Markus Vahlefeld / 29.06.2018 / 10:00 / Foto: Martin Bock/Pixabay / 5 / Seite ausdrucken

Der Antisemitismus und der gehobene Diskurs

Will man den Zustand der deutschen "Kulturschaffenden" – ich bitte um Verzeihung für die Anführungszeichen, aber heutzutage kommt man ja nicht mehr ohne sie aus, so diametral stehen die Worte dem Inhalt entgegen –, also will man den Zustand der deutschen "Kulturschaffenden" wie in einem Brennglas sezieren, so kann man sich das Interview vom Montag im Deutschlandfunk mit der Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp zu Gemüte führen. 

Kurz vorweg: Frau Carp, eine alte weiße Frau, hatte die Young Fathers eingeladen, eine junge schottische Hip-Hop-Band ohne große Bedeutung, die jedoch stramm mit der BDS-Kampagne marschiert – das ist die Kampagne "Boykott, Divestment and Sanctions", die den Staat Israel so gerne dämonisiert und ihn am liebsten von der Landkarte verschwunden sehen würde. So hatte die Band ihren Auftritt beim Berliner Festival Pop-Kultur im August 2017 abgesagt, weil israelische Künstler von der Botschaft ihres Landes Reisekostenzuschüsse erhalten hatten. Soviel zur Toleranz der Young Fathers.

Seit einigen Jahren ist die BDS-Kampagne in Deutschland politisch verpönt, auch wenn die Konrad-Adenauer-Stiftung der CDU – das ist die Partei, deren Vorsitzende die Sicherheit Israels zur deutschen Staatsräson verklärt hatte – kräftig BDS-Unterstützer fördert. Insgesamt, so hat der NGO-Monitor in Jerusalem herausgefunden, förderte die Bundesregierung von 2012 bis 2015 Projekte von NGOs, die den Israelboykott unterstützen und eine Einstaatenlösung vertreten, mit 1.680.000 Euro. Da kann eine Stefanie Carp, die natürlich selbst ihr Leben lang aus allen Geldtöpfen, die unsere Politik den "Kulturschaffenden" bereitstellt, abschöpft, schon mal durcheinander kommen, was denn politisch nun opportun sei und was nicht. Von BDS, versichert die Intendantin, habe sie vorher noch nie etwas gehört. Ob man das nun Dummstellen oder Dummsein nennt, bleibt jedem selbst überlassen. 

Frau Carp bekam also Gegenwind, weil Stefan Laurin vom Blog Ruhrbarone den Auftritt der Young Fathers öffentlich gemacht hatte, und die überaus umtriebige jüdische Aktivistin Malca Goldstein-Wolf daraufhin an die Regierung ein Protestschreiben richtete. Früher nannte man das Bürgerengagement, heute dürfte das bereits unter sozial-mediale Hetze fallen, zumindest wenn es nach Stefanie Carp ginge. Es ist faszinierend zu hören, mit welchem Ekel Frau Carp über "eine Social-Media-Aktivistin" spricht, die "eine riesige Kampagne startete, und dann auch an die Regierung schrieb". Schlimm, schlimm. 

Abgespreizte Finger beim Halten der Teetasse

Jeder auch nur halbwegs empathische Mensch wäre froh darüber gewesen, den offenbaren Mangel an Kenntnis über die unsägliche BDS-Kampagne durch die Initiative der "Social-Media-Aktivistin" behoben zu haben. Nicht aber Frau Carp. "Ich wollte mich, ehrlich gesagt, damit erstmal überhaupt nicht beschäftigen, weil ich dieses ganze Social-Media-Gequatsche und die Übertreibungen und Verselbständigungen und Vereinseitigungen, die daraus resultieren, nicht mag. Aber es ließ sich dann nicht mehr einfach so ignorieren“ (die abgespreizten Finger beim Halten der Teetasse muss man sich dazu denken).

Das "einfach so ignorieren", wie es sich Frau Carp als rechtschaffene deutsche Kulturintendantin gewünscht hätte, war also nicht mehr möglich. Das Schreiben an die Regierung hatte offenbar einige Wellen ausgelöst, die dann Frau Carp zwangen, sich mit den Young Fathers näher zu beschäftigen. Ist schon echt blöd, wenn deutsche Juden einfach nicht mehr jeden Dreck mit sich machen lassen.

Nachdem das Management der Young Fathers nicht bereit war, sich von BDS zu distanzieren, versuchte Frau Carp, den Künstlern folgendes zum Thema BDS zu erklären: "Wir haben damit echt ein Problem. Hier in Deutschland. Es ist vielleicht bei euch in England noch mal ein anderer Diskurs, aber hier in Deutschland ist das ein Problem."

Die Welt der Stefanie Carp, darf man daraus folgern, setzt sich nicht aus Überzeugungen und Werten zusammen, sondern aus "Diskursen". Und hier in Deutschland ist der Diskurs eben so, dass BDS ein Problem darstellt. 

Auch hier wieder: jeder halbwegs empathische Mensch hätte gesagt: die BDS-Kampagne ist Antisemitismus und wenn ihr euch als Band davon nicht distanziert, wollen wir euch hier nicht haben. Punkt. Aber das bringt Frau Carp natürlich nicht übers Herz, denn das würde jenseits der Kunst auf eine Haltung verweisen, die sich außerhalb von "Diskursen" bewegen würde. Hier ginge es schlicht um Inhalte, offenbar eine Horrorvorstellung für Frau Carp.

Skurril oder einfach nur bekloppt

Der nächste Schwank in der Komödie mit dem Namen "Ruhrtriennale" geht dann so: nachdem die Young Fathers ihre Unlust geäußert hatten, überhaupt noch auftreten zu wollen, hat sich Frau Carp mit den Künstlern auf ein "Canceln" der Veranstaltung geeinigt. Das wiederum nahmen die Young Fathers zum Anlass, sich als verfolgte Unschuld aufzuspielen und die Absage als Diffamierung der BDS-Kampagne zu skandalisieren. 

Und wieder: Jeder halbwegs normal tickende Mensch hätte mit den Schultern gezuckt und bei sich gedacht: "Ihr Idioten, dann eben nicht!"

Nicht aber Frau Carp. Sie spricht eine neue Einladung an dieYoung Fathers aus. Was man für skurril oder einfach nur bekloppt halten mag, scheint im Carpschen Universum ein gelungener "Diskurs" zu sein. Sie selbst betont, sich nach ihrer "bisherigen Kenntnis" nicht an der BDS-Kampagne beteiligen zu wollen und dass sie generell "Boykott-Maßnahmen bescheuert finde". Die Begründung ihrer erneuten Einladung jedoch macht Staunen: "Ich habe nachgedacht. Und ich habe darüber nachgedacht: Finde ich das eigentlich selber richtig? Ich zensiere jetzt Künstler. Oder die fühlten sich zumindest zensiert. Und da dachte ich: Ok, haben sie auch nicht unrecht. Ich zensiere Künstler für eine bestimmte Haltung." 

Dabei ist ihr liebster Wünsch doch nur: "Ich möchte ein möglichst unzensiertes Programm machen, in dem selbstverständlich weder Rassismus noch Antisemitismus noch irgendeine andere Form von ausgrenzendem Verhalten seitens Künstlern vorkommen darf." Sagt die Intendantin der Ruhrtriennale, die es deswegen nicht über Herz bringt, Israel hassenden Künstlern abzusagen, und sie deswegen erneut einlädt. 

Der Unterschied zwischen einer Kulturintendantin und waschechten Antisemiten? Die Antisemiten haben zumindest Haltung und schlicht kein Interesse mehr an der Ruhrtriennale, und ergo haben die Young Fathers die erneute Einladung in den Wind geschlagen. 

Das Interview mit Frau Carp fand zufälligerweise an dem Tag statt, an dem das syrische Goldstück, das einen Kippa tragenden Israeli als Hurensohn und Judenschwein beleidigt und ihn mit einem Gürtel ausgepeitscht hatte, zu vier Wochen Jugendarrest verurteilt wurde. Die vier Wochen werden mit der Untersuchungshaft verrechnet, und für sein Asylbegehren dürfte das "antisemitische" (vielleicht, man weiß es ja nicht so genau) Verhalten keinen Einfluss haben. Und wenn, wird sich ganz sicher jemand finden, der eine neue Einladung für dieses Goldstück ausspricht.

Am Ende wächst zusammen, was zusammen gehört.

Foto: Martin Bock/Pixabay Creative Commons CC0 Pixabay

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Leserpost (5)
Leane Kamari / 29.06.2018

Tja, die linke political correctness hat heutzutage schon etwas von Faschismus an sich.

Andreas Rühl / 29.06.2018

Schaut man sich Werk und Werdegang Frau Carps an, wird sehr schnell deutlich, warum ihr es ganz und gar unmöglich ist, mit dieser Situation umzugehen; das salonsozialistische Umfeld, die geistige “Sonderbegabungen” fördernde Nische des deutschen Theaterunwesens, in dem schon seit vielen Jahrzehnten die Närrinnen und Narralesen das Zepter schwingen; die aus diesen Nischendasein folgende Verengung des geistigen Horizontes bis zum Ausfall jeder normalen Denktätigkeit, ja auch nur Wahrnehmungsfähigkeit, geschweige denn gesunden Menschenverstandes und Sinn für Realitäten. Man kann auch vereinfacht von einer höheren Form der Verblödung sprechen, wie sie häufig vorkommt, wenn Menschen quasi unter Luftabschluss ihren eigenen Mief täglich selbst einatmen, bis sie süchtig sind. Dann springt die Realität mit einem Male in diese salonsozialistische Galapagos der “Theatermacherin”, so als ob eine fremde Art sich dort einnistet mit der die endemischen Spezies dort nichts anfangen können. “Israel böse zu finden, war doch immer okay! Warum soll das plötzlich was Schlimmes sein? Wie können Künstler Antisemiten sein? Noch dazu solche, die ich eingeladen habe? Was ist mit dieser Welt bloß geschehen?” Das hilflose Agieren zeigt nicht nur die persönliche Überforderung von Frau Carp, sondern ist weit mehr Symbol für eine “Kulturszene”, die nach dem Scheitern realsozialistischen “Straßentheaters” und dem weit größeren Scheitern der Weltrevolution mithilfe der Theaterbühne geistig und moralisch und künstlerisch vollends bankrott ist. Frau Carp vorzuwerfen, sie sei verblödet, greift, auch wenn es stimmt, daher zu kurz.

Armin Hoffmann / 29.06.2018

@sandra kreisler > kann man nicht einfach deutsch schreiben, statt mit “9-to-5-jobber, blue collar, white collar”  zu beflegeln ?

sandra kreisler / 29.06.2018

Ich möchte mich - bei aller Sympathie mit der Sache - dagegen verwahren, “Kulturschaffende” in einen Topf zu werfen. Es sind Menschen in ALLEN Orten und Sparten der Gesellschaft, die aus Dummheit, Desinteresse, Desinformiertheit oder Hass Antisemitisch sind oder Antisemitisches Gedankengut bedienen. Es gibt Künstler, die so sind, Kulturschaffende, Kulturvermittler (Was, nebenbei, die korrekte Bezeichnung des Berufes der Frau C wäre!) 9-to-5-jobber, blue collar, white collar, links, rechts, Mitte - egal. Wenn man aus der himmelschreienden Blödheit einer Frau (die nebenbei ja in einem nachgerade mehrheitlich antisemitischen Umfeld lebt, also so sozialisiert ist ) aber dann “Kulturschaffende” macht, dient man der Sache nicht. Und ja, ich weiss, es ist ein polemischer Artikel, der stilistisch bewusst überspitzt. Trotzdem.

Roland Stolla-Besta / 29.06.2018

Das erstaunlichste Bekenntnis jener mir bisher gänzlich unbekannten Frau Carp ist doch dieses: „Ich habe nachgedacht.“ Was dabei herauskommt, hat die Kulturschaffende*in doch glanzvoll gezeigt. Überhaupt: Nachdenkende Frauen….. ich muß jetzt meine Finger von der Tastatur fernhalten, um nicht in antifeministisches „Heitschbietsch“ auszubrechen. Im übrigen: was hat ein Hip-Hop-Grüppchen auf einem Kulturfestival verloren, da hätte Mme doch auch den Heino einladen können.

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