Dushan Wegner, Gastautor / 27.07.2021 / 16:00 / Foto: Pixabay / 9 / Seite ausdrucken

Welche Krise haben wir heute?

Klimakrise, Coronakrise, Rassismuskrise – immer neue Krisen können für Politiker sehr nützlich sein. In der Krise muss nicht debattiert werden, in der Krise ist jeder Abweichler ein Feind.

Welche Krise haben wir heute? Welche Krise wird morgen sein?

Europa hatte den Hundertjährigen Krieg. Die Politik kennt den „Perpetual war“, den „dauernden Krieg“ – oft gegen einen unscharfen Gegner, etwa „den Terror“. Für Sun Tzu war der andauernde Krieg etwas, das zu vermeiden war. Für den Philosophen Thomas Hobbes war der Krieg „aller gegen alle“ ein Urzustand des Menschen, über den sich zu erheben die Aufgabe der Zivilisation ist (siehe „Bellum omnium contra omnes“ bei Wikipedia).

Auch die Moderne kennt den ewigen Krieg. Ja, dass Kriege ewig dauern, es ist uns so normal geworden, dass die Politik gänzlich überfordert wirkt, wenn die Kriege dann doch für beendet erklärt werden, wie etwa beim Rückzug aus Afghanistan, als wir nach zwei Jahrzehnten das Land aufgaben und den Taliban überließen.

Der moderne ewige Krieg musste stets weit fort stattfinden, sodass er für die Propaganda nützlich sein konnte, aber bei Bedarf ausblendbar. Durch soziale Medien und Schlepper wurde der Nutzen einer solchen Distanz aber aufgehoben. Es braucht einen Kriegsersatz, der stärker in die Bevölkerung greift als der traditionelle Kriegsersatz Fußball.

Wir haben einen Ersatz für den ewigen Krieg gefunden, und dieser Ersatz wird zum neuen Normal: Der ewige Krieg wird ersetzt durch die ewige Krise.

Das war Krise!

Das Wort „Krise“ stammt aus dem Lateinischen, welches es aus dem Griechischen übernahm. Eine κρίσις, das ist eine Entscheidung und eine Unterscheidung. (Ein Kritiker ist demnach einer, der Dinge zu unterscheiden weiß.) In einer Krise sind unsere gemeinsamen Lebensgrundlagen bedroht. In einer Krise müssen wir handeln, und wir müssen schnell und nachhaltig handeln.

Im Krisenmodus werden sogar erfolgreiche und bewährte Gewohnheiten drangegeben. Die Kriterien dazu, welche Handlung als klug gilt, sind andere, wenn man im Krisenmodus handelt. Wenn ein Stamm dereinst erwog, zu neuen Weidegründen aufzubrechen, dann konnte er tagelang darüber debattieren und diskutieren. Wenn aber der Säbelzahntiger angriff, dann war keine Zeit für Debatten. Das war Krise!

Wenn der Tiger angreift, braucht es einen starken Häuptling, der das Kommando übernimmt. Im Krisenmodus müssen alle gemeinsam zurück angreifen, oder sie müssen alle gemeinsam fliehen. Entscheidend ist, dass sie es gemeinsam tun, und dass sie es sofort tun. Es ist uns angeboren, uns in der Krise um die Mächtigen zu scharen und unsere Individualität aufzugeben. Ein Menschentypus, dem das nicht schon in den Genen steckte, beim Angriff des Tigers nicht lang zu diskutieren, dessen DNA-Linie wurde bald von einer Krise für immer beendet.

In ruhigen Zeiten können Dissenz, Debatte und das Hinterfragen von Autorität den Stamm durchaus stärken. Durch Ausprobieren auch schlechter Ideen finden sich die guten! Derselbe Abweichler aber, der in ruhigen Zeiten wichtige neue Ideen beitragen konnte, in der akuten Krise wurde er zur Lebensgefahr und musste folglich mit allen Mitteln bekämpft werden. Im Krisenmodus gilt es, sich hinterm Häuptling zu scharen und wie ein einziger Organismus zu handeln.

Weniger Energie

Durch sogenannte „Soziale Medien“ und die von diesen geförderte Reduzierung öffentlicher Debatte auf Trigger, Klickzeilen und Reizreaktion ist es möglich geworden, buchstäblich auf Knopfdruck nationale oder sogar globale Krisengefühle zu erzeugen.

Es ist dem Menschen angeboren, seine Ziele mit so wenig Energie erreichen zu wollen, wie ihm möglich ist. Wir schieben unseren Einkauf im Einkaufswagen, statt die Eier, die Äpfel und das Brot einzeln zur Kasse zu tragen.

Ähnlich für Politiker: Es braucht weniger Energie, eine Krise nach der anderen auszurufen, als immerzu die Bürger mühsam mit Argumenten und Schmeicheleien davon zu überzeugen, sich von einem regieren zu lassen. (Außerdem kann eine veritable Krise ja eine „Chance“ sein, den „großen Reset-Knopf“ zu drücken…)

Durchs Liefern unnütz

Zu den Grundideen der Demokratie zählte es einst, „richtigen Menschen“ zur Macht zu verhelfen, also Bürgern „mitten aus dem Leben“, die nicht aus diversen Gründen ihre Existenz auf die Erlangung von Macht reduziert haben.

Betrachten Sie doch einmal das aktuelle politische Personal. Einige, wie Merkel, haben vielleicht mal etwas gelernt oder studiert, doch ihre Persönlichkeit ist längst reduziert auf Macht als Selbstzweck. Da ist kein eigentliches Leben, kein Gewissen, nichts – nur eben der Wille zur Macht. Doch da ist auch eine zweite Gruppe, die Gescheiterten und Studienversager, deren Weg zur Macht daraus motiviert zu sein scheint, dass in der Politik gewisse Eigenschaften belohnt werden, die in der Wirtschaft abgestraft würden – und andersherum (ein Unternehmer, der immer nur verspricht, aber nie liefert, dem werden irgendwann Banken wie Kunden kündigen – ein Politiker aber wird nicht selten genau dann abgestraft, wenn er „liefert“, denn er wird durchs „Liefern“ ja unnütz).

Warum hat die Politik wenig Probleme mit politisch korrekten Demonstrationen, die exakt das tun, was die Querdenker fordern, aber dämonisiert eben diese Querdenker? Es ist leicht erklärbar: Die Querdenker verweigern sich dem Corona-Krisenmodus – Black-Lives-Matter oder Christopher-Street-Day ignorieren den Krisenmodus, aber erfinden einen anderen, ebenfalls mobilisierenden Krisenmodus. Ich wage eine These: Wir stolpern von Krise zu Krise, weil eine moralisch leere Politikerkaste gar nicht anders die Menschen zum Gehorsam bewegen und sich an der Macht halten kann.

Wie viele Krisen?

Ein jeder von uns wacht manchmal auf und fragt sich: „Welchen Wochentag haben wir heute?“

Ich wache dieser Tage auf, und ich frage mich: „Welche Krise haben wir heute?“ (Und ich habe ein halb-ironisches T-Shirt dazu gemacht.)

Klimakrise, Coronakrise, Migrationskrise, Energiekrise, Genderkrise, IT-Krise, Bildungskrise, Politikkrise, Pflegekrise, Baustoffkrise, Bankenkrise, Demokratiekrise, Ölkrise, Rentenkrise, Eurokrise, Digitalisierungskrise, Vertrauenskrise, warum nicht gleich Deutschlandkrise… wie viele Krisen hätten’s denn gern?

Nein, diese Krisen sind keinesfalls alle ausgedacht oder auch nur übertrieben! Einige dieser Krisen werden sogar auf eine viel zu leichte Schulter genommen (etwa die Bildungskrise). Für andere Krisen haben wir noch nicht einmal richtige Namen (ich halte die „Weisheitskrise“ für hochgefährlich – wir werden als Kollektiv erschreckend unweise; vergleichen Sie mal heutiges Debattenniveau mit dem vor 20 Jahren – der Dunning-Kruger ist auch für gesamte Gesellschaften anwendbar).

Ich mag es aber nicht, aufzuwachen und mich zu fragen, welche Krise aktuell zu fürchten ist! Ich mag es nicht nur nicht, ich denke auch, dass es uns kaputt macht! Und wenn ich sage, dass ich es „nicht mag“, dann meine ich: Ich halte es für gefährlich und zerstörerisch.

Wollen wir wirklich unser gesamtes Leben im Krisenmodus leben? Der permanente Krisenmodus macht uns als Gesellschaft kaputt, und als Individuen nicht minder. Entweder wir raffen uns gemeinsam auf und lösen die Probleme. Oder wir lernen, uns damit abzufinden – als Kollektiv oder jeder für sich und seine Familie.

Der Krisen müde

Für Hobbes war es zentrale Aufgabe der Zivilisation, den Zustand des Krieges aller gegen alle aufzuheben. Ist der beständige Krisenmodus aber nicht ebenso ein Rückfall in vorzivilisatorische Zustände? Der dauernde Krisenmodus war vermutlich der Normalzustand in manchem prähistorischen Stamm, doch der dauernde Krisenmodus macht uns nicht klüger und gewiss nicht glücklicher! (Die dauernde Überlastung könnte uns erst krisenmüde und dann krisenblind machen – und wenn dann eine wirklich gefährliche Krise bevorsteht, wird keiner es glauben, wie keiner dem Jungen glaubte, der zu oft „Wolf!“ gerufen hatte.)

Ich will gern gestehen: Ich bin der Krisen müde. Der dauernde Krisenmodus macht aus uns Menschen, die wir nicht sein wollen. Urmenschen, Frühmenschen, dauernervöse Wracks. Die Mächtigen glauben doch selbst nicht an ihre eigenen Krisen! Denken wir an das Coronatheater, das sie uns noch immer bei Gelegenheit aufführen. Auch die Heuchelei der Umweltpropheten allein ist ein Beleg dafür, dass diese Gestalten an ihre eigene Krise nicht glauben (man denke nur an diverse Krisengewinner und Umweltpaniker wie Obama oder Gore, die sich riesige Anwesen am Meer gekauft haben).

Die Kunst des Lebens besteht heute auch darin, sich nicht mit dem Krisenmodus gemein zu machen, auch nicht mit einem begründeten. Der ewige Krieg wie die ewige Krise, sie sollen doch nicht zu unserer Krise und nicht zu unserem inneren Krieg werden! Welche Krise wir auch haben mögen, ich will versuchen, mich nicht von der Krise auffressen zu lassen. Was für eine Kindheit haben denn Kinder, die in dauerndem Krisenmodus aufwachsen? Und haben Erwachsene denn kein Recht darauf, nicht immerzu von der Panik-des-Tages durchs Leben gepeitscht zu werden?

Ich will zum Krisenkritiker werden und die Krisen einzeln prüfen – nicht alle Paniken sind unbegründet! – und dann will ich tun, was ich tun kann. Wenn aber alles getan ist, was getan werden kann und muss, dann will ich leben, als ob es keine Krise gäbe!

In diesem frohen Geiste also, liebe Leser: Welche Krise haben wir heute?

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Dushan Wegner.

Foto: Pixabay

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Leserpost

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Martin Müller / 27.07.2021

Die Halbdemokratie lässt sich eben gut mit konstruierten Krisenszenarien ins gewünschte politische Fahrwasser manövrieren.

M.-A. Schneider / 27.07.2021

Es geht sicher sehr vielen Menschen so wie Ihnen, sie sind müde und zermürbt von der medial und politisch jeden Tag auf das Neue geschürten Dauerkrise, gleichgültig ob Klima oder Corona   - über die nicht übersehbare Energie - und Migrationskrise wird lieber gar nicht gesprochen - sie fühlen sich ausgeliefert und sehnen sich nach ihrem alten Leben zurück, was sich allerdings mit diesem machtgierigen Politpersonal in absehbarer Zeit wohl nicht erfüllen wird. Der kritische und selbst denkende, gar noch freie Bürger ist den Politikern eher ein Dorn im Auge und seinem Streben im Wege. Versuchen wir also, uns trotzdem treu zu bleiben und alle Mittel der Prüfung der Krisen auszuschöpfen und so zu leben, als ob es keine gäbe. Wir werden allerdings, so steht zu befürchten, feststellen, dass man uns nicht lassen wird.

Bernd Maier / 27.07.2021

Also… “...wenn die Kriege dann doch für beendet erklärt werden, wie etwa beim Rückzug aus Afghanistan, als wir nach zwei Jahrzehnten das Land aufgaben und den Taliban überließen” IHR habt in Afghanistan keinen Krieg geführt. Daß IHR Afghanistan verlasst, war dringend nötig. IHR hättet da gar nicht erst hingehen sollen. ___"Ein Menschentypus, dem das nicht schon in den Genen steckte, beim Angriff des Tigers nicht lang zu diskutieren, dessen DNA-Linie wurde bald von einer Krise für immer beendet.” Ach ja? Glaube ich nicht. Aber, Herr Wegner, etwas anderes als ein Loblieb auf die Feigheit hätte ich von Ihnen auch nicht erwartet. ___"Die Kunst des Lebens besteht heute auch darin, sich nicht mit dem Krisenmodus gemein zu machen, auch nicht mit einem begründeten.” Eine sehr schlaue Conclusio, die ich von einem von EUCH gemeinhin nicht erwarten würde. Aber, Herr Wegner, genau deswegen lese ich Ihre Texte ja auch so gerne, weil dort immer Dinge aufblitzen, die einem von EUCH regelmäßig gar nicht erst das Oberstübchen belasten. Was aber nichts daran ändert, daß ich nicht daran glaube, daß IHR es “packen” werdet. Für Ihr abschließend erwähntes, gratismutiges Vorhaben wünsche ich Ihnen viel Glück & Erfolg. Für das kurze und bündige Zerknüllen und Wegwerfen von Hobbes’ These geht noch ein Extradank @ P. Holschke - dadurch konnte ich mir eine Kommentierung bzgl. dieses Punktes sparen :)

Tina Kaps / 27.07.2021

„Dass es gut war, wie es war, das weiß man hinterher. Dass es schlecht ist, wie es ist, das weiß man gleich. Wer rollt den Stein den Berg hinauf. Und gibt nicht auf. Der Mensch nur, ja, wer sonst wohl als der Mensch. Doch dass es gut war, wie es war, das weiß er hinterher. Dass es schlecht ist, wie es ist, das weiß er gleich… Hildegard Knef – 17 mm.

S.Wietzke / 27.07.2021

@Peter Holschke Vollkommen richtig argumentiert. Auch Hobbes Annahme, das der Krieg „aller gegen alle“ ein Urzustand des Menschen sei, ist ebenfalls barer Unfug. Diese Argumentation hatte von jeher lediglich den Zweck Herrschaft zu legitimieren, die sich aber logisch nie legitimieren lässt. Jedenfalls dann ich, wenn man dem Menschen generelle Freiheits- und Autonomiefähigkeit attestiert (was Machtmenschen schon per se nicht tun, sonst wären sie ja keine Machtmenschen). Da Herrschaft aber immer die freiwillige Akzeptanz eigener Minderwertigkeit beim Beherrschten erfordert (schon alleine wegen zahlenmäßigen Verhältnisse) muss der Beherrschte davon überzeugt werden, das er zu einem autonomen Leben überhaupt nicht fähig ist. Merke: Der Sklave darf sein persönliches Schicksal als Sklave zwar beklagen, aber nicht das System der Sklaverei in Frage stellen. Herrschaftsstreben an sich ist bei allen sozialen Tieren biologisch “eingebaut”, da Status, der immer eine oben/unten Beziehung darstellt, evolutionär einen Vorteil bringt. Solche Systeme werden durch den evolutionären Prozess dahingehend im Gleichgewicht gehalten, das nur ein Teil der Population tatsächlich freiheits- und autonomiefähig ist, der größere Teil dagegen im Ameisenstatus verbleibt. Die psychologische Forschung hat hier gezeigt, das Gesellschaften zu etwa 75% aus Ameisen bestehen. Verwiesen sei hier insbesondere auf die Arbeiten von Simon Asch.

Manni Meier / 27.07.2021

T’ja, @Herr Peter Holschke, wenn Sie den Hobb’schen “Leviathan” nicht kapieren, verstehen Sie wohl den Wegner’schen Text auch nicht. Schade, der ist nämlich auch gut.

Peter Holschke / 27.07.2021

Die These von Hobbes basiert auf einem Zirkel und ist systematisch falsch. Letzendlich rechtfertigt er die Feudalherrschaft, vermutlich im Dienst eines Feudalherren. Die Proglamation eines Naturrechtes setzt den Begriff “Recht” voraus, welchen er aber erst in Folge (aus seiner Annahme) heraus konstruiert. In der Natur existiert kein Recht, wo heraus sich auch kein “Gesellschaftsrecht” ableiten kann.

Volker Kleinophorst / 27.07.2021

Wir haben die Krisen-Krise. Überdosis von Katastrophen-Szenarien zwischen Johannes-Evangelium und War of the Worlds?

Harald Unger / 27.07.2021

” ... wie etwa beim Rückzug aus Afghanistan, als wir nach zwei Jahrzehnten das Land aufgaben und den Taliban überließen.” - - - Eine emphatische, fast schon bukolische Beschreibung. Zur etwas hässlicheren Wirklichkeit gehört, daß der Krieg in Afghanistan zu einer jahrzehntelangen afghanischen Invasion Westeuropas führte, die Sitten & Gebräuche des Heimatlands im Gepäck, diese hier zu etablieren. In Westeuropa, wo die Machthaber ihre Bevölkerungen bewusst aufgaben und dem islamischen Terror überließen. - - - Was also der Islam in Afghanistan oder jedem anderen seiner 56 übrigen Länder anstellt, ist inzwischen in Westeuropa fest etabliert. Jede Kritik daran ist aus der Öffentlichkeit getilgt und wo das noch nicht gelang, kriminalisiert. - - - Dieser ewige Krieg nennt sich übrigens Jihad. Er wird mit allen Mitteln der Politik Westeuropas gefördert, da sich seine Ziele, mit denen des marxistischen Neuen-Feudal-Absolutismus, eine große gemeinsame Schnittmenge teilen. Wer dem Jihad zum Opfer fällt, wird entweder schnell verscharrt und vergessen. Oder die Angehörigen müssen die Taqiyya Festrede eines Imam während der Sieges-äh Trauerfeier ertragen.

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