Am 14. Oktober 2025 übernahm ein Militärrat die Macht. Drei Tage später wurde vor dem Verfassungsgericht der Putschistenführer Oberst Michael Randrianirina als neues Staatsoberhaupt vereidigt. Der bis dato amtierende Präsident Andry Rajoelina hatte das Land verlassen. Nach dem Machtwechsel hat ihm die neue Regierung die Staatsbürgerschaft entzogen. Die Maßnahme wurde damit begründet, dass Rajoelina seit 2014 auch französischer Staatsbürger ist. Nach madagassischem Recht geht mit dem Erwerb einer anderen Staatsbürgerschaft automatisch der Verlust der madagassischen einher. (vgl. Achse vom 26.12.2020, „60 Jahre Unabhängigkeit .. Madagaskar“)
Breit angelegte Diplomatie
Der Chef der Militärjunta versucht, zwischen den Weltmächten, insbesondere China, das zahlreiche Wirtschaftsprojekte im Land plant, darunter eine Waffenfabrik, Russland (Waffen und Militärausbilder) und den USA (US‑Investitionen konzentrieren sich auf Bergbau, Agrarprojekte und den Dienstleistungssektor) und der früheren Kolonialmacht Frankreich (Bergbau, Tourismus, Landwirtschaft und Logistik) zu balancieren. Die strategische Lage erlaubt der Regierung die Kontrolle über die Straße von Mosambik.
Die Junta hat im Januar 2026 Interesse an einem Beitritt zum BRICS-Bündnis signalisiert, um die Abhängigkeit von Frankreich und dem Westen zu verringern. Gute Beziehungen pflegt die Regierung zu Indien (bis zu 25.000 Madegassen haben indische Wurzeln) und Japan (Bildungsinitiativen, Infrastruktur, Erweiterung des Hafens von Toamasina, einziger natürlicher Hafen an der Ostküste). Im Februar wurde der Juntachef von Wladimir Putin in Moskau und von Emmanuel Macron in Paris empfangen.
Weltweit größter Produzent von Vanille
Die Wirtschaft des Landes stützt sich auf die Landwirtschaft, Fischerei, den Bergbau und die Textilproduktion. Madagaskar produziert jährlich 2.000–3.500 t Bourbon-Vanille und deckt einen Großteil des Weltmarktes ab. Vanille wird aus Orchideen gewonnen und als Aroma verwendet. Vanilleschoten können erst nach zwei Jahren geerntet werden und sind deshalb relativ teuer. Der Vanilleanbau erfolgt größtenteils in Kleinbetrieben. Das gilt auch für Gewürznelken und Zimt, die Madagaskar exportiert. Die wichtigsten Abnehmerländer sind die USA, Frankreich, Deutschland, die Niederlande und Kanada. Weitere Exportgüter (Cash Crops) sind Kaffee, Kakao, ätherische Öle und Litschis.
Wichtige unerschlossene Bodenschätze
Trotz Ressourcenreichtum leben zwei Drittel der Bevölkerung an oder unter der Armutsgrenze. Das Land besitzt reiche, weitgehend unerschlossene Bodenschätze, darunter bedeutende Vorkommen an Nickel (zur Veredlung von Edelstahl), Kobalt (zur Herstellung von Lithium-Ionen-Batterien für E‑Fahrzeuge, Computer und Smartphones), Ilmenit (aus I. wird Titan gewonnen und u.a. im Flugzeugbau, in der Raketentechnik, für medizinische Implantate verwendet), Zirkon (für die Zahnmedizin, Medizintechnik), Rutil (z.B. für feuerfeste Keramik), Graphit (z.B. für Akkus in der E-Mobilität), Glimmer (z.B. in der Elektro- und Elektronikindustrie), Eisen und Seltene Erden. Daneben ist die Insel für Gold sowie Edelsteine wie Saphire, Rubine und Turmaline bekannt. Madagaskar verfügt über eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt (Regenwälder, Baobab-Alleen), gute Böden und zahlreiche begehrte Rohstoffe. (Vgl. Achse 15.09.24, Baobab – der Apothekerbaum)
Der britische Schauspieler John Cleese (Monty Python) ist eng mit dem Naturschutz auf Madagaskar verbunden, durch den Schutz der Lemuren. Eine 2005 neu entdeckte Art der Wollmakis wurde nach ihm benannt. Die Benennung würdigt Cleeses Engagement für den Naturschutz, insbesondere sein Interesse an Lemuren, das er unter anderem in dem Dokumentarfilm „Operation Lemur with John Cleese“ und dem Film „Wilde Kreaturen“ („Fierce Creatures“) zeigte.
Keine gleichen Zugangschancen zu ökonomischem Wohlstand
Seit der Unabhängigkeit von Frankreich stagniert Madagaskar wirtschaftlich und ist von hoher vorwiegend ländlicher Armut geprägt. Jährlich verliert das Land tausende Hektar Wald durch Brandrodung und Abholzung. Politische Krisen, Staatsversagen, Korruption und ein starkes Bevölkerungswachstum hindern die Entwicklung. Die Bevölkerung ist sehr jung (Medianalter 19,4 Jahre) und wächst schnell. Dies erhöht den Druck auf die Schaffung von Arbeitsplätzen. Die Mehrheit der Arbeitsplätze entsteht derzeit im informellen Sektor ohne soziale Absicherung oder existenzsicherndes Einkommen.
In allererster Linie entscheiden die politischen Institutionen in Afrika über den wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand. Und wer Afrika kennt, weiß um die beklemmende Atmosphäre, die dort manchmal die staatlichen Ämter umgibt. Der Weg aus der Armut führt über rechtsstaatliche, transparente, gewissenhafte und fürsorgliche Regierungsformen. Madagaskar – geprägt durch eine Mischung aus afrikanischen, asiatischen und europäischen Einflüssen – ist arm, weil Korruption, gewaltige Ungleichheiten und teils schwere Verstöße gegen die Menschenrechte den Menschen keine gleichen Zugangschancen zu ökonomischem Wohlstand geben. Es bleibt zu hoffen, dass die Putschisten in Madagaskar – wie versprochen – künftig eine größere Verantwortlichkeit ihren Bürgern gegenüber zeigen. Das ist das Mindeste, was man erwarten darf. Aber auch in Europa scheint das Verkünden von Zielen mehr zu zählen als deren Erreichung. Das Versprechen ist immer größer als die Einlösung.

Herr Ostrowsky, das Erstaunliche ist, das die afrikanischen Gesellschaften zwar äußerlich sehr „patriarchalisch“ wirken, aber oft genug die Frauen das eigentliche Sagen haben. Wobei das Klischee, das Frauen arbeiten und Männer Tee trinken auch falsch ist. Ohne Zweifel hat Schwarzafrika Entwicklungsrückstände, die Gründe sind vielfältig, aber ich bin weit davon entfernt, mich über deren Bevölkerungen zu erheben. Manches ist kurios, manches ärgerlich. Vieles ist auch beeindruckend.
Lieber Herr Seitz,
Herzlichen Dank fuer den Artikel und Ihre Einschaetzung der Lage.
Wieder einmal zeigt sich, dass wirtschaftliche Stabilitaet das Fundament fuer Aufschwung, politische Stabilitaet und Wachstum ist.
Europa waere gut beraten, in gezielet Projekte zu investieren, deren Resultate auch verifiziert werden koennen. Langfristig wuerde dies nicht nur Madagaskar, sondern auch Europa nuetzen, denn wem es im Heimatland gut geht, wird dieses nicht verlassen.
Aus dem Artikel: „Der Weg aus der Armut führt über rechtsstaatliche, transparente, gewissenhafte und fürsorgliche Regierungsformen.“
Völlig richtig. Der Weg aus der Armut führt eben nicht über Wohltätigkeit aus anderen Ländern. Auch wenn die Millionen der Lieschen Müllers in der deutschen Bevölkerung, in den deutschen Regierungen, den Kirchen(!) und den NGOs das immer denken.
Es ist leider viel einfacher, Geld über einem Land auszuschütten, als es zur Etablierung tragfähiger rechtsstaatlicher Institutionen zu bringen.
Entweder da wächst mal wieder der Pfeffer, oder auch nicht. Und was wurde/wird aus Neukaledonien? Hat man da mal wieder was gehört? Désolé pour le dérangement
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Manna ho Anna. Ho ho ho Xi Minh. On y parle français, la-bas.
Muss mal meinen Terminkalender suchen, ob ich noch einen Monat frei habe. Lieber dort das Chaos, als hier das Chaos. Zu wissen, wann der Strom ausfällt, ist viel beruhigender, als den ganzen Tag darauf zu warten und dann auch noch erfolglos. Wir brauchen endlich wieder feste Regeln im Leben.
>>Was wird aus Madagaskar? …. zuletzt regelmäßige Stromausfälle von mehr als zwölf Stunden pro Tag sowie Probleme bei der Wasserversorgung …<<
Bevor ich mich hier als Prophet oute. Schauen Sie einfach das Bild an. Dann wissen Sie es. Die Frauen schreien herum und die Männer, soweit sie noch im Lande sind, stehen dabei und schauen ausdruckslos. Davon werden die Stromausfälle nicht verschwinden. Das würden sie in Deutschland auch nicht tun. Das hat nicht direkt mit Madagaskar zu tun.
Aber warum fragen Sie überhaupt?
Feuer und Brandrodung nicht zu vergessen! Die Insel gerade vollständig von ihren Bewohnern verbrannt. Zu sehen auf der „NASA World Fire Map“. In 10 Jahren wird sie aussehen wie Haiti und die einmalige Natur, wird vernichtet sein. Neulich erzählte mir ein Geologe, dass auch die Sahara von Menschen gemacht ist. Von Afrikanern um genau zu sein. Brandrodung und Ziegenhaltung waren die Gründe dafür, dass aus der Steppe eine Wüste wurde. Auch die Pyramiden von Gizeh standen bei ihrer Erbauung noch im Gras. Geändert hat sich seither nichts, außer dass die Bevölkerungszahl explodiert ist. So viel zum Thema CO2 Fußabdruck.