Peter Heller, Gastautor / 16.01.2016 / 16:53 / 5 / Seite ausdrucken

Wenn gut meinen neurotisch wird

Von Peter Heller

Der Gutmensch ist kein guter Mensch, da er an die Existenz solcher nicht zu glauben vermag. Er sieht in allen Zeitgenossen potentielle Zerstörer, die man nicht zur Entfaltung kommen lassen darf. Weil sie sonst aus der Erde eine lebensfeindliche Ödnis machen. Also hat man ihnen vorzuschreiben, wieviel Energie aus welchen Quellen sie für welchen Zweck verbrauchen, was sie essen und wie sie wohnen dürfen. Gleichzeitig hat man ihnen möglichst alle Informationen vorzuenthalten, die Zweifel an diesen Dogmen nähren könnten. In der Flüchtlingskrise treibt den Gutmenschen außerdem die Angst, in jedem Mitbürger stecke ein Rassist, der Fremden ohne zu Zögern Gewalt antut, wenn man sein Denken nicht ständig manipuliert und kontrolliert. Was ebenfalls einschließt, im Notfall den ein oder anderen Aspekt der Realität einfach zu verschweigen.

Die Erwähnung der religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit eines Straftäters könne Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren und dürfe deswegen nur dann erwähnt werden, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht, heißt es sinngemäß in Ziffer 12.1 des deutschen Pressekodex.

Damit rechtfertigen viele Medienschaffende, Migranten in Meldungen über durch diese begangene Verbrechen nicht als solche zu benennen. Darin drückt sich nicht nur ein tiefes Mißtrauen gegenüber dem Publikum, sondern auch eine unverfrorene Respektlosigkeit aus. Glauben die Gutmenschen in Redaktionen denn wirklich, wenn sie von “Männern” oder noch besser “Personen” sprechen, ihre Leser, Hörer oder Zuschauer würden nicht sofort wissen, um welche Tätergruppe es sich handelt?

Kann man wirklich glauben,  die Deutschen seien nicht zur Differenzierung fähig?

Glauben die Gutmenschen denn wirklich, wir alle hingen der Illusion an, unter mehr als einer Million allein im vergangenen Jahr zugewanderten Menschen wären keine böswilligen und gewissenlosen Schurken? Glauben die Gutmenschen in den Redaktionen denn wirklich, die Zerstörung dieser Illusion würde uns alle zwangsläufig in die Arme der Rassisten treiben? Glauben sie wirklich, die weit überwiegende Zahl der Deutschen wäre zur Differenzierung, zu Vernunft und Augenmaß nicht fähig? 

Ja, das glauben sie und erkennen dabei noch nicht einmal die Irrationalität ihres Verhaltens. Denn im Informationszeitalter funktioniert die Geheimhaltung von Vorgängen im öffentlichen Raum nicht mehr. Früher oder später werden immer alle Umstände bekannt. Auch Flüchtlinge und Asylbewerber können rauben und vergewaltigen, prügeln und morden. Hier und anderswo, ganz wie deutsche Staatsbürger jedweder Herkunft auch. Wir sind alle Homo Sapiens und damit Kinder einer Biologie, die manchmal Gier und Aggression in eine unheilvolle Symbiose zwingt. 

Als ob die Menschen überall auf der Welt das nicht ganz genau wüssten und fast alle fast immer wenn schon nicht genug Empathie, dann zumindest genug Vernunft aufbringen, um verbaler oder körperlicher Gewalt zu entsagen. Aber die Gutmenschen der Medien trauen ihrem Publikum diese Fähigkeit zur Selbstbeherrschung nicht zu. Deswegen versuchen sie mittels einer durch einen selbstgegebenen Kodex gedeckten Verschleierung jede Möglichkeit der Entstehung von Wut auszuschließen. Was den Ärger umso größer macht, wenn die Manipulation erkannt wird. Dadurch erst treibt man viele in die Arme rechter Populisten, viele, die dort eigentlich nichts verloren haben, viele, die kein anderes Ventil für ihren Protest finden.

“Manche Gutmenschen meinen es bestimmt gut, aber das ändert nichts an ihrem Denk-Fehler”

Wirklich frei ist eine Presse nicht nur bei der Abwesenheit äußerer Zwänge. Sie hat auch ihre innere Selbstzensur zu beenden. Denn nichts anderes bedeutet Ziffer 12.1 des Pressekodex. Eine freie Presse berichtet immer mit allen verfügbaren Informationen ohne sich darum zu scheren, was das Publikum daraus macht. Eine freie Presse bildet statt zu erziehen. Ziffer 12.1 des Pressekodex ist in Wahrheit die Ursache für alle “Lügenpresse”-Schmähungen, denn die Menschen wissen längst, wie umfassend die dort gerechtfertigte Schere im Kopf nicht nur in der Flüchtlingsdebatte, sondern bei vielen anderen Themen auch eingesetzt wird. Wer nicht “Lügenpresse” sein will, hat Ziffer 12.1 ersatzlos zu streichen. Aus dem Kodex und aus dem täglichen Handeln.   

Manche Gutmenschen meinen es bestimmt gut, aber das ändert nichts an ihrem Fehler. Sie brandmarken die Forderung, die Grenzen zu schließen um die Zuwanderung zu kontrollieren, als rechtspopulistisch. Die Vorstellung, Deutschlands Aufnahmefähigkeit könne irgendwann tatsächlich erschöpft sein, gilt als nationalistisch. Wer das Mantra “Wir schaffen das!” mit der Frage “Wie denn?” kontert, mach sich verwerflicher Blasphemie schuldig. Der Zweifler ist schlimmer als der Fremdenfeind.  Und wer sagt “Wir wollen das nicht schaffen!”, der wird verdächtigt, das vierte Reich errichten zu wollen. So stärkt man die extremen Ränder, statt einen Weg zurück zu Maß und Mitte zu weisen.

Vielleicht projizieren die Gutmenschen nur die Furcht vor ihren eigenen inneren Dämonen auf alle Mitbürger. Vielleicht haben die Gutmenschen die Fähigkeit zum Rassismus in sich selbst entdeckt und denken, dieser Wahn wäre allen Zeitgenossen gemein. Dann wird ihr Handeln als naiver Therapieversuch verständlich. Eine bessere Erklärung fällt mir nicht ein, aber ich bin nicht die Art von Doktor, die sich mit Neurosen auskennt.

Peter Heller (Jahrgang 1966) ist promovierter Astrophysiker. Nach Stationen in der Softwarebranche und der Raumfahrtindustrie arbeitet er heute als Strategieberater und analysiert technologische Trends.  Siehe auch ScienceSkepticalBlog hier.

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Leserpost

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Franz von Hahn / 17.01.2016

Das letzte “hier” sollte man streichen. Der Link ist doch benannt!

Josef Kneip / 16.01.2016

Ein Gutmensch ist ein Mensch, der nur sich als gut ansieht und die anderen als schlecht. Wie sagte doch der Pharisäer? “Wie gut, dass ich nicht so bin wie jene.” Dabei blickte er auf die Zöllner herab. Wie sagte dagegen der Zöllner? “Gott, sei mir armem Sünder gnädig.” Wer ging hier gerechtfertigt nach Hause? Das Wort Gutmensch ist also kein Unwort. Es beschreibt im Gegenteil eine Spezies, die mit einem Heiligenschein schrecklich an der Wirklichkeit vorbei lebt.

Jürgen Albrink / 16.01.2016

Wenn es nur um den Pressekodex ginge wäre es ja gut. Den könnte man abschaffen und dann hoffen, dass die Schere im Kopf verschwindet. Leider ist es nicht so einfach. Nach einer aktuellen Statistik neigen die meisten politischen Journalisten den rot/grünen Parteien zu. (http://de.statista.com/statistik/daten/studie/163740/umfrage/parteipraeferenz-von-politikjournalisten-in-deutschland/) Und die lassen unverblümt ihre persönliche Meinung einfließen. Lösen könnte man das nur, indem ein Großteil der Journalisten ausgetauscht wird.

Thomas Klingelhöfer / 16.01.2016

Danke für Ihre klare Analyse, Herr Heller! Zu ergänzen wäre möglicherweise die Funktion von Informationskontrolle und Manipulation als Machtmittel, um eine gewünschte politische Ausrichtung nicht von der unbotmäßigen Realität stören zu lassen.

Heinz Thomas / 16.01.2016

Ein sehr bemerkenswerter Artikel, dessen Grundaussage ich teile. Dennoch ist er z. T. widersprüchlich und auch so typisch deutsch. Wenn man die „Lügenpresse“ und deren Höflinge anprangert, müssen Erwägungen, wer u. U. von einer unabhängigen Berichterstattung profitiert, ebenso unterbleiben. Nicht die Behauptung, dass Kritiker bei weitem nicht alle Rechtsextreme sind (was für jeden denkenden Menschen logisch ist), beendet diesen Mißstand, sondern die Zurückweisung jeder beabsichtigten Stigmatisierung. Es ist egal - und zwar scheißegal - wie der Konsument der Nachricht darüber denkt und wie er das politisch einordnet. Das einzige Kriterium unter Berücksichtigung aller Fakten kann nur sein: wahr oder unwahr. Und ob es einige dieser „Gutmenschen“ gut meinen, ist ebenso irrelevant. Sie sind dann lediglich die nützlichen Idioten der Leute, die aus niederer Gesinnung und/oder ideologischer Verblendung handeln. Spielt es eine entscheidene Rolle, ob z. B. Mao mit seinen Millionen Toten eine gute Absicht verfolgte (ein s. g. „höheres Ziel“) und seine gutgläubigen/einfältigen Jünger „gute“ Menschen waren?

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