Rainer Grell / 27.11.2018 / 14:00 / Foto: Oxfordian Kissuth / 14 / Seite ausdrucken

Waschgang für die Sprache

Zunächst ein paar Bemerkungen zum Ideenreichtum von Politik und Ministerialbürokratie bei der beschönigenden („euphemistischen“) Wortwahl für unangenehme Sachverhalte:

  • Infrastrukturabgabe statt Pkw-Maut
  • Besonders schön der „Wasserpfennig“, also das Entgelt für die Entnahme von Grundwasser und Oberflächenwasser aufgrund der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (Richtlinie 2000/60/EG des Europäischen Parlamentes und des Rates vom 23. Oktober 2000).
  • Vorbild war vermutlich der „Kohlepfennig“, der von 1974 bis 1995 zur Finanzierung des Steinkohleabbaus erhoben wurde, bis das Bundesverfassungsgericht ihn für verfassungswidrig erklärte.
  • Auch der „Solidaritätszuschlag“, fast liebevoll „Soli“ genannt, gehört in diesen Zusammenhang: Wer kann schon gegen Solidarität sein, obwohl er längst zur Finanzierung von allem Möglichen eingesetzt wird, da er nicht zweckgebunden ist.
  • Die „EEG-Umlage“ funktioniert nur in dieser abgekürzten Form, denn bei der Langfassung „Erneuerbare-Energien-Gesetz-Umlage“ würde manche Zunge auf der Strecke bleiben.
  • „Klimaschutz ist der Sammelbegriff für Maßnahmen, die der durch den Menschen verursachten globalen Erwärmung entgegenwirken und mögliche Folgen der globalen Erwärmung abmildern ... oder verhindern sollen“, heißt es bei Wikipedia. Für die Bekämpfung der globalen Erwärmung, die nicht durch den Menschen verursacht wurde, gibt es offenbar keinen Begriff; aber dieses Phänomen gibt es vermutlich gar nicht. Frage: Bin ich jetzt ein „Klimaleugner“?

Andere Begriffe wie „bildungsfern“ (für Menschen mit wenig oder keiner Bildung, Analphabeten) oder „suboptimal“ (für beschissen) oder „Förderschule“ (für Sonderschule, früher – horribile dictu – Hilfsschule), Entwicklungsländer (für unterentwickelte Länder – erinnern Sie sich noch?) verdanken ihre beklagenswerte Existenz der politischen Korrektheit, die versucht, selbst die schwärzesten Wörter so lange zu bearbeiten, bis sie in fast blütenreinem Weiß erstrahlen. Weiter möchte ich mich auf diesem Gebiet aber nicht vorwagen, denn hier bewegt man sich auf vermintem Gelände, wo es bestenfalls vor Fettnäpfchen wimmelt, wie Leute wie Eugen Gomringer (Jahrgang 1925, Autor des Gedichtes „Avenidas“), Hans-Joachim Kiderlen (Jahrgang 1943, hat Sawsan Chebli „geschockt“), ja selbst Barack Obama (Jahrgang 1961, „best looking attorney general“) in seiner Eigenschaft als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika erfahren mussten.

Die Wahrheit in einem Politiker-Satz

Besonders beliebte Worthülsen und Phrasen der politischen „Lingua Blablativa“ (Niklas Luhmann) sind

  • Ein Stück weit (gibt es in den irrsten Kombinationen)
  • Ein Schritt in die richtige Richtung (besser als „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“)
  • Seine Hausaufgaben machen (oder auch nicht)
  • Lückenlose Aufklärung (fordern, aber nicht liefern)
  • Investition in die Zukunft (wohin denn sonst?)
  • Gemeinsam (Lieblingswort der Kanzlerin)
  • Verantwortung (die größte Worthülse im politischen Betrieb)
  • Reformen (tricksen, tarnen, täuschen)
  • Bürokratieabbau (oft versprochen, nie erreicht – im Gegenteil)
  • Strategien (in allen Varianten)
  • Subsidiarität (das Gegenteil von dem, was tatsächlich geschieht)
  • Herausforderung (fast ein politisches Modewort, klingt nicht so trocken wie Aufgabe)
  • Stabilisierung (wer könnte etwas dagegen haben)
  • Konsolidierung (ein Begriff, der dem Normalbürger offenbar wie Honig runtergeht)
  • Solidarität, solidarisch (passt für alles Mögliche, manchmal sogar für das Gegenteil)
  • Soziale Gerechtigkeit (kein Kommentar)
  • Verteilungsgerechtigkeit (der letzte Schrei: Klimagerechtigkeit)
  • Gesellschaftlicher Zusammenhalt (gibt es, wenn überhaupt, nur in Extremsituationen)
  • Spaltung der Gesellschaft (der Normalfall: arm und reich, alt und jung, dick und doof)
  • Zivilgesellschaft („Zivilgesellschaft fungiert als Leitbild eines guten und gerechten Zusammenlebens in der Demokratie und hat als solches immer auch eine kritische Funktion gegenüber den herrschenden Entscheidungsinstanzen der Politik, Wirtschaft und öffentlichen Verwaltung“, sagt Wikipedia. Frage: Wer definiert dieses Leitbild?)
  • Profil schärfen (ist allgegenwärtig: Guckst du hier!)
  • Substantiell/substanziell (kann häufig ersatzlos gestrichen werden)
  • Strukturell („Unter dem Begriff Strukturelles Defizit versteht man denjenigen Teil des Staatsdefizits, der nicht auf konjunkturelle Schwankungen zurückzuführen ist. Es entsteht z.B., wenn neue Aufgaben ohne Abbau bestehender Aufgaben zur Überlastung des Staatshaushaltes führen.“ Dagegen hilft nur die schwarze Null.)
  • Systemisch (inflationär)
  • Unsere Werte, Wertegemeinschaft (Welche Werte?)
  • Die ganze Härte des Rechtsstaates (in der Praxis nicht selten Synonym für Milde)
  • Irgendwo ankommen (mit Vorliebe in der Mitte der Gesellschaft)
  • Verlorenes Vertrauen zurückgewinnen (als ob das ein natürlicher Vorgang wäre)

Natürlich ist die Liste in Wirklichkeit wesentlich länger. Aber ich möchte die Langmut der Achgut-Redaktion nicht überstrapazieren – und die der Leser auch nicht. Erhard Eppler, ein fast vergessener Politiker aus dem Ländle (er wird in Kürze 92 Jahre alt), der nicht für seinen Humor bekannt war, hat gleichwohl ein eindrucksvolles Beispiel für denselben geliefert, indem er in einem einzigen fiktiven Politiker-Satz das zum Ausdruck brachte, um das ich mich hier mit vielen Worten bemühe: „Ich gehe davon aus, daß die Entwicklung der Lage die Lösung der Probleme erleichtert, aber auch eine Herausforderung darstellt, denn die unverzichtbare Voraussetzung für die Akzeptanz unserer Politik ist es, daß wir den Bürgern nicht in die Tasche greifen, sondern uns durch gezielte Maßnahmen als Partei des Aufschwungs profilieren." (Kavalleriepferde beim Hornsignal. Die Krise der Politik im Spiegel der Sprache). Eppler kommentiert: „Wer ihn [diesen Satz ] für eine Karikatur hält – das ist er auch –, sollte einräumen, daß die politische Wirklichkeit Schlimmeres hervorbringt.“ Donnerwetter! Ein besseres Schlusswort fällt mir auch nicht ein.

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jack lope / 27.11.2018

Was noch fehlt, das ist: - irgendwelche “Pakete”, die “geschnürt” werden - und die beliebten “Fahrpläne”  Politsprech hat sich immer schon von der Alltagssprache unterschieden. Aber in den letzten Jahren habe ich die bestürzende Entdeckung gemacht, dass Politsprache deutlich ärmer geworden ist im Vergleich zur Alltagssprache. Es wimmelt nur noch so von Sprechblasen und Floskeln und Satzbausteinen, die entsprechend dem Mitteilungsauftrag zusammengesetzt werden. Gruselig.    

r.u.sirius / 27.11.2018

Bitte noch das am meist verwendete und umgedeutete Wort mit aufnehmen: DEMOKRATIE! Wer solch eine auf diesem Planeten finden sollte, bekommt mein gesamtes Hab und Gut übertragen!

Robert Jankowski / 27.11.2018

Sie dürfen eine Sach dabei nicht vergessen, wenn es um den Persil Waschgang für die deutsche Sprache geht: Hatespeech, Hassrede. Das ist ein Instrument mit dem man sämtliche kritischen Äußerung plätten kann und so sehr einfach drum herum kommt, sich mit der Kritik an sich auseinandersetzen zu müssen. Live erlebt: man postet in einem öffentlichen Blog ein Juncker Video das klar zeigt, dass der Mann als höchster EU Repräsentant ungeeignet, weil komplett besoffen ist. Unter dem Youtube Video einer bekannten englischen Zeitung stehen Kommentare. Anstatt auf das eigentliche Problem einzugehen, wurde im Blog dann einfach gepostet, dass die Kommentare zum Video ja lauter “Hatespeech” wären. Thema beendet. Nicht die Tatsache an sich ist das Problem, sondern dei Reaktionen darauf. Also: selbst wenn Sie ein ernsthaftes Problem mit Islamisten in Deutschland haben sollten, so dürfen Sie dies nicht öffentlich äußern, weil das dann eine Hassrede wäre. :o)

Joachim Lucas / 27.11.2018

Euphemismen sind der durchsichtige Versuch Leute über tatsächliche Sachverhalte zu täuschen. Er passt also zur Politikerkaste. Selbst der Dümmste, der noch einen Fernsehknopf bedienen kann merkt irgendwann, dass hier nur leeres Stroh gedroschen wird. Dass Politiker sie benutzen, zeigt, dass sie entweder nicht Manns genug sind Dinge beim Namenzu nennen oder noch schlimmer, dass sie diesen Sprachmüll selber glauben. Dass Sie diese Müll-Liste wahrscheinlich problemlos erstellt haben, zeigt die Geringschätzung gegenüber dem Volk. In der Industrie käme man mit solchem substanzlosem Gewäsch nicht weit. Deswegen sind diese Leute ja auch in der Politik.

U. Unger / 27.11.2018

Ja fast so schön zu lesen, wie meine Ferienlektüre 1986: “Die Geständnisse des Hochstaplers Felix Krull.” Die Euphemistische Union macht es in Zukunft möglich, auf die Literatur und ebensolche Nobelpreisträger zu verzichten. Freue mich als begeisterter Thomas Mann Leser auf weitere Schönfärbereien, Verdrehungen und Öko- Gender- Verharmlosungssprech. Deutschland im Rausch des Lorlei Extra Cuvee, zunehnehmend setzen wir zur Sektherstellung Wasser ein und besingen Verbrechen als Einzelfälle traumatisierter, aber liebenswürdiger, gebildeter junger Leute auf dem Weg to trendy Jobs (Social Wellness Customer, SWC). Wie wunderbar! Du schöne heile Welt, so lasset in der ARD den Tatort im strahlenden Licht des Erlebnisortes erscheinen. Fremdgewünschtes vorzeitiges Ableben, einseitig gewünschter Geschlechtsverkehr, Dialog mit Verletzungsfolge, oh Du segensreiche ganzjährige Weihnachtszeit! Und zur Krönung benennen wir ARD und Konsorten um, in öffentliche Bedürfnisanstalten, oder? Du, wir müssen reden! Ein Satz der 2019 nur noch gute Gefühle bringt. Schulreform 2019 aus mangelhaft wird vollkommen. Ich nix verstehen, Diplomand*innenkolloquium! Wie gut, dass man solch ein Geschwafel auch in “hate speech” zurück dolmetschen kann! Moralische Wende? P.S. Herr Grell, habe leider vermisst, dass staatliche Institutionen sich vorwiegend Leistungsträger nennen, obwohl jeder Verbrauch von Steuermitteln volkswirtschaftlich (kameralistisch auch) dem Konsum zugerechnet wird. Politiker buchen das komplett als Investition, (irre)! Vollkommen…..mangelhaft war gestern.

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