Sissy Hewson / 30.09.2013 / 21:24 / 3 / Seite ausdrucken

Wenn ich in die Stube speie ...

Auch Österreich hat gewählt. Und wieder hat keiner verloren, wie das hier so üblich ist. Egal, ob die Prozentpunkte anderes sagen, egal, ob die eigenen Prognosen, mit absoluter Gewissheit ausgesprochen, weit über dem peinlichen Ergebnis liegen: Hier kann man eine Niederlage nicht zugeben. Sogar wenn man aus dem Nationalrat fliegt (er)findet man Zukunftsvisionen und Entschuldigungen, denn nie, niemals liegt es an eigenen Fehlern, immer an den Wählern, die einfach nicht verstehen, wie gut man war/ist/sein könnte. Land der Wurschtler, Land der Verdränger.

Wobei der echte Gewinner dieser Wahl, braungebrannt außen, braungefärbt innen, sein Zahntechniker-Siegergrinsen wahrscheinlich auch nicht der analytischen Intelligenz der Wähler verdankt, sondern dem Dumpfstuben-Protest seiner Anhänger. Mögen seine Wahlplakate ausgesehen haben wie eine Aufforderung zur Kinderschändung (Slogan: „Liebe Deinen Nächsten“, Abbildung: Strache, blondes Jungmädchen niedergrinsend), egal, seine FPÖ gießt immer wieder Rachegedanken einfacher Gemüter in Verse und umschmeichelt damit die Österreichische Seele, die auch außerhalb der Politik nie Schuld an etwas ist – es sind immer die anderen oder die Umständ’.

Und wenn ich gerade beim In-die-Stube-speien bin: Die Klimadebatte ist da ja ein wunderbares Brechmittel. So erzählt man mir ausführlich, dass alles noch viel schlimmer sein wird, als angenommen, wie der IPCC „nach langem Ringen um jede Formulierung“ erklärt. In diesem Ringen gewonnen hat eine 95% Wahrscheinlichkeit gegenüber den bisherigen 90% Wahrscheinlichkeit; das Schmelzen der Polkappen (irgendwo hat man mir erzählt, dass das Eis der Antarktis zunimmt, aber wie soll ich was nachprüfen); dass der Meeresspiegel 26 bis 82cm steigen wird, statt der bisher angenommenen 18 bis 59cm; und dass bis 2100 die Temperatur um 0,3 bis 4,8° höher sein wird.

Für die unangenehme Zwischenbilanz - 15 Jahre lang statt rapidem Anstieg der Durchschnittstemperatur durch rapiden Anstieg der Luftverschmutzung fast eine Stagnation - hat man halt eine weitere Komponente entdeckt: Die Ozeane haben die Wärme aufgesaugt. Das nennt sich dann „interne Variabilität“ und scheint zu überraschen. Dazu gibt’s noch die andere, die äußere Variabilität, die Vulkane und die Sonne, die beide gemeiner Weise tun, was sie wollen.

Klingt sehr nach dem „österreichischen Weg“. Man wüsste es ja zu 95%, wenn da nicht die Umständ’ wären, diese hinterhältigen Variabilitäten.
Dass es auch zwei kleine Absätze in dem Memorandum gibt, die zugeben, dass in einigen Temperaturmodellen die Folgen der Treibhausgasemissionen überschätzt wurden, wird, wenn überhaupt, nur kurz erwähnt, denn dann wäre man ja doch ein bisserl selbst Schuld.

Wenn jemand wissen will, die man besonders gut in die Stube spei(b)t: Hier die Anleitung von Herrn Ringelnatz.

Joachim Ringelnatz 1883-1934

Vaterglückchen, Mutterschößchen,
Kinderstübchen, trautes Heim,
Knusperhexlein, Tante Röschen,
Kuchen schmeckt wie Fliegenleim.
Wenn ich in die Stube speie,
Lacht mein Bruder wie ein Schwein.
Wenn er lacht, haut meine Schwester.
Wenn sie haut, weint Mütterlein.
Wenn die weint, muß Vater fluchen.
Wenn er flucht, trinkt Tante Wein.
Trinkt sie Wein, schenkt sie mir Kuchen:
Wenn ich Kuchen kriege, muß ich spein.

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netiquette:

Karsten Dahlmanns / 01.10.2013

Zitat: “Wobei der echte Gewinner dieser Wahl, braungebrannt außen, braungefärbt innen, sein Zahntechniker-Siegergrinsen wahrscheinlich auch nicht der analytischen Intelligenz der Wähler verdankt, sondern dem Dumpfstuben-Protest seiner Anhänger.” Wie herrlich muß es sein, dergleichen Verurteilungen zu schreiben und sich dabei so gut/rein/überlegen zu fühlen. Schade nur, daß es inzwischen facil und repetitiv wirkt. Eher das Niveau - und, schlimmer noch, die Haltung - der Süddeutschen Zeitung, nicht etwas für die Achse. Und dieser typisch teutonische Haß gegen gepflegte Leute! Neiden Sie dem Herrn, den Sie beschreiben, daß er gute Zähne hat? Spricht jetzt neuerdings ein verkommenes Gebiß für die Qualifikation eines Politikers? Wäre demnach auch ein Daniel Hannan oder Nigel Farage zu verurteilen, weil seine Anzüge besser geschnitten sind als jene von Elmar Brok oder Martin Schulz? Weil sie diese Anzüge auch tragen können, im Gegenteil zu den Herren Brok und Schulz? Ihr ästhetischer - hoffentlich nur: ästhetischer - Jakobinismus wird der Republik Österreich kaum helfen.

Michael Kobler / 01.10.2013

Mindestens mit gleicher blinder ‘Präzision’ wie Sie uns Österreicher als Wurschtler und Verdränger abtun, könnte man in den Artikel schreiben, dass jeder Deutsche einen Stock im Hintern hat, jeder Tscheche im Hinterhof dealt und so weiter und so fort. Ich bin kein Blauwähler, aber dennoch muss man das Ergebnis nehmen wie es kommt, so ist das in einer Demokratie (so ähnlich wie ‘Herrschaft des Volkes’, erinnern Sie sich?) nunmal. Wenn man nebenher gleich nochmal die Nazikeule (‘braungebrannt und braungefärbt’) schwingen kann, ist der gutdeutschen (rot-grünen?) Seele auch gleich viel leichter und wohliger zumute. Und was genau hat der Klimabericht der IPCC mit dem Österreichischen ‘Schlendrian’ am Hut? Die Überleitung haben Sie ganz klar verpatzt, das sollten Sie noch ein-, zweimal üben, so fürs nächste Mal. Solche Verallgemeinerungen müssen wirklich nicht mehr sein. Mit freundlichen Grüßen, Michael Kobler

Thomas Rießinger / 01.10.2013

Dazu ein Kommentar von Eugen Roth: “Ein Mensch, der spürt, wenn auch verschwommen, Er müßte sich, genau genommen, Im Grunde seines Herzens schämen, Zieht vor, es nicht genau zu nehmen.”

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