Leseswert ist das Interview, das Ulf Poschardt mit dem Veteranen der Popkultur Diedrich Diederichsen für die Wams führte, aus vielerlei Gründen. Herausgreifen möchte ich hier einen Gedanken, den Diederichsen zur aktuellen deutschlandpolitischen Landkarte äußert. Er beschreibt diese als Matrix: “Rechts oben sitzen Wirtschaftsliberale, die gern mal das eine oder andere Bürgerrecht mittragen, wenn’s nicht zu viel kostet; rechts unten sitzen Traditionalisten, die haben einiges gemeinsam mit den eher traditionalistischen Linken, die links unten sitzen; links oben sitzen linke Bohemiens, die manchmal die Typen von rechts oben beim Koksen auf dem Klo eines Clubs treffen. Rechts oben sitzen Teil der CDU und der FDP, rechts unten CDU/CSU und die Rechtsradikalen; links oben die intellektuellen Linksradikalen, aber auch die meisten Grünen und die israelfreundliche Fraktion der Partei Die Linke; links unten die ganze SPD und die Ost-Linke.”…
Diederichsens Gang in die zumindest zweite Dimension enthält viel Wahres und ist, zumal da er von einem erklärt linken Denker kommt, bemerkenswert. In der Tat sind ja die Lebens- und Vorstellungswelten etwa der liberalen Hamburger CDU wenig vereinbar mit Roland Kochs (bei Diederichsen sicher rechts unten verorteten) Vulgärkonservatismus. Und natürlich wollen die angesprochenen Salonlinken, die da in Berliner Inlocations brüderlich ihr Koks mit Rechts-oben-Hedonisten teilen, nichts mit dem Harz-IV-Proletariat zu tun haben, das sie scheinbar so sehr bewegt. Noch immer tut man sich auch schwer, sich vorzustellen, worüber der Künstler Norbert Bisky, einer der Favourites übrigens von Kunstsammler Guido Westerwelle, mit Papa Lothar so bei der Weihnachtsgans plaudert.
Oder vielmehr, vielleicht auch nicht. Was nämlich Linksvertreter oben und unten zusammenhält, anders als ihre rechten Counterparts, ist die absolut teilbare, Gemeinschaft stiftende Ästhetik. Links sein ist dann leicht, wenn es diffus wird und man sich auf Punkmusik oder Jan Delay, kapitalismuskritische Wohlfühlfilme von Mike Leigh und Christian Petzold oder die melancholischen Gesellschaftsschilderungen des Marseiller Autors Jean-Claude Izzo beschränken kann. Die besten Politparties feiern in Berlin ja angeblich auch die Sozen. Die dabei obligatorische Currywurst hat den Vorteil, dass sie eine Verbundenheit der Genusslinken links oben mit “dem Volk” verkündet, aber nebenbei auch noch lecker schmeckt - fett werden im Dienste der Revolution eben. Spätestens bei der zweiten Flasche Wein liegen sich vielleicht auch Vater und Sohn Bisky rührselig in den Armen und singen, der eine melancholisch, der eine postmodern ironisch, linke Kampflieder, die Internationale oder Hannes Wader. Dann erklärt vielleicht Norbert, dass seine Kunst irgendwie auch politisch sei. Vater Lothar nickt dann womöglich versonnen, weiß aber auch, dass er jetzt besser nicht genauer nachfragt, der Familienidylle zuliebe.