses Maß an Sicherheit zu bieten, um den durch ihn erzielbaren Nutzen zu maximieren.
Der Handel beschleunigt Fortschritte in technischer wie gesellschaftlicher Hinsicht, potenziert er doch die Wirkung von Innovationen, die sich ohnehin erst durch ihn wirklich rechnen. Allein der Handel macht die friedliche Koexistenz mitunter ertragreicher als den feindlichen Übergriff. Aus diesem Umstand leiten sich ethische Konzepte ab, als Methoden zur Anbahnung und Pflege effektiver Kollaborationsbeziehungen über größere genetische Distanzen. Religionen mögen die Verbreitung solcher Gedankengebäude unterstützen, an ihrem Ursprung stehen sie nicht.
Migrationspolitik steinzeitgerecht ausgestalten
Wo es an der Basis für den Handel fehlt, fällt es Menschen unterschiedlicher ethnischer und kultureller Herkunft schwer, sich miteinander zu vertragen. Wo ökonomische Perspektiven fehlen, wird Konfrontation allzu oft sinnvoller erscheinen als Kooperation. Dann erst gewinnt das Trennende, gewinnen religiöse und weltanschauliche Differenzen erheblich an Bedeutung. Weil sie in einer solchen Situation die geeignete Orientierung bieten.
Der muslimische Restaurantbetreiber aus der Türkei wird seinen Gästen eher selten ein Küchenmesser in den Bauch rammen, mag er auch noch so strenggläubig sein. Hat er doch mehr davon, wenn sie weiterhin bei ihm essen – der jüdische Schriftsteller aus Israel, die katholische Krankenschwester aus Polen oder der hinduistische Programmierer aus Indien, um übliche Stereotype aneinanderzureihen. Leider aber sind vor allem unter den seit der Grenzöffnung im Jahr 2015 zugewanderten Fremden zu viele, die hier nicht investieren und ein Geschäft eröffnen können. Deren Wissen, Talente und Fertigkeiten hierzulande nicht gebraucht und nicht nachgefragt werden. Denen daher keine Wege offenstehen, ihre Situation in diesem Land aus eigener Kraft zu verbessern. Sie profitieren nicht von uns und wir nicht von ihnen. Das führt zu gegenseitiger Ablehnung, die Aggressionen in ihren diversen Ausprägungen induziert.
Aus moralischem Aktivismus umstandslos jeden aufzunehmen, der Asyl oder Schutz begehrt, ist daher kein Ausdruck besonderer ethischer Reife, sondern gefährlicher gutmenschlicher Narzissmus, der nicht nur der eingesessenen Bevölkerung, sondern auch den Zuwanderern schadet. Eine Migrationspolitik, die sich in erster Linie aus Nächstenliebe oder Humanität ableitet, wird scheitern, weil sie den Steinzeitmenschen in uns übersieht. Die einzigen Werte, die wirklich zählen, sind die auf Banknoten und Münzen. Die Aufnahme von Fremden als Geschäftsanbahnung anzusehen und entsprechend zu gestalten, ist zwar noch nicht hinreichend für eine gelungene Integration, aber deren notwendige Voraussetzung. Diesem Vermächtnis unserer Evolution können wir nicht entkommen.