Weihnachten alleine genießen

Der Hochmut grassiert munter weiter. Es wird, bar jeder Legitimation, gerichtet und verurteilt wie eh und je. Wie immer will man – insbesondere von linker und rechter Seite – bevorzugt unabhängigen Geistern an den Kragen, die es sich mental leisten können, sich dem Kollektiv zu entziehen. Arthur Schopenhauer wusste, warum: „Ein geistreicher Mensch hat in gänzlicher Einsamkeit an seinen eigenen Gedanken und Phantasien vortreffliche Unterhaltung.“

Aber der missgünstige Ankläger muss es ja immer in die Welt hinausposaunen, dass ausschließlich er und seine Peer-Group alles richtig macht, so lebt, wie es sich gehöre und stets hallt die vernichtende Drohung nach: Du wirst schon sehen, was du davon hast; die Strafe wird dich ereilen, es wird dir mal ganz, ganz übel ergehen. Das Orakel von Delphi hat gesprochen!

Die gute Nachricht ist: Das Kind in der Krippe an Heiligabend nimmt später gerade jene in den Blick, die zwischenmenschlich ungebunden sind. Recht unbekannt und angesichts der ständigen Rede von Weihnachten als Familienfest geradezu kontradiktorisch finden sich mehrere interessante Bibelstellen, die dem gängigen Bild Wesentliches entgegensetzen. Zum Beispiel in Lukas, Kapitel 14, Vers 26: „So jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein.“ Eine Besprechung dazu steht hier oder dort. Um weitere inhaltlich ähnliche Bibelzitate geht es in dieser Predigt, in der ein Pfarrer um Erklärungen ringt: „Was haben sich die Väter und Mütter der Liturgischen Konferenz dabei gedacht, dass sie auch bei der letzten Neuordnung der Predigttexte diese Worte nicht aus dem Predigtplan nahmen?“ Jesus  (Korrektur: das war Paulus, siehe unten) hatte laut 1. Korinther 7.17 noch ein anderes besonderes Augenmerk: „Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so … Im Übrigen soll jeder so leben, wie der Herr es ihm zugemessen, wie Gottes Ruf ihn getroffen hat.“

Alleinstehende, die durch die Einseitigkeit der Vermarktung von Weihnachten geradezu exkludiert sind, dürfen die Worte mit Leichtigkeit und Genugtuung aufnehmen. Es geht hier nicht darum, Familienbildung als tragende Keimzelle der Gesellschaft in Abrede zu stellen. Es sei auch den Familien ein wunderschönes Fest gegönnt. Nur: es gehört ihnen nicht allein.

Hinweis: Die Politik kann sich übrigens Gedanken über ein Einsamkeitsministerium sonst wohin stecken, denn: „All unser Übel kommt daher, dass wir nicht allein sein können.“ (Schopenhauer)

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Susanne Baumstarks Blog Luftwurzel.

Berichtigung mit Dank für den Hinweis eines Lesers bei Achgut.com: Der 1. Korintherbrief stammt von Paulus, ergo auch die Aussage zum Unverheiratetsein. Ich bitte um Nachsicht für den Fehler und gebe zu, dass ich nicht bibelfest bin. Zukünftig bin ich vorsichtiger.

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Bechlenberg Archi W. / 24.12.2019

Ich liebe es, Weihnachten alleine zu sein. Was ich nicht müsste, aber möchte. Ich freue mich das ganze Jahr darauf. Vor allem am Abend des 24. fühle ich mich, als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt; ein erlesenes Gefühl, so rar und kostbar. Seit Anbruch der Dunkelheit liege ich auf dem Sofa, den Kater leise schnarchend auf den Beinen (was mich davon abhält aufzustehen, und mir eine Zigarre zu holen; der Kater darf das),  Es läuft leise Musik -  Toscanini dirigiert Franck, Debussy und Ravel - und mich beschäftigt, abgesehen von diesem kurzen Ausflug zur Achse gerade, ein Buch von Emile Cioran, in dem man Sätze wie diese findet: „Diese Wutanfälle, dieses Bedürfnis zu explodieren, jemandem in die Fresse zu schlagen – wie soll man dem Herr werden? Man braucht auf der Stelle einen kleinen Gang über den Friedhof oder besser noch, einen endgültigen.“

Günter Fuchs / 24.12.2019

Ist die Einsamkeit für große Geister eine Nahrungsquelle, so ist sie für kleine eine Qual. Samuel Smiles Schöne Weihnachtstage!!!

Sabine Schönfelder / 24.12.2019

Der Adler fliegt allein, der Rabe scharenweise; Gesellschaft braucht der Tor, und Einsamkeit der Weise. Liebe Frau Baumstark, fröhliche Weihnachten und allen Achse -Lesern auch.

Bertram Scharpf / 24.12.2019

Karl Kraus wußte: Der Begriff „Familienbande“ hat einen Beigeschmack von Wahrheit. Aus Geschichten, wie innerfamiliärer Druck Menschen kaputtgemacht hat, kann ich Ihnen ein abendfüllendes Programm zusammenstellen.

Gabriele H. Schulze / 24.12.2019

“Zivilisation ist der Fortschritt hin zu einer Gesellschaft der Zurückgezogenheit. Des Wilden gesamte Existenz ist öffentlich, geregelt durch seine Stammesgesetze. Zivilisation ist die Entwicklung hin zur Befreiung des Menschen von seinen Mitmenschen”, Ayn Rand. Cum grano salis, aber heutzutage ist es wirklich nicht einfach, mal in Ruhe gelassen zu werden. Der Herdentrieb scheint durch mißverstandene Demokratie, totale Öffentlichkeit, “Coolness” und social media, Gleichheits- und Nettseingebot geradezu befeuert zu werden.

Thomas Taterka / 24.12.2019

Wenn Sie Weihnachten alleine genießen, nehmen Sie Marian McPartland ! mit. Sie werden sich freuen, daß es solche Menschen tatsächlich gegeben hat.

Hjalmar Kreutzer / 24.12.2019

Da bin ich aber froh, als Atheist und Heide Weihnachten ganz nach meinem Gusto und einfach unseren kulturellen Traditionen entsprechend zu feiern und zum Glück nicht allein. Ich greife da sogar zum Äußersten, lege den iPad zur Seite und unterhalte mich mit meiner Frau ! Aber jeder, wie er will.  „...und hasst nicht Vater, Mutter ... und sein eigen Leben ...“ könnte auch von einem zeitgenössischen Sektenführer stammen. Wie gut, dass die Bibel im Gegensatz zu anderen alten Büchern nicht mehr als täglicher Befehl des Handelns im persönlichen Leben aufgefasst werden muss und halt für viele nur ein Stück Folklore darstellt. Was mich nicht davon abhält, mich trotzdem von Händels Halleluja oder dem Weihnachtsoratorium begeistern zu lassen. Dies den Leuten ins Stammbuch geschrieben, die außer der Sprache keine eigenständige deutsche Kultur zu erkennen vermögen. Und ja, jeder sollte Weihnachten nach seinem Gusto begehen und nicht „wejen de Leut‘“. Frohe Feiertage!

Hans-Peter Dollhopf / 24.12.2019

Der Evangelist Matthäus schildert im 26. Kapitel seiner Botschaft eine Szene kurz vor der Verhaftung von Jesus, die bei Verszählung 36 beginnt. Es ist schon Nacht und der jüdische Sektenführer kommt mit seiner Truppe am Fuße des Ölberges bei Jerusalem an, wo Jesus in einem Olivenbaumareal die Anweisung zum Lagern gibt. Er selbst hat das Bedürfnis, etwas entfernt von seinen Leuten in Ruhe zu seinem jüdischen Gott zu beten und fordert dazu den Petrus und die beiden Brüder Jakobus und Johannes auf, mitzukommen. Als sie alleine sind, gesteht ihnen Jesus: “Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibet hier und wachet mit mir!” Dann geht er allein ein Stück in die Dunkelheit hinein, bricht zusammen und beginnt zu beten: “Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!” Nach einiger Zeit rafft er sich wieder auf und kommt zu den dreien zurück, von denen er in seiner ungeheueren Anspannung am meisten Empathie erwartet hatte. Doch diese hatten es sich einfach gemütlich gemacht und waren eingepennt. Jesus wirft daraufhin Petrus vor: “Könnet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?” Für mich liegt in dieser Szene der Kern der christlichen Botschaft! Jesus ist sich vollkommen bewusst, dass er aufgrund der Äußerungen seiner gesellschaftlichen und theologischen Ansichten in wenigen Stunden aus den eigenen Reihen heraus verraten und von den Autoritäten verhaftet werden wird. Er weiß, dass man ihn foltern und in einer öffentlichen Prozessfarce aburteilen und dann an einem Balken angenagelt grausam verrecken lassen wird. Kurz später wird das alles wirklich passieren. “Eli, Eli, lama asabthani?” Verraten. Verlassen. Verdammt. Der Heiland-Moment. Das Lamm wird zum Licht der Welt. Es ist vollbracht. “Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.” Hier schließt sich der Kreis zur Ankunft, zur Weihnachtsgeschichte. Glaube sie oder nicht, sie wird für dich da sein, sobald du sie brauchst. amazing grace

Heribert Glumener / 24.12.2019

Den Beitrag von Frau Baumstark finde ich gut und belebend. Lediglich zu der Stelle im Beitrag, wonach Jesus laut 1. Korinther 7, 17 noch ein anderes besonderes Augenmerk hatte („Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich….”), möchte ich darauf hinweisen, dass diese Aussagen von Paulus und nicht von Jesus stammen. Paulus, also der Gründer des Christentums, hatte Jesus, abgesehen von dem berichteten Damaskuserlebnis (Art Vision, “Saul, Saul, warum verfolgst Du mich?”) nie selbst erlebt. Als der Korintherbrief verfasst wurde, war Jesus schon lange Zeit tot. Jesus (bzw. Rabbi Jeschua) hätte womöglich auch nicht in dieser Weise (unverheiratet sein sollen)  gesprochen. Ob Jesus eine Frau hatte, ist ungeklärt. Einige Ausleger meinen: er hatte, den seinerzeitigen jüdischen Sitten folgend, selbstverständlich eine Frau. Andere weisen darauf hin, dass auch eine ganze Reihe bedeutender / charismatischer Rabbiner ohne Frau lebten. - Grundsätzlich lässt sich der Abend eines 24.12. auch allein begehen. Niemand braucht, sofern er diesen Abend allein zubringt, unglücklich zu sein.

Bernhard Idler / 24.12.2019

Wer nicht allein ist, wünscht sich manchmal das Alleinsein. Umgekehrt, wer allein ist und damit glücklich, möchte manchmal vielleicht nicht allein sein. Biblische Exegese hilft da nur begrenzt. Jesus ist, falls er wirklich ohne eigene Familie war, als junger Single (nach heutigen Begriffen) gestorben. Einsamkeit im mittleren und höheren Alter kam selten vor, schon weil diese Alter selten erreicht wurden, und wenn dann im Schutz der Sippe. Weihnachten in Gemeinschaft feiern zu wollen, ist kein Zeichen innerer Schwäche, da hätte vielleicht sogar Schopenhauer zugestimmt, wobei umgekehrt das Alleinsein keiner Rechtfertigung bedarf.

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