Wenn das Recht auf eine eigene Meinung zum Recht auf eigene Fakten wird

Von Rudolf Taschner.

Die Bürger Roms lebten zur Zeit der Völkerwanderung in einer postfaktischen Epoche: Sie machten sich noch Illusionen von einem mächtigen Kaiser, der in Wahrheit eine Marionette seiner primitiven Soldaten war, von einem Senat, der in Wahrheit nichts mehr zu vermelden hatte, von einem Ewigen Rom, das in Wahrheit der Verwüstung durch die Vandalen ausgeliefert war, von einem Kulturvolk, das in Wahrheit durch einen markanten Geburtenrückgang dezimiert war, kaum nennenswerte Leistungen hervorbrachte, sich in der Dekadenz suhlte und von atavistischen Horden überflutet wurde.

Wer sich dem Postfaktischen ergibt, für den zählen Fakten nicht mehr. Er verweigert stur den Blick auf das, was der Fall ist. Natürlich darf er mit gewisser Berechtigung behaupten, dass die Tatsachen heutzutage nicht mehr das sind, was sie einmal waren. Angesichts der Datenfülle, die auf ihn niederprasselt (womöglich von Filtern selektiert, die Präferenz berücksichtigen), Virtuelles und Reales vermengt und scheinbar alles wie wirklich erscheinen lässt, beginnt selbst Manifestes zu wanken.

Gibt es noch das männliche und weibliche Geschlecht?

Ist das Geschlecht eines Menschen von Natur vorgegeben und im Normalfall entweder weiblich oder männlich? Wer dies heute noch behauptet, setzt sich der Entrüstung derer aus, die von einer Definition des Geschlechts durch die Gesellschaft schwadronieren, die eine Zweiteilung als verstaubtes Diktat empört zurückweisen, die es als diskriminierend – eines der Lieblingswörter der moralisch Empörten – verdammen, von einem „Normalfall“ zu sprechen.

Ist genügend Kapital für die Zahlung künftiger Pensionen vorhanden? Wer dies aufgrund der deprimierenden Fakten verneint, der wird totgeschwiegen. Wer als unumgängliche Maßnahme eine radikale Anhebung des Pensionsantrittsalters aufgrund eindeutiger demografischer Befunde fordert, der eignet sich sogleich die Rolle einer Kassandra an. Selbst ein mildes automatisiertes Verfahren der Anhebung wird von den postfaktischen Hans-guck-in-die-Luft-Politikern mit dem so ans Herz rührenden Argument abgeblockt, man stemme sich gegen den seelenlosen Computer.

Das sind nur zwei Beispiele einer Legion. Das postfaktische Gerede, bei dem nur das Gefühl zählt und der kühl abwägende Verstand sowie der nüchterne Blick auf die Tatsachen als schädlich für den Zuspruch der vielen nach Verblendung süchtigen Wähler verdrängt werden, nimmt in fast allen Sektoren der Politik überhand.

Tatsachen stören nur den herrschaftsfreien Diskurs

Viele der Kommentare dieser Zeitung, zumal die pointierten „Quergeschrieben“-Artikel meiner Kollegen Gudula Walterskirchen oder Christian Ortner, belegen dies in erschreckender Deutlichkeit. Eingebrockt haben uns die postfaktische Politik die Alt-68er, die damals noch geglaubt haben, im sogenannten herrschaftsfreien Diskurs alles und jedes ihnen sympathisch Scheinende als Ziel zu verkaufen, egal, ob es durch Fakten gestützt wird oder nicht.

Die Sprache wurde von ihnen ihren Zielen gemäß alles andere als herrschaftsfrei zurechtgestutzt, und man erfand die politische Korrektheit. Wehe, wenn einer mit Tatsachen argumentiert, welche die Sensibilität von Minderheiten – auch ein Schlüsselbegriff der sich tugendhaft posierenden Empörungsgemeinde – verletzen.

Jetzt aber haben die politischen Gegner der Alt-68er den gleichen Trick entdeckt. Sie praktizieren ihn – Donald Trump ist Protagonist dafür – vielleicht plumper und rabiater als jene, aber vom Wesen her ist es das Gleiche: Das Recht auf eine eigene Meinung schwillt zum Recht auf eigene Fakten an. Inzwischen sorgen die sich aus den brutalen Tatsachen anhäufenden Probleme dafür, dass wir der Zukunft nicht mehr Herr werden.

Rudolf Taschner ist Mathematiker an der TU Wien und betreibt das Projekt Math.space im Wiener Museumsquartier. Soeben ist sein neues Buch, „Woran glauben. 10 Angebote für aufgeklärte Menschen“ (Brandstätter Verlag), erschienen.

Foto: Julio Fernández ataulfocamposantos GFDL via Wikimedia

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Leserpost (3)
Martin Lederer / 19.10.2016

Nichts für ungut. Ich habe den Artikel nicht gelesen. Ich wollte mich nicht ärgern. Aber wenn Frau Merkel von “postfaktisch” spricht, springen die Journalisten wie Pawlowsche Hunde auf diesen Zug. “Gutmenschen” haben Fakten noch niemals interessiert. Sie interessiert das gute Gefühl und die “Empathie”. Und viele auch ihr persönlicher Vorteil.

Lutz Muelbredt / 19.10.2016

Apropos Rom. Stammte der Spruch “wenn du sie nicht begeistern kannst, dann verwirr sie!” nicht aus jener Zeit? Und haben die Aufklärung und Säkularismus nicht ihren Beitrag geleistet, daß Irrungen und Wirrungen solchen Ausmaßes inzwischen unmöglich geworden sind?

Bernhard Freiling / 19.10.2016

Selbstverständlich kann man “Daten, Zahlen und Fakten” ignorieren und durch “Glaube, Liebe und Hoffnung” ersetzen. Im Endeffekt wird sich die “Macht des Faktischen” trotzdem durchsetzen. Auf die eine oder andere Weise. Auch Ignoranz und/oder Schönrederei führt zu Ergebnissen, die man zwar auch wieder ignorieren kann, die sich aber auf Dauer manifestieren und nicht übersehen werden können. Umso herber wird dann der Moment, in dem man sich den Ergebnissen der dauerignorierten Fakten stellen muß.  Und natürlich schafft sich Jeder seine eigene Wahrheit. Das war schon immer so, aber auch nie leichter als gerade heute. Im Präinternetzeitalter konnte man seine eigene Meinung nur im Verwandten- oder Bekanntenkreis verbreiten (es sei denn, man war Publizist) und bekam mehr oder weniger Widerspruch. Mit dem hatte man sich dann aber auseinanderzusetzen. Heute muß einen die anderslautende Meinung nicht mehr kümmern. Im Internet, in den “sozialen Medien”, findet man eine unüberschaubare Anzahl Gleichgesinnter; völlig unabhängig davon, welch noch so abseitiger Meinung man anhängen sollte. Nach wie vor gilt: Gleich zu Gleich gesellt sich gern.  Webseiten, die eine ähnliche Meinung verbreiten wie man sie selbst hat, werden immer häufiger besucht. Auf Dauer kann man dadurch zu dem irrigen Schluss kommen, “eine Mehrheit” würde die gleiche Meinung vertreten wie man selbst; ein ziemlich schräges Bild der Realität ist dann die zwangsläufige Folge. Meines Erachtens wird die “Glaube, Liebe und Hoffnung”-Fraktion weiterhin stärkeren Zulauf erhalten als die “Daten, Zahlen und Fakten”-Fraktion. Unser Bildungssystem zielt seit Jahrzehnten darauf ab, immer mehr “nützliche Idioten” hervorzubringen. Immer mehr Menschen, die mangels umfassender Bildung mit “Daten, Zahlen und Fakten” immer weniger anfangen können, dafür aber gaaanz stark sind, wortgewandt “Glaube, Liebe und Hoffnung” Parolen in die Welt zu setzen. Und da kann, abseits von der Faktenlage, Jeder mitreden.

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