Wenn es um Israel oder die USA geht, geben manche Menschen ihren Verstand an irgendeiner Garderobe ab, vor allem die Angehörigen der gebildeten Stände. So war es nach 9/11, und so ist es wieder heute, nach dem Überfall der Hamas auf Israel.
Am 11. Mai 2010 erschien in der Online-Ausgabe der SZ ein Artikel über ein „umstrittenes Zitat“, das dem damaligen iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad zugeschrieben wurde, das dieser aber „nie gesagt“ hatte – so die Autorin des Beitrags, die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur.
Der Satz, um den es ging, lautete in der englischen Version „Israel must be wiped off the map“ und in der deutschen Übersetzung „Israel muss von der Landkarte radiert werden“. Katajun Amirpur, die Farsi lesen, schreiben und sprechen kann, schaute sich „die persische Originalversion von Ahmadinedschads Äußerungen über Israel“ an und kam dabei zu dem Schluss, diese sei „weit weniger martialisch als die Übersetzung, die verschiedene Agenturen verbreitet haben“. Dabei ging es ihr „nicht darum, Ahmadinedschad zu verteidigen, sondern um die journalistische Redlichkeit“. Man sollte „auch politische Gegner korrekt… zitieren – und sei es nur, um politische Optionen realistisch zu beurteilen“.
Tatsächlich, so Frau Amirpur, habe der iranische Präsident auf einer Konferenz zum Thema „Die Welt ohne Zionismus“ gesagt: „Dieses Besatzerregime muss von den Seiten der Geschichte (wörtlich: Zeiten) verschwinden“ bzw. „Das Besatzerregime muss Geschichte werden.“ Das wiederum, so Frau Amirpur weiter in ihrer Analyse des Satzes, den Präsident Ahmadinedschad nie gesagt hat, sei „keine Aufforderung zum Vernichtungskrieg, sondern die Aufforderung, die Besatzung Jerusalems zu beenden“. Dabei müsse, so Frau Amirpur ohne einen Anflug von Scham oder Angst, sich lächerlich zu machen, genau zwischen dem transitiven Verb „eliminieren“ und dem intransitiven Verb „verschwinden“ unterschieden werden. Das eine meine „ein zielgerichtetes, aktives Handeln“, das andere eine „eine ungezielte, passive Entwicklung“.
So kam Frau Amirpur zu der Schlussfolgerung, „dass Ahmadinedschad nicht die Auslöschung Israels forderte oder die Vernichtung des jüdischen Volkes, sondern einen Regimewechsel“ – vermutlich einen friedlichen mit Hilfe iranischer Wahlbeobachter.
Bösartig, dumm oder naiv?
Man könnte an dieser Stelle fragen, wie bösartig, dumm oder naiv eine promovierte Islamwissenschaftlerin sein muss, um in der SZ gedruckt zu werden; man könnte auch überlegen, ob eine Zugreise nach Auschwitz in den frühen 40er Jahren ein transitiver oder intransitiver Vorgang war, „ein zielgerichtetes, aktives Handeln“ oder „eine ungezielte, passive Entwicklung“. Man kann alles zu Tode differenzieren und für jeden Unsinn eine Erklärung finden. Und wird trotzdem jedes Mal über die Begeisterung staunen, mit der sich deutsche Intellektuelle dem Bösen andienen.
Stalin-Fans wie Erich Weinert („Im Kreml brennt noch Licht“) oder Johannes R. Becher („Danksagung“), Luise Rinser („Nordkoreanisches Reisetagebuch“) oder Peter Sloterdijk, der die Terroranschläge von 9/11 mit den Worten kommentierte, vor dem Hintergrund der „Katastrophenlandschaft des 20. Jahrhunderts“ gehörte „der 11. September… eher zu den schwer wahrnehmbaren Kleinzwischenfällen“ der Geschichte. Ein Großzwischenfall wäre es wohl nur gewesen, wenn Sloterdijk zur Zeit der Anschläge in der Bar „Windows On The World“ im 106. Stock des Nordturms gesessen hätte.
Nun hat es wieder so einen „Kleinzwischenfall“ gegeben, diesmal nicht in New York, sondern an der Grenze zwischen Israel und dem Gaza-Streifen. Peter Sloterdijk hat sich zu dem Vorfall bis jetzt nicht geäußert, möglich, dass ihn die Nachricht noch nicht erreicht hat. Allerdings, so wie er 9/11 vor dem Hintergrund der „Katastrophenlandschaft des 20. Jahrhunderts“ neu kontextualisiert hat, so wird der Angriff der Hamas auf Israel in den Weiten des Internets jetzt neu kontextualisiert.
Mit dabei ein Kollege, dessen Beiträge wir in den Corona-Tagen geschätzt und gelegentlich geteilt haben, der „Jurist & Publizist“ Milosz Matuschek, 1980 in Bytom, dem ehemaligen Beuthen, geboren, Herausgeber des Blogs „Freischwebende Intelligenz", der „kritische Texte und Analysen zur geistigen Situation der Zeit“ anbietet, Matuscheks gesammelte Werke.
Auge um Auge in den Dritten Weltkrieg?
Die letzte Ausgabe der Freischwebenden Intelligenz vom 14. Oktober stand im Zeichen der aktuellen Krise in und rund um Gaza. Die Überschrift lautete: „Auge um Auge in den Dritten Weltkrieg?“, der Teaser klärte auf: „Wir müssen die Hintergründe aufklären, statt in das Geheul des Revanchismus einzustimmen.“
Damit war alles Relevante schon gesagt, wenn auch nur kryptisch angedeutet. Eine Handvoll Fettaugen in einer ansonsten kalorienarmen Suppe: Auge um Auge, Weltkrieg, Hintergründe, Geheul, Revanchismus.
Aber die Botschaft war klar: Die Juden sind wieder auf dem Kriegspfad, wenn „wir“ ihnen nicht entgegentreten, werden sie uns mit ihrem revanchistischen Geheul ins Unglück stürzen. Achtet nicht nur darauf, was auf der Bühne gespielt wird, schaut auch hinter die Kulissen!
Ja, schreibt Matuschek, die Hamas hat „ein Massaker in der Zivilbevölkerung angerichtet“, aber: „Die von Netanjahu forcierte Covid-Impfkampagne via Pfizer dürfte in Israel weit mehr Menschen dahingerafft und gesundheitlich geschädigt haben. Ein geschmackloser Vergleich? Wer vom Hamas-Terror spricht, sollte vom Staatsterror Israels (und anderer Regierungen) gegen die eigene Bevölkerung nicht schweigen.“
Der Holocaust – ein Joint Venture
Und dann stellt Matuschek einige Fragen, die dem Leser den Weg zu der Erkenntnis weisen sollen, dass Israel über die Pläne der Hamas Bescheid wusste und nichts unternahm, um den Überfall zu verhindern. Man wird ja mal fragen dürfen! „Ist die Terrorgruppe schlicht willkommene Verfügungsmasse im Einsatz gegen die eigene Bevölkerung, um selbst Vorwände für Gegenschläge zu fabrizieren?“ Um auf so etwas zu kommen, muss man das Gemüt eines Bluthundes haben, mindestens.
Dabei ist die Idee als solche nicht einmal neu. Sie gehörte zum Standardprogramm der Altnazis nach 1945, die keine Gelegenheit verpassten, darauf hinzuweisen, der Holocaust sei ein Joint-Venture des NS-Regimes mit den Juden gewesen, die ihrerseits erkannt hatten, dass der Weg nach Zion in Auschwitz anfängt, dass also Millionen von Juden geopfert werden müssen, damit der Judenstaat zum Leben erwacht. In Matuscheks Miniatur der Weltgeschichte ist es nun Netanyahu, der mit der Hamas kooperiert, um „die eigene Bevölkerung“ hinters Licht zu führen und „Vorwände für Gegenschläge zu fabrizieren“.
Bleibt nur eine Frage offen: Warum macht die Hamas bei diesem perfiden Spiel mit?
Die Antwort könnte in der nächsten Ausgabe der „Freischwebenden Intelligenz“ stehen, unter „Kritische Texte und Analysen zur geistigen Situation der Zeit“.

Gut gebrüllt Löwe. Wir werden sehen, ob der Gazastreifen nach Europa übersiedelt, schnell noch, bevor hier die Tore zugehen, weil auch der letzte gemerkt, hat, dass das Boot voll ist.
Kaputte Schallplatten hat jeder im Schrank. Sogar die Katholiken.
Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin verurteilt Hamas-Terror und fordert Zweistaatenlösung.
Erstens: Peter Sloterdijk einen Stalin-Fan zu nennen, ist infantil und hilft Ihnen auch nicht, Ihre offensichtliche und regelmäßig geäußerte Abneigung gegen ihn abzubauen. Zweitens: Entsinnen Sie sich noch, wie Sie sich über Ulrike Guérot echauffiert haben, weil diese das Wort „kontextualisieren“ mehrfach in Ihrer Argumentation benutzte? (Sicher nicht; es war ein peinlicher TV-Auftritt.). Mehr ist zu diesem aufgeregt-polemischen Text auch nicht zu sagen.
Diese ,,Intellektuellen„ eint doch zumindest eines: Feigheit.
Schließlich wollen sie ja nicht Zielscheibe von Terrorakten werden, siehe den Fall Salman Rushdi. Da ist doch rückwärtsgewandte Judenfreundlichkeit ungleich gesünder, und man kann mit der Nazikeule couragiert auf politische Außenseiter eindreschen, die vor den Gefahren der Islamisierung und damit der neuen Judenverfolgung warnen.
Und: Es gibt immer wieder Preise für ,,gelebte Menschlichkeit“, die man sich gegenseitig verleiht…..