Die plötzlich Absage der Auftritte zweier jüdischer Komiker auf dem Edinburgh Festival Fringe spiegelt ein breiteres Muster von Ausgrenzung wider, mit denen jüdische Künstler in ganz Großbritannien konfrontiert sind.
Antisemitische Cancel Culture: Zwei jüdische Komiker wurden vom diesjährigen Edinburgh Festival Fringe (1. bis 25. August), dem weltweit größten Festival der darstellenden Künste, ausgeladen. Vierzig Prozent der Darbietungen auf dem Festival, das jährlich hunderttausende Besucher anzieht, sind Comedy. Für die meisten Auftritte müssen Tickets gekauft werden, doch daneben gibt es auch das Free Fringe mit kostenlosen Shows, bei denen das Publikum anschließend um eine Spende gebeten wird. Organisiert wird es von dem gemeinnützigen Verein PBH Free Fringe.
In diesem Rahmen sollte Philip Simon seine Soloshow „Shall I Compere Thee in a Funny Way?“ im Banshee Labyrinth aufführen. Doch wenige Tage vorher wurde ihm vom PBH Free Fringe mitgeteilt, dass der Veranstalter seinen Auftritt abgesagt habe, da seine „Ansichten zur anhaltenden humanitären Krise in Palästina“ in „erheblichem Widerspruch“ zur Haltung des Veranstaltungsorts „gegenüber der aktuellen Politik und den Maßnahmen der israelischen Regierung“ stünden. Die Verantwortlichen des Banshee Labyrinth hatten nicht einmal mit Simon geredet – was ihm die Gelegenheit gegeben hätte, zu etwaigen Vorwürfen Stellung zu nehmen. Kurz zuvor hatte der Edinburgher Veranstaltungsort Whistle Binkies bereits sein seit Jahren laufendes Programm Jew-O-Rama abgesagt.
Philip Simon teilte seinen Followern auf Instagram mit, er habe „niemals seine Unterstützung für etwas anderes zum Ausdruck gebracht als für die Befreiung der Geiseln und die Suche nach einem Weg zum Frieden“. Es sei „traurig“, dass diese Ansichten „mit denen von jemandem in Konflikt geraten könnten, der sich einen dauerhaften Frieden in Gaza und Israel wünscht“. Als „jüdischer Mensch in Großbritannien“ sei es „möglich – und zunehmend üblich –, Israel zu lieben, ohne die Handlungen der Regierung zu unterstützen“.
Er müsse „noch immer die Vorstellung [verarbeiten], dass ich 2025 gecancelt werden könnte, nur weil ich Jude bin“. „In der Zwischenzeit werde ich weiterhin für meine verbleibende Kindershow beim Fringe sein und mögliche alternative Veranstaltungsorte für meine beiden abgesagten Shows prüfen.“ Er forderte die Fringe-Besucher auf, die betreffenden Veranstaltungsorte nicht zu boykottieren: „Sie sind Gastgeber einiger unglaublicher Acts und ich möchte nicht, dass ihnen dadurch Nachteile entstehen.“
Ein Boykott führt zum nächsten
Die jüdische Komikerin Rachel Creeger sollte ihre Show Ultimate Jewish Mother während des Kunstfestivals im Whistle Binkies aufführen, doch ihr Auftritt wurde abgesagt, weil das Barpersonal des Veranstaltungsorts Bedenken hinsichtlich der „Sicherheit“ geäußert hatten. Fürchtete man sich, dass Witze über jüdische Mütter diese zu Ausschreitungen provozieren könnten? Nein. Luke Meredith, CEO von PBH Free Fringe, sagte gegenüber dem britischen Comedy-Blog Chortle:
„Die Entscheidung, die beiden Shows nicht auszurichten, wurde allein vom Veranstaltungsort getroffen. Soweit wir wissen, handelte es sich dabei um eine Personalentscheidung, die auf den Erfahrungen des letzten Jahres beruhte, als es zu einem deutlichen Anstieg von Graffiti mit dem Slogan ‚Free Palestine‘ und zionistischen Graffiti kam, zusammen mit Polizeihinweisen, die ihnen ein Gefühl der Unsicherheit vermittelten.“
Laut der Tageszeitung The Telegraph wurden die Bedenken angeblich laut, nachdem die Polizei verstärkte Aufsicht über den Veranstaltungsort angekündigt hatte, da es bereits Bedenken hinsichtlich der Sicherheit jüdischer Veranstaltungen gab. Auch das ist bemerkenswert: Antisemiten nehmen Juden ins Visier – bis hin zu Terroranschlägen –, was dann als Begründung dafür dient, Juden gar nicht erst auftreten zu lassen. Dass Leute, die den Auftritt einer jüdischen Komikerin besuchen, Sachbeschädigung verüben, indem sie „zionistische Graffiti“ (was ist das?) sprühen, klingt wenig glaubhaft. Denen, die ihren Auftritt verhindern wollen, bietet Merediths Aussage eine Handreichung: „Sprüht ,Free Palestine‘ an die Wand, dann laden wir die Künstlerin nicht mehr ein.“
Man habe nichts gegen Juden
Die Sache sei dem Verein erstmals Ende Mai zur Kenntnis gebracht worden, nachdem der Druckschluss für die Broschüre abgelaufen war, so Meredith weiter. „Ich dachte damals, die Angelegenheit sei geklärt, nachdem ich erklärt hatte, dass die Polizei lediglich Vorsichtsmaßnahmen getroffen hatte und keine tatsächlichen Drohungen ausgesprochen worden waren und eine Verlegung nach der bereits erfolgten Ankündigung nachteilig sein könnte. Offenbar hatten sie es jedoch so aufgefasst, dass wir die Shows verlegen würden.“
Das Banshee Labyrinth teilte Chortle mit, man habe nichts gegen Juden: „Wir haben seine Show natürlich nicht wegen seiner religiösen oder kulturellen Identität abgelehnt. Philip [Simon] ist schon früher bei uns aufgetreten.“
Vielmehr sei sein Auftritt gecancelt worden, da er Verbindungen zu „diskriminierenden Gruppen“ habe. Dies wollen sie durch „Routinechecks“ seiner Einträge in den sozialen Medien herausgefunden haben.
Kritik unerwünscht
Chortle durfte die Tweets sehen, die der Veranstaltungsort vor seiner Entscheidung zu einem Dossier zusammengestellt hatte. Die Redaktion schreibt: „Viele davon sind Reaktionen auf Personen oder Gruppen, die ihre Unterstützung für die palästinensische Bevölkerung ausgedrückt hatten. Der Komiker fragt, warum sie nicht die gleiche Unterstützung für die von der Hamas entführten israelischen Geiseln zeigten.“ In einem der Tweets heißt es: „Ich grüße alle Prominenten, die dem unschuldigen palästinensischen Volk zujubeln. Sofern Sie nicht vergessen haben, die Geiseln – Männer, Frauen, Kinder, Babys – zu erwähnen oder für sie ein paar Tränen zu vergießen!“ Sollten sie die israelischen Opfer aber „vergessen“ haben, dann hätten sie auf seinen Veranstaltungen „nichts zu suchen!“
Ein Anderer kritisierte die Freilassung von 1.890 in Israel inhaftierten Palästinensern als unverhältnismäßig; sie sei eine „Kapitulation vor Terroristen“. In einem anderen sozialen Netzwerk bezeichnete sich Simon als „pro-israelisch“. Zudem kritisierte er Greta Thunberg für ihre Behauptung, sie sei von israelischen Streitkräften „entführt“ worden, die ihre „Freiheitsflottille“ letzten Monat auf dem Weg zum Gazastreifen abgefangen hätten. Er scherzte, es sei wie damals, „als ich beim Klauen des Pick-and-Mix bei Woolworth erwischt wurde und die Polizei kam und mich entführte“.
Im Januar letzten Jahres nahm Simon an einer Kundgebung zur Unterstützung Israels auf dem Trafalgar Square teil, bei der sich der israelische Präsident Isaac Herzog per Videobotschaft bei König Charles und Keir Starmer für deren Unterstützung bedankte. Das also sind die „Verbindungen zu diskriminierenden Gruppen“. Offenbar die zeitgemäße Neufassung des klassischen Begriffs „jüdische Weltverschwörung“.
„Sicherheitsbedenken“
Es folgte eine Kettenreaktion der Boykotte. Die Verantwortlichen des Banshee Labyrinth teilten dem PBH Free Fringe laut Chortle mit, dass ihre Ermittlungen gegen Simon erst dadurch in Gang gebracht worden seien, als das Whistle Binkies ihn ausgeladen hatte:
„Aufgrund der jüngsten Kontroverse [um Whistle Binkies] war es gegenüber unseren Kunden und Mitarbeitern unsere Pflicht als Management, die politischen Äußerungen und Meinungen des Künstlers zu überprüfen. Wir haben festgestellt, dass die Ansichten des Künstlers zur anhaltenden humanitären Krise in Palästina in erheblichem Widerspruch zur Haltung unseres Veranstaltungsorts gegenüber der aktuellen Politik und den Maßnahmen der israelischen Regierung stehen. Wir halten es für unangemessen, Künstlern eine Plattform zu bieten, deren Ansichten und Handlungen mit der Rhetorik und Symbolik von Gruppen übereinstimmen, die mit humanitären Verstößen in Verbindung gebracht werden.“
Weiters heißt es: „Wir dachten nur, wir sollten uns seine Seiten ansehen, um zu sehen, was los ist, wegen der Ereignisse um Whistle Binkies. Hätten wir nichts Beunruhigendes gefunden, würde er offensichtlich immer noch bei uns auftreten.“ Neben den Tweets gebe es auch in Simons Podcasts „Aussagen, die wir als besorgniserregend empfanden“ und „die mit seiner Arbeit als Komiker in Verbindung standen“. Das ist kryptisch, könnte aber wohl heißen: Er hat Witze über Personen, Organisationen oder Ideen gemacht, über die man sich nach Meinung dieser Leute nicht lustig machen darf.
Die „Sicherheit“ sei angeblich nicht zu gewährleisten
Rachel Creeger erklärte gegenüber dem Telegraph, die Absage spiegele ein breiteres Muster von Ausgrenzung wider, mit denen jüdische Künstler in ganz Großbritannien weiterhin konfrontiert seien: „Wir werden gecancelt und oft stillschweigend boykottiert.“
Einen ähnlichen Fall gab es im Februar letzten Jahres. Damals wurde der jüdisch-amerikanische Musiker Matisyahu von zwei Veranstaltungsorten in Arizona und New Mexico gecancelt. Die Absagen erfolgten kurz vor den geplanten Konzerten mit der Begründung, die „Sicherheit“ sei angeblich nicht zu gewährleisten.
Der Anblick von Juden lässt manche Leute um ihre „Sicherheit“ fürchten. Stephen Pollard, Kolumnist des Londoner Magazins Spectator, hat es auf den Punkt gebracht. Seit jeher, schreibt er, wurden Juden ausgeschlossen, weil sie Juden sind. „Da haben wir es schon wieder. Sie können es in jedes beliebige Geschwafel über Gesundheit und Sicherheit verpacken, aber wenn man die ,Bedenken hinsichtlich der Sicherheit der Mitarbeiter‘ in die Praxis übersetzt, bedeutet das: ,Juden sind verboten, es sei denn, sie schaffen es, sich einzuschleichen, weil niemand bemerkt hat, dass sie Juden sind.‘“
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Mena-Watch.
Stefan Frank, geboren 1976, ist unabhängiger Publizist und schreibt u.a. für Audiatur online, die Jüdische Rundschau und MENA Watch. Buchveröffentlichungen: Die Weltvernichtungsmaschine. Vom Kreditboom zur Wirtschaftskrise (2009); Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos (2012).
Beitragsbild: oskar karlin - originally posted to Flickr as A255786 037, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Diesmal also auch in GB – was weiland aus Nzi-Deutschland bekannt war und zu einem angeblichen „nie wieder“ aufrief.
Was ist los? Keiner steht auf?
Aber gut – auch andere finden keine Bühnen mehr für ihre Auftritte – hier in Deutschland – klammheimlich wird gecancelt und schon ist man aus der Öffentlichkeit verschwunden!
Wir erleben gerade live einen Zivilisationsbruch. Das wird nicht gut enden.
hi, wo das Christentum entfernt bzw. wenigstens versaut wird (Stichwort: Schweineherzen in der Kirche), stören die Vertreter seiner Vorgeschichte arg.
„Wenn Juden keine Witze erzählen dürfen“. Ich gebe zu, es etwas gedauert, dann ist der Groschen gefallen. Der Titel ist der Witz. Ja jüdischer Humor!