Nicht nur in Afrika, dem Kontinent der alten machtgierigen Politiker (vgl. Afrikas alte Männer, Achse 06.02.2024), ist Ibrahim Traoré mit 37 Jahren derzeit eines der jüngsten Staatsoberhäupter. Er wurde populär mit dem Image des "Kampfes gegen Imperialismus und Neokolonialismus“ der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich. Die Franzosen und der Westen hätten dafür gesorgt, dass es auf dem ressourcenreichen Kontinent immer noch sehr viel Armut gibt. Die politischen Schlagwörter wurden nach meiner Erinnerung schon in den 1960er Jahren vom Diktator Sekou Touré in Guinea verwendet, um Kritik abzuschmettern und die eigenen Machtansprüche zu sichern.
Statt kolonialer Abhängigkeiten hat er sich neue Freunde in Russland gesucht (Soldaten, Waffen gegen Gold, Zink, Kupfer, Mangan, Diamanten). Es gibt auch Kontakte nach China, der Türkei und Nordkorea. Jetzt setzt er z.B. bei der Goldsuche auf das russische Bergbauunternehmen Nordgold. Ein neues staatliches Bergbauunternehmen verlangt von ausländischen Firmen einen Anteil von 15 Prozent an ihren lokalen Aktivitäten. Das australische Unternehmen Sarama Resources leitete Ende 2024 nach dem Entzug einer Explorationslizenz ein Schiedsverfahren gegen Burkina Faso ein.
Ibrahim Traoré stellt sich als Mann des Volkes dar und sieht sich als Nachfolger des in Burkina Faso und ganz Afrika immer noch sehr geschätzten Thomas Sankara. (Sankara war von 1983 bis zu seiner Ermordung 1987 der fünfte Präsident von Obervolta und erster Präsident Burkina Fasos.) Professor Helmut Asche, Afrikawissenschaftler, ist in Leipzig und Mainz sowie als volkswirtschaftlicher und sozialpolitischer Regierungsberater in Burkina Faso, Ruanda und Kenia tätig. Er kritisiert, „sich mit Thomas Sankara in eine Reihe zu stellen, sei eine dreiste Anmaßung“. Sankara habe sich als sozialistischer Revolutionär gesehen, Hunger und Korruption den Kampf angesagt, die Gesundheitsversorgung verbessert und das Bildungswesen gefördert und das, was heute die grüne Mauer im Sahel bezeichnet wird – eine Wiederaufforstung der Wüstenregion.
Ibrahim Traoré sei niemand, dem irgendjemand eine Entwicklungsabsicht, geschweige denn tatsächliche Ergebnisse abkaufen könne. Traoré möchte von der Popularität des bis heute von der jungen Generation in Burkina Faso wie ein Popstar verehrten Thomas Sankara, profitieren. Während seiner kurzen, lediglich vier Jahre andauernden Amtszeit gelang es der Regierung Sankaras, erhebliche Verbesserungen für die Bevölkerung zu erreichen. Traoré ist immerhin schon seit drei Jahren am Machthebel und präsentiert sich eloquent stets als Instrument des Volkswillens.
Die Wirklichkeit erweist sich jedoch als hartnäckiger Gegner seiner in der Bevölkerung erweckten Erwartungen. Die Allgemeinheit spürt immer noch keine Verbesserung, die Korrupten sind immer noch korrupt, und die Schwachen sind immer noch schwach. Anmerkung: Während Sankara die „Grüne Mauer“ noch mit geringen Mitteln in Eigenarbeit errichten ließ, ist die „Grüne Mauer“ (The Great Green Wall/La Grande Muraille Verte) inzwischen ein Milliarden/Millionen-Projekt der Afrikanischen Union, finanziert von der Weltbank, von der EU und dem BMZ (Globale Umweltfazilität). Vgl. „Mit Milliarden Bäume pflanzen?“ Achse 02.02.2021.
Verbot der Personenkultes
Sankara lebte Nüchternheit vor, zwang seine Minister, in der Touristenklasse zu fliegen, und propagierte das Fahrrad und den Kleinwagen „R5“ als Verkehrsmittel. Völlig ungewöhnlich war das Verbot des Aufhängens seines Porträts, um einen Personenkult zu verhindern. In der kurzen Regierungszeit hat er seinem Volk Wasser, Nahrung, Gesundheit und Bildung garantiert. Zum ersten Jahrestag der Revolution benannte Sankara Obervolta in Burkina Faso um. Er weigerte sich, die Klimaanlage in seinem Büro zu nutzen. (Besonders kühle Büros in Afrika sollen überall die Rangordnung betonen. Ich habe mich bei Ministerbesuchen warm angezogen.)
Auch im „Land der Unbestechlichen“, wie Burkina Faso in deutscher Übersetzung heißt, hat die Korruption nach Sankara um sich gegriffen. Wie überall in Afrika ist Bestechung beim Zoll, den Steuerbehörden, der Polizei, den Gesundheits- und Bildungseinrichtungen verbreitet. Die landwirtschaftliche Produktion in Burkina Faso wuchs zwischen 1983 und 1986 um 75 Prozent. Immer mehr Burkinabe konnten von dem leben, was im Land produziert wurde. Baumwolle, der Hauptrohstoff des Landes, wurde in eigenen Fabriken zu Kleidung verarbeitet. In Sankaras Regierungszeit entstanden Dorfkliniken und Gemeindezentren, mobile Gesundheitsteams impften 1984 in drei Wochen mehr als eine Million Kinder gegen Masern, Gelbfieber und Meningitis.
Redaktioneller Hinweis: Volker Seitz’ Bestseller Afrika-wird-armregiert-oder-Wie-man-Afrika-wirklich-helfen-kann, dtv, 2025 (Nachdruck) ist eines der wichtigsten Bücher, der Entwicklungshilfe-Debatte.
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Lieber Herr Seitz,
das Versprechen zur Rückkehr zur Zivilregierung (z. B. 2024) wurden zurückgestellt mit der Begründung mangelnde Sicherheit. Trotz Reformen eskaliert die Gewalt durch jihadistische Gruppen weiter. Laut Angaben sind seit Amtsantritt über tausend Zivilisten durch Militär oder Milizen getötet worden.
Es scheint sich ein weiterer Autokrat zu installieren.
Botswana dürfte so ziemlich das einzige dauerhaft demokratische Land in Afrika sein.
Ibrahim Traoré muss man zugute halten, dass er – genau wie einige andere afrikanische Staatsführer – die französischen Ausbeuter herausgeworfen hat.
Seit Tarore hat Frankreich nicht mehr die Möglichkeit, afrikanisches Uran zur Stromversorgung der „pas tres grande nation“ und energiegewendeten Deutschen praktisch für Umme abzugreifen.
Die Präsenz Chinas und Russlands ist wohl notwendig, um eine französische Invasion zu verhindern. Natürlich würden Deutschland und die EU niemals einen französischen Urankrieg unterstützen, aber für Menschenrechte in Afrika …. Zwinkersmiley.
Vielleicht erleben wir endlich – Dank China und Russland – den endgültigen Untergang des französischen Kolonialreichs mit seinem Franc Coloniale.
Im übrigen entlarvt der Artikel der „Nachdenkseiten“ auch Kohls Umstellung der Wirtschaftspolitik von nachfrageorientiert auf angebotsorientiert als billigste Varianten der Wirtschaftspolitik. Dafür braucht man kein Gehirn, sondern bloß die Börse deregulieren, die Spekulationssteuer und die Körperschaftssteuer runtersetzen und die kartellrechtlichen Hürden beseitigen. Mit BlackRock als größten privaten Aktionär haben wir jetzt das, was Schröder selber verlautbart hat: Ich AG, Deutschland AG, Europa AG. Faschismus in Reinkultur.
Scheinbar kann jede bewaffnete Grupe einen afrikanischen Staat übernehmen ohne das die Bürger etwas dagegen machen können. Das gleiche Problem hat ebenso Deutschland und die EU. Die Waffen der Faschisten (Fascio, Gruppe „UnsereDemokratie“) sind allerdings die G. Büchner Justizhure, Polizei, VS und neuerdings Banken und andere wirtschaftlich tätige Unternehmen die persönliche Vernichtungsorgien durchsetzen und das Ganze auch noch demokratisch nennen. Dabei fällt mir bezgl. Bergbau, Rohstoffe die Entwaldungsfreiheit ein. Egon Kreutzer „Wenn das ernst gemeint wäre mit der Entwaldungsfreiheit, dürfte dann Strom aus Windmühlen aus entwaldeten Wäldern überhaupt noch in Verkehr gebracht werden?“ Warenimport aus Burkina Faso dürfte nicht mehr möglich sein.
Die sozialistischen Revolutionen entgleiten schnell zu Enteignungsorgien, denen schnell Maß und Mitte fehlen. Gier frißt Hirn auf. Es gibt bestimmte Unternehmen, die staatliches Monopol sein sollten, Energieunternehmen z.B. Der Staat darf keine Gewinne machen, und so lockt die billige Energie wiederrum Privatunternehmen an, die mit der billigen Energie konkurrenzfähig sind und Arbeitsplätze schaffen. Alles, was allen nützt und alle benutzen, Bahn, Energie, Post, Krankenhäuser, sollte staatlich sein. Der gesunde Mix macht den Wohlstand.
Danke Volker Seitz für diesen – leider wieder deprimierenden – Artikel. Aber dafür kann der Autor nichts. -- Es erinnert daran, dass menschliches Zusammenleben und eine gute Regierungsform mit einer guten Regierung schon immer schwierig zu erreichen war, eher Glücksfall als Normalfall. Die Nachkriegszeit seit 1950 in den westlichen Ländern bis vor kurzem war in dieser Hinsicht eine der glücklichsten Zeiten. –- Es ist kaum möglich, einem anderen Land eine gute Regierung zu geben (außer man erobert es totalitär), insofern können wir die Länder Afrikas nicht ändern. Inzwischen ist ja auch Deutschland so organisiert, dass es sich ohne Rücksicht auf die Menschen in den Untergang regiert, und ein Gegenmittel gibt es auch hier nicht.
War vor kurzem für einen Geschäftsbesuch in Tansania. Eindrucksvoll, aber unklar, wie die Menschen dort ihre eigene Situation einschätzen. Irgendwie hat jeder Einheimische so viel mit seinem Alltag zu tun, dass Politik nicht durchkommt. Vielleicht ist das hier nicht anders, aber ich frage dann eben auch: Das Volk ändert nirgendwo etwas. Es ist im Alltag gefangen. Die großen Reichen machen das unter sich aus.