Von Tilman Tarach.
Keine Ideologie ohne die Lüge, die der Ideologe selbst glaubt – weil er es will. Mithin also auch kein Jakob Augstein ohne Verzerrung der Wahrheit. In seiner neuen Kolumne über den neuen Londoner Bürgermeister Sadiq Khan schreibt er (Auslassungszeichen im Original):
»Muslimfeindlichkeit ist Deutschlands neuer Antisemitismus. Dieses Denken ist menschenverachtend. Aber weit verbreitet. Die Soziologin Necla Kelek hat lange vor Jan Böhmermanns Ziegenficker-Gedicht im ZDF über Muslime gesagt: "Die Menschen haben nicht die Fähigkeit, ihre Sexualität zu kontrollieren, und besonders der Mann nicht. Der ist ständig (...) herausgefordert und muss auch der Sexualität nachgehen (...) – und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier..." Dumm und dauergeil, so ist er, der Muslim. In einer Abwandlung eines Adorno-Worts lässt sich sagen: Die Islamfeindlichkeit ist das Gerücht über den Muslim.«
Tatsächlich hat Augstein hierbei doppelt geschwindelt. Erstens beschreibt Necla Kelek nicht ihre eigene Position, sondern gibt ausdrücklich das – ihrer Ansicht nach – weit verbreitete und von ihr stets kritisierte islamische Menschenbild wieder. Zweitens handelt es sich bei diesem Bild durchaus nicht um eines "über Muslime". Kelek erklärte vielmehr, dass die islamische Sicht der Dinge alle Menschen als derart sexualgestört imaginiere.
Hier Keleks Zitat mit dem einleitenden, von Augstein nicht zufällig unterschlagenen Satz (der etwas holprig daher kommt, weil er nicht niedergeschrieben, sondern gesprochen war):
"Ich sehe nach diesem Menschenbild, von dem ich vorhin gesprochen habe, was der Islam übrigens auch vorgibt, in der Erziehung, da gibt es ein Menschenbild, das konstruiert ist. Die Menschen haben nicht die Fähigkeit, ihre Sexualität zu kontrollieren, und besonders der Mann nicht. Der ist ständig eigentlich herausgefordert und muss auch der Sexualität nachgehen. Er muss sich entleeren, heisst es, und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier."
Dass dies eine Fremdbeschreibung darstellt und nicht Keleks eigene Meinung, geht unzweideutig auch aus ihren – wiederum nicht zufällig bei Augstein ausgelassenen – Worten "heisst es" hervor.
Unabhängig davon, ob man Necla Kelek im Detail zustimmt, muss also festgestellt werden, dass Augstein ein verleumderischer Vollhonk ist. Nun ist nicht er das Problem, sondern die Zigtausende seiner Leser, die derartige Lügen schlucken. Weil sie es wollen.
Sadiq Khan indessen, der vor 15 Jahren mehr als fragwürdige Kontakte zu muslimischen Antisemiten pflegte, agiert in jüngster Zeit womöglich reflektierter als sein Fürsprecher Augstein; immerhin kritisierte er nicht nur den rabiaten Antisemitismus in den Reihen seiner Labour Party, sondern vollzog auch Amtshandlungen, die sowohl Thilo Sarrazin als auch Jakob Augstein verblüffen müssten.
Hier in Tel Aviv beobachtete ich gestern übrigens eine Israelin, die einen deutschen Schäferhund recht grob behandelte. Erzählen Sie das bitte bloß nicht Jakob Augstein, sonst posaunt er wieder einmal in die Welt hinaus, wie sehr die Juden, pardon, die Israelis, die Welt und insbesondere die anständigen Deutschen unterdrücken.
Tilman Tarach, Jurist und Autor, hat u.a. das Buch "Israel, der ewige Sündenbock" geschrieben. Er lebt in Berlin und Zürich.
Beitragsbild: CC BY-SA 1.0 via Wikimedia Commons
Hallo Tilman, Versuch mal bitte diesen Text im Spiegel oder spiegel-online - auch wenn "nur" als Lesebrief unterzubringen. Wahrscheinlich bin ich naiv, aber ein Versuch ist es wert... Grüße Kati
Ist Augstein überhaupt noch ein Linker? Die Linke ist doch einmal aus der Religionskritik hervorgegangen. Augstein aber fraternisiert hier mit hochreligiösen Migranten, die alle Projekte der Linken (Bildung, Frauenrechte, Schutz von Minderheiten..) massiv in Frage stellen und dies auch nicht einmal verbergen.
Daß Augstein linksborniert und -blockiert ist, ist allgemein bekannt. Daß er sich die Texte, die er bzw. deren Autoren er fertigmacht, zuvor zurechtpopanziert, ist eine neue Qualität. Ich kann nur alle Spiegel-Leser dazu auffordern, den Spiegel so lange zu boykottieren, wie dieser Textfälscher und Falschzitierer dort sein Unwesen treiben kann. Als derzeitiger Miteigentümer des Spiegel verdient Augstein sogar noch an seinen Fälschungen und Diskreditierungen. Augstein steht leider für einen Journalismus, in dem sich das Berufsethos (wahr zu berichten und zu bewerten) dem politischen Zweck offenbar immer skrupelloser unterordnet.