Thomas Rietzschel / 28.07.2017 / 19:55 / 4 / Seite ausdrucken

Wenn das Volk die Macht ergreift…

Als "Festredner" geladen, sagte Ferdinand von Schirach beim Staatsakt zur Eröffnung der Salzburger Festspiele dem Publikum, Politikern und sonstigen Anführern, was sie hören wollten. Es werde "furchtbar", näselte der schriftstellernde Strafverteidiger, wenn man dem Volk erlaube, die "Macht" auszuüben, die dem Gesetz nach von ihm ausgehen soll. Denn der "angebliche Wille des Volkes" sei "unberechenbar, er ist wild und brutal und kann jederzeit aufgestachelt werden, eine kleine Kränkung reicht dafür aus". Das gelte heute mehr denn je, da sich die Masse des Internets zu bemächtigen drohe, um auch politisch mitzureden, der Elite ins Handwerk zu pfuschen.

Damit es soweit nicht kommt, der "Volkswille" nicht Gefahr läuft, sich "für das Falsche, Dunkle, Furchtbare" zu entscheiden,  bedürfe es einer politischen Autorität, die den Bürger vor sich selbst in Schutz nimmt. Das war die Quintessenz beim festichen Auftritt eines "Tuis", wie ihn Bertolt Brecht nicht heimtückischer auf die Bühne hätte stellen können. Sichtlich gefiel sich Ferdinand von Schirach in der Rolle des zum "Tellekt-Uell-In" gewandelten Intellektuellen, des, so würde Brecht sagen, "Speichelleckers", "Bemäntlers" und "Weißwäschers", kurzum des Wasserträgers einer politischen Klasse, die sich zur Vormundschaft über das Volk berufen fühlt.

Das Publikum und sein Laudator waren ein Herz und eine Seele. Lang anhaltender Beifall belohnte die Lobhudelei der politischen Hybris. Wie dieser Applaus Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal, den Gründern der Salzburger Festspiele, in den Ohren geklungen hätte, wollen wir uns lieber nicht vorstellen. 

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Leserpost (4)
Marco Holter / 29.07.2017

Wahnsinn. Da stellt sich jemand auf die Bühne, redet sinngemäß etwas von “mehr Diktatur wagen) und wird mit standing ovations gefeiert. Die Szenerie, die Sie beschrieben erinnert mehr an die DDR Volkskammer zu Erichs Zeiten und nicht an eine Bundesrepublik anno 2017.

Rudolf George / 29.07.2017

Von Schirach. Ein Namen mit Tradition.

Gabriele Kremmel / 28.07.2017

Von welchem leicht zu kränkenden und wild und brutal reagierendem Volk (wenn es einmal aufgestachelt ist) spricht Herr Schirach denn da? In meinem privaten Umfeld kenne ich niemanden, auf den diese Etikettierung passen würde.

Frank Holdergrün / 28.07.2017

Es ist eine sehr harte, finstere und gefährliche Zeit über uns gekommen. Sie ist wohl über ganz Europa gekommen, aber keines der anderen Völker hat so viele Fugen in seiner Rüstung, durch die das Gefährliche eindringt und sich bis ans Herz heranbohren kann. (Hugo von Hofmannsthal)

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