Manfred Haferburg / 25.04.2018 / 15:00 / Foto: No-w-ay / 4 / Seite ausdrucken

Was wird aus der GroKo? (1)

Ach, wenn man doch in die nähere Zukunft blicken könnte, wenigstens ein bisschen. Aber: „Prognosen sind schwierig, zumal, wenn sie die Zukunft betreffen. Ich habe mich mal eine Zeitlang beruflich mit der Prognosterei beschäftigt. Was ist das, eine Zukunftsprognose? Mehr als ein Blick in die Glaskugel? Bei einer Zukunftsprognose werden auf der Grundlage vorhandener Fakten verschiedene Möglichkeiten ausgearbeitet, in welche Richtungen ein Trend weiterverlaufen könnte, welche Konsequenzen externe Ereignisse haben könnten. In der Regel werden daraus mehrere Szenarien entwickelt. Ein Szenario ist eine hypothetische Sequenz über die Zukunft, quasi eine Vorwärts-Extrapolation der Gegenwart, bei der wahrscheinliche Faktoren berücksichtigt und unwahrscheinliche Faktoren ausgeklammert werden.

Nach Reduktion der Szenarien durch Ausschluss inkonsistenter Kombinationen (z.B. es kommen lauter Raketenwissenschaftler und Neurochirurgen aus Afghanistan und retten die Rentenökonomie) und Ausschluss besonders unwahrscheinlicher Szenarien (z.B. die Bundeswehr putscht und Ursula von der Leyen wird Kanzlerin), bis hin zu physikalisch unmöglichen Varianten (die Energiewende wird ein Riesenerfolg) lassen sich für verbleibende Szenarien die Auswirkungen auf die Zukunft ausmalen. Wobei solche Merkmale, die sich in mehreren Szenarien vernetzen, eine höhere Wahrscheinlichkeit zugesprochen bekommen.

Auf nicht hundertprozentig wissenschaftliche Weise will ich die Anwendung dieser Technik mal mit der Politik versuchen. Im Resultat meiner Überlegungen heißen vier Szenarios:

  • Szenario 1: Es bleibt alles ganz anders (Merkel regiert weiter)
  • Szenario 2: Vorwärts, Genossen, es geht zurück! (Merkel vollzieht eine Politikwende)
  • Szenario 3: Auch Du, mein Sohn Brutus? (Die CSU als Sollbruchstelle der GroKo)
  • Szenario 4: Jähe Wendungen sind nicht ausgeschlossen. 

Im nächsten Artikel werde ich die vier Szenarien beschreiben, um dann in einem dritten Beitrag dieser Serie die Vernetzungen herauszuarbeiten und eine Prognose zu erstellen. 

Wichtig ist es zu bemerken, dass ich keine Prognose über die Legislaturperiode hinaus wage. Wie zutreffend die Prognose letztlich sein wird, dürfte eher ein Gegenstand von Achse-Leserwetten werden. 

Lassen Sie mich diesen Artikel mit einem Schwank aus meiner eigenen beruflichen „Szenario-Laufbahn“ beschließen. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich in den neunziger Jahren einen großen deutschen Energieversorger in Zukunftsstrategie beraten durfte. Es ging um die Zukunft der Stromerzeugung, darum, wie die Energieversorgung im Jahre 2020 aussehen würde und wie sich das damals sehr gut dastehende Unternehmen auf die Herausforderungen der Zukunft einstellen sollte. (Ja, damals meinte das Wort „Herausforderungen“ noch wichtige zu lösende Aufgaben. Heute werden mit dem Wort „Herausforderungen“ eher handfeste Krisen verniedlicht). 

Unser kleines Berater-Team war sich durchaus darüber im klaren, dass die Zukunft ziemlich schwierig vorherzusagen sei. Also beschlossen wir, mehrere Szenarien zum gleichen Thema zu entwerfen und dann die sich überlappenden Bereiche – also solche mit ähnlichen Aussagen – als „höher wahrscheinlich“ einzustufen und daraus unsere Schlussfolgerungen abzuleiten.

Ich trug nach einigen Wochen Arbeit die Ergebnisse der Studie den distinguierten Vorständen des Unternehmens in einem feierlichen Rahmen vor. Unsere Prognose war, dass im Jahre 2020 die Windenergie eine gewichtige Rolle auf dem deutschen Energiemarkt spielen würde. Oha – Windenergie für einen deutschen Energieversorger im Jahre 1997. Was für ein Affront. 

Mein Vortrag nötigte den feinen Herren nur mitleidiges Lächeln ab und der Vorstandsvorsitzende bemerkte leicht pikiert: „Herr Haferburg, wenn unser Unternehmen eine Windmühle benötigt, dann werden wir eine auf dem Markt beschaffen“. Für mich bedeutete das: „Setzen Haferburg, fünf“. 

Das Jahr 2020 ist noch nicht erreicht. Das einst so mächtige Unternehmen geht am Stock, weil es zu spät auf den Zug der Erneuerbaren Subventionen aufgesprungen ist. Die damaligen Vorstände sind längst mit goldenen Fallschirmen auf ihren Villengrundstücken gelandet. 

Ich bin überzeugt, dass ein Vortrag der Ergebnisse diesem Dreiteiler eine ähnliche Reaktion bei den heutigen Politikern hervorrufen würde. Der zweite Teil dieses Beitrages erscheint morgen.

Was wird aus der GroKo? (Teil 2)

Was wird aus der GroKo? (Teil 3)

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Rolf Menzen / 25.04.2018

Na ja, 1997 konnte sich auch keiner vorstellen, dass wir mal eine BuKa bekommen, die keinen klaren Satz formulieren kann und trotzdem mehrfach wiedergewählt wird. Das hätte man damals für Comedy gehalten.

Kurt Noll / 25.04.2018

Sehr geehrter Herr Haferburg, im Jahr 1997, als sie Ihre Prognose machten, war die Akzeptanz der Atomenergie jedenfalls größer als in den zwei Jahrzehnten davor. Das gilt sowohl für die Öffentlichkeit als auch für die damalige Politik. Das heißt freilich nicht, dass eine Fortschreibung der damaligen Tendenz die Leitlinie zur Findung einer zukünftigen Entwicklung sein sollte. Schlummernde Tendenzen, technische Entwicklungen, Zeitgeist - alles hat Einfluss auf die Zukunft. Den wirksamen Schub bekam die Nutzung der Windenergie aber erst durch die abrupte Energiewende als Folge von Fukushima 2011. Die war 1997 nicht vorraussehbar. Deshalb beeindruckt mich Ihre damalige Prognose nicht. Ich sehe keine rationale Linie (probability), die Ihre Prognose von 1997 gestützt hätte. Aber freilich haben sie mit Ihrer Prognose Glück gehabt, und das ist manchmal wichtiger alles Sonstige

Thomas Weidner / 25.04.2018

Jetzt würde mich BRENNEND interessieren, wie Sie, Herr Haferburg, in den 1990er Jahren auf die Idee kamen, dass 25 Jahre später die Windenergie eine “gewichtige” Rolle spielen würde. Denn der einzige Grund, warum die Windenergie derart boomte ist meiner Ansicht nach nicht die rotgrüne Energiewende, sondern die Negativ-Zins-Politik der EZB mit Fukushima als orchestrale Begleitmusik. Billiges Geld in Verbindung mit garantierten Renditen in Verbindung mit dem hoppla-hopp-AKW-Ausstieg (und bei Windrädern in windarmen Bereichen der schon bekannte Betrug an Investoren, welche vor lauter Dollarzeichen auf der Netzhaut das Investment nicht richtig prüften…).

Klaus Reichert / 25.04.2018

Was für ein Cliffhanger! Spannung pur, schlaflose Nacht. :-)

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