Wer in der Türkei die Macht im Lande hält, sorgt meist diskret dafür, dass „sein“ Verein den Aufstieg in die Süper Lig schafft. Verschwindet der Patron von der politischen Bühne, stürzt der Club oft ins Bodenlose. Doch was sich derzeit mit dem Aufstieg von Amedspor aus der ostanatolischen Stadt Diyarbakır zusammenbraut, sprengt das gewohnte Muster der Klientelpolitik. Es ist keine Frage der Gunst mehr, sondern eine der nationalen Identität – und vielleicht die gefährlichste Zündschnur, die das Land seit Jahrzehnten gesehen hat.
Diyarbakır ist das inoffizielle Herz der Kurden in der Türkei. Früher hieß der Verein schlicht Diyarbakırspor und trug die Farben Gelb-Rot – eine Hommage an Galatasaray. Doch 2014 kam der Bruch: Umbenennung in Amedspor, Wechsel zu Grün-Rot. Wer die Symbolik kennt, weiß: Es fehlte nur noch das Gelb, um die Farben der kurdischen beziehungsweise PKK-Trikolore zu komplettieren. Der türkische Verband intervenierte sofort, man einigte sich auf Weiß als Puffer. Doch das „kurdische Element“ ist seither der eigentliche Kader der Vereinsführung, auch wenn der Kader international besetzt ist.
Was wir heute erleben, ist kein Zufall, sondern ein Déjà-vu mit unheilvollem Vorzeichen. Bereits im Jahr 2009 startete die Regierung unter Erdogan die sogenannte „Demokratische Öffnung“. Es war der erste große Versuch, Frieden mit der PKK zu schließen und die kurdische Bevölkerung massiv zu integrieren. Und wie aufs Stichwort passierte damals genau das, was wir heute sehen: Diyarbakırspor, der direkte Vorgänger von Amedspor, stieg unter großem Getöse in die höchste Spielklasse auf. Es sollte die sportliche Krönung der Versöhnung sein.
Doch als das politische Projekt im Schlamm der gegenseitigen Vorwürfe und der nationalistischen Gegenwehr versank, war auch das sportliche Schicksal besiegelt: Kaum war die „Öffnung“ gescheitert, stürzte Diyarbakırspor wieder ab und landete im sportlichen Nichts. Fußball als Einweg-Instrument der Diplomatie – wenn die Aktion endet, verschwindet auch der Verein.
Ein „Frieden“ auf tönernen Füßen
Heute scheint die Geschichte neu aufgelegt zu werden. Wieder wird von „Frieden“ geraunt, wieder soll der inhaftierte PKK-Gründer Abdullah Öcalan als Friedensstifter fungieren und womöglich freikommen. Ein Wagnis, das beide Seiten – Türken wie Kurden – mit tiefem Misstrauen betrachten.
In dieser aufgeladenen Atmosphäre muss Amedspor nun in 17 türkische Städte reisen. In Stadien, in denen der türkische Nationalismus zur Grundausstattung gehört, wird die Mannschaft aus Diyarbakır nicht als sportlicher Gegner, sondern als Stellvertreter der PKK empfangen werden. Die „Eier sind gelegt“. Jedes Auswärtsspiel birgt das Potenzial für eine nationale Katastrophe. In der Türkei sitzen schätzungsweise 150 bis 180 kurdischstämmige Abgeordnete im 600-köpfigen Parlament. Die ethno-politische Durchmischung ist tief, aber die Risse sind es auch.
Wenn Amedspor in der nächsten Saison durch das Land tourt, wird jedes Foul, jede Schiedsrichterentscheidung und jede Schmähung von den Rängen ethnisch interpretiert werden. Die Geschichte lehrt uns, dass Sport oft dort zum Exzess führt, wo die Politik versagt hat. Wenn die türkische Führung glaubt, den kurdischen Knoten durch instrumentalisierte Aufstiege oder die Freilassung eines Mannes lösen zu können, während auf den Rängen der Hass regiert, begeht sie einen tödlichen Irrtum. Bleibt zu hoffen, dass das nächste „Maksimir“ nicht in Bursa oder Ankara stattfindet.
Wie tief das Misstrauen und wie dünn das Nervenkostüm der Sicherheitsorgane mittlerweile ist, zeigte ein Vorfall am 2. Mai 2026. Während der Feierlichkeiten nach dem Unentschieden gegen Iğdır FK, das Amedspor den Aufstieg in die Süper Lig sicherte, kam es zu einer Szene von bizarrer Tragikomik. Der Starstürmer des Vereins, Mbaye Diagne, wollte den Erfolg feiern und griff zur Flagge seines Heimatlandes Senegal. Doch kaum entrollte er das Tuch, schritten die anwesenden Polizisten hart ein. Der Grund: Die Beamten hielten die senegalesische Flagge aufgrund ihrer Farben – Grün, Gelb und Rot – irrtümlich für ein Symbol einer Terrororganisation.
In einem Land, in dem die Staatsmacht vor der Flagge eines westafrikanischen Staates zurückschreckt, weil sie darin die Gespenster des kurdischen Separatismus sieht, ist die Lage längst jenseits der Vernunft. Wenn eine harmlose Geste eines ausländischen Profis einen Polizeieinsatz auslöst, zeigt das, dass die Türkei sich in einem Zustand permanenter Paranoia befindet. Bleibt zu hoffen, dass diese Farben-Hysterie in der kommenden Saison nicht zum Funken am Pulverfass wird. Denn nach dem Abpfiff eines Spiels, das durch solche Missverständnisse eskaliert, gibt es meist kein Zurück mehr.

Die Kurden gehören weder zu den Asiaten noch sind die ein Turkvolk, die sind sprachlich und kulturell verwandt mit den Iranern. Da wird scheinbar in die falsche Richtung gedacht? Ethnische Konflikte lassen sich nicht mit schönen Worten und nicht mit Geschenken überbrücken.
Verwandte kann man aushalten, aber zwischen Türken und Kurden wird das nie was. Das kann man ganz pauschal sagen.
Ethnische Differenzen sind kein Merkmal der „Unterschicht“, wie unsere Parteiakrobaten das gerne vermitteln. Die sind allgemein. Wie sollten Völker sonst entstehen? Man fühlt sich von den anderen verschieden.
Differenzen sind Teil des menschlichen Wesens. Was man ausgeprägt bei den Clans sehen kann. (Verfassungsschutzbericht lesen!) Der intelligente Mensch kann sich dumm stellen, was leicht vergessen wird.
Da sind sich die selberernannten Teufelsaustreiber auch sehr drüber bewußt, denn die Gewalt, der Maulkorb und die Flankierung waren schon da, bevor die Massen ins Land geströmt sind. Zudem kann sich der Geifernde seiner zynischen Bemerkungen oft nicht enthalten. Die wollen das menschlich verarmte Wesen züchten.
Manchen fehlt der Sinn für Altruismus, das sind die Ich-Menschen, weil ich gerne kiffe, muß Dope erlaubt sein!
Alles in Maßen, aber die Übertreibung führt zur Abneigung. Zudem sind Kulturen oft nicht kompatibel. Man geht sich dann gegenseitig auf die Nerven.
Das kam nicht überraschend: daß das Probleme machen würde, damit hat ja niemand rechnen können? Die haben die ethnischen Konflikte in Kauf genommen.
Und wenn mit Doppeldeutigkeit der Fahne bewusst provoziert werden sollte?
Es wird keinen Nachweis geben, weil Sie & ich zu alt sind, Herr Dener. Aber ich denken nicht, daß in 50 Jahren Istanbul noch existiert. Es wird wieder Byzanz heißen & die Türken aus Bosporus & Dardanellen rausfliegen. Da ist das Kurdische Problem noch das kleinere.
Ich kann nicht beurteilen, zwischen welchen der Kombinationen Kurden und Türken, Inder und Pakistani, Deutsche und Österreicher, Tschechen und Slowaken sowie allgemein Deutschen und Muslimen die größten bzw kleinsten Differenzen bestehen. Wenn selbst Tschechen und Slowaken es nach 80 Jahren gemeinsamen Nationalstaats bevorzugten, getrennter Wege zu gehen, wie kann man dann nur glauben, Vielfalt sei eine immergute Stärke!? Zumal sich die Ansätze zur Konfliktvermeidung bei uns weitgehend auf die Theorie beschränken, es gäbe keinerlei Probleme außer der AfD?
„Der Starstürmer des Vereins, Mbaye Diagne, wollte den Erfolg feiern und griff zur Flagge seines Heimatlandes Senegal.“ – Da hat der Senegalese bei seiner Freude seinen kurdischen Arbeitgeber vergessen.