Dushan Wegner, Gastautor / 15.03.2019 / 12:00 / Foto: Dushan Wegner / 12 / Seite ausdrucken

Wenn die gefühlte Wahrheit das Denken übernimmt

Ein Mensch hält einen Apfel in der Hand, doch etwas in seinem Denken bewegt ihn, den Apfel für einen Schraubenschlüssel zu halten – mit welchen Argumenten könnte man ihn überzeugen, dass der Apfel auch wirklich ein Apfel ist? Wenn es möglich wäre, den Mann, der den Apfel für einen Schraubenschlüssel hält, von der Realität zu überzeugen, hätte er es nicht längst von selbst begriffen?

Menschen werden mit verschiedenen Veranlagungen und Talenten geboren. Einige können gut rechnen, anderen wurde ein musikalisches Gehör geschenkt. Erschreckend viele Menschen sind mit dem Talent geboren, ihr Weltbild und ihr Gewissen von der Realität zu lösen, und das für wahr und für gut zu halten, was für wahr und gut zu halten opportun ist. Die Frage ist nicht, wie man die Gernbelogenen überzeugt – die Frage ist, wie man sich vor ihnen schützt. Der Duden schlägt als Bedeutung für „Vorurteil“ vor:

 „[Ein Vorurteil ist eine] ohne Prüfung der objektiven Tatsachen voreilig gefasste oder übernommene, meist von feindseligen Gefühlen gegen jemanden oder etwas geprägte Meinung (duden.de zu „Vorurteil“).“ 

Ein Vorurteil ist eine Meinung, die ohne Prüfung der Tatsachen gefasst wurde, die aber zu Gefühlen führt, welche feindselig sind. Die Liste der heute umgedeuteten Begriffe wird länger, doch ihr Kern bleibt stabil. Unzufriedenheit wird zu „Hass“, Unterwerfung wird zu „Toleranz“, Andersdenkender wird zu „Rechter“, et cetera – so weit, so bekannt. Ein Kampfbegriff, der selbst von Aufgeklärten gefährlich selbstverständlich samt moralisch negativer Konnotation übernommen wird, ist das sogenannte Vorurteil.

Eine Frage der gefühlten Wahrheit

Wie im Bruchstück eines Hologramms das gesamte Bild enthalten ist (wenn auch weniger scharf), so ist auch im Kampfbegriff Vorurteil komprimiert der Kern dessen enthalten, warum die westliche Debatte so unrettbar zerbrochen scheint. „Vorurteile sind falsch“ – es ist ein Satz, den wir instinktiv bejahen werden (sonst droht das übliche Ausgestoßenwerden). Doch betrachten wir den Satz näher, und, so wie man ein Hologramm von verschiedenen Seiten betrachtet, so betrachten wir auch den Begriff Vorurteil aus verschiedenen Blickwinkeln!

Wenn man das drängendste Problem westlicher Debatten benennen wollte, dann wäre es die gefühlte Wahrheit, die der Realität widersprechen kann, dennoch aber als Prämisse gesetzt wird, um dann zu gefährlichen, teils tödlichen Fehlschlüssen zu führen. Die gefühlte Wahrheit ist eine Verschmelzung der moralischen und der faktischen Bedeutungen der Begriffe richtig und falsch, von der moralischen Bedeutung ausgehend.

Das Wort richtig kann im Deutschen mehrere Bedeutungen transportieren, unter anderem richtig wie die Gleichung „1+1=2“ und richtig wie im Satz „das ist anständig“. Ebenso gilt für den Begriff falsch, dass „die Erde ist eine Scheibe“ nach aktuellem Stand der Wissenschaft falsch ist, aber auch der moralische Satz „Katzenbabys zu quälen ist falsch“ viel Zustimmung findet („ungeborene Menschenbabys zu töten ist falsch“ steht dagegen weiterhin zur Debatte).

Verantwortungsethiker gegen Gesinnungsethiker

Es wäre spannend, zu untersuchen, ob die verschiedenen Bedeutungen von richtig und falsch jeweils vom Gehirn verschieden oder sehr ähnlich verarbeitet werden (ich vermute letzteres). Die gefühlte Wahrheit leitet aus „X ist moralisch richtig/falsch“ die Aussage „X ist faktisch richtig/falsch“ ab. Als wäre die Verschmelzung der beiden richtig/falsch-Bedeutungen nicht problematisch genug, erhält die gefühlte Wahrheit sogenannter Gutmenschen und Haltungsjournalisten eine weitere Brisanz durch die Art, wie diese zu ihren ethischen Urteilen gelangen.

Motor und Markenzeichen des Gutmenschen (und damit des ihn bedienenden und heranziehenden Haltungsjournalisten) ist die Gesinnungsethik – gut im moralischen Sinne ist, was sich im Bauch gut anfühlt. Im dopaminsüchtigen Social-Media-Zeitalter wird selbst die ethische Gesinnung weiter reduziert zu „gut ist, was anzuklicken und virtuell zu teilen angenehm im Bauch kribbelt“.

Ein Verantwortungsethiker trifft seine ethischen Urteile von den langfristigen Folgen her (und damit auch von der schlichten Möglichkeit seiner Forderungen); ein Verschmelzen des verantwortungsethischen richtig mit dem faktischen richtig wäre weniger verheerend, da der Verantwortungsethiker ja bereits seine Ethik kontinuierlich mit der Realität abgleicht. Der Gesinnungsethiker allerdings basiert seine ethischen Bewertungen darauf, wie es sich spontan in den Gedärmen anfühlt, dieses oder jenes zu fordern (er muss es nicht einmal selbst praktizieren, siehe Grüne, die Partei der Doppelmoral); aus spontanen, unreflektierten Ethikgefühlen leitet sich ein ebenso spontanes, inkohärentes Bild der Welt ab.

Neben der Behauptung, der angeblich mit Vorurteilen behaftete Mitbürger gehe von falschen Fakten aus, wird seine Erkenntnis zu einem feindseligen Gefühl herabgewertet. Es sind gleich zwei fiese rhetorische Tricks (beide werden in je einem Kapitel in Talking Points erklärt). Man unterstellt dem Gegenüber eine böse Absicht und man verschiebt die Debatte von Fakten und Kausalität hin zu Emotionen, beides also Propaganda-Tricks zum Abwürgen von Debatten, wie sie oft von Haltungsjournalisten und besonders gern von Angela Merkel verwendet werden.

Männlein, Weiblein, Politik

Ein berühmtes Beispiel für die widersprüchlichen Konsequenzen gefühlter Wahrheit erleben wir bei der ewigen Debatte um Männlein, Weiblein und die Politik. Einerseits: Es fühlt sich gut an, zu sagen, dass jeder Mensch frei wählen kann, ob er Mann, Frau oder etwas ganz anderes sei. Aus dem Wohlgefühl bei der Aussage leitet man ab, dass es viele verschiedene Geschlechter tatsächlich gibt, man fordert unterschiedliche Toiletten, et cetera. Andererseits: Es fühlt sich ebenso gut an, zu fordern, dass Frauen genau 50 Prozent der Parlamentssitze besetzen sollen (egal ob andere Frauen sie dahin wählen wollten oder nicht); man teilt die Welt doch wieder in exakt zwei Geschlechter auf (und verstößt nebenbei gegen das grundgesetzliche Prinzip der freien Wahl), aber „Quote!“ zu sagen fühlt sich im Bauch für manche gut an.

Sicher, es widerspricht sich in der Realität, nicht aber im Gefühl: In der gefühlten Wahrheit können widersprüchliche Aussagen beide als wahr gelten, wenn sie jeweils von einem angenehmen Bauchgefühl beim Aussprechen der Prämisse begleitet werden. Dank der Analyse der gefühlten Wahrheit verstehen wir, zwischen welchen Bedeutungen der Satz „Vorurteile sind falsch“ changiert. Nehmen wir an, einer sagt: „Das ist ein Vorurteil, also falsch!“ Sie antworten: „Meinst du, dass es falsch im faktischen Sinne ist oder moralisch? Fakten lassen sich prüfen, und Moral lässt sich hinsichtlich ihrer Konsequenz debattieren.“ Wahrscheinlich wird jener antworten, wie die Propaganda ihn lehrte: „Du Rechter!“ Als Denkexperiment jedoch: Wie würde ein Gespräch verlaufen, wenn wir ehrlich und ernsthaft diskutieren würden, was es für Aussagen sind, die heute nervös als „Vorurteile“ verboten werden (sollen)?

Im Text „Hashtag Hoffnung“ habe ich den Fall der 140 Straftaten in einem Asylbewerberheim angerissen. Mittlerweile wurden weitere Details und auch Stellungnahmen berichtet. Der Kern der Geschichte ist, dass es in einer schleswig-holsteinischen Flüchtlingsunterkunft viele vermutliche Straftaten gab (überwiegend Körperverletzungen, teils mit Waffen, teils Diebstahl, auch „besonders schwere Fälle“); die Polizei hat sie zwar aufgenommen, hat aber keinen einzigen Fall öffentlich gemacht. – So weit, so wenig überraschend. 

Interessant ist die Begründungwarum die Fälle nicht veröffentlicht wurden: 

„Dass die Straftaten in der Asylunterkunft nicht einzeln von der Polizei veröffentlicht wurden, begründete das CDU-geführte Innenministerium damit, dass eine „aktive Pressearbeit“ zu den Anzeigen in der Unterkunft „unverantwortlich“ wäre. Es sollten keine Vorurteile geschürt werden.“ 

Ist freundliche Vorsicht ein Vorurteil?

Dem aufmerksamen Leser fällt auf: Vorurteile sind falsch, weil sie (mindestens laut Duden) auf falschen (oder unvollständigen) Fakten beruhen. Wenn aber aktiv wichtige Fakten verschwiegen werden, was sagt das über die Verwendung des Kampfbegriffs Vorurteil aus? – „Vorurteile“ sind unangenehme Fakten, die das Wir-Schaffen-Das-Narrativ als Lügen entlarven. Ähnlich wie bei Nazi und Hass wird hier ein negativ konnotiertes Wort verwendet, um etwas ganz anderes zu diskreditieren, und, um ganz sicher zu gehen, wird insinuiert, dass das Gegenüber nicht von berechtigter Sorge bewegt sein könnte, sondern von feindseligen Gefühlen.

Unbequeme Fakten könnten das Lügenfundament der „guten“ Meinung ins Wanken bringen – es ist einfacher, sie als Vorurteil zu etikettieren und so für den Moment aus der Debatte zu entfernen. Die gefühlte Wahrheit ist auf die faktische Wahrheit nicht gut zu sprechen. Mir tun die Beamten leid. Sie geben ihr Bestes, die Folgen einer irre gewordenen Politik abzufedern. Anders als reiche Politiker und Staatsfunk-Bonzen erleben die Beamten (und ihre Familien) ja die Folgen gutmenschlichen Wahns am eigenen Leib. Wer heute privat mit einem Polizisten spricht, erfährt oft recht schnell, wie weit die praktische Realität und die politische Erwartungshaltung auseinanderklaffen.

„Du sollst deine Vorurteile überprüfen!“, so rufen uns die neuen Volkserzieher gelegentlich zu – einverstanden! Wir könnten tatsächlich unsere Vorurteile prüfen und fragen, welche Meinungen etwa zu Religionen oder zu Geschlechtern bei näherem Hinsehen gar nicht Vorurteile sind, sondern rational gewachsene Erfahrungswerte, die sich nicht selten sogar statistisch belegen lassen. Ist ein Vorurteil auch dann ein Vorurteil, wenn sich seine Verneinung nur durch Verleugnen von Fakten aufrechterhalten lässt? Wenn richtige Fakten mich zu freundlicher Vorsicht bewegen, ist das noch immer ein Vorurteil?

Ein Apfel ist ein Apfel ist ein Apfel

Die Freunde gefühlter Wahrheit verteidigen ihr fragiles Weltbild mit der Vorurteil-Keule, und ihr Abwehrkampf wirkt immer verzweifelter. Und doch: Meine Hoffnung, die Anhänger gefühlter Wahrheit zu überzeugen, ist gering. Mich schmerzt der kleinste Fehler in einem Argument – besonders im eigenen! – jene können den ganzen Tag lang inkohärente Thesen aufstellen, und es bereitet ihnen sogar Freude! Freunde der gefühlten Wahrheit laben sich nicht selten daran, dass ihr Gedankendurcheinander uns seelische und manchmal auch körperliche Schmerzen bereitet.

Ich bin leider sehr sicher, dass nicht wenige Haltungsbürger es auf Nachfragen begrüßen würden, Informationen zu Straftaten von „jungen Männern“ zurückzuhalten, um „Vorurteile“ zu bekämpfen. „Hass“, „Hetze“, „Populismus“, „Vorurteile“ – bald kann man ein ganzes Lexikon füllen mit Umschreibungen für „Fakten, die linke Lebenslügen stören“. Wer einen Apfel für einen Schraubenschlüssel hält, der hat ganz eigene Probleme, und die wirst du nicht mit Erklärungen wie „Schau doch hin!“ lösen. Wer die politisch korrekte Realität für die eigentliche Realität hält, den wirst du nicht mit Erklärungen wie „Schau doch hin!“ überzeugen. Wenn der andere Mitbürger aus dem süßen Schlaf der Ideologie aufwacht, werden wir uns gewiss freuen, nur sollten wir unser Glück nicht davon abhängig machen. Es geht nicht darum, die Haltungsbürger zu überzeugen – nicht mehr, nicht einfach. Heute müssen wir zuerst sicherstellen, am Irrsinn nicht selbst irre zu werden.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.

Foto: Dushan Wegner

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Hermann Martin / 16.03.2019

Danke, lieber Herr Wegner, dass Sie mal Ordnung bringen ins Nachdenken über das Stichwort “Vorurteil”. Ich hatte vor kurzem Gelegenheit, einer Berufsschulstunde beizuwohnen, wo als Nebenfach auch Politische Bildung im Lehrplan steht. Dort hatte ich eben den Eindruck, dass “Vorurteil” nicht definiert wurde als noch nicht nachgeprüfte Annahme, sondern dass verschiedene Aussagen (z.B. “Zigeuner klauen”, “Muslims sind Terroristen”) von vornherein als “falsch” definiert werden - es wird sich immer jemand als ein Beispiel finden lassen, auf den das nicht zutrifft - und zack: Vorurteil… siehste, du böser Menschenfeind! Dass es aber eine relevante Zahl bestätigende Beispiele gibt, wobei aus Vorurteilen nachweislich URTEILE werden - dies soll als Denkmöglichkeit offenbar ausgeschlossen werden. Dabei ist doch auch die Wahrscheinlichkeitsrechnung seriöse Mathematik. Sie kann zwar keine konkreten einzelnen Fälle voraussagen, aber sehr wohl die statistische Häufigkeit! Danke, dass wir die Achse als ein Medium haben, wo man immer mal wieder sein Denken erholen und schärfen kann, und merken, dass man noch nicht irre ist…

herbert binder / 15.03.2019

Vorurteile erlauben mir zunächst, mich zu schützen, und zwar vor “zuviel” (ein Maß, das ausschließlich im Individuum begründet ist) Lebenswirklichkeit. Das Motto dabei wäre: “... gemach, gemach…”. Ich bekomme, oder gebe mir selbst, die Zeit, die mir erlaubt, mich zu sortieren (Hab-acht-Modus). Insofern sehe ich in einer solchen Strategie durchaus eine nicht zu vernachlässigende gesundheitserhaltende/-fördernde Nebenwirkung. [Diese Sichtweise ist selbstredend nur ein Teilaspekt eines ansonsten bombastischen Begriffs - und dazu noch äußerst subjektiv gefärbt.]

Karl-Heinz Vonderstein / 15.03.2019

Was ich immer schon merkwürdig fand ist, dass man hier immer so tut, als wenn die Angst vor dem Fremden unbegründet sei und den Leuten einredet, dass sie sich dann in Wirklichkeit nur von Vorurteilen und Ressentiments leiten lassen würden. Wenn ich an so medial bekannt gewordene Fälle von jungen Mädchen und jungen Frauen denke, die sich mit jungen männlichen Flüchtlingen eingelassen haben und dann von denen vergewaltigt wurden oder sogar getötet worden sind, wünschte ich mir im Nachhinein, die Mädchen und jungen Frauen hätten da lieber Angst vor dem Fremden gehabt bzw. wären da vorsichtiger gewesen.  

Frank Dieckmann / 15.03.2019

“Es geht nicht darum, die Haltungsbürger zu überzeugen – nicht mehr, nicht einfach. Heute müssen wir zuerst sicherstellen, am Irrsinn nicht selbst irre zu werden.” Das ist eine Erkenntnis, zu der ich schon vor vielen Jahren gekommen bin. Gänzlich ohne Betrachtung vom Filosovieh!

Gabriele Kremmel / 15.03.2019

Vorurteile der anderen sind immer nur solange Vorurteile, bis sie sich bestätigt haben. Um das zu verhindern, verdreht man die unbestechlichen Fakten und moduliert die Wahrheit. Vor allem aber geht es darum, dass das eigene, nun Lügen gestrafte Urteil nicht richtigerweise als eigentliches Vorurteil entlarvt wird.

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