Die Geschichten, die Kindern der Inuit auf Grönland während langer Polarnächte erzählt werden, unterscheiden sich erheblich von jenen, die bisweilen gedruckt unter Kopenhagener Weihnachtsbäumen liegen. Denn grönländische Märchen und Sagen könnten dänische Kinder ängstigen, weil sie Entbehrungen und Schrecken des Lebens in der Arktis schildern. Überdies klingen sie wohl gänzlich anders, wenn sie nicht auf dänisch, sondern im Kreis vertrauter Menschen auf Kalaallisut, der Sprache der Grönländer, erzählt werden. So die Geschichte von Sassuma Arnaa, der Mutter des Meeres, die gewiss nur verstehen kann, wer bedenkt, was der Verlust des erfahrensten Jägers und des Kajaks für eine grönländische Familie bedeutete. Also: Sassuma Arnaa geriet mit ihrem Vater in einen furchtbaren Sturm. Als das Boot zu kentern drohte, warf der verzweifelte Vater seine Tochter über Bord. Die junge Frau hielt sich jedoch am Kajak fest, sodass dem Vater keine andere Wahl blieb, als ihr die Finger abzuschneiden. Die abgetrennten Finger fielen in das eisige Wasser und schwammen als Wale davon, während einige die Gestalt von Robben annahmen. Sassuma Arnaa jedoch versank und wurde zur rachsüchtigen, mächtigen Herrscherin über das Meer und alle Tiere darin. Wenn künftig Jäger ertranken oder Hungersnöte die Menschen heimsuchten, weil sie bei der Robbenjagd erfolglos blieben, dann war dergleichen das Werk der Meeresgöttin. Umstimmen konnten sie nur Schamanen, die sich tanzend und trommelnd in einen Trancezustand versetzten und dann in ihr Reich hinabstiegen, um Sassuma Arnaas Haar zu kämmen. Sie konnte das ja selbst nicht tun, weil ihr die Finger fehlten.

So liest man es bei dem auf Grönland aufgewachsenen Ethnologen und vielseitigen Wissenschaftler Knud Rasmussen oder bei anderen, die das Dasein der Eskimos erforschten. Ich weiß, das Wort Eskimos kann heute viele erschrecken, obwohl sie es dann doch benutzen müssen, weil es Mühe bereitet, polare Völkerschaften wie die Inuit (Grönland, Nordkanada und Nordostalaska), die Inupiat (Nordwestalaska und Teile Nordkanadas) und die Yupik (Nordostsibirien und Westalaska) zu unterscheiden und zu benennen. Das gilt insbesondere für Leute, die anderen gern Vorurteile unterstellen – also für jene unangenehmen Zeitgenossen, die weder das Leben noch die Welt sinnvoller Arbeit oder gar die Ferne kennengelernt haben und deshalb zur Rechthaberei neigen. Daher ist hier von Inuit die Rede, obgleich das während der fünfziger Jahre, als man aus Eskimokindern kleine Dänen machen wollte, noch nicht allgemein gebräuchlich war.

Streng verboten, Kalaallisut zu sprechen
Denn 1951, zwei Jahre vor der Eingliederung der Kolonie Grönland in das Königreich Dänemark, begann ein – offiziell so bezeichnetes – Experiment, bei dem von Angehörigen des dänischen Roten Kreuzes und eines Kinderhilfswerkes ausgesuchte grönländische Kinder von Nuuk nach Kopenhagen gebracht wurden. Sie sollten, so hieß es, in Dänemark erzogen werden und somit dem Leid auf der Insel entgehen: Armut, Unterernährung, keine Bildungsmöglichkeiten, Tuberkulose und andere Übel. Das schien gut gemeint, aber sicherlich war es vornehmlich Absicht der verantwortlichen Politiker, aus den Kindern „neue Menschen“ zu erschaffen, „kleine Dänen“, eine Elite, mit deren Hilfe die Kolonie künftig gestaltet werden sollte, ohne dass sie nach ihrer kolonialen Vergangenheit oder gar danach fragen würde, wem Grönland eigentlich gehöre. Die Eltern hatte man bedrängt, ihnen erzählt, welche wunderbaren Möglichkeiten der Aufenthalt in Dänemark ihren Kindern bieten würde: Bildung und künftiger Verdienst, Sprachkenntnisse, handwerkliche Fertigkeiten. Kurzum, wenn man darüber hinwegsieht, dass Betreuer den Kindern streng verboten, Kalaallisut zu sprechen, dann wurden damals Hoffnungen geweckt, wie sie zum Beispiel später sehr viele Migranten bis nach Deutschland getrieben haben. Geblieben ist davon – auch hierzulande – meist nur Enttäuschung und Entwurzelung, wenn man nicht zahlreich genug war, um Parallelgesellschaften zu bilden – und nicht selten sogar Hass auf die vermeintlichen Retter.

Das dänische „Experiment“ jedenfalls endete gewöhnlich mit dem Verlust familiärer Bindung, mit Depressionen, frühem Tod und Alkoholsucht. Eine Ausnahme bildete die Grönländerin Helene Thiesen, die im Alter von sieben Jahren ihrer verwitweten Mutter weggenommen und nach Dänemark gebracht wurde. Heute tritt Thiesen als geachtete Autorin und Pädagogin für die Rechte von Inuitkindern ein und klagt den dänischen Staat an, noch immer Menschenrechte zu verletzen. Freilich, sie hat studiert und einen Dänen geheiratet, der ihr beistand, wenn psychische Traumata sie peinigten. Denn die blieben nach dem Verlust der Muttersprache, der Kultur, des Haltes in einer Familie sowie nach den Aufenthalten in dänischen Pflegefamilien und sieben weiteren Jahren in einem grönländischen Waisenhaus nicht aus. „Ich habe den ganzen Weg zum Waisenhaus geweint. Ich hatte mich so darauf gefreut, meine Stadt wiederzusehen, aber ich konnte vor lauter Tränen nichts erkennen“, erzählt sie, wenn sie sich an ihre Rückkehr nach Grönland erinnert. Noch bewegender erscheint ihre Schilderung dort, wo sie vom Wiedersehen mit ihrer Mutter berichtet und damals begreifen musste, dass sie nicht verstanden wurde, weil sie nur noch dänisch sprechen konnte.

„Die Dänen glauben, dass wir minderwertige Menschen sind“
Da mag nun jemand nach dem Sinn dieses Beitrages fragen: In Deutschland gibt es keine bedrängten nationalen Minderheiten, deren Situation jener der Inuit vergleichbar wäre, und selbst illegale Migranten müssen weder Herabwürdigung noch kulturelle Auslöschung oder Versuche bedenkenloser Zwangsassimilation fürchten. Vielmehr soll hier berichtet werden, was trotz aller anders lautenden Beteuerungen in einer westlichen Demokratie möglich ist – zum Beispiel in der dänischen, der sich nunmehr Staaten und Bürger unbesehen verbunden fühlen, weil Donald Trump ihr Grönland wegnehmen will. Nun, es gab zwar Entschuldigungen der dänischen Regierung und gerichtlich erstrittene Entschädigungen, aber keine grundsätzlichen Veränderungen im Umgang mit Inuitkindern. Im Ausland wurde kaum etwas von den abscheulichen Vorgängen bekannt, bis Donald Trump begann, begehrlich und fordernd über die größte Insel der Erde zu sprechen. Davon aufgescheucht, wandten westeuropäische Medien sich kürzlich dem Thema zu, das sie natürlich weniger als anmaßendes soziales Experiment („allein der Staat entscheidet, wer entwicklungs- und erziehungsfähig ist, er bestimmt das Maß von Förderung und sozialer Unterstützung“) beschreiben. Sie sehen es stattdessen vorwiegend als Folge einer vergangenen „kolonialen Denkweise“ und der damit verbundenen „eurozentristischen Sicht auf die Erziehung“.
Auf der Grundlage meist von britischen Quellen verbreiteter Berichte nahmen nun auch deutsche Blätter daran teil (zum Beispiel DER SPIEGEL 52/2025). Mittelpunkt ist dabei Keira Alexandra Kronvold, eine grönländische Mutter, der 2024 ihre Tochter Zammi unmittelbar nach der Geburt vom dänischen Jugendamt weggenommen wurde. Nun ist so etwas auch in Deutschland möglich, wenn das Kindeswohl gefährdet sein sollte. Allerdings gibt es in Dänemark eine Elternkompetenzprüfung (FKU) genannte Handreichung für Behörden, die eine Entfernung von Kindern aus ihren Familien, ihre Unterbringung in Pflegefamilien und Adoptionen wesentlich erleichtern kann. Die damit verbundenen Tests haben freilich dazu geführt, dass Inuitkinder unverhältnismäßig häufig in dänischen Pflegefamilien untergebracht oder adoptiert werden. Nicht verwunderlich, wenn die Eltern sagen sollten, wer Sherlock Holmes oder Mutter Theresa war, wie die große Treppe in Rom und dieser und jener Baum heißt – Inuit lesen selten Reiseführer, und auf Grönland gibt es keine Bäume.

Sie unterlagen ebenso bei den im Mai des letzten Jahres endlich untersagten Rorschach-Tests, bei denen Probanden Tintenkleckse deuten müssen, denn natürlich sahen Inuit dabei Bilder aus ihrem Kulturkreis, zum Beispiel eine ausgewaidete Robbe. Da am Verstand der Prüfer kaum gezweifelt werden kann, liegt nahe, dass die Befragten versagen sollten. Allerdings bedeutete – so zynisch das auch klingt – die FKU inzwischen schon eine Form der Zuwendung, nachdem zum Beispiel während der sechziger und siebziger Jahre rund 4.500 Mädchen und Frauen der Inuit gegen ihren Willen Spiralen zur Schwangerschaftsverhütung eingesetzt worden waren – das war etwa die Hälfte der fruchtbaren weiblichen Bevölkerung Grönlands. Genug, „die Dänen glauben, dass wir minderwertige Menschen sind“, sagt Keira Kronvold, der die Psychologen „mangelnden Blickkontakt“ vorgeworfen haben, während jene, die sie zum Test bestellten, die Vorladung damit begründeten, man wolle sehen, ob sie „Teil der Zivilisation“ sei. Zwei Stunden hat man Keira Kronvold nach der Geburt ihrer Tochter gegeben, um sich von Zammi zu verabschieden. Ganz ohne Tintenkleckstest.
Brigitte Bardot umarmt ein Robbenbaby
Dabei ist sie in einer Fischfabrik auf dem Festland tätig und kann ihren Fall bei Interviews nicht nur auf Kalaallisut, sondern auch auf Dänisch und Englisch vortragen. Ihre Versuche, Zammi heimzuholen, blieben bisher trotz Unterschriftensammlungen und aller Unterstützung im Netz vergeblich. Der dänische Staat hat ihr lediglich acht Stunden Therapie bezahlt, und sie darf ihre Tochter einmal in der Woche für anderthalb Stunden besuchen. Die Hoffnung hat sie dennoch bewogen, einen der auf Grönland üblichen Hundeschlitten für Zammi zu bauen, aber ein Protokoll des Jugendamtes vermerkte nur, Sägespäne und Holzreste hätten tagelang in ihrer Wohnung herumgelegen. Immerhin ist es seit Mai 2025 verboten, Bestandteile des Elternkompetenztests auf Inuit anzuwenden. Eine Gruppe von Psychologen, Pädagogen und anderen Fachleuten, die mit der grönländischen Sprache und Kultur vertraut sind, soll nunmehr neuere Fälle überprüfen, die jenem von Keira Kronvold gleichen.
Kürzlich eine Gesprächsrunde belesener Menschen: Von Hans Egede ist die Rede und von Knud Rasmussen, vom hervorragenden dänischen Gesundheitswesen auf Grönland, vom Verlangen nach Unabhängigkeit und vom Zweifel, ob die bisher ungenutzten Ressourcen an Öl, Gas, Gold und Eisen sowie der Fischfang, mit dem Dänemark als Vermittler gute Geschäfte macht, die Entwicklungshilfe bald aufwiegen würden. Zwischendurch eine Diskussion über Schwarzen Heilbutt und Schneekrabben sowie Bilder aus der Arktis: Brigitte Bardot umarmt ein Robbenbaby, der unvermeidliche verhungernde Eisbär auf seiner winzigen Scholle, Besucher wie Vance und Trump junior, nirgendwo ein Inuit. Da wird es lebhafter: Wem gehört eigentlich Grönland? Die einhellige Meinung: Dänemark. Nur einer sagt: „Natürlich den Grönländern!“

Oder alles nur ein Good Cop / Bad Cop Spiel? Wer weis. Mir persönlich ist es reichlich Wurst wem Grönland gehört. Kultur und Lebensweise entsprechen auf jeden Fall mehr der von Alaska und Kanada, als jener von Dänemark. Und ob Dänemark es mit 250 Mann mit 5 Hundeschlitten auch gegen andere verteidigen könnte, welche da auch ein Auge drauf haben, ohne es laut auszusprechen, wage ich zu bezweifeln.
Wenn mir der Ami 100.ooo gäbe und den amerikanischen Pass in die Hand drückte, wissen Sie was? Ich täte ihn nehmen. Leider bekam ich nie ein solches Angebot. MEGA geht eben nur mit MAGA, das ist Realpolitik – was die Euros da machen ist lächerlich, der Russe feixt und verwandelt derweil die UA in ein Schlachthaus.
Jetzt wird dort alles gut: Die Bundeswehr schickt ein 13-Mann-Frau-Vorauskommando, Unterkünfte und sonst für die Abwehr der US-amerikanischen Bedrohung der Ureinwohner auszumachen. Nach dem Russen als Feinbild nun der „Ami“, erinnert mich irgendwie an schon dokumentierten deutschen Größenwahn, jetzt auf „Feldern“, mit denen „wir“ eigentlich null und nix zu tun haben, ober haben uns die Inuit oder Dänen um Beistand gerufen?
Alles, was der große Held Trump beabsichtigt, ist offenbar gut und richtig. Die Dänen waren die ganze Zeit böse, das ist merkwürdigerweise nur niemandem eingefallen, bevor Trump seine Krallen ausgefahren hat.
Ich plädiere für die Selbstbestimmung der Grönländer, die übrigens nicht nur aus Inuit bestehen. Vielleicht möchten sie ja auch frei und unabhängig sein.
@Sven Hoffmann „Keine Ahnung warum die Dänen überhaupt mit Herrn Trump über einen Teil ihres Staatsgebietes reden.“ Die kürzere Geschichte über Grönland ist ein Krimi. Noch ist der Wiki Eintrag nicht mutiert, es lohnt diesen „Dänisch-Westindien“ zu lesen. Deutschland spielt auch eine wichtige Rolle, erst recht in Kontext König-Adel und Kirche.
„Am 1. April 1917 wechselten die Inseln für 25 Millionen Dollar den Besitzer. Im Gegenzug konnte Dänemark seine Hoheit über ganz Grönland ausweiten.“ Und aktuell kreischt der Adel, Truthahnzüchter und Kirche, die keine Grundsteuer zahlen und wollen „ihre Gebiete“ zurück haben.
Grönland, ein etwas kalter Fleck Erde, wurde erstmals um 2500 vor Christus besiedelt, Paleo-Inuit People sind aus Nordamerika angekommen und haben die harsche Insel zur Heimat gemacht. Gegen 1200 vor Christus ist eine Thule-Kultur entstanden, die als Vorläufer-Kultur der heutigen Inuit gilt. 988 nach Christus kommt Erik der Rote in Grönland an, nachdem er aus Island vertrieben wurde. Er lässt sich auf der Insel nieder, gründet eine Ansiedlung, die zu ihrer Hochzeit rund 5000 Personen zählt und nennt die Insel „GREENLAND“, um Siedler anzuziehen. In der Tat ist es zu seiner Zeit und bis ins 15. Jahrhundert möglich, auf Grönland Ackerbau zu betreiben und die strategisch günstige Lage zu nutzen, um Handel zu treiben. Indes, der Beginn der kleinen Eiszeit um das 15. Jahrhundert setzt dieser Prosperität ein frostiges Ende. Grönland verschwindet aus der europäischen Wahrnehmung wird erst 1721 „wiederentdeckt“ als Hans Eegde, gesponsert vom König Dänemarks auf Grönland landet und die Rekolonialisierung der Insel für Dänemark einleitet. 1814 wird Grönlands‚ Status als Kolonie Dänemarks im Vertrag von Kiel festgeschrieben.
Seit 1941 befindet sich eine US-amerikanische Militäranlage auf der Insel, die zunächst als Thule Airbase benannt ist, heute den Namen Pittufik Space Base trägt. Sie beherbergt einen Teil des Raketen Frühwarnsystems der USA und rund 150 Mann Personal.
1953 endet der Kolonialstatus von Grönland und die Insel wird „Region/Bezirk“ von Dänemark, ein Status, der vielen Bewohnern auf Grönland nicht gefällt, so dass mit Inkrafttreten des Selbstverwaltungsgesetzes von 1979 ein Parlament (Inatsisartut) und eine Regierung (Naalakkersuisut) etabliert werden, die Autonomie über Bildung, Gesundheit und Fischerei ausüben. 1982 führt diese Autonomie zu einem Referendum über den Verbleib Grönlands in der Eurpöäischen Wirtschaftszone, das mit dem Austritt Grönlands und dem Schutz der Gewässer um Grönland vor EU-Fishtrawlern endet.
ergo: zu den USA!!! ;-)
Wenn Grönland den Grönländern gehört – wem gehört dann Palästina?