Vera Lengsfeld / 27.08.2016 / 12:00 / Foto: Royalsolo / 10 / Seite ausdrucken

Wenn es ernst wird, ist Heiko ein Phantom

Es gab mal eine Zeit in Deutschland, da kritisierten die Medien mit großem Eifer die Regierung und legten strengste Maßstäbe an, was sich ein Regierungsmitglied erlauben darf und was mit sofortigem Amtsverlust bestraft werden muss. Das habe ich selbst noch miterlebt. Am 3. Januar 1993 beispielsweise trat Wirtschaftsminister und Vizekanzler Jürgen W. Möllemann mit sofortiger Wirkung von seinem Amt als Wirtschaftsminister und auch als Vizekanzler zurück. Was war geschehen?

Möllemann hatte mit dem offiziellen Briefkopf des Bundesministeriums für Wirtschaft mehreren deutschen Handelsketten einen Kunststoffchip, der als Pfandmünze bei Einkaufswagen zum Einsatz kommen sollte, empfohlen. Dieser Chip wurde von der Firma eines angeheirateten Vetters Möllemanns vertrieben. Nach diesem wahrhaft unverzeihlichen Missbrauch des Ministeramtes übten Medien und Parteien starken öffentlichen Druck auf den Minister aus. Möllemann kam aber nicht auf die Idee, die Verantwortung für die Briefkopf-Affäre auf seine Mitarbeiter abzuwälzen. Ob ihm das was genützt hätte, weiß man nicht. Möllemann zog die Konsequenzen, ohne zu versuchen die Verantwortung auf andere abzuwälzen.

Ob Mölli heute von oben das Treiben seiner Politikerkollegen beobachtet und sich wundert, wie sanft und nachsichtig die Medien mit viel krasseren Verfehlungen umgehen? Da versorgt sich Parlamentspräsident Norbert Lammert mit Luxusfüllern aus seiner Büropauschale.  Die betreffenden Akten werden vernichten, Lammert selbst und zahlreiche Bundestagsabgeordnete damit vor der Entdeckung geschützt. Die Bild-Zeitung hat es aufgedeckt. Konsequenzen wie dereinst bei Möllemann werden keine gefordert. In ein paar Tagen wird die mehr als peinliche Selbstbedienung vergessen sein. Die Frage, was Politiker wert sind, die den Staatshaushalt zum Selbstbedienungsladen umfunktioniert haben, wird nicht gestellt.

Minister-Lob für „Deutschland verrecke, das wäre wunderbar“

Justizminister Mass, der weder unsere Verfassung zu kennen scheint, noch sich um Recht und Gesetz schert, einen unliebsamer Generalbundesanwalt schon mal feuert, wenn er ihm widersprecht, darf mit äußerster Nachsicht vieler Medien rechnen. Sein jüngster Faux-Pas, ausgewachsener Skandal, der eigentlich seinen sofortigen Rücktritt zur Folge haben müsste, hat nur ein leichtes Rauschen im Blätterwald verursacht. So schwach das Säuseln auch war, es wurde so inszeniert, dass immer noch etwas Verständnis für das Ministerchen durchdrang.

Maas, der eifrige Twitterer, hatte nach einem Konzert gegen „rechts“ in Anklam einer beteiligten linksradikalen Band ausdrücklich gedankt. Was diese Band gesungen hat, war ihm egal. Auch nachdem die Affäre publik wurde, lies er durch eine Sprecherin seines Ministeriums mitteilen, dass er sich „selbstverständlich in keiner Weise jede einzelne Textzeile aller jemals gesungenen Lieder der dort aufgetretenen Musiker zu eigen gemacht“ hätte. Davon wäre er „weit entfernt“. Dagegen bleibe es wichtig, „immer wieder klar zu machen, daß es in unserem Land keine Toleranz für Extremismus und Fremdenfeindlichkeit gibt“.

Damit hat Maas das rettende Ufer erreicht. Wer gegen Fremdenfeindlichkeit ist, darf gern „Deutschland verrecke, das wäre wunderbar!" singen. Und: "Deutschland ist scheiße, Deutschland ist Dreck!/ Gib mir ein ,Like' gegen Deutschland“. 

Ist das nicht Hate-Speech pur, die der Minister konsequent verfolgt wissen will? Offensichtlich nicht, sondern die maasgerechte Art, gegen Extremismus zu sein.

Das Minister-Gewissen wird vom Social Media-Team ersetzt

Im Lied "Staatsgewalt" der vom Justizminister hochgelobten Band geht es um Gewalt gegen Polizisten. Heute spiele sie es aber nicht mehr auf Konzerten, teilte die Gruppe mit. Es sei ihr "zu platt" geworden. Ja, haut die Bullen platt wie Stullen! Nein, das singt die Band nicht. Das riefen ihre geistigen Stichwortgeber. Maas kommt mit der faulen Ausrede davon, nicht er, sondern sein Social-Media-Team hätten das Lob in seinem Namen getwittert. Allein, dass der Mann nicht mal sein Büro im Griff hat, sollte für seinen Rücktritt reichen. In der freien Wirtschaft würde eine solche Inkompetenz keine Minute geduldet.

Dagegen scheint in Teilen der veröffentlichten Meinung nur noch zu zählen, dass Maas die richtige Gesinnung vertritt, jedenfalls in den Augen dieser Meinungsmacher. In DIE WELT beispielsweise zeigt schon die Überschrift zeigt die Tendenz: „Maas dankt Anti-Nazi-Band. Und erntet Unmut“. Im Beitrag  erfährt man, dass „bei aller Kritik… die Band auch schon für ihren Einsatz gegen rechts ausgezeichnet“ wurde.

„Die Linke-Fraktion im Schweriner Landtag nominierte die Gruppe 2013 für den Courage-Preis. Zudem wurde ein Dokumentarfilm über Feine Sahne Fischfilet von der Filmförderung Mecklenburg-Vorpommern mit 30.000 Euro unterstützt.“ So weit sind wir schon: Die lupenreinen Demokraten von der SED-Linken werden in DIE WELT als Entlastung angeführt.

Dieser Text erschien zuerst auf meinem Blog "Freedom is not free"

Foto: Royalsolo CC0 via Wikimedia

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Leserpost

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Christoph Eschenbach / 28.08.2016

Wer (vorgebliche) Grundsätze derart selektiv anwendet hat gar keine. Der sucht nur eine Rechtfertigung für seine eigene Intoleranz! Maas ist dafür ein Paradebeispiel. Und wenn was schief geht: Schuld haben immer andere! Dieser ‘Einzelfall’ ist ein erneuter Beleg für einen viel beängstigerenden Befund: Politik und Leitmedien haben völlig das Gleichgewicht verloren!

Thomas Bode / 28.08.2016

Phänomene die man als BRDler immer nur mit ungläubigem Schauder aus der räumlichen und historischen Distanz betrachtete, finden plötzlich mitten unter uns statt: Eine Beseitigung von demokratischem Pluralismus, zugunsten einer Ideologie die sich natürlich selbst das Monopol auf Moral anmaßt. Die auch ganz mühelos logisches Denken außer Kraft setzt. Die, im Namen von Fortschritt und Menschlichkeit, Rückschritt fördert und die Hatz auf Abweichler eröffnet. Das Verstörende ist dabei auch dieses selbstgefällige Grinsen derer die so unser gutes Land im Rekordtempo ruinieren.

Horst Jungsbluth / 28.08.2016

Die Bundeskanzlerin hätte schon längst dafür sorgen müssen, dass nicht nur dieser unerträgliche Justizminister seinen Hut nimmt. Aber wahrscheinlich ist sie vollauf damit beschäftigt, die Kritiker in den eigenen Reihen mundtot zu machen. Ich staune jeden Tag darüber, wie sich die Mehrheit der Bürger in diesem Lande auf derart plumpe Art “verarschen” lässt.

Bernhard Freiling / 28.08.2016

Nein Frau Lengsfeld, Maas ist kein Phantom. Der ist so real, daß man am Verstand derer, die ihn unterstützen und zum Minister berufen haben, zweifeln könnte. Ich hab’s ja mehr mit Zahlen und Daten, statt wie heute üblich, mit Äußerungen aus dem Bauch heraus.  Um die Persönlichkeit des Herrn Maas zu erfassen, sollte man wissen, daß er es war, dem es gelang als Spitzenkandidat der SPD im Saarland, diese zwischen 2003 und 2009 von 44,4% auf 24,5% zu marginalisieren. Herrn Maas haben wir als Justizminister das Bestellerprinzip hinsichtlich der Courtage für Makler bei Wohnungsvermietungen zu verdanken. Nachdem er 2014 dieses Gesetz vorstellte, vermietete er selbst eine ihm gehörende Immobilie und liess den Mieter hierfür die Courtage zahlen.  Seine Begründung: “...das Gesetz sei ja noch nicht in Kraft”. Erst auf Druck erstattete er dem Mieter die Kosten für die Maklercourtage. Maas möchte durch eine Novelle des Strafrechts Tötungsdelikte, die “auf schwerer Beleidigung” oder auf “durch zum Zorn gereizt” oder auf “vergleichbar heftige Gemütsbewegungen” zurück zu führen sind, mit max. 5 Jahren Freiheitsentzug bestraft sehen. Liegt es an meinem zunehmenden Alter, dass ich bei vielen unserer Politiker hinter jedem Busch einen potentiellen Verbrecher vermute? Merkel verkauft Deutschland an die EU,  verschenkt Deutschland an illegale Einwanderer und Maas fabriziert die passenden Gesetze dazu? “Nur weil du paranoid bist, heisst das nicht, daß du nicht verfolgt wirst”.

Alexander Rostert / 28.08.2016

Da sind mir doch Frau von Storchs Einlassungen lieber: Die ist wenigstens nach eigener Darstellung noch höchstselbst mit der Maus verrutscht.

Per Grunau / 27.08.2016

Danke für diesen Artikel. Deutschland offensichtlich keine Demokratie mehr. Merkel & Co. alternativlos, bis zur Einführung der Scharia.

Hans Filter / 27.08.2016

Axel Springer rotiert sicher in seinem Grab angesichts dessen, was aus seiner WELT geworden ist. Das alles hätte man vor 30 Jahren nicht im Traum für möglich gehalten

Rolf Krahmer / 27.08.2016

Was lässt sich das Deutsche Volk (bzw. “der Michel”) an Indoktrination, Staatspropaganda (inklusive strengster Zensur) bzw. schon deutlichster Konditionierung noch alles gefallen ? Wir hatten diese Schiene doch schon mal !

B.Kröger / 27.08.2016

Deutschlands politische Eliten haben schon ein sehr spezielles politisches Selbstverständnis. Noch ist Deutschland ein reiches Land, aber auch reich an Hass. Und an die Adresse von der Filmförderung Mecklemburg-Vorpommern: Es gehört schon unheimlich viel Courage dazu, sich mit Zustimmung und unter dem Schutz des Bundesjustizministers zu äußern. Wow!  Das ist mal wirklich couragiert!

JF Lupus / 27.08.2016

Gehirnwäsche. Wir sollen zu tumben Lemmingen degradiert werden. Und, fatal genug, bei vielen hat das schon funktioniert, anders kann man sich die Wahlergebnisse nicht erklären. Joseph (oder wie heisst der mit Vornamen?) Maas ist beispielhaft dafür, wie dreist und skrupellos sich die Herrschenden dem Volk gegenüber verhalten. Sie wähnen sich unangreifbar, unkontrollierbar und gottgleich. Aber der Krug geht nicht noch oft zum Brunnen…

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