Roger Letsch / 27.11.2017 / 13:50 / Foto: Cjp24 / 10 / Seite ausdrucken

Wenn die Preise fliegen lernen

Dass alle Dinge und Dienste im marktwirtschaftlichen Wettbewerb prinzipiell, überall und immer viel zu teuer seien, ist eine Binsenweisheit und Grundeinstellung von Verbrauchern, und das ist auch richtig so. Und wenn die Theorie in der Praxis nicht durch Marktabsprachen, Subventionsgießkannen oder andere kriminelle Machenschaften überlistet wird, nennt man das, was sich als Gleichgewicht zwischen „ich will all dein Geld“ und „ist mir viel zu teuer“ überall einstellt, einen Marktpreis. Jeder BWL-Student im ersten Semester könnte das sicher besser und wortreicher erklären, aber vereinfacht gesagt, sollte das so passen.

Wie sich Marktpreise nach Erschütterungen des Wettbewerbs wieder einpendeln, kann man immer dann wunderbar beobachten, wenn in einem gesättigten Markt, in dem es ein Gleichgewicht aus Angebot und Nachfrage gibt, ein großer Player wegfällt. Schwächelt die Abnehmerseite, sinken die Preise, fällt ein Anbieter weg, steigen sie. Eigentlich logisch.

Exemplarisch kann man das gerade am Markt des innerdeutschen Luftverkehrs beobachten, dem durch die Pleite von „Air Berlin“ ein großer Anbieter weggebrochen ist. Lufthansa ist nun gerade Monopolist. Vielleicht nicht gerade „wider Willen“, aber doch auch nicht durch eigenes Handeln und genau das ruft gerade die Wettbewerbshüter vom Bundeskartellamt auf den Plan, die der Lufthansa vorwerfen, die Ticketpreise unberechtigt verteuert zu haben. Ich unterstelle hier einfach mal, dass es sich bei diesem Prüf-Vorgang nur um eine Formalie handelt, die nicht dazu führen wird, dass der Lufthansa per Gerichtsbeschluss Preise vorgeschrieben werden.

„Spinnt der jetzt komplett?“, werden Sie denken. „Will der etwa keine bezahlbaren Flüge?“ – doch, will er! Aber durch Zwang könnte man dies nicht dauerhaft erreichen, sondern würde lediglich den Wettbewerb behindern und langfristig dafür sorgen, dass die Lufthansa den innerdeutschen Flugbetrieb einstellen oder nur noch gegen reichlich Subventionen aufrechterhalten würde. Vor dieser Art Erpressung könnten wir stehen, wenn wir es nicht schaffen, den innerdeutschen Flugmarkt wieder in einen echten Markt zu verwandeln. Ein Blick in die Zukunft kann hier zeigen, wie wunderbar dieser Markt indes funktionieren kann, wenn man ihn in Ruhe lässt, nicht leichtfertig regelnd eingreift und stattdessen die Spielregeln gut überwacht.

Wettbewerb statt Monopoly

Mit der Pleite von „Air Berlin“ sind zehntausende Sitzplätze pro Tag weggefallen, das Angebot wird also kleiner, die Nachfrage bleibt aber hoch. Da es vorher ein stabiles Gleichgewicht auf niedrigem Preisniveau gab, können nun die verbliebenen Marktakteure – also vor allem die Lufthansa – ihr Angebot ausbauen.

Man muss Reserven aktivieren, Maschinen umleiten, die Auslastung erhöhen, weiteres Personal einstellen…you name it. All diese Maßnahmen verursachen Kosten, weshalb die Ticketpreise steigen müssen. Mittlerweile fliegt Lufthansa sogar mit Boeing 747 von Frankfurt nach Berlin-Tegel – was man in einem gesättigten Markt niemals kostendeckend tun könnte, schon weil die 747 ein typischer Vogel für die Langstrecke ist.

Die höheren Ticketpreise können nun aber auf der anderen Seite dafür sorgen, dass der innerdeutsche Markt auch für andere Airlines attraktiver wird, welche diese höheren Preise gut brauchen können, um die höheren Anfangskosten beim Einrichten einer Infrastruktur für den Flugbetrieb, die Lizenzen, das Personal usw. finanzieren zu helfen.

Erst dann, wenn weitere Anbieter die Angebotslücke gefüllt haben, die „Air Berlin“ hinterlassen hat, erst dann können die Ticketpreise wieder fallen. Aber aufgrund von Wettbewerb, nicht per Order aus Politik und Verwaltung. Mit Speck fängt man Mäuse, mit hohen Preisen fängt man Anbieter. Das Bundeskartellamt wird dies hoffentlich auch wissen und die Finger von diesem Markt lassen. Ein Appell an das Luftfahrtbundesamt, die Genehmigungsverfahren für den innerdeutschen Flugbetrieb für weitere, vielleicht sogar neue Anbieter zu beschleunigen, wäre für die Verbraucher langfristig sicher das Beste, was die Politik für den Markt tun könnte.

Übrigens wäre das Staatsunternehmen „Die Bahn“ nicht solch ein monopolistischer, verwöhnter und subventionsgepuderter Schienenknilch mit angeschlossenen Versorgungsposten für Politik-Darsteller im Abklingbecken, sondern ein im echten Wettbewerb stehender Markt-Konkurrent des innerdeutschen Luftverkehrs, gäbe es spätestens seit einigen Wochen Non-Stop-Direktverbindungen, die mit den schnellsten ICE-Zügen von München, Frankfurt und Düsseldorf in Richtung Hauptstadt unter dem Namen „Rail Berlin“ unterwegs wären und ehemalige, enttäuschte „Air Berlin“-Kunden hätten 20 Prozent  Rabatt und ein kostenloses Upgrade in die erste Klasse. Gibt es aber nicht!

Nur in Wolfsburg nicht zu halten, genügt keinesfalls. Ich spreche von ECHTEN Direktverbindungen! Mal kurz darüber nachdenken, warum das nicht so ist und es in diesem Land stattdessen zehntausende Flugreisende gibt, die mangels Angebot nicht abheben können. Echte Marktwirtschaft greift in Deutschland scheinbar nur noch dort, wo sich die Planwirtschaft wegen der fachlichen Komplexität nicht hintraut. Hoffentlich bleibt wenigstens der Luftverkehr in Deutschland von der Planwirtschaft verschont, wenn schon die Flug-Infrastruktur am Boden in stalinistischer Starre verharrt, wie BER zeigt.

Bundeskartellamt, ich zähle auf dich!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Roger Letschs Blog Unbesorgt hier.

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Leserpost

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Martin Krieger, Frankfurt am Main / 28.11.2017

Nach Orkan bedingter Stornierung aller Züge am 29.10. hat uns (spontane Fahrgemeinschaft Berlin > Rhein-Main) Europcar 570 Euro für 24 h Mietwagen abgenommen. Die Frage nach einem Rabatt (Rabattkarte lag vor) wurde mit der Gegenfrage beantwortet, ob wir den Mietwagen denn nun haben wollen. Die LH hätte pro Person sogar 590 verlangt. Weitere Alternativen gab es nicht. Man nennt das Marktwirtschaft, und wenn ein Akteur (Bahn) nicht wie ein freier Unternehmer agieren kann, kommt das Beschriebene raus.Für die anderen war es ein guter Tag.

Ole Pederson / 27.11.2017

Das Problem ist nicht daß die Bahn Staatskonzern ist (das ist sie nur noch de jure) sondern daß sie Aktiengesellschaft ist und daher marktwirtschaftlich und aktienrechtlich den Profit vor alle anderen Erwägungen stellen muß. Deshalb ist die Bahn auch mehr Immobilienverhökerungskonzern (z.B. Stuttgart 21) mit angeschlossenem öffentlichen Verkehr als sonst was. Mit freiem Markt lassen sich eben nicht alle Probleme lösen, und alle Privatisierungen von Staatskonzernen (Post, Elektrizität, Wasser usw) haben für die Allgemeinheit, d.h. vor allem diejenigen, die auf öffentliche Daseinsfürsorge und Infrastruktur angewiesen sind, mehr Nachteile als Vorteile gebracht. Einzige Ausnahme die Telekom, aber da muß man in Rechnung stellen, daß es einen technischen Fortschritt gegeben hat. Heute haben wir für jeden Mist x Anbieter, deren Preise ständig variieren und Kunden ständig hinterherrecherchieren müssen wo es am günstigsten ist, viel Zeitverschwendung um ein paar Euro zu sparen. Am schlimmsten haben sich die Privatisierungen im Gesundheitswesen und der Altersvorsorge ausgewirkt, und jeder weiß es und jeder kann es in jeder Stadt täglich sehen.

Ulla Smielowski / 27.11.2017

Von wegen Bahn-Bashing…  Weniger Umleitungen bei Sturmschäden entstünden, wenn an Bahngleisen, abschüssigen u.a. die Bäume vorsichtshalber gefällt würden… Aber Vorsichtsmaßnahmen haben im Denken der Deutschen Bahn wohl keinen Platz. Ich persönlich plane bei Bahnfahrten immer ausreichend Zeit ein, damit ich nicht zu spät komme, zumal ich Züge am liebsten nach 9h nehme, weil die Karten dann billiger sind, z.B das Niedersachsenticket. Mit den günstigen Bahntickets ist es nicht weit her… Leider anscheinend ein begrenztes Kontigent und wenn ich fahren will nicht vorhanden, z.B. nach Dresden.. Dann zahle ich statt 29 € mal eben 50€ oder 60€... So ist das bei der Bahn…

Alexander Rostert / 27.11.2017

Man sollte damit anfangen, analog zum Straßen- und Binnenschiffsverkehr auch die Schieneninfrastruktur vom Staat bereitzustellen und nur den Transport darauf vom Unternehmen “Bahn” ausführen zu lassen. Dann wäre bald das möglich, was schon in den 1930er Jahren ging: Der Fliegende Hamburger, der Fliegende Stuttgarter, der Fliegende Münchner, der fliegende Kölner und so weiter. Lauter Züge, die - damals noch auf der Basis von Dieselschnelltriebwagen - Tagesschnellverbindungen nach Berlin anboten. Morgens hin, Geschäftstermin, abends zurück. Nach Paris und zurück schaffe ich das mit der SNCF. Nach Berlin mit der DB nicht.

Wilfried Cremer / 27.11.2017

Deutschland ist auch verkehrsmäßig kein Zentralstaat. Das macht das Planen kompliziert und das Bauen teuer. Es fehlt an Grundideen.

Caroline Neufert / 27.11.2017

Zustimmung, nur mit einem Hinweis, LH hat die Preise nicht erhöht, die billigen Klassen sind nur schnell weg aufgrund der Nachfrage. ECO Y TXL - MUC oder TXL - FRA hat schon immer One Way mind. 270 EUR gekostet ...

Gerd Schäfer / 27.11.2017

Der Autor meint wohl Züge waren auf dem Markt so leicht verfügbar wie Busse. Was aber zum Leidwesen der Bahn nicht der Fall ist. Die hätte mehr und neue Züge lieber heute als morgen.

Andreas Kuhn / 27.11.2017

GÄHN -das Bahn-Bashing nervt nur noch. Würde der Schienenknilch die gleichen staatlichen Vorzüge wie der Luftverkehr bekommen, ging es es ihm auch besser und er könnte auch sein Angebot verbessern.

Arnd Siewert / 27.11.2017

Werter Herr Letsch leider fehlt der Bahn für Marktwirtschaft Infrastruktur, Fahrzeuge und operatives Personal. Das Privatisierungstheater diente nur dem Lohndumping unten. DB macht so wenig wie möglich mit so wenig wie nötig -haben Sie kein Auto? Ps. selbstreinigend ist die Bahnflotte schon lange…

Peter Zentner / 27.11.2017

Kurzstreckenflüge, z.B. Frankfurt - Berlin, sind Unfug. Mit Einchecken, Body-Scanning und mehr als nur Bordgepäck erst recht. O.K., mit der Bahn dauert’s fünf Stunden, aber viel kürzer ist der Flug mit Nebengeräuschen eh nicht. In der Bahn, besonders mit BC Fifty, ist es billiger und bequemer, auch in der ersten Klasse. Man sitzt nicht beengt wie in einer Sardinendose und riskiert, wie im Flieger öfter erlebt, dass einem vom Sitznachbarn (der die Zeitung umblättert) ein Becher Kaffee auf die Beinkleider gekippt wird. — Im guten alten ICE kann man sich gelassen auf den Zweck der Reise vorbereiten, trifft manchmal auch interessante Mitreisende und kommt zu sich. || Ihre planwirtschaftlichen Bedenken, Herr Letsch, leuchten mir trotzdem ein, zumal sie ja auf die DB AG passen wie die Faust auf’s Aug’. Dennoch ziehe ich, selbst auf der Strecke Hamburg - München, den “Chattanooga Choo-Choo” vor. Erspart mit atemloses Jogging zu oft in letzter Minute geänderten Gates, vorbei an kilometerlangen Shopping Malls und Versicherungskeilern. Und in München komme ich dort zentral an, wohin ich ja will — nicht beinah in Böhmen, wo der FJS-Flughafen liegt.

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