A freilachn Purim, Jidn (und anglikanische Atheisten)!
Das Buch Esther, das zu Purim in allen Synagogen der Welt gelesen wird, ist meines Wissens das erste biblische Buch, in dem die Kinder Israels Juden, “Jehudim” genannt werden. Es ist ja auch eine Diasporageschichte, die hier erzählt wird. Sie spielt im persischen weltreich, und sogar der Held und die Heldin tragen typische Namen von Assimilanten: “Mordechai” kommt von “Marduch”, einer persischen Gottheit, und “Esther” leitet sich von “Astaroth” her, der Venusgöttin. (So wie halt später Juden in Deutschland Siegfried und Lieselotte hießen.)
Im Buch Esther wird ein versuchter Völkermord an den Juden beschrieben. Der Trouble beginnt damit, dass Mordechai sich weigert, vor dem machthungrigen Minister Haman in die Knie zu fallen: “Aber es schien ihm verächtlich, an Mordechai allein Hand anzulegen, denn man hatte ihm das Volk Mordechais genannt, sondern er wollte das ganze jüdische Volk im ganzen Königreich des Ahasweros, das Volk Mordechais, vernichten.” Die Begründung für diesen Genozid sollte uns interessieren: “Da sagte Haman zum König Ahasweos, dass in seinem ganzen Lande ein Volk zerstreut lebe, dessen Gesetze verschieden seien von denjenigen anderer Völker, die königlichen Gesetze befolgen sie nicht, und dass es kein Vorteil wäre, sie im Lande zu dulden.”
Interessant an dieser Begründung ist vor allem, dass es sich um eine halbe Wahrheit, also eine ganze Lüge handelt. Wie bitte: “... das Gesetz des Königs befolgen sie nicht”? Ein Schmarren. Sogar als die Juden später an ihren Feinden Vergeltung üben, bewegen sie sich innerhalb eines rechtlichen Rahmens. Sie suchen erst einmal die Erlaubnis von Ahasweros, und als sie ihre militärischen Ziele innerhalb eines Tages nicht erreichen, vergelten sie nicht einfach auf eigene Faust weiter, sondern ersuchen förmlich um eine Fristverlängerung—und das kurz nach einem Versuch, sie allesamt auszurotten!
“Dina de malchuta dina”, halten dazu die Rabbinen kategorisch fest. “Das Gesetz des Königreiches ist Gesetz.” Als Bürger eines fremden Landes hat man sich gefälligst an die dort geltenden Regeln zu halten.
Warum also hasst Haman die Juden so sehr? Sollen wir wirklich glauben, dass er es allein wegen Mordechai tut, der nicht vor ihm niederkniet? Ich habe den Verdacht, dass der Herr Minister Juden schon vorher nicht leiden konnte. Aber warum?
Hier lohnt es sich vielleicht, über jenen Punkt nachzudenken, an dem Haman ganz eindeutig Recht hat—nämlich wenn er sagt, die Juden seien ein Volk, “dessen Gesetze verschieden seien von denjenigen anderer Völker”. Im historischen Kontext bedeutet dies natürlich: die Juden weigern sich, bei den heidnischen Blutopferfesten mitzumachen—in der römischen Antike hat ihnen dies den Vorwurf des “odium humani generis” eingebracht, des allgemeinen Menschenhasses. (Gunnar Heinsohn hat allerhand Lesenswertes hierzu geschrieben.) In leicht verwandelter Gestalt begegnet uns dieser Vorwurf auch heute wieder: Das Ressentiment gegen die Juden hat in unseren Tagen gelernt, den Jargon des Antirassismus zu sprechen. Die Konferenz von Durban, die bald in die zweite Runde geht, ist nur der sichtbarste Ausdruck davon.
Der Haman von heute hat sich die Maske des Universalismus übergezogen, er sagt: “Immer müsst ihr Juden etwas Besonderes sein. Wir predigen die schrankenlose, die allumfassende Liebe, aber ihr pflegt euer atavistisches Stammesethos. Wir Europäer haben den Nationalstaat überwunden, aber ihr seid engstirnige Nationalisten geblieben. Wir Muslime umarmen die ganze Menschheit, aber ihr beharrt egoistisch auf eurer Exklusivität.”
Was soll man darauf antworten? Gar nichts. Die Achseln zucken und Hamantaschen essen.