Der palästinensisch-syrische Filmemacher Abdallah Alkhatib wurde mit dem GWFF-Preis für das beste Spielfilmdebüt für seinen Film „Chronicles From the Siege“ ausgezeichnet. Während seiner Dankesrede nutzte er die Bühne, um ein politisches Statement abzugeben. Er sprach von deutscher Mitverantwortung am Kriegsgeschehen im Gazastreifen, verwendete den Begriff „Genozid“ und schloss seine Rede mit der Parole „Free Palestine“.
Die Reaktionen im Saal fielen gemischt aus. Einige Gäste applaudierten, andere reagierten irritiert, und ein Vertreter der Bundesregierung verließ sogar während der Rede den Raum. Die öffentliche Diskussion über das Vorgehen Alkhatibs setzte noch am selben Abend ein: War das legitim? Mutig? Oder unangemessen?
Ich bin Künstler, Schauspieler, Autor, Regisseur, kurz: Ich bin ein Theatermensch. Als solcher möchte ich auf das blicken, was da in Berlin passiert ist. Ich halte es für gefährlich, wenn Kunst auf Politik reduziert wird, nicht, weil Politik unwichtig wäre, sondern weil sie zu klein ist. Politik ist das Tagesgeschäft des Menschlichen. Sie ordnet, bewertet, grenzt ab. Sie operiert mit Mehrheiten, Positionen, Interessen. Politik braucht Parolen. Sie braucht Klarheit. Sie braucht Entscheidung. Politik fragt: Worum geht es? Wer trägt Verantwortung? Wer hat recht? Kunst jedoch fragt anders. Kunst fragt: Worum geht es wirklich?
Kunst fragt: Was macht uns aus? Was treibt uns an? Was zerstört uns? Was verbindet uns? Kunst interessiert sich weniger nur für das Ereignis an sich, sondern viel mehr für das Innere des Menschen im Ereignis. Denken wir an William Shakespeare. Seine Figuren sind keine politischen Programme. In „Macbeth“ sehen wir keinen bloßen Machtpolitiker, sondern einen Menschen, der an Ehrgeiz, Angst und Schuld zerbricht. In „Othello“ geht es nicht nur um Intrige, sondern um Verletzbarkeit, Eifersucht, Manipulation. Selbst das vermeintlich Böse bleibt menschlich. Große Kunst moralisiert nicht. Sie zeigt.
Die Bibel ist keine Propaganda
Auch die biblischen Erzählungen sind keine Propagandatexte. König David ist nicht nur Held, sondern auch Ehebrecher und Mörder. Mose zweifelt. Die Größe dieser Figuren liegt gerade in ihrer Ambivalenz. Kunst erhöht das Profane, indem sie es vertieft. Sie verwandelt das Weltliche, indem sie es durchleuchtet. Politik bewegt sich an der Oberfläche der Ereignisse. Kunst steigt in ihre Tiefe hinab.
Wenn ein Künstler eine Preisverleihung nutzt, um ein politisches Statement abzugeben, verschiebt sich der Schwerpunkt. Plötzlich steht nicht mehr das Werk im Mittelpunkt, sondern die Haltung. Das Werk wird zum Vehikel, zum Anlass, zur Bühne für etwas anderes. Der Möglichkeitsraum des Kunstwerks wird dadurch nachträglich verengt.
In dem Moment, in dem der Schöpfer sein Werk eindeutig politisch rahmt, sagt er implizit: „So ist es zu verstehen.“ Aber Kunst lebt davon, dass sie nicht abschließend verstanden ist. Kunst darf politisch sein, selbstverständlich, aber sie darf niemals nur politisch sein. Sobald sie sich auf eine Haltung reduzieren lässt, verliert sie ihre Größe. Sie wird Illustration. Sie wird Argument. Sie wird Mittel zum Zweck.
Propaganda ist eindeutig. Kunst ist mehrdeutig. Propaganda kennt Gegner. Kunst kennt Menschen. Propaganda will überzeugen. Kunst will erschüttern und aufbrechen, aber nicht in einer zerstörerischen Art, sondern in einer kreativen Art. In seinem Lied „Anthem“ schreibt Leonard Cohen: „There is a crack, a crack in everything. That’s how the light gets in.“ (Es gibt einen Riss, einen Riss in allem. So kommt das Licht hinein.)
Theater ist ein Raum, der Menschen vereint
Wenn ich als Autor ein Stück schreibe, dann weiß ich: Es wird größer sein als meine Meinung. Es wird Dinge enthalten, die ich selbst vielleicht nicht vollständig überblicke. Wenn ich eine Figur auf der Bühne spiele, dann weiß ich, dass die Figur mehr beinhaltet als nur mein Körper, meine Überzeugungen und meine Leidenschaften. In der Kunst beginnen die Figuren zu leben. Sie widersprechen mir. Sie widersprechen einander. Genau darin liegt ihre Wahrheit.
Kunst ist ein Resonanzraum, und ein Resonanzraum darf nicht von einer einzigen Stimme besetzt werden. Bei der Berlinale wurde die Haltung lauter als das Werk und die Kunst kleiner als die Politik. Genau das aber sollte Kunst niemals sein. Kunst ist größer. Sie reicht tiefer. Sie fragt nicht nur, worum es geht, sie fragt, worum es wirklich geht.
Ich bin ein Theatermensch. Für mich ist das Theater ein Ort, an dem Menschen unterschiedlichster Herkunft und Ansichten zusammenkommen, um sich gemeinsam an der Kunst zu erfreuen. Ich werde niemals jemanden aufgrund seiner politischen Einstellung ausschließen, auch wenn einige politische Ansichten meinen persönlichen Überzeugungen widersprechen. Theater ist ein Raum, der Menschen vereint, unabhängig von ihren Hintergründen. Das ist gilt auch für Filmtheater.
Für mich hat das Theater etwas Heiliges. Während in Kirchen und Gotteshäusern Gott geehrt wird, ehrt man im Theater den Menschen, und zwar in all seinen Facetten. Wir setzen uns mit dem Menschen auseinander, in seinen heroischen und schwachen Formen, mit all seinen starken, absurden, aufopfernden, geizigen und großzügigen Eigenschaften und mit seinen Fähigkeiten, zu fallen und wieder aufzustehen, zu lieben und zu verraten. All das ist zutiefst menschlich, und genau darum geht es im Theater.
Das Kunstwerk ist wichtiger als die Haltung des Künstlers
Deshalb werde ich niemals Menschen ausschließen, nur weil sie eine bestimmte politische Überzeugung haben. Darum geht es im Theater nicht. Es zählt nicht, wo der einzelne Mensch politisch steht, sondern wo er emotional steht, wie es ihm geht, woran er glaubt und von wem er sich allein gelassen fühlt, was er in den Geschichten, die erzählt werden, findet und welche Figuren ihn berühren, ihn zum Lachen oder zum Weinen bringen.
Aus dieser Perspektive von mir ist es hoch problematisch, was bei der Berlinale geschehen ist, weil hier die Kunst selbst von ihrem Schöpfer instrumentalisiert wurde. Das Kunstwerk wurde zur bloßen Bühne für ein politisches Statement degradiert. Der Möglichkeitsraum, den jedes Werk eröffnet, wurde verschlossen, weil dem Publikum die Freiheit genommen wurde, das Werk unabhängig von der politischen Botschaft zu erleben.
Die Haltung des Künstlers wurde wichtiger als das Werk, das er geschaffen hat. Indem er seine politische Botschaft in den Vordergrund rückte, reduzierte er die Kunst, vernichtete ihre Mehrdeutigkeit und untergrub das Erkunden der menschlichen Komplexität. Das ist aus meiner Sicht eine Hinrichtung der Kunst durch den eigenen Autor, eine Zerstörung dessen, was das Werk überhaupt erst lebendig macht.

„Die Bibel ist keine Propaganda“ –
Sicher? „Du sollst keine anderen Götter…“ klingt nicht wirklich ergebnisoffen.
Abdallah Alkhatib machte einfach von seiner Meinungsfreiheit nach Grundgesetz Art. 5 Gebrauch. Mehr war nicht.
hi, vor der nächsten Vorstellung beim Eintritt Fähnchen mit dem blauen Doppelstern verteilen heißt geschenkt bekommen und damit Herrn Heinzelmann, dem Staubsaugervertreter, winken!
War nicht unsäglicher Judenhass der zum Abschlachten von von 1000 Juden während einer Feier führte vorausgegangen? Das wird vom „Aktivist“ natürlich nicht erwähnt
Steffi
Ja, wenn Menschen kein Talent haben, dann bleibt ihnen nur die Politik als Karriereleiter. Wer in seinem Fach, egal ob Schauspieler oder Anwalt, Pianist oder Zimmermann, Wissenschaftler oder Kfz-Mechaniker, nicx taugt, geht in die Politik.
Wer solche „Künstler“ auszeichnet, macht sich mitschuldig an den Verbrechen, die er gutheisst. Beschämend, dass so etwas in Deutschland seine Bühne findet.