Neulich saß ich morgens am Rechner, der erste Kaffee stand daneben, und wie so oft klickte ich mich durch die Schlagzeilen bei Google News. Kein gezieltes Suchen, kein tiefes Lesen, einfach diese typische Morgenroutine. Ein Blick hier, ein Blick da – Politik, Wirtschaft, irgendwas mit Ausland, irgendwas mit Schule. Und dann blieb ich hängen. Nicht, weil es besonders laut formuliert war, sondern weil es beiläufig klang.
In einem Artikel wurde erwähnt, dass literarische Klassiker inzwischen in vereinfachter Sprache im Unterricht behandelt werden, damit Schülerinnen und Schüler dem Stoff besser folgen können. Gymnasium. Klassiker. Einfache Sprache.
Ich las den Absatz zweimal. Nicht, weil er kompliziert gewesen wäre, sondern weil ich kurz prüfen musste, ob ich ihn richtig verstanden hatte. Nein, es ging nicht um Fördermaterial. Nicht um Zusatzangebote. Es ging um regulären Unterricht. Klassiker in einfacher Sprache. Und je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass das kein Ausrutscher war, sondern ein Symptom.
Klassiker in einfacher Sprache also: Goethe, Schiller, Shakespeare, Kleist, Kafka. Alles ohne sprachliche Fallhöhe, ohne Pathos, ohne Reibung, ohne Zumutung. Sorgfältig glattgezogen und so weit heruntergedimmt, dass niemand mehr an ihnen wachsen muss. Man kann darüber schmunzeln. Oder den Kopf schütteln. Oder man hält kurz inne und fragt sich, was hier eigentlich gerade passiert.
Das Gymnasium war früher kein Ort, an dem man sich wohlfühlen musste. Es war kein pädagogischer Schonraum und kein sozialer Ausgleichsmechanismus. Es war der Ort, an dem sich diejenigen versammelten, die abstrakt denken konnten, die Mehrdeutigkeit aushielten und sich durch komplexe Texte arbeiteten. Nicht im Sinne sozialer Überlegenheit, sondern im Sinne geistiger Leistungsfähigkeit. Nicht alle kamen dorthin. Und das war auch nie der Plan.
Das Gymnasium war keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Qualifikation. Wer dort war, wusste, dass es anstrengend wird. Sprache war kein Service, sondern Werkzeug. Texte waren keine Einladung, sondern Herausforderung. Man arbeitete sich hinein oder man ging. Beides war normal. Beides war legitim.
Heute scheint genau dieser Gedanke unerträglich geworden zu sein. Unterschiede gelten als ungerecht. Selektion als Zumutung. Überforderung als pädagogisches Versagen. Also dreht man die Logik um. Nicht mehr die Lernenden wachsen an der Anforderung, sondern die Anforderung wird so lange abgesenkt, bis sie niemanden mehr überfordert. Nicht die Lernenden wachsen am Werk, das Werk schrumpft zu ihnen. Und irgendwann ist es so klein, dass es niemanden mehr herausfordert.
Das ist kein Missverständnis und kein pädagogischer Unfall. Es ist die logische Folge einer Denkweise, die beschlossen hat, dass alle alles können sollen. Unterschiedliche Begabungen passen nicht mehr ins Bild. Unterschiedliche Belastbarkeit stört. Unterschiedliche Leistungsfähigkeit wirkt ausgrenzend. Also tut man so, als gäbe es sie nicht. Man verpackt das in wohlklingende Begriffe. Inklusion. Teilhabe. Chancengerechtigkeit. Begriffe, die moralisch unangreifbar sind und politisch hervorragend funktionieren. Nur leider nicht in der Realität.
Der verlorene Anfang
Natürlich gibt es viele Wege ins Berufsleben. Akademische Laufbahnen, medizinische Berufe, soziale Tätigkeiten, technische Spezialisten, Verwaltung, Dienstleistung. Viele davon sind anspruchsvoll, notwendig und verdienen Respekt. Der Blick richtet sich hier bewusst auf das Handwerk und die duale Ausbildung. Nicht, weil andere Wege geringer wären, sondern weil sich an diesem Beispiel besonders klar zeigt, was sich strukturell verändert hat.
Früher hat man Unterschiede organisiert. Schule war gestaffelt. Hauptschule, Realschule, Gymnasium, Förderschule. Keine dieser Schulformen war eine Beleidigung. Jede hatte ihre Funktion. Ausbildungsbetriebe wussten das. Handwerksbetriebe gingen gezielt in Haupt- und Realschulen. Nicht aus Imagegründen, sondern weil dort die Menschen saßen, die man brauchte. Man sprach miteinander. Man machte Angebote. Ohne Hochglanzbroschüren, ohne Employer Branding.
Der größte Anreiz war oft nicht das Geld. Es war ein Zimmer. Ein Lehrlingswohnheim. In der Nähe des Betriebs, in der Nähe der Berufsschule. Ein Bett, ein Schrank, eine Gemeinschaftsküche. Weg von zu Hause. Eigenständig. Frei, wenn auch mit kleinem Radius. Die Augen leuchteten. Nicht, weil es bequem war, sondern weil es ein eigenes Leben war.
Dieses eigene Leben begann denkbar schlicht. Man zog nicht mit Möbelwagen ein, sondern mit dem, was man hatte. Ein alter Fernseher, gerade groß genug für die Nachrichten am Abend. Ein überschaubares Maß an Kleidung. Ein Fahrrad, um zwischen Wohnheim, Betrieb und Schule überhaupt beweglich zu sein. Vielleicht ein altes Handy, robust, damit man erreichbar war. Wer aus einem besser gestellten Elternhaus kam, hatte eventuell noch eine Spielkonsole. Viel mehr war nicht vorgesehen.
In der Küche standen ein paar alte Töpfe von zu Hause. Zwei Teller. Zwei Tassen. Ein Satz Besteck. Zum Wäschewaschen fuhr man am Wochenende heim und bat die Mutter, die Sachen einmal mit durchlaufen zu lassen. Niemand empfand das als Mangel. Das war einfach der Anfang. Man nahm, was man hatte, und machte etwas daraus.
Das Geld war knapp. Sehr knapp. Es reichte für das Nötigste. Vielleicht für eine zusätzliche Tafel Schokolade. Für manche ein paar Bier am Wochenende. Mehr nicht. Und niemand stellte das ernsthaft infrage. Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Dieser Satz war allgegenwärtig. Irgendwann sagte man ihn sich selbst.
Diese Einfachheit war kein Zwang, sondern eine innere Haltung. Man wusste, dass das hier kein Zielzustand war, sondern ein Anfang. Dass man sich nichts leisten konnte, hieß nicht, dass man sich nichts leisten dürfte, sondern dass man erst etwas leisten musste. Man erwartete nicht, versorgt zu werden. Man erwartete, sich zu beweisen.
Vor diesem Hintergrund war Ausbildung zwangsläufig hart. Nicht aus Bosheit, sondern aus Konsequenz. Man wurde gefordert. Man wurde herumgeschickt. Man stand im Regen, weil der Ausbilder der Meinung war, dass man nur so lernt, was einen draußen erwartet. Das war nicht immer fair, oft grenzwertig. Aber es folgte einer Logik: Hier wird niemand geschont, hier wird jemand aufgebaut.
Viele nahmen das an. Nicht aus Leidenslust, sondern weil sie begriffen hatten, dass sich hier entscheidet, ob aus jemandem, der in der Schule vielleicht nicht glänzte, doch noch ein stabiler Teil dieser Gesellschaft wird. Verantwortung übernehmen. Zuverlässig sein. Durchhalten. Erst liefern, dann fordern.
Am Ende stand etwas, das heute selten geworden ist: Stolz. Nicht der laute, sondern der stille. Der Stolz, etwas zu können. Etwas auszuhalten. Und oft blieb man im Betrieb. Man wuchs gemeinsam, sparte, arbeitete sich hoch. Nicht selten kam nach dem Lehrabschluss Unterstützung beim Führerschein oder bei der ersten eigenen Wohnung. Nicht aus Großzügigkeit, sondern weil klar war: Hier hat sich jemand bewährt.
Heute ist Ausbildung häufig Durchgangsstation. Betriebe investieren, andere profitieren. Loyalität gilt als naiv. Wer bleibt, als ambitionslos. Wer wechselt, als zielstrebig. Und viele lernen früh: Fordere zuerst. Liefere später. Vielleicht.
Wenn Arbeit nivelliert wird
Diese Denkweise bleibt nicht in der Schule. Sie wandert weiter. Ins Studium, das zunehmend verschult wird, damit niemand scheitert. In den Arbeitsmarkt, der Unterschiede nicht mehr sauber abbilden soll. Und irgendwann steht man in einem Betrieb und fragt sich, warum Berufseinsteiger fast genauso viel verdienen wie Menschen mit Jahrzehnten an Erfahrung. Und warum Letztere sich fragen, wofür sie das alles eigentlich gemacht haben.
Der Mindestlohn ist dafür ein dankbares Beispiel. Politisch verkauft als Akt der Gerechtigkeit, praktisch ein grobes Instrument. Eine Zahl für alles. Egal ob hochkonzentrierte Verantwortung, egal ob körperlich oder psychisch belastende Arbeit, egal ob einfache, schnell ersetzbare Tätigkeit. Eine Stunde ist eine Stunde. Gleich ist gleich.
Nur denkt der Markt anders. Und der Kunde auch. Wenn das Essen im Restaurant deutlich teurer wird, geht man seltener hin. Nicht aus Protest, sondern aus Vernunft. Wenn der Friseur zum Luxus wird, greift man zur Schermaschine. Wenn die Reinigung zu teuer wird, erledigt man es selbst. Und wenn sich das alles nicht mehr trägt, verschwindet der Job. Nicht spektakulär, sondern leise. Weniger Stunden. Mehr Druck. Oder gar nicht mehr.
Und dann wundert man sich. Über Schwarzarbeit. Über Subunternehmerketten. Über Betriebe, die aufgeben, obwohl sie wirtschaftlich sauber gearbeitet haben. Über Wertschöpfung, die zwar noch existiert, aber immer weniger dort ankommt, wo sie eigentlich entstehen sollte. Auch das ist kein Zufall. Es ist die logische Folge davon, dass man Unterschiede nicht mehr aushalten will.
Wenn man all diese Entwicklungen nebeneinanderlegt – die Vereinfachung von Bildung, die Nivellierung von Arbeit, die Austauschbarkeit von Menschen –, dann ergibt sich ein Bild. Kein finsterer Plan. Keine geheime Steuerung. Aber eine Richtung. Eine Gesellschaft, in der Besitz an Bedeutung verliert, Bindung flexibel wird und Menschen vor allem eines sein sollen: anpassungsfähig, funktional, ersetzbar.
Man muss das nicht glauben. Man muss es nicht gutheißen. Aber man kann kaum übersehen, dass man systematisch alles abbaut, was Menschen widerstandsfähig, eigenständig und tragfähig macht. Nicht, weil jemand bewusst eine Generation schwächen will, sondern weil man alles vermeidet, was fordert. Wenn Bildung nicht mehr fordert, sondern begleitet. Wenn Arbeit nicht mehr unterscheidet, sondern nivelliert. Wenn Verantwortung als Belastung gilt. Wenn Anspruch wichtiger wird als Bewährung. Dann entsteht kein freier, starker Mensch. Dann entsteht ein abhängiger. Einer, der Sicherheit sucht statt Verantwortung. Einer, der Versorgung erwartet statt Aufbau. Einer, der gut funktioniert, aber wenig trägt. Goethe hätte dafür vermutlich einen sehr langen, sehr unbequemen Satz gebraucht. Aber keine Sorge. Man hätte ihn heute vereinfacht.
Patrick Peschl, geb. 1979 in Potsdam, ausgebildeter Bürokaufmann sowie Elektroanlagenkonstrukteur, arbeitet in der technischen Planung industrieller Anlagen. Zuvor mehrere Jahre lang als Zeitsoldat unter anderem beim KFOR-Auslandseinsatz im Kosovo tätig. Lebt als Selbstversorger mit seiner Familie auf einem kleinen Hof auf dem Land.
Bravo, Herr Peschl, der sozialistische Einheitsbrei, welcher durch staatlich organisierte Gleichmachung, Nivellierung aller Unterschiede, Schleifung von gestaffelten Schulsystemen und vorgegaukelter ‚Gerechtigkeit‘ entsteht, sorgt bei mir zunehmend für Übelkeit. Den Brechreiz dazu ertrage ich bereits seit 2015. Die letzten beiden Sätze mochte ich schlicht nicht in einfacher Sprache schreiben. Manchmal wünsche ich mir den „Kindergarten-Cop“ für unsere Eliten als verpflichtende Fachfortbildung. Allerdings befürchte ich, daß für diesen Traum mein Zitronenfalter weiterhin Südfrüchte zusammenfalten darf. Manchmal träume ich auch von einem „Deutschen Aufstand der Denkfähigen“; oder wird man für solch einen Satz im Jahr 2026 mittlerweile morgens um 6 Uhr mit griffbereitem Bademantel rausgeklingelt? Diese rhetorische Frage stelle ich natürlich für einen Freund, da ich meistens eine feige und oft ziemlich bequeme Kartoffel bin.
Man schaue sich nur mal eine beliebige deutsche Quizsendung an. Da trifft man auf illustre Kandidaten, zu 80% irgend was studiert oder gerade dabei. Zum Beispiel eine Geographie Studentin, welche die Ägäis in der Südsee verortet, eine Medizinern, welche daran scheitert aus wie vielen Lappen die Lunge besteht und so weiter. Wohlgemerkt, da ging es nicht darum einen Picasso von einem Kandinsky zu unterscheiden, sondern ums eigene Fachgebiet. Dennoch liesse sich die Liste fast endlos fortsetzen, so dass man nur noch hoffen kann, solchen Leuten nie beruflich zu begegnen.
Wenn wir ehrlich sind: Manches, was man auf dem Gymnasium beigebracht bekam, war auch ziemlich überflüssig und zu formell (ob Schüler nach der 100. Gedichtanalyse noch einen guten Zugang zu Lyrik hatten, sei dahingestellt). Manche Schikanen in der Lehrzeit waren auch überflüssig und es hätte sie nicht geben sollen. Man sollte also die Vergangenheit vielleicht auch nicht zu sehr idealisieren. Dass man jedoch „wir schreiben mal, wie wir denken, dass es geschrieben werden könnte, passt schon“ eingeführt hat, Klassiker heruntertuned und dann teilweise noch das schriftliche Dividieren abschafft, kann man nur damit erklären, dass alles nivelliert werden soll, um den Preis der Kulturzerstörung. Das ist kein Zufall, das ist Absicht.
Lehrjahre sind keine Hurenjahre. Von wegen. Da könnte ich aus unserem Betrieb allerhand berichten aus den letzten 40 Jahren. Früher war es sogar noch viel schlimmer. Und mehreren von denen hats genützt, sehr sogar, eine sitzt sogar im Landtag.
Ein recht guter Artikel ! Viele Sachen und Darstellungen kann ich gut nachvollziehen, hab es z.T. selbst erlebt. Aber dass der Autor im hohen Alter noch mit Gendern anfängt, missfällt mir sehr. Daher verzichte ich auf ein nochmaliges Lesen des Artikels um Schaden fernzuhalten.
„Wenn der Friseur zum Luxus wird, greift man zur Schermaschine.“ – Nicht bei den Frauen. Die haben wieder Frisuren aus der Nazizeit.
Lernen strengt an. Leistung erbringen strengt an. Eine Gesellschaft, die die Work-Life-Balance in den Köpfen verankert hat, schafft nichts mehr. Die ist auch nicht in der Lage Haus, Wohnung, Familie oder Kita vor Kriminellen oder vor Fremdmilitär (dessen Raketen) zu schützen. Diese verpeilte Gesellschaft lobpreist Second-Hand-Ware, die in Wahrheit Fifth-Hand-Ware ist. Das ist geistige Verwahrlosung. Studenten entscheiden, wer sie unterrichten darf und auf welchem Niveau. Eltern dulden, mit welchen Dummheitsgrad ihre Kinder aus der Schule kommen, weil ihre Kinder selbst entscheiden dürfen. Welcher halbwegs gesunde Bürger hat da nicht Sehnsucht nach Autokratie oder Diktatur, um den Verfall des Systems aufzuhalten?
Pol Pot hat dieses Nivellieren „etwas“ übertrieben, aber es ist die Denkungsart von Sozialisten, für die ein selbstdenkender Mensch per se eine Gefahr ist, weil er den basalen Fehler ihrer Ideologie und das, was daraus folgt, erkennen könnte. Wir leben in einem Herrschaftssystem, in dem z.B. die Kenntnis der Grundformel der Fotosynthese und den sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen zur Gefahr für die Herrschenden wird. Daraus resultiert zwingend die Notwendigkeit der Massenverblödung.