Marie Dufond, Gastautorin / 29.12.2021 / 14:00 / Foto: Pixabay / 76 / Seite ausdrucken

Was von Anna übrig blieb

Anna und ich kennen uns seit 29 Jahren. Wir korrespondieren immer seltener. Seit über 20 Jahren wohne ich hunderte von Kilometern von ihr entfernt, aber erst seit etwa eineinhalb Jahren dünnt sich unser Kontakt aus.

Von Marie Dufond.

Anna und ich kennen uns seit 29 Jahren. Wir korrespondieren immer seltener. Seit über 20 Jahren wohne ich hunderte von Kilometern von ihr entfernt, aber erst seit etwa eineinhalb Jahren dünnt sich unser Kontakt aus.

Anna hat ihre Tochter damals auf die Waldorfschule geschickt. Sie hat ihre Tochter gegen nichts impfen lassen. „Kinder müssen Krankheiten durchmachen, durchleben. Das stärkt sie“, sagte sie mir damals. Unterstützt wurde sie in ihrer Haltung von Ärzten aus den anthroposophischen Kreisen. Ich hatte zu diesem Thema keine leidenschaftliche Meinung und sagte nichts dazu.

Anna sagte noch im Juni 2021, die Sache sei akut. Sie meinte damit die Pandemie. Anna sagt, die Regierung hätte ja nicht anders gekonnt als auf Sicht zu fahren, und Anna findet die sich wiederholenden Änderungen der Zielvorgaben deswegen nachvollziehbar. Anna warb bei mir für Verständnis für Jens Spahn. Der hätte es auch nicht leicht. Jetzt sagt sie: „Ja, das stimmt schon, Karl Lauterbach hat sich manchmal geirrt. Aber er meint es gut, da bin ich mir ganz sicher!“

Anna ist auch unbedingt für Solidarität

Anna denkt, dass die Kinder und Jugendlichen, die mehrere Monate Schule versäumt haben, das leicht wieder aufholen können. Anna sagt, ich solle die Kraft von Kindern und Jugendlichen nicht unterschätzen. Anna glaubt nicht, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrien überfüllt sind. Anna sagt, sie hätte davon nichts gehört. Und deshalb glaubt sie mir das auch nicht.

Anna ist überzeugt, dass alle Wissenschaftler weltweit einig sind, dass Lockdowns und all die anderen Maßnahmen die Mittel der Stunde waren. Und dass sie geholfen haben, das Virus einzudämmen. Sie hat kein Interesse daran, zu erfahren, wie andere Staaten auf den Erreger reagiert haben.

In Bezug auf Frankreich lenkt Anna ein, ja, das sei schon harsch, was Emmanuel Macron da mit der Impfpflicht für das medizinische Personal eingeführt hat, da hätte ich schon recht. Wie denn jetzt eigentlich das Wetter bei mir sei, fragt sie dann.

Anna schätzt Richard David Precht, weil er die Bürger an ihre Bürgerpflichten erinnert. Anna ist ja links und deswegen kapitalismuskritisch. Und da spielt ihr Richard David Precht in die Hände, denn die von ihm kritisierte Konsumhaltung in allen Bereichen findet Anna auch verdammenswert. Und Anna ist auch unbedingt für Solidarität.

Das hätte ganz sicher nichts mit der Impfung zu tun

Im September hat mir Anna in einer Mail in leidenschaftlichem Ton geschrieben, dass sie unbedingt dagegen sei, dass Ungeimpfte anders behandelt würden als Geimpfte. Bei unserem letzten Telefonat wies ich darauf hin, dass das ja nun Alltag sei. „Hm, leider, ja“, sagt Anna, „so ist das jetzt gekommen.“ Mehr sagt Anna dazu nicht.

Annas Vater hatte eines Abends im Herbst einen starken Linksdrall und war sehr abgeschlagen. Im Krankenhaus hat man eine symptomlose Lungenentzündung diagnostiziert. Die Antibiotika haben schnell geholfen. Was die Ärzte denn zu diesem Linksdrall gesagt hätten, frage ich. Nichts, dazu hätten die Ärzte nichts gesagt. Im Alter ihres Vaters sei es immer möglich, dass jemand mal kleine Thrombosen im Kopf hätte, belehrt sie mich eilig. Ich frage, wie lang nach der zweiten Impfdosis das denn geschehen sei. Anna entgegnet aggressiv, das hätte ganz sicher nichts mit der Impfung zu tun.

Ich wage dennoch, von den Impfnebenwirkungen zu sprechen. Anna schneidet mir das Wort ab. Sie sei informiert, dass alle Impfnebenwirkungen sehr selten seien und sie allesamt auch ganz schnell und folgenlos wieder vergingen. Da sei ich anders informiert, insistiere ich. Anna sagt, sie wisse ja nicht, woher ich meine Informationen beziehen würde. Ich sage, von den offiziellen Behörden, sie könne das selbst nachlesen. Anna seufzt. Ich verweise als Beispiel auf die jungen, gesunden Männer, die unmittelbar oder kurz nach der Injektion sterben, Männer im Alter ihrer Tochter. Anna sagt, es gebe ja nun viele, viele verschiedene mögliche Gründe, warum junge Männer plötzlich sterben.

Und hier gebe ich auf.

Viele, viele verschiedene mögliche Gründe, warum junge, gesunde Männer plötzlich sterben, wollen mir einfach nicht einfallen.

Übergang zwischen Realität und Science Fiction

Anna macht Yoga und Anna meditiert jeden Morgen. Sie empfiehlt mir, es doch auch mal mit Meditieren zu versuchen.

Früher mal konnte Anna sich empören. Früher mal ist Anna sehr aktiv für die Rechte von Kindern eingetreten. Von Staatenlosen. Von Behinderten. Früher mal war Anna wütend, wenn ihr ein Arzt eine IGeL-Leistung angeraten hat. „Ich sage doch dazu nicht 'Ja', nur damit der sich auch noch seinen dritten Porsche in die Garage stellen kann!“

Meine Freundin Anna hat sich impfen lassen und zwar aus Solidarität und außerdem, ergänzt sie, wolle sie keine Lungenentzündung. Meinen Hinweis, dass sie mit Mitte 40 aller Wahrscheinlichkeit nach keine Lungenentzündung durch diesen Erreger bekommen würde, quittiert sie mit Schweigen. Vielleicht verdreht sie dabei die Augen am Telefon, sehen kann ich es ja nicht.

Zu Weihnachten traf sie sich nach einigem Zögern nun doch mit ihren Eltern. Obwohl ihre Mutter nicht geimpft ist. Die Begründung ihrer Mutter, sich nicht impfen lassen zu wollen, hätte damit zu tun, dass der Übergang zwischen Realität und Science Fiction bei ihrer Mutter fließend sei, erläutert Anna. Die Mutter soll dann zum Familienessen, zu dem auch Annas Tochter kommt, einen negativen Test vorweisen, das sei nun schon geboten, sagt Anna, einfach zur Sicherheit für alle.

Annas Tochter ist heute 22 Jahre alt. Röteln hat sie nicht durchgemacht, und sie ist bis heute nicht dagegen geimpft. Aber gegen SARS-CoV-2. Aus Solidarität.

Foto: Pixabay

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Charles Brûler / 29.12.2021

Schön. Oder vielleicht auch nicht. Wer kennt das Gefühl nicht

Dan Sternberg / 29.12.2021

Zum Glück gibt es neben den zahllosen hier beschriebenen “Annas” (m/w/d) auch noch ganz normale Menschen, auch unter den Geimpften. Ich habe zum Glück nur wenige “Annas” verloren. Mein Freundeskreis besteht zwar hauptsächlich aus Leuten, die skeptisch gegenüber dem Experiment sind und bisher noch die Kraft haben, dagegen zu halten. Die wenigen, die sich haben impfen lassen (durchaus auch schon früh und freiwillig), bleiben aber nach wie vor treue Freunde. Selbst über die Impfung kann man mit ihnen problemlos reden - der kleinste gemeinsame Nenner ist “soll jeder tun, was er für richtig hält”. Auch “wer geimpft ist, sollte ja geschützt sein” erregt keinen Protest. Ich bin wirklich froh darüber. Von einer Freundin weiß ich, dass sie am Verzweifeln ist, weil sie fast ausschließlich von “Annas” umgeben ist. Leider wohnt sie fünf Autostunden entfernt, sodass lange Telefonate als Ersatz reichen müssen, um sie immer wieder aufzubauen.

Uwe Dippel / 29.12.2021

Wie hiess es bei Fassbender? Angst essen Seele auf. Meine Annas sind angstgetrieben. Sie brauchen eine Führergestalt. Hahnemann oder Drosten.

B. Kotchoubey / 29.12.2021

Man wundert sich, warum ausgerechnet die absoluten Impfgegner und Hasser der Gentechnologien heute zu begeisterten Fans der genetischen Menschenexperimente geworden sind. Nein, das ist kein Paradox. Sie waren Impfgegner, als dies dem Mainstream einer gewissen Szene war; heute sind sie mit der Szene genauso eng verbunden. Nicht diese Personen änderten sich, sondern die Szene. Um das Beispiel von Orwell zu erwähnen: Am Abend vom 21.06.1941 gingen die Deutschen als beste Freunde der Russen ins Bett, und am nächsten Morgen standen sie als deren Erzfeinde auf.

Karlheinz Patek / 29.12.2021

Ich kannte auch mal so eine “Anna”, in meinem Fall eine männliche Anna. War etwa zu dem Zeitpunkt als der FDP Kandidat mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. 30 Jahre Freundschaft, oder das was ich dafür gehalten habe, wurden von mir in 2 Minuten in die Mülltonne getreten. Monatelanges ausdünnen, wie bei ihnen, wozu? Keine Sekunde habe ich das bereut. Jetzt kenne ich keine Anna mehr, nur noch Nicht-Anna´s.

Werner Arning / 29.12.2021

Wir haben alle ähnliche Erfahrungen gemacht, Marie. Anna ist der Normalfall. Und Marie ist die exception.

Paul Liesner / 29.12.2021

Es macht keinen Sinn mit Menschen wie Anna über das Thema Corona und impfen zu diskutieren. Sie sind so in ihrer eigenen Blase gefangen, dass sie keine anderen Meinungen an sich ranlassen. So sind die linken von ihrer eigenen Ideologie gefesselten Menschen eben, leider.

Silvia Orlandi / 29.12.2021

Ich frage mich immer noch ,ist die Welt verrückt geworden? Oder habe ich einen Knall? Nach einiger Introspektion komme ich zu dem Schluss: millionenfacher, länderübergreifender Wahnsinn gab es in der Geschichte immer wieder von der Hexenverfolgung,WK1, WK2 bis zum Rassenwahn. Spinne ich??. Eine ernsthafte Frage, wie kommt ein Individuum dazu entgegen der Meinung von Experten, Freunden,Familienmitgliedern, auf seine Meinung zu bestehen? Warum sind ein paar Spinner, Spaziergänger,Quer —und Aluhutträger gefährlich? Nach der Logik des Mainstreams werden sie demnächst sterben.Also lasst sie in Ruhe. P.S. Dürfen Totgesagte länger leben?

Jens Rickmeyer, awM® / 29.12.2021

@Johannes Schuster: »Als unhöflicher Überlebender von SARS-CoV-2 […] Weil ich die Frechheit hatte zu überleben sind einige in meinem Umfeld sichtlich, - höhö: Verschnupft!« — HOW DARE YOU! — Trotzdem guten ראש! ;-)

Jürgen Fischer / 29.12.2021

DAS war einer der wenigen Pluspunkte dieses Jahres in meinem Leben: Annas erkannt, Annas gebannt. Wie es ja so schön hieß: Abstand von Idioten! Wenn ich mit solchen nicht in Kontakt komme, muss ich mich auch nicht darüber aufregen. Amen.

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