Gastautor / 01.12.2016 / 06:29 / Foto: Hakeliha / 0 / Seite ausdrucken

Welt-AIDS-Tag: Wer HIV hat, ist selbst schuld?

Von Marisa Kurz.

Stellen Sie sich vor, Sie wären nach einem schweren Skiunfall an beiden Beinen gelähmt und müssten Ihren Angehörigen und Kollegen davon erzählen. Stellen Sie sich vor, Sie wären Raucher, und bei Ihnen wäre Lungenkrebs diagnostiziert worden und Sie müssten Ihren Angehörigen und Kollegen davon erzählen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt und sich mit dem HI-Virus infiziert und müssten Ihren Angehörigen und Kollegen davon erzählen. Was wäre Ihnen am unangenehmsten? Worüber wären Ihre Angehörigen und Kollegen wohl am meisten geschockt?

Eine nicht-repräsentative Umfrage in meinem Bekanntenkreis hat ergeben, dass es den meisten Befragten am unangenehmsten wäre, offen über eine HIV-Infektion zu sprechen. (Wenn Sie Sozialwissenschaftler sind und jetzt denken: Mensch, so eine Umfrage sollte man wirklich mal machen, dann zitieren Sie mich bitte, damit ich an Ihrem Ruhm teilhaben kann.) Tatsächlich haben auch repräsentative Studien, wie etwa eine Umfrage der Deutschen AIDS-Hilfe, gezeigt, dass HIV-Positive in unserer Gesellschaft stigmatisiert werden.

"Es wäre so leicht gewesen..."

Wenn es also so ist, dass HIV ein größeres Stigma bedeutet als andere Erkrankungen - warum ist das eigentlich so? Der Welt-AIDS-Tag ist, wie ich finde, eine gute Gelegenheit, dieser Frage nachzugehen. Sind Menschen der Meinung, dass HIV-Positive stärker „selbst schuld“ an ihrem Leiden sind als andere Kranke? Und ist das der Grund für die Stigmatisierung? Ich glaube schon. Der Gedanke, dass es „so leicht“ gewesen wäre, ein Kondom zu benutzen, ist schnell gedacht.

Aber mal ganz ehrlich – auf irgendeine Art sind wir immer selbst schuld an unserem Gesundheitszustand. Die meisten Krankheiten sind auf eine Mischung aus Pech und Selbstverschuldung zurückzuführen, auf eine genetische Prädisposition und äußere Faktoren. Besonders die Dinge, die vielen Menschen richtig viel Spaß machen, sind Risikofaktoren für Herz- Kreislauf- und Krebserkrankungen. Die Haupttodesursachen in Deutschland sind nämlich Zigaretten, Alkohol, ungesundes Essen und wenig Bewegung.

Viele Kranke sind also durchaus mit daran schuld, dass sie krank sind. Und jetzt? Sollen wir kein Mitgefühl mit ihnen haben? Ihnen eine Behandlung verweigern? Und noch wichtiger: Hat uns das überhaupt zu interessieren? Ist es „bescheuerter“, HIV zu haben als Lungenkrebs?

Wer bestimmt die Grenzen des Leichtsinns?

Oder liegt die Stigmatisierung am Grad der Selbstverschuldung? Ist es weniger „bescheuert“, eine gefährliche Sportart auszuüben als ungeschützten Geschlechtsverkehr zu haben? Oder ein Leben lang über 20mal am Tag zu entscheiden, dass man raucht? Gibt es irgendeine „Grenze des Leichtsinns“, ab der wir andere für ihre selbst verschuldete Krankheit stigmatisieren dürfen? Wo soll diese Grenze des Leichtsinns sein und wer hat das Recht, sie festzulegen?

Intuitiv hat man vielleicht am meisten Mitleid mit Menschen, mit denen man sich identifizieren kann. Also Sportler mit Sportlern, Raucher mit Rauchern und so weiter. Aber ist das nicht ein wenig subjektiv? Richtig schwierig wird es, wenn psychologische Einflussfaktoren den Leichtsinn des Stigmatisierten beeinflusst haben: Was, wenn ein schweres psychisches Trauma jemanden in eine Drogensucht getrieben und die Drogensucht zu einer HIV-Infektion geführt hat? Was, wenn jemand ein pathologisch geringes Selbstbewusstsein hat und es sich beweisen will – sei es beim Extremsport oder mit wechselnden Sexualpartnern – wie sehr ist dieser jemand dann „schuld“?

Laut der Aussage eines Arztes, der ehrenamtlich bei der Münchner Aidshilfe tätig ist, stecken sich die meisten HIV-Positiven in Beziehungen mit und ohne Absprachen an, und nicht bei One-Night-Stands. Tun Ihnen HIV-Positive mehr Leid, wenn ich das sage? Und was hat uns das überhaupt zu interessieren?

Ist Sex „verwerflicher“ als Skifahren?

Vielleicht liegt die Ursache der Stigmatisierung auch darin, dass Sex in der öffentlichen Wahrnehmung irgendwie doch „verwerflicher“ ist als Skifahren. Oder es geht um Vorurteile gegenüber Schwulen. Ist das zeitgemäß? Und haben uns die persönlichen Präferenzen von anderen überhaupt zu interessieren?

Oder liegt die Stigmatisierung daran, dass HIV-Positive im Gegensatz zu Krebskranken oder Gelähmten die Krankheit unter Umständen auf andere übertragen können? Wenn dem so sein sollte, dann völlig zu Unrecht. Das HI-Virus wird nur über Körperflüssigkeiten wie zum Beispiel Blut oder Sperma übertragbar. Von einem HIV-Infizierten geht im Alltag keinerlei Gefahr für die Bevölkerung aus. Man kann Infizierte küssen, sie in den Arm nehmen, in ihrem Bett schlafen, mit ihnen kochen und aus ihrem Glas trinken. HIV-infizierte Frauen können während der Schwangerschaft Medikamente einnehmen und gesunde Kinder zur Welt bringen. Infizierte, die antivirale Medikamente einnehmen und deren Blutwerte regelmäßig kontrolliert werden, können sogar ungeschützten Geschlechtsverkehr mit ihrem Partner haben, weil sie so wenig Viren in ihrem Körper haben, dass sie nicht mehr ansteckend sind.

Ob jemand Krebs hat, gelähmt ist oder mit dem HI-Virus infiziert, kann uns vollkommen egal sein, es betrifft uns nicht. Die Erkrankten sind diejenigen, die mit ihrer Erkrankung leben müssen. Mit den heutigen Medikamenten können HIV-Positive ein vergleichbar normales Leben führen - abgesehen von den teilweise schweren Nebenwirkungen der Medikamente. Und abgesehen von der Stigmatisierung im Alltag.

Unvernünftigkeit ist Teil des Menschseins. Das Ausmaß unseres Mitgefühls sollte deshalb nicht von einer völlig beliebigen Bewertung der Leichtsinnigkeit abhängen. Oder davon, wie sehr wir uns mit den persönlichen Präferenzen einer anderen Person identifizieren können. Würde unser Mitgefühl konsequent davon abhängen, ob jemand „selbst schuld“ an seinem Zustand ist, würden die meisten von uns allein dastehen.

Marisa Kurz, geboren 1988, hat zwar im Doppelstudium Biochemie und Philosophie studiert und abgeschlossen, will aber  Ärztin werden. Deshalb studiert sie seit 2014 Humanmedizin in München und promoviert in Medizinethik. Ihr vollintegrierter bosnischer Straßenhund hat seit kurzem einen EU-Haustierausweis.

Foto: Hakeliha via Wikimedia

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