Karl Pfeifer / 21.02.2007 / 10:59 / 0 / Seite ausdrucken

Weltstadt mit Herzschmerz

Als ich gestern abend (19.2.07) einige pessimistische Bemerkungen von Henryk M. Broder über ein mögliches Eurabia hörte, dachte ich mir, dass er doch ein wenig übertreibt, doch heute musste ich erfahren, dass wir tatsächlich auf dem besten Weg dorthin sind.

Broder hielt gestern vor einem bis zum Rand vollen Saal im Wiener Jüdischen Gemeindezentrum einen Vortrag, der hoffentlich bald veröffentlicht wird. Er wurde im Namen der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) vom Amtsdirektor Raimund Fastenbauer begrüßt, der u.a. darauf aufmerksam machte, dass von Islamischer Seite Einspruch gegen die Einladung an Broder kam und dass die IKG selbst entscheidet, wer in ihrem Gemeindezentrum sprechen darf. Bemerkenswert war sein Hinweis darauf, dass während die IKG gegen den fremdenfeindlichen, antitürkischen und antiislamischen Wahlkampf der FPÖ protestierte, von der Islamischen Gemeinde kein Protest zu hören war, als Vertreter des iranischen Regimes, dessen erster Mann den Holocaust leugnet, in Wien waren, .

Tatsächlich war es nicht das erstemal, dass die von Herrn DI Tarafa Baghajati angeführte Muslimische Initiative gegen eine Veranstaltung protestierte.

Weil ich interessiert war, Henryk M. Broder in einer ganz anderen Umgebung zu erleben, besuchte ich seinen Vortrag heute abend (20.2.07) in der Städtischen Bibliothek im XIV. Wiener Gemeindebezirk. Auch hier war der Raum voll. Ein Platz in der ersten Reihe war reserviert für Herrn DI Tarafa Baghajati, der, nachdem Broder aus seinem Buch gelesen hatte, sich als erster Diskutant zu Wort meldete. Baghajati hielt ein Koreferat, erzählte von seinen vier Kindern und wie wohl er sich in Österreich fühlen würde, um dann zu leugnen, dass er gegen Broders Vortrag in der Städtischen Bibliothek interveniert hätte. Es sollte sich herausstellen, dass er wieder einmal die Unwahrheit behauptet hatte.

Tatsächlich kam kurz vor Beginn der Veranstaltung von der zuständigen Magistratsabteilung die Weisung, doch auf dem Podium einen zweiten Stuhl für DI Tarafa Baghajati hinzustellen, um aus einer Buchvorstellung eine Podiumsdiskussion zu machen. Die Leiterin der Bibliothek weigerte sich, dieser Weisung zu folgen und so offensichtlich zu machen, dass die einfachen Regeln des Anstands und der Meinungsfreiheit für die Vertreter der Stadt Wien nicht bindend sind, die in vorauseilendem Gehorsam die angekündigte Vorlesung nicht haben wollten. Diese Vorgangsweise der Magistratsabteilung Nr. 13 bestätigt die ärgsten Befürchtungen von Henryk M. Broder, der sich mit Geduld und Gelassenheit die zum Teil sehr bedenklichen Aussagen einiger Diskutanten anhörte und wo es möglich war beantwortete. Eine Reihe von Diskutanten schien ernsthafte Probleme mit der katholischen Kirche Österreichs zu haben, was zwar nicht Thema des Buches war, doch den aus Deutschland gekommenen jüdischen Schriftsteller zwang, diese Diskutanten zu bitten, die Kirche im Dorf zu lassen.

Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass am Ende der Diskussion, der Träger der Viktor Adlerplakette der SPÖ, Prof. Rudolf Gelbard, auf die Doppelzüngigkeit von Herrn Baghajati aufmerksam machen musste.

Es schaut in Österreich offenbar nicht gut aus mit der Meinungsfreiheit, das weiß man auch aus den Urteilen des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofes, denn kein anderes Land außer der Türkei wurde so oft wegen Verletzung dieser Grundfreiheit verurteilt wie Österreich. Nach der Veranstaltung gingen einige Zuhörer auf die Leiterin der Bücherei zu und bedanken sich für ihren Mut, die Veranstaltung - so wie angekündigt - durchzuführen.

Weit sind wir in Wien gekommen, dessen Politiker nicht müde werden zu betonen, dass wir hier in einer Weltstadt leben.

Siehe auch:
http://www.juedische.at/TCgi/_v2/TCgi.cgi?target=home&Param_Kat=16&Param_RB=&Param_Red=7408

 

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