Gastautor / 19.04.2012 / 15:57 / 0 / Seite ausdrucken

Wenn die Sirenen heulen

Barbara Engels

„HaGermanim“ ist das Wort des Tages. HaGermanim, die Deutschen, sechs Millionen Juden, umgebracht, keine 70 Jahre her. „HaGermanim“ sind es, die, unterstützt von nicht-Germanim, systematisch verschleppt, gefoltert, vergast haben. HaGermanim. Ich bin so eine, Familie germanit, Kindheit, Jugend in Germania. Es ist Yom HaShoah, Holocaustgedenktag, aber ich bin nicht in Germania. Ich bin in Tel Aviv, Israel, Staat der Juden, Judenstaat. Seit neun Monaten gewählte Heimat. Hier arbeite, esse, trinke, schlafe, lache, weine, weiß und zweifele ich.

Zehn Uhr. Die Sirenen heulen.

Es ist ein klagendes, ein mahnendes Heulen, nicht so aufgeregt-bedrohlich wie die Sirenen, die vor Raketenangriffen warnen, nicht so vertraut wie die Sirenen der Freiwilligen Feuerwehr aus meinem rheinischen Heimatdorf. Es ist ein gespenstisches Heulen. Adrenalin schießt mir durch den Körper, trotzdem gehe ich wie gelähmt zum Fenster. Zwölf Stockwerke unter mir hat jemand auf Stopp gedrückt. Auf der Uferpromenade steht alles, die Türen der Autos offen, die Menschen daneben, sie bewegen sich nicht, ihre Haare wehen im Wind. Die Jogger am Strand haben ihren Marathon unterbrochen. Ich stelle mir vor, wie ihr Schweiß unbeeindruckt an ihnen herunterrinnt. Die Sirenen heulen. Die Ampel schaltet auf orange, grün. Wird wieder orange. Rot. Niemand bewegt sich. Nur die Wellen schlagen weiterhin kraftvoll an den Strand, als passierte nichts.

Das Heulen ist weg. Wie auf Knopfdruck laufen, fahren, gehen, essen die Menschen unten auf der Straße weiter. Im Büro neben mir kichert es. An diesem Tag, 24 Stunden, von Abend zu Abend, gibt es im israelischen Fernsehen keine Unterhaltungssendungen. Es gibt Dokumentationen, Zeitzeugenberichte und Filme über den Holocaust, aber keine Unterhaltung. Meine israelischen Mitbewohner suchen verzweifelt im Internet nach einer Seite, die das Champions League-Spiel zwischen Barcelona und Chelsea überträgt. Nach dem Spiel gehen sie schlafen. Die Playstation bleibt aus, Bars und Restaurants sind sowieso geschlossen. Es gibt kein Entrinnen: HaGermanim, das Gedenken an die Gräueltaten der Nazis ist omnipräsent an diesem Tag. Ein bisschen geduckt gehe ich durch die Straßen, gottseidank kann man vom Aussehen selten auf Nationalitäten schließen, heute will ich keine Germania sein, wirklich nicht, eigentlich egal wo, aber besonders nicht in Israel, und besonders nicht nicht-jüdisch. Darf ich das sagen?

Meine Großmütter, mein Großvater waren noch Kinder, der andere, eigentlich auch noch Kind, gefangen in Sibirien, elf Jahre lang. Doch was ist mit meinen Urgroßeltern? Mochten sie die Nazis? Haben sie die Augen zugemacht? Haben sie dazu beigetragen, stillschweigend, aktiv, dass die Urgroßeltern meiner Freundin in Polen umgebracht wurden? Dass fast die ganze Familie des Vaters und der Mutter meines Chefs qualvoll gestorben ist? Vergesst Auschwitz, sagt Henryk M. Broder seiner deutschen Leserschaft, und meint: Erinnert nicht um des Erinnerns willen. Bloße Erinnerung bewahrt nicht vor Fehlern der Gegenwart und Zukunft, im Gegenteil, sie fördert sie. Das Heulen der Sirene mahnt in Israel, es steckt mir noch in den Gliedern, während ich diese Sätze tippe, mit Blick auf die das Meer, die Wellen, die immer noch unablässig an den Strand schlagen. Doch wer oder was mahnt in Deutschland? Antisemitismus ist kein historisch-versiegeltes Paket, werte Germanim.

Barbara Engels, 24, hat Volkswirtschaft studiert. Lebt und arbeitet derzeit in Tel Aviv

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