Wehrhaftigkeit: Als Deutschland noch von Israel lernte

Ulrich Wegener hat deutsche Geschichte geschrieben. Ohne seine GSG-9 wäre der seinerzeitige Sieg über den Terrorismus nicht gelungen. Weithin unbekannt war seine Nähe zu Israel und seine eigenmächtige Aufklärungsaktion im ugandischen Entebbe, die die israelische Kommandoaktion wesentlich erleichterte.

Was wäre gewesen, wenn es im Oktober 1977 keine GSG-9 gegeben hätte, die die Lufthansa-Maschine „Landshut“ stürmte und den RAF-Terror besiegte? Die deutsche Geschichte wäre anders verlaufen. Die meisten der 100 Passagiere wären wohl mit Hanns-Martin Schleyer von den Terroristen ermordet worden oder der Rechtsstaat hätte ein weiteres Mal kapituliert. Die Angst des „deutschen Herbstes” wäre uns im Halse stecken geblieben.

Manchmal gibt es einzelne Menschen, die Geschichte schreiben. Einer davon war Ulrich Wegener, der Gründungskommandeur und Initiator der Grenzschutzgruppe 9, ein preußischer Offizier vom besten Schrot und Korn und aufrechter Kämpfer für Demokratie und Freiheit. Und es gab niemanden, der mehr für die Zusammenarbeit der deutschen und israelischen Sicherheitskräfte getan hat. Dabei nahm gerade die einen furchtbaren Anfang.

Wegener war 1972 Verbindungsoffizier des Bundesgrenzschutzes (der heutigen Bundespolizei) und erlebte das Desaster des „palästinensischen“ Attentates auf die Olympischen Spiele in München machtlos auf dem Tower des Fliegerhorsts in Fürstenfeldbruck als Adjutant des damaligen Innenministers Hans-Dietrich Genscher.

Die schlecht ausgebildete bayerische Polizei bestritt den Einsatz mit gewöhnlichen Streifenpolizisten und machte nichts richtig. Nach einem mehrstündigen Feuergefecht waren 11 israelische Geiseln und ein deutscher Polizist tot. Fünf Terroristen starben, drei wurden festgenommen und im Oktober 1972 bei einer Flugzeugentführung freigepresst. Der Tiefpunkt der deutsch-israelischen Beziehungen schien erreicht.

Ohnmächtig dem dilettantischem Treiben zusehen

Vielleicht war es gerade jene Nacht im Tower, die zum Schlüssel der israelischen Beteiligung an der Gründung der GSG-9 wurde. Neben Genscher, dem Krisenstab und dem bayerischen CSU-Vorsitzenden Franz-Josef Strauß mussten auch Israels Geheimdienstchef Tzwi Zamir und der Anti-Terror-Experte Victor Cohen mit Wegener ohnmächtig dem dilettantischem Treiben zusehen. Die israelische Anti-Terror-Einheit Sajaret Matkal wartete alarmiert und abflugbereit auf den Einsatzbefehl. Sie wurde später zur Blaupause für die GSG-9, die keine drei Wochen nach dem fürchterlichen Ereignis in Dienst gestellt wurde. Bereits im April 1973 meldet Initiator und Gründungskommandant Wegener die Truppe einsatzbereit.

Bis zu ihrem legendären Einsatz in Mogadischu, bei dem 100 Passagiere gerettet und drei Terroristen eliminiert wurden, sollten noch fünf Jahre vergehen. Wegener war froh, dass seine Männer zeigen durften, was sie können, und kommandierte die Operation von der Spitze aus. Er soll an der Eliminierung eines der Terroristen beteiligt gewesen sein. Das war das Ende des „Deutschen Herbstes“, in dem sich die Öffentlichkeit in Selbstmitleid erging und die RAF-Terroristen den Takt vorgegeben hatten. Die verlegten sich danach nur noch auf feige Attentate, Geiselnahmen gehörten in Deutschland der Vergangenheit an. Das alles ist weithin bekannt, aber Wegeners Verdienst.

Weniger bekannt war die Beteiligung Wegeners an der israelischen Befreiungsaktion im ugandischen Entebbe 1976, bei der er als Aufklärer diente. Im gemeinsamen Kampf gegen den internationalen Terrorismus sahen Ehud Barak, Rafael Eitan oder Jonatan Netanjahu ihn als „zugehörig“ an. Wegener war leider nicht der einzige deutsche Beteiligte.

Ein Deutscher selektierte wieder Israelis und Juden

Denn von den vier Terroristen, die Ende Juni eine „Air France“-Maschine auf dem Weg von Paris nach Tel Aviv entführten, waren zwei Deutsche: Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann. Das Joint-Venture der „Revolutionären Zellen” mit der Volksfront zur Befreiung Palästinas sollte 40 palästinensische Verbrecher aus israelischen und 13 weitere aus anderen Ländern freipressen. Der Airbus A-300 mit rund 250 Passagieren wurde am 27. Juni 1976 nach Entebbe entführt, weil man mit der Unterstützung des ugandischen Diktators Idi Amin rechnen konnte.

Böse erwies sich als Erbe der deutschen KZ-Betreiber und selektierte – wie an der Rampe von Ausschwitz – ungefähr 100 Israelis und Juden. Alle anderen Passagiere durften mit einer anderen „Air France“-Maschine nach Hause fliegen. Die Crew blieb aus Solidarität mit den Geiseln zurück.

„Wir müssen vor Ort sein.“ So brachte Wegener seine Überzeugung zum Ausdruck. Wem gegenüber er das sagte, darüber gibt es verschiedene Quellen. Mal ist vom Bundeskriminalamt die Rede, mal heißt es, außer dem Minister Genscher sei niemand informiert gewesen. Das ist auch schon deshalb egal, weil ihn wohl sowieso niemand aufgehalten hätte. Wegener reiste auf verschlungenen Wegen inkognito von Kenia her nach Uganda ein. Das war keine Vergnügungsreise, weil die Möglichkeiten des konsularischen Dienstes ausgesprochen beschränkt sind, wenn man es mit Amins brutalen Schergen zu tun bekam.

Seine Freundschaft zum britischen Militärattaché kam ihm zupass. Der griff sich kurzerhand den Rolls Royce, der mit exterritorialem Diplomatenstatus dem Botschafter als Dienstwagen diente. Unauffällig konnte man nicht auffälliger unterwegs sein. Allerdings musste man sich vorstellen, dass die Ugander wenig Respekt vor diplomatischen Regeln und Gepflogenheiten hatten, wie sich später herausstellen sollte.

Wegener Informierte die Israelis über ugandische Stellungen

Die beiden machten sich in jenem Rolls Royce komfortabel auf den Weg nach Entebbe, der früheren Hauptstadt des Landes, und mussten auf dem Weg zahlreiche Straßensperren passieren, um sich rund um den Flughafen ein Bild der Lage zu machen. Amin hatte keinen Zweifel an seiner Unterstützung der Terroristen gelassen. Niemand rechnete mit einem Angriff aus dem rund 3.500 km entfernten Israel, trotzdem dienten die Truppen rund um den Flughafen dem Schutz der Terroristen.

Heute würde man für eine solche Kommando-Aktion in Echtzeit aufgenommene Satellitenbilder verwenden, auf denen im Zweifel zu erkennen wäre, welcher ugandische Soldat mit welchem Finger welcher Hand in welchem Nasenloch bohrt. Sowas gab es 1976 vielleicht bei James Bond, aber nicht in der Realität.

Und so waren die Einschätzungen und Aufklärungen Wegeners von großem Wert. Der Mann war erfahren und wusste, wovon er sprach. Anders gesagt, man konnte seinen Aussagen vertrauen. Wegener zeichnete die Standpunkte und Stärke der rund um den Flughafen postierten ugandischen Soldaten auf und wird sie wohl per Funk an die Israelis weitergegeben haben. Insbesondere die Jagd- und Kampfflugzeuge interessierten die Israelis, die ja auch noch im Nachhinein die ganze Aktion hätten gefährden können.

Die Kommando-Aktion war stabsmäßig geplant. Auch die Israelis setzten auf Tarnung durch eine Limousine. Allerdings war das ein verlängerter Mercedes, von dem die ugandischen Truppen denken sollten, es handele sich um ein Diplomatenfahrzeug. Am Ende wurden mehr als 100 Geiseln gerettet und nach Kenia ausgeflogen. Aber es blieb nicht ohne Opfer. Eine Geisel blieb im Krankenhaus in der Hauptstadt zurück und wurde von Amins Schergen kaltblütig ermordet – gemeinsam mit den Ärzten und dem pflegerischen Personal, das sich für sie eingesetzt hatte.

Nachruf in der „New York-Times“

Wegener war wohl als Zaungast bei der Aktion dabei. Doch auf dem Rückweg geriet der Rolls in eine Straßensperre und in einem Gemenge wurde Wegener vom Bajonett eines ugandischen Soldaten verletzt, und die beiden Männer wurden zunächst in einem Golf- und Country-Club festgesetzt.

Wegener bluffte und gab sich als britischer Staatsbürger aus, was den jungen ugandischen Kommandanten dazu brachte, die Insassen des Rolls Royce fahren zu lassen. Die Wunde ließ Wegener dann auf dem Rückweg in Kenia versorgen.

Aus Rache ließ Amin mehr als 200 Kenianer abschlachten, die für die Unterstützung der Aktion durch den kenianischen Staat buchstäblich bluten mussten. Die Israelis hatten vor dem rund 5.000 Kilometer langen Rückweg in Nairobi zwischenlanden dürfen, um die Verletzten zu versorgen. Das illustriert die Gefahr, der sich Wegener ausgesetzt hatte. Wegeners Frau und zwei Töchter machten bei seiner Rückkehr drei Kreuze, wie er später selbst berichtete.

Ulrich Wegener wurde 88 Jahre alt und starb im Dezember 2017. Er dürfte einer der wenigen Polizisten sein, dem die „New York Times“ einen langen Nachruf widmete – wesentlich länger als der, den der „Spiegel“ online veröffentlichte.

Ohnehin hatte die deutsche Linke sicher ihre Schwierigkeit mit dem geradlinigen Soldaten, der sich in der preußischen Tradition seiner Familie sah und selbst nach dem Krieg seinem Vaterland als Offizier dienen wollte. Er war ein schlagender Beweis dafür, dass diese Tradition und demokratisch-freiheitliche Werte eben kein Widerspruch sein müssen und wir uns vielleicht heute diesem Ethos vorurteilsfreier nähern sollten.

Denn als gebürtiger Jüterboger hat der Brandenburger seine demokratische Gesinnung schon in jugendlichem Alter mehr unter Beweis gestellt, als all die 68er, denen der knorrige Ton und der Appell an Disziplin, Befehl und Gehorsam Anlass zum Mäkeln gaben. Er hatte vor den DDR-Wahlen Flugblätter gegen die „Einheitsliste der Nationalen Front“ verteilt und landete deshalb für 16 Monate im Stasi-Knast.

Als er 1952 entlassen wurde und nach Westberlin flüchtete, wog der 1,86 m große Hüne gerade mal 60 kg. Kein Wunder, dass einer der amerikanischen Sicherheitsberater des Präsidenten gegenüber dem deutschen Terrorismusexperten Rolf Tophoven sagte: „Wegener ist der einzige deutsche Held seit dem Zweiten Weltkrieg.“ Das trifft es. Der Mann hat unserem Land viel erspart.

Carl Christian Jancke ist im Hauptberuf Analyst für historische Automobile, liberaler Blogger und Publizist, unter anderem für die Jüdische Rundschau, wo dieser Beitrag ebenfalls erschien.

Von Ulrich Wegener erschien im Lit-Verlag Münster eine autorisierte Biografie. GSG-9. Stärker als der Terror. Auf der Berlinale wurde Anfang der Woche ein neuer Film über Entebbe mit Daniel Brühl in der Rolle des Terroristen Wilfried Böse gezeigt. Mehr über den Film in diesen Beitrag auf Achgut.

Foto: Bundesarchiv/Ulrich Wienke CC BY-SA 3.0 de via Wikimedia Commons

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Rudi Knoth / 21.02.2018

Guter Artikel. Dass Wegner auch bei Entebbe dabei war, hat mich überrascht. Ein Kommentar zu den Satellitenbildern: Ich kenne diese damalige Utopie aus dem Roman “Eisstation Zebra”. Das war die Geschichte, in der Amerikaner und Sowjets nach einem Spionagesatelliten suchten. Dessen Kamera soll sogar die Autokennzeichen sichtbar machen.

Andreas Rochow / 21.02.2018

Der Film “7 Tage Entebbe”, der Fall von der Leyen und der wackere Straßenkampf eines Rechtsanwalts und Parlamentariers gegen genehmigte Demonstrationen sind Anlass genug, über Wehrhaftigkeit und innere wie äußere Sicherheit und den Zustand der Demokratie in unserem Lande nachzudenken. Die Leistungen Ulrich Wegeners sollten dabei prototypisch für Wehrhaftigkeit gegen den internationalen Terrorismus und für den Schutz unserer freiheitlichen Gesellschaft stehen und verdienen einen besonderen Platz in unserem historischen Gedächtnis. Die Epoche, in der die ewigen Sympathisanten des Terrors - immer unter Hinweis auf die 12 N-Jahre! - Mut und Opferbereitschaft zu verachtenswerten Untugenden erklären und ihre eigene Feigheit in Pazifismus ummünzen konnten, gehen vorbei. Die Weltgeschichte wird den gefühlten “Vorreitern” zeigen, wo es langgeht.

beat schaller / 21.02.2018

Sehr geehrter Herr Janke, Genau solche Menschen hätten wir heute vor allem in politischen Positionen bitter nötig.  Menschen die selber an die vorderste Front gehen um zu wissen und nicht zu glauben wie die Situation ist. Solche Menschen brauchen wir nicht nur an der Polizei oder Militärfront, sondern ganz sicher auch im Bereich des Aussenministers, oder Finanzministers, in der Diplomatie oder im Bildungswesen, im Bereich Strafrecht und Staatsrecht und vieles mehr.  Menschen mit Rückgrat und nicht nur mit Uniwissen vollgestopfte Theoretiker, die in ihrem Leben noch nie wirklich produktiv etwas gearbeitet haben. Politik sollte für mich vorwiegend und mit Ausnahmen nur eine Ergänzung zum Beruf sein dürfen. So hätten wir grosse Chancen, dass wir uns der machbaren Realität, der Demokratie und den Bürger- und Völkerrechten wieder annähern könnten. Anstand, Sicherheit, Hilfsbereitschaft und Eigenverantwortung würden wieder neu angesiedelt. Träumen darf man ja noch. Danke für diesen Beitrag und die Gedanken an einen echten Gutmenschen ! b.schaller

Mark Schild / 21.02.2018

Ich war über 20 Jahre Erzieher in Berlin und habe in einigen Jugendzimmern “Fanposter” von Wilfried Böse gesehen bzw. wurden mir von arabischen und türkischen Jugendlichen stolz Fotos von Böse auf ihren Smartphones gezeigt. Es wird die Achse-Leser kaum überraschen, dass sie ihn nicht trotz des “Selektierens” glorifizierten, sondern genau deshalb. Noch ärgerlicher war die Reaktion meiner Kollegen, die fast ausschließlich linken oder linksradikalen Kreisen zuzurechnen sind. Entweder reagierten sie beim Thema Antisemitismus gelangweilt oder entblödeten sich nicht zu sagen, dass “die Juden doch selbst schuld sind”. Meine Fürsprache für Israel und Juden führte dazu, dass die Kollegen regelmäßig “Vorsicht, Judenalarm!” zischten, wenn ich mich ihnen näherte.  Bis heute bin ich mir nicht sicher ob meine Kündigung ein feiges Einknicken oder die beste Entscheidung meines Lebens war.

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