Unser Gehirn ist für seine ungeheure Größe viel zu klein, um sich jemals selbst verstehen zu können. So kann uns etwa Dopamin glücklich, unglücklich oder gar süchtig machen. Und zu wenig Dopaminbildung löst Parkinson aus.
Als Knabe einst, sechs- oder siebenjährig, hatte ich zum ersten Mal von „Transmission“ gehört, genauer: von „Transmissions-Riemen“. In meinem Heimatort Limbach war das, einer vorerzgebirgischen Industrie-Gegend. Tief beeindruckt bin ich von der Konstruktion aus Stangen und Eisenrädern gewesen, die sich, angetrieben von einer Dampfmaschine, oben an der Decke ständig drehten. Riemen, „Transmissions-Riemen“ genannt, übertrugen die Drehbewegung auf Maschinen, an denen eifrig gearbeitet wurde. Zehn Stunden pro Tag und den halben Sonnabend. Dann und wann aber war mit der Arbeit Schluss, und wenn nicht die gesamte Anlage zum Stehen gebracht werden sollte, mussten die Transmissionsriemen mit einer langen Stange von einem jeweiligen der großen Antriebsräder heruntergestoßen werden. Dann hieß es: „Endlich Ruhe im Karton!“
Was dort niemand wusste und ich als Pimpf schon gar nicht: Vom Prinzip der Transmission war auch in ganz anderen Branchen die Rede: bei der Übertragung von Erb-Rechten, bei der von Krankheitserregern, von Gefühlen und Gefühlsstörungen oder, in der Physik, beim Übertragen von Schall- oder elektromagnetischen Wellen durch ein Material hindurch. Nach und nach kam der Begriff „Transmission“ auch in der sich entwickelnden Neurophysiologie auf, nämlich wenn es um die Übertragung von nervalen Impulsen ging. So gelang 1921 dem deutsch-österreichisch-amerikanischen Forscher Otto Loewi (Nobelpreis 1936) an einem Froschherzen erstmalig der Nachweis dafür, dass ein chemischer Stoff in der Lage war, Nervenimpulse auf die Herzmuskulatur zu übertragen. Später wurde bekannt, dass es sich um das Acetylcholin handelt, ein chemischer Transmitter, auch Neuro-Transmitter genannt. Acetylcholin, so stellte sich heraus, ist einer der wichtigsten Transmitter in unserem Nervensystem, im peripheren wie auch im zentralen.
Viele weitere chemische Transmitter wurden entdeckt. Allein beim Menschen rechnet man mit fünfzig oder siebzig, ja mit hundert verschiedenen Transmitter-Arten. Manche sind noch nicht genügend erforscht, bei anderen ist die Wirksamkeit strittig. Sogar gasförmige Verbindungen gehören zu den chemischen Transmittern. Zum Beispiel das Stickoxid, die denkbar einfachste chemische Verbindung überhaupt. Von Nervenendigungen freigesetzt, bewirkt Stickoxid die Erweiterung von Blutgefäßen, so im Herzen und auch im Penis. Den lässt es anschwellen.
Dopamin ist nicht gleich Glück
Einen anderen Transmitter herausgegriffen, das Dopamin. Es wird in zwei Stoffwechselschritten aus der Aminosäure Tyrosin erzeugt, macht uns glücklich oder – je nachdem – eher unglücklich und hat mit der Entwicklung von Süchten zu tun. Hochkomplexe Empfindungsstörungen sind das. Aber auch viel einfacher geht es zu. Wird im Gehirn von dem Dopamin zu wenig produziert, kommt es zur Parkinson-Krankheit: Die Muskulatur wird müde, wird steifer, und immer müder und steifer. Schüttellähmung tritt ein. Verabreicht man solchen Menschen eine Stoffwechselvorstufe des Dopamins, das L-Dopa, bessert sich der Zustand. Und was ist dann mit der Sucht, die ja auch mit dem Dopamin zusammenhängt, angeblich mit einem Übermaß an Dopamin? Dann sollte die Verabreichung des Anti-Parkinsonmittels, die der Dopaminvorstufe L-Dopa, zugleich auch glücklich machen. Überglücklich sogar. Ist aber nicht der Fall. Warum?
Tja, warum wohl? Weil mit Bezug auf das Gehirn und seine Wirkmechanismen nichts wirklich einfach ist. Bei der Parkinson-Krankheit allerdings handelt es sich so ziemlich ausnahmsweise um eine 1-Faktor-Störung, nämlich um einen Mangel an dem Transmitter Dopamin. Und dieser ergibt sich allein aus dem Absterben von Dopamin-produzierenden Nervenzellen in einem bestimmten Gebiet des Hirnstammes, Substantia nigra genannt. Bei jedem von uns sterben dort mit der Zeit solche Nervenzellen ab, bei den Kranken aber besonders ausgiebig. Warum, weiß niemand. Die Folge ist ein Mangel an Dopamin in dem Hirnteil, zu dem die Dopamin-produzierenden Nervenzellen über Zellfortsätze ihren Transmitter senden.
Zum Glück kann dem Mangel durch Verabreichung einer Dopamin-Vorstufe abgeholfen werden. Und wenn so, wo bleibt dann der durch das Glücks-„Hormon“ Dopamin vermittelte Glücksrausch? Er tritt nicht ein. Warum? Weil das Dopamin nur einer von vielen Faktoren ist, die für den Glückszustand von Bedeutung sind. So eben kann hin und wieder und auf Dauer das Dopamin in den Hirngebieten, die für das Glücksgefühl zuständig sind, auch einen glücksmindernden Effekt verursachen, ja sogar einen gegenteiligen.
Die Verschaltung all der für das Glücksempfinden zuständigen Nervenzellen ist extrem komplex. Diese wiederum sind mit unbestimmbar vielen anderen zu unüberschaubaren Wirkungsgeflechten verbunden. Nie (nie, nie, nie!) sind diese hinreichend analysierbar. Und immer wieder dasselbe Motto: Unser Gehirn ist für seine ungeheure Größe viel zu klein, um sich jemals selbst verstehen zu können. Es verfügt über etwa hundert Milliarden Nervenzellen. Und diese werden in mehrere hundert verschiedene Typen untergliedert. Manche Neurowissenschaftler schätzen die Anzahl auf ein glattes Tausend, zumal wenn man die Nervenzellen nach ihrer Gestalt und ihren funktionellen und molekularen Eigenschaften sowie deren Kombinationsformen unterteilt.
Was da so alles in unserem Gehirn passiert!
Dem Grunde nach wird alles, was in unserem Gehirn geschieht, was uns fühlen, denken und uns bewegen lässt, durch Transmissionsvorgänge verursacht. Gleichviel ob durch die Chemie oder durch Membranen im Inneren der Nervenzellen, an den Zellmembranen nach außen hin oder bei deren Kontakt mit Nachbarzellen. Und das unterscheidet sich von Individuum zu Individuum und bei ein und demselben von Zeit zu Zeit. Höchst erstaunlich, was da so alles in unserem Gehirn passiert. Durchschnittlich wiegt es mit seinen hundert Milliarden Nervenzellen und etwa ebenso vielen Glia- und Gefäßzellen knapp anderthalb Kilogramm.
Jede dieser Nervenzellen verfügt im Mittel über tausende Kontaktpunkte zu anderen Nervenzellen, Synapsen genannt. Über Synapsen erhalten sie Nachrichten und übertragen diese nach Integration mit anderen Nachrichten synaptisch auf weitere Nervenzellen, zumeist in Form chemischer Neurotransmitter. Abhängig vom Transmittertyp und von der Position der Synapsen auf der Zelloberfläche entsteht von Sekunde zu Sekunde ein zelleigenes Erregungs- oder ein Hemm-Muster, das sich in Form von membranelektrischen Impulsen über die gesamte Zelle ausbreitet.
Und auch hier wieder der Regelfall: Alle diese Impulse integrieren sich zu einem Gesamtmuster, das zu jeweils anderen Nervenzellen ausgesendet wird. Hunderte oder tausende mögen das sein, in manchen Fällen auch hunderttausende oder Millionen gar. Dazu wandert das zelluläre Impulsmuster über einen bestimmten Zellfortsatz, den Axon, zu anderen Nervenzellen. Und das über viele Verzweigungen hinweg, um an den Zielorten, an den nachgeordneten Nervenzellen also, per chemischer Transmission Wirkungen zu entfalten. In speziellen Fällen auch direkt über elektrische Synapsen. Netzwerke ergeben sich so mit unübersehbar vielen Kombinationsmöglichkeiten.
„Jenseits des astronomisch Vorstellbaren“
Das Erstaunlichste dabei: Es funktioniert! Ohne je von einer wie auch immer gearteten Intelligenz konstruiert worden zu sein. Alles dank Selbstoptimierung, alles dank Evolution. Und Fixierung in den Genen. Unvorstellbar! Im Regelfall sind ja, wie wir von der Quantenphysik her wissen, sogar die kleinsten Kleinigkeiten unserer Materie in ihrer Beschaffenheit und Wirkung nicht vorstellbar. Und trotzdem gegeben. Alles in allem in einer Vielfalt von überastronomischer Dimension.
Überastronomisch, was soll das heißen? Interessant, was dazu mein Handy zu sagen weiß, und zwar der KI Chatbot ChatGPT. Der Begriff bedeute „mehr als astronomisch“ oder „jenseits des astronomisch Vorstellbaren“. Und nach den Verknüpfungsmöglichkeiten im menschlichen Gehirn befragt, antwortet ChatGPT, sie seien „überwältigend groß“ und überstiegen jede heutige Rechenkapazität. Ausgegangen wird dabei von ca. 86 Milliarden Neuronen (Nervenzellen) und jeweils 1.000 bis 10.000 Synapsen. In einem einzigen menschlichen Gehirn insgesamt also 100 Billionen bis 1 Billiarde (10 hoch14 bis 10 hoch 15). Vergleichen wir diese Zahl mit den etwa 10 hoch 80 Atomen in dem uns zugänglichen Universum. Zugleich wird das Beispiel von (legal) möglichen Schachpartien mit 10 hoch 120 Möglichkeiten genannt. Am Ende schlägt ChatGBT vor, die Zustandsmöglichkeiten in einem einzigen menschlichen Gehirn betrügen 10 hoch 1.000.000. Wie schade um jedes Gehirn, wenn sein Träger stirbt!
Gerald Wolf ist emeritierter Magdeburger Universitätsprofessor, Hirnforscher und Institutsdirektor. In seinen Vorträgen und Publikationen widmet sich Wolf der Natur des Menschen, vorzugsweise dem Gehirn und dem, was es aus uns macht.
Beitragsbild: Pixabay

Wie schade, dass zahlreiche Menschen dieses Wunderwerk ‚Gehirn‘ kaum benutzen.
Ob grosses oder kleines Gehirn. Der Mensch ist vom Wollen getrieben, nicht vom Wissen. Der Satz sollte ihnen ja bekannt sein, Herr Wolf.
@A.Ostrovsky: Wunderbar aneinander vorbeigeredet. Letzte Grüße an A.O. von i.g.
Die „etwa 1.080 Atomen in dem uns zugänglichen Universum“ ? Was? So wenige?
Wer redigiert denn bei Ihnen sowas, und wird bei Ihnen nicht mehr Korrektur gelesen? Selbst einem nicht naturwissenschaftlich gebildeten Redakteur sollte dieser „dicke Hund“ auffallen. Wenn schon in einem Schnapsglas, gefüllt mit einem „Doppelten“, rund 10 hoch 24 Wassermoleküle sind, also eine Billion Billionen …
Was unsere Gehirne bzw. die unserer Nachkommen einst wissen und verstehen werden können, wissen wir gegenwörtig noch nicht und können es bezüglich der Zukunft nach unserer Lebenszeit auch nicht wissen. Das ist die einzige Gewissheit.
Wie recht Klaus Brand hat (erster Leserbrief)!
Leider sind im Letzten Abschnitt die Potenzen (Hochzahlen) völlig falsch ausgewiesen. Es muss heißen, wenn technisch nicht anders möglich, in Normalschrift:
… In einem einzigen menschlichen Gehirn insgesamt also 100 Billionen bis 1 Billiarde (10 exp 14 bis 10 exp 15). Verglichen wir diese Zahl mit den etwa 10 exp 80 Atomen in dem uns zugänglichen Universum. Zugleich wird das Beispiel von (legal) möglichen Schachpartien mit 10 exp 120 Möglichkeiten genannt. Am Ende schlägt ChatGBT vor, die Zustandsmöglichkeiten in einem einzigen menschlichen Gehirn betrügen 10 exp 1 000 000 .
@Ilona Grimm : >>Dass ich Ihre Kommentare oft nicht verstehe, ich auch wahr. Das liegt daran, dass a) mein Verstand zu klein ist für Ihre großen Gedanken; b) ich oft nicht weiß, wer aus Ihnen spricht: der im Innersten tieftraurige Clown, der Zyniker, der Suchende, der noch nicht gefunden hat, was er sucht und womöglich gar nicht weiß, wonach er sucht, oder der sachliche Naturwissenschaftler. – - Inwiefern ich mich von „der Wissenschaft“ verarxt fühle, deuten Sie ja an: Planetenschutz durch Ausrottung der Menschheit, Klima, Plandemie und dergleichen Ideologien, die auf Teufel komm raus von „Wissenschaftlern“ verfochten werden.<< ## Ich habe lange drei Minuten überlegt, ob ich Ihnen jetzt schreibe „Den Clown werden Sie noch bereuen. Das wird alles aufgeschrieben im ewigen Buch der Taten. Und am Jüngsten Taaag … “. Aber ich glaube, das würde bei Ihrem Selbstbewusstsein abprallen. Da kann man Sie nur beneiden. Sie haben alles schon gefunden. Wie schön für Sie. Aber wissen Sie auch, dass Sie mir bei der Suche überhaupt nicht helfen können? Ich verstehe nicht, was Sie mitteilen wollen, außer, dass Sie alles schon gefunden haben und das Ticket ins Paradies schon in der Tasche haben. Ja und? Das ist für meinen Verstand zu groß und ich erkenne den belastbaren Punkt nicht, an dem das alles so bombenfest getackert ist. Warum sind Sie denn dann so unzufrieden? In meinem Leben spielen viele andere Dinge eine Rolle, als die einzige Hoffnung, dass das Gericht schnell kommt, aus dem ich als strahlender Sieger hervor gehen würde , denn ICH HABE ALLES RICHTIG gemacht. „Und wir würden in jedem Fall wieder so handeln.“ Warum freuen Sie sich nicht, dass Sie keine Fehler haben? Aber warum kommt es bei Ihnen immer nur auf diese Schiene. Ich habe Ihnen gesagt, das was Sie für Wissenschaft halten, ist keine. Bitte berufen Sie sich nicht auf mich. Und ich glaube, wenn Sie daran weiter so unbeirrt festhalten, kann das ein FEHLER werden.