Henryk M. Broder / 03.07.2017 / 09:00 / 24 / Seite ausdrucken

WDR oder DDR? Finden Sie den Unterschied!

1. Broder an WDR

sehr geehrte frau schmitz,

ich habe ihre presseerklärung zu der arte-doku über antisemitismus erhalten.

dazu hätte ich eine frage:

die doku "holland in not - wer ist geert wilders?" (vom 8.3 2017) enthält etliche handwerkliche fehler, unterstellungen und verdrehungen.

sie haben das z.t. eingeräumt, indem sie den film nachgebessert haben - nachdem er gesendet wurde. allerdings haben sie es bei dieser gelegenheit versäumt, von handwerklichen fehlern zu sprechen. haben sie vor, dies nachzuholen, im dienste der ausgewogenheit?

für eine kurze und sinnvolle antwort wäre ich ihnen sehr dankbar.

viele grüße aus köln

2. WDR an Broder

Sehr geehrter Herr Broder,

warum wir die Dokumentation über Geert Wilders nachträglich bearbeitet haben, wurde breit kommuniziert und ist auch nach wie vor in der Mediathek als Begleittext zu der Dokumentation erläutert: 

„Dies ist eine geänderte Version des Films. Verzichtet wurde auf die Äußerungen des Scheichs Yasin, dessen Auftreten und Einordnung wir für problematisch halten. Den Vorwurf, in einer Passage des Films antisemitische Ressentiments zu schüren, weisen wir aber zurück. Die Passage stellt die Fakten korrekt dar. Gleichzeitig mussten wir aufgrund einiger Rückmeldungen feststellen, dass hier teilweise ein missverständlicher Eindruck entstehen kann. Wir haben die Kritik ernstgenommen und aus diesem Grund entschieden, den Film auch an dieser Stelle zu bearbeiten.“

Viele Grüße

WDR Presse und Information, WDR Pressedesk

3. Broder an WDR

sehr geehrte frau schmitz,

das ist nicht die auskunft, um die ich sie gebeten habe. sie haben den film über wilders nachträglich bearbeitet und die änderungen kommuniziert. als der film - ein mieses antisemitisches propagandastück - ausgestrahlt wurde, haben sie den zuschauern keinen faktencheck angeboten und nicht auf handwerkliche mängel des films hingewiesen. das heisst doch: ihnen war nichts aufgefallen, 

sie hatten keine beanstandungen. erst nach der ausstrahlung, aufgrund von zuschauer-protesten, wurde der film, wie sie selbst sagen, nachträglich bearbeitet, um zu vermeiden, dass ein "missverständlicher Eindruck entstehen" kann.

also noch einmal, und ganz langsam: warum gab es zum wilders-film keinen faktencheck und warum wurde diesem film kein distanzierender vorspann vorangestellt?

und jetzt bitte eine seriöse antwort.

viele grüße

4. Broder an WDR

sehr geehrte frau schmitz,

erlauben sie mir noch einen nachtrag zu meiner mail von heute früh.

von november 2004 bis februar 2016 haben ARD und arte 27 mal filme von michael moore gezeigt:

3x "unsere feindlichen Nachbarn"

7x "sicko"

17x "bowling for columbine".

die einzelnen sendedaten finden sie hier.

lassen wir die "feindlichen nachbarn" einmal weg - eine filmkomödie darüber, wie die amerikaner die kanadier befreien - so kommen wir auf 24 sendetermine für zwei dokumentationen.

michael moore ist ein sehr begabter und tüchtiger filmemacher. ob er ein "dokumentarist" ist, darüber gehen die ansichten auseinander. er ist ohne zweifel sehr subjektiv und alles mögliche, nur nicht ausgewogen (was ich gut finde). darüber hinaus gibt es kritiker, die ihm vorwerfen, er würde sein material so manipulieren, dass es in sein konzept passt.

was ich nun gerne wissen möchte: hat die ARD oder arte bei irgendeiner der 24 ausstrahlungen von "sicko" bzw. "columbine" einen faktencheck angestellt und michael moore mit dem ergebnis konfrontiert? hat die ARD oder arte irgendwann die zuschauer darauf hingewiesen, dass die sicht von MM sehr subjektiv und der film nicht ausgewogen ist?

vielen dank im voraus für ihre bemühungen

5. WDR an Broder

Sehr geehrter Herr Broder,

warum die Ausstrahlung der Dokumentation mit redaktionellen Hinweisen versehen war, ist auf einer Texttafel eingangs ausführlich erläutert:

TEXTTAFEL TV

„Für den WDR ist Antisemitismus ein zentrales, gesellschaftliches Thema. Deshalb haben wir dazu eine Dokumentation für Arte in Auftrag gegeben. Allerdings enthielt die gelieferte Fassung mehrere teils auch rechtlich relevante Mängel.Der Produzent hat diese erste Fassung inzwischen auch auf unsere ausdrückliche Bitte hin an insgesamt acht Stellen bearbeitet. Diese Änderungen waren jedoch aus unserer Sicht nicht ausreichend. Wir strahlen die Dokumentation daher nun mit rechtlich notwendigen zusätzlichen Anmerkungen aus. Damit schützen wir die Rechte Dritter, die im Film angegriffen, aber nicht – wie auch journalistisch geboten – angehört werden. Weitere Informationen zu Fehlern und Ungenauigkeiten unter: doku-faktencheck.wdr.de“

Ebenso erläutern wir, warum wir es für nötig halten, ergänzend einen Faktencheck online zu stellen:

Redaktionelle Informationen zur Dokumentation "Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa"

„Für den WDR ist Antisemitismus ein zentrales, gesellschaftliches Thema. Deshalb haben wir dazu eine Dokumentation für Arte in Auftrag gegeben. Allerdings enthielt die gelieferte Fassung mehrere teils auch rechtlich relevante Fehler. Der Produzent hat diese erste Fassung inzwischen auch auf unsere ausdrückliche Bitte hin an insgesamt acht Stellen bearbeitet. Diese Änderungen waren jedoch aus unserer Sicht nicht ausreichend. Wir veröffentlichen die Dokumentation daher nun mit rechtlich notwendigen zusätzlichen Anmerkungen. Damit schützen wir die Rechte Dritter, die im Film angegriffen, aber nicht – wie auch journalistisch geboten – angehört werden. Hier finden Sie Informationen zu weiteren Fehlern und Ungenauigkeiten, die es nach unserem Kenntnisstand in der Dokumentation gibt.“

Sie bemühen nun einen Vergleich mit anderen Dokumentationen, die der WDR ausgestrahlt hat. Dieser Vergleich hinkt. Um es noch einmal und abschließend zu betonen: 

Der WDR hatte und hat journalistisch-handwerkliche Bedenken bei der zur Zeit in der Diskussion stehenden Dokumentation. Dabei geht es nicht um den Inhalt, auch nicht um Ausgewogenheit. Eine Dokumentation muss nicht ausgewogen sein – aber sie muss handwerklich in Ordnung sein sowie journalistische und rechtliche Standards erfüllen. Daher haben wir die Ausstrahlung der Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ mit entsprechenden redaktionellen Hinweisen und einem Faktencheck begleitet.

Mit freundlichen Grüßen

WDR Presse und InformationWDR Pressedesk

6. Broder an WDR

sehr geehrte frau schmitz,

es zeugt nicht von guten manieren, wenn sie mails, die an sie gerichtet werden, unter einem gruppen-pseudonym (wdrpressedesk) beantworten. oder sind es doch irgendwelche praktikanten, die ihre bewährungsstrafen beim wdr ableisten? etwa dieselben, die auch den faktencheck kompiliert haben? 

falls sie es aber selbst sind: der unsinn, den sie schreiben, wird nicht dadurch besser, dass sie ihn wiederholen. oder der jeweiligen wetterlage anpassen. ging es anfangs um "ausgewogenheit" und "ergebnisoffenheit" (bei einem film über antisemitismus!), so sind es nun handwerkliche gründe sowie journalistische und rechtliche standards. ist das wirklich ihr ernst? wollen sie wirklich behaupten, der scheiß-film über wilders, den sie nachgebessert haben, hätte handwerklichen, journalistischen und rechtlichen standards entsprochen? und wenn ja, welchen? denen der reichsfilmkammer?

arte und wdr haben sich in dieser sache bis auf die zahnwurzeln blamiert. ich weiß es, sie wissen es, und alle anderen beteiligten wissen es auch. was sie jetzt betreiben, ist nicht schadensbegrenzung, sondern "augen zu und durch!". mit dieser technik hat es auch die SED geschafft, die DDR an die wand zu fahren.

dem WDR wird es nicht anders ergehen. hochmut kommt vor dem fall.

so gesehen, bewegen sie sich in die richtige richtung.

darauf noch ein kölsch!

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Leserpost

netiquette:

Florian Schonauer / 03.07.2017

Ist das wieder herrlich. Man hat ja in diesen Tagen wenig Anlaß zum Lachen; aber hier musste ich doch sehr schmunzeln,lieber Herr Broder. Darauf ein Beck’s und vielen Dank! Mit freundlichen Grüßen F.Schonauer

Ralf Pöhling / 03.07.2017

Peinlich, peinlich. Es ist zum fremdschämen, wie sich der WDR dort herauslavieren möchte. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist kein unabhängiges privates Unternehmen mit eigener Agenda, sondern laut Rundfunkstaatsvertrag zur Ausgewogenheit verpflichtet. Dies schließt naturgemäß mit ein, auch Meinungen auszustrahlen, die den linken Hardlinern unter den Redakteuren nicht schmecken. Und zwar selbst dann, wenn dabei deren eigene Doppelmoral demontiert wird. Es stellt sich die Frage, ob der Bürger seine Rundfunkgebühren zurückfordern kann, da der öffentlich-rechtliche Rundfunk seiner eigentlichen Kernaufgabe nicht mehr nachkommt und zum linksseitigen Propagandainstrument mutiert ist.

Klaus Schneider / 03.07.2017

Herrliche Entlarvung. Man muss nur hart am Ball bleiben, dann kann man sie packen. Danke, Herr Broder!

Tilo Bley / 03.07.2017

Das Grundproblem, wie ich es sehe, besteht, nicht nur in Deutschland, ja man möchte sagen, mittlerweile in (fast) ganz Europa darin, dass Antisemitismus nur bei (Neo-, da es ja fast keine Alt- mehr gibt) Nazis verortet wird. Womit das Problem natürlich nicht im geringsten verharmlost werden, das IST ein großes Problem, dass dieses Denken nicht ausstirbt. Das aber in der täglichen Praxis oft viel gravierende Problem des ARABISCHEN Antisemitismus, das natürlich mit der massenhaften Migration derartig geprägter und sozialisierter Menschen nach Europa, insbesondere Mitteleuropa, immer akuter wird, wird von unseren Mainstreammedien, inclusive des öffentlich-rechtlichen TV und RF, konsequent totgeschwiegen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Es muss doch jeden zutiefst erschrecken, wenn ein Machwerk wie MEIN KAMPF eines gewissen Herrn A. H. in der Türkei nun seit vielen Monaten ganz vorn in der Verkaufsliste der Bestseller liegt. Aber statt dieses Problem endlich einmal offensiv anzugehen (und ja, dazu müßte man sich halt auch mal mit diversen Muslim-Verbänden so richtig anlegen), wird herumgedruckst, geschwurbelt, verklausuliert und wie gesagt am liebsten völlig unter den Teppich gekehrt. DAS wird aber das Problem nicht lösen, es schwelt selbstverständlich unter der Oberfläche weiter. Hoffen wir alle, dass nicht eines allzu fernen Tages ein Flächenbrand daraus wird. Die Zahlen des aktuellen Exodus jüdischer Bürger z. B. aus Frankreich sollten jedenfalls alle Alarmglocken läuten lassen.

Andreas Rochow / 03.07.2017

Michael Moore’s Werke wären in der DDR ebenfalls 1:1 gesendet und verkauft worden. Linker Antiamerikanismus war e i n Markenkern der verschwundenen geglaubten DDR. Moore kam zu spät aber der WDR machte weiter. Ein Unterschied will mir eben gerade nicht einfallen.

Anne Müller / 03.07.2017

Bravo Herr Broder, ich wünschte, ich hätte Ihre Sprachgewandtheit! Sie retten meinen Tag. Mal wieder!

Bernd Schmitz / 03.07.2017

Sehr geehrter Herr Broder, Ich liebe Ihre Texte und Ihre Art. Weiter so! Für mich erscheint diese wortreiche Nichtbeantwortung mittlerweile als ein generelles Problem in vielen Bereichen auch im wirtschaftlichen Umfeld. Sie haben zumindest die Möglichkeit das ganze der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und somit den Verfasser der wohlverdienten Lächerlichkeit preiszugeben. Einfachen Bürgern wie uns fehlt im Arbeitsleben leider oftmals die Zeit so beharrlich wie Sie immer wieder zu schreiben. Bitte bleiben Sie weiterhin das Salz in der Wunde der Selbstgefälligen und sich selbst überschätzenden Erfüllungsgehilfen.

J. Straten / 03.07.2017

Schon seit über 40 Jahren ist der WDR als “Rotfunk“ bekannt. Solange es Zwangsgebühren gibt wird sich daran auch nichts ändern.

Roland Mock / 03.07.2017

Da Sie Michael Moore erwähnt haben: Den halte ich für die amerikanische Variante eines in der DDR seinerzeit sattsam bekannten Kommentators namens Karl-Eduard von Schnitzler; genannt “Sudel-Ede”.

JF Lupus / 03.07.2017

Haben Sie wirklich etwas anderes erwartet, Herr Broder?! Vom Rotfunk, wie ihn schon Oma und Mutter zu nennen pflegten?

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