Cora Stephan / 04.01.2024 / 16:00 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 10 / Seite ausdrucken

Was soll das sein, ein neues Jahr?

Will jemand ernsthaft behaupten, das bloße Auswechseln der letzten Zahl des Datums bedeute bereits etwas wirklich und wahrhaftig ganz anderes?

An die Magie von Zahlen habe ich nie so recht geglaubt. In Mathematik war ich nicht gut, und Malen nach Zahlen fand ich doof. Und besonders albern waren die halbgaren Jungs, deren Schrottkisten mit einem Nummernschild angaben, auf dem „666“ stand. Das war kein Versprechen, es war noch nicht einmal eine Drohung. „33“ verstand ich ja noch gerade so, aber für „88“ brauchte ich eine Weile. Wie gesagt: schlecht in Mathe. Und wo war da die Magie?

Eben. Deshalb verstehe ich auch das ganze Gewese um ein „neues Jahr“ nicht. Was soll das sein, ein neues Jahr? Frisch erworben? Oder will jemand ernsthaft behaupten, das bloße Auswechseln der letzten Zahl des Datums bedeute bereits etwas wirklich und wahrhaftig ganz anderes? 4 die bessere 3? Unfassbare Steigerung des Glücksempfindens in einer blitzeblank frischgeputzten Welt, porentief rein? Ach nein, es wird weitergehen wie bisher, mit ein paar ungewissen Steigerungen – nicht zum größeren Glück der meisten.

Ich als alte Heidin, die Bäume umarmt und Steine streichelt, ziehe, sollte es tatsächlich um Erneuerung gehen, das Datum der Wintersonnenwende vor: den 22. Dezember. Hier liegt das Versprechen auf Erneuerung: mit jeder Minute, an der es tags heller bleibt, steigen die Säfte – und ja: man kann dabei zusehen. Im Januar beginnt es langsam mit etwa einer Minute, es beschleunigt sich dann ab Mitte Februar. Wer zuschauen will, beziehe täglich einen erhöhten Posten Richtung Sonnenuntergang, nehme die Stoppuhr und verzeichne, um wie viele Sekunden das große Gelbe länger oben bleibt. Das hilft überleben bis März.

Der 1.1. hat für sich keine Bedeutung

Also warum dieses Theater wegen eines neuen Kalenderblattes? Welche Magie einer einzigen Zahl sollte dafür sorgen, dass nun alles anders wird? Da müsste schon mehr passieren. Weit mehr. Eine gigantische Machtdemonstration von Traktoren und Lieferwagen aller Sorten etwa. Ein Rücktritt dieser und der nächsten Regierung. Eine Überflutung des Bundeskanzleramts, ersatzweise des Kölner Doms. Aber was hat das mit irgendeinem 1.1. zu tun? Eben. Nichts.

Der 1.1. hat für sich keine Bedeutung. Und deshalb gibt es auch keinen Grund, sein Heraufkommen mit Feuerwerk und Böllern zu feiern. Umgekehrt wird ein Polenböller draus: Der allgemeinen Randale musste im Nachhinein ein Grund verpasst werden. Jeder andere Anlass wäre den meisten Neujahrsrandalierern wahrscheinlich mindestens ebenso recht: Die Oberammergauer Filmfestspiele oder der Jahrestag des Ausbruchs des Krakatau oder die Wiederkunft der Willkommenskultur. Also lassen wir sie ballern und gehen Bäume umarmen im Park. Nur die Gläubigen schauen derweil mit selig geöffneten Augen aufs Ziffernblatt der großen Weltenuhr und erwarten, dass der Himmel aufreißt und „The Great Gig in the Sky“ zum letzten Walzer lädt:

„And I am not frightened of dying, Any time will do, I don't mind. Why should I be frightened of dying? There's no reason for it, you've gotta go sometime.“

 

Cora Stephan ist Publizistin und Schriftstellerin. Viele ihrer Romane und Sachbücher wurden Bestseller. Ihr aktueller Roman heißt „Über alle Gräben hinweg. Roman einer Freundschaft“.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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RMPetersen / 04.01.2024

“In Mathematik war ich nicht gut ...” Sowas zu bekennen, macht sich heutzutage gut, denn Mathe ist ja irgendwie weiß-rassistisch und unterdrückt andere progressive Lösungen: 2 + 2 gleich 5 lautet das woke Credo. Frau Stephan, der Jahreswechsel markiert den natürlichen Jahresverlauf der Jahreszeiten, der Bewegung der Erde um die Sonne. Wenn ihnen dieser Verlauf wurscht ist, sind Sie keineswegs allein, die meisten woken Linken haben für traditionelle Abläufe der Natur nichts übrig. Stattdessen wird regelmässig panik geschoben, wenn´s im Winter plötzlich regnet oder wenn es kalt wird etc. Daß dies im Jahresablauf der Natur nun einmal stattfindet, und daß diese seit Jahrhunderten an gestimmten kalendarischen Punkten gefeiert wird,.  ist für Diejenigen ohne Bedeutung, die den Menschen losgelöst von der Natur und der Tradition sehen.  Sie also auch.

Sam Lowry / 04.01.2024

“Heute beim Penny Markt. 9,96€, bitte aufrunden, 10,00€. Flexibel?” Eben bei REWE dasselbe… Zufall? Man kann den Zufall berechnen, aber ob ich jetzt unter den 0,0001 oder 99,9999 % bin, das bleibt immer offen. Irgendeiner gewinnt immer im Lotto, nur niemals ich. Neulich dachte ich, oh, schon lange kein Flugzeugabsturz mehr gewesen. Japan. Und nach meinem “Gesetz der Folge” passiert in Kürze wieder etwas. Vielleicht schon morgen. Daher rate ich jedem davon ab, momentan in ein Flugzeug zu steigen. Man könnte unter den 0,0001 % sein… nach meiner Erfahrung etwas darüber.

Hans-Peter Dollhopf / 04.01.2024

Frau Stephan, die Neigung der Erdachse zur Ekliptik überträgt sich ja nicht mit der Exaktheit einer Atomuhr auf den neuen Baumring und den Schlaf von Eichhörnchen, Igel und Bär. Es gibt ja keinen taktgenauen linearen Zusammenhang zwischen Peter Henleins Unruh und John Harrisons Marinechronometer mit den Frühlingsgefühlen im weiteren Verlauf. Ob Volk sich am 21. oder am 31. Dezember zusammenrottet, tut seiner “Magie” keinen Abbruch, da im Toleranzbereich der Messungenauigkeit der Physiologie, insbesondere wenn bei kurzer Hellphase Bewölkung Grau mit Nacht vermischt. “Magisch” ist, wie viele bis dahin verhungerten und erfroren und was nachkommen wird. Eine Sonnwendfeier ist eine Art von schicksalsverbundener Volkszählung in Eigenregie, deren Resultat sich bereit mit den Erträgen zum Erntedankfest prognostizieren ließ. Allen ein gesundes neues Jahr! Lasst euch 2024 nicht weiter entfremden!

Karsten Dörre / 04.01.2024

Mit Zahlen kommt Ordnung ins Leben. Die ollen Römer führten Neujahr als neues Amtsjahr ein. Mir ist mein Lebensalter aus natürlicher Sicht auch Wurst, aber das gezählte Alter sichert mir im Ernstfall als Letzter die Heimat im Volkssturm zu verteidigen, damit nicht die modernen, jüngeren Oberschlauen ihre Work-Life-Balance durchdeklinieren und sich aus dem Staub machen. Außerdem wird mir und anderen bewusst, dass ich Ruhegeld erhalten darf. Zudem sind Zahlendaten Orientierung und machen soziale Rituale verbindlich. Als man noch sagte, nächste Sommersonnenwende abends treffen wir uns an der Eiche bei den drei Hügeln wieder, bestand der Zeitraum bis zu drei Monate und der Ort hatte einen Radius von fünfzig Kilometer. Man rannte also umher und fragte, ob wer wen gesehen hat und in welche Richtung gegangen, um irgendwann zu finden. Frau Stephan, Ihr Neujahr 2024 lässt nichts Gutes für Sie ahnen.

Stefan Riedel / 04.01.2024

“Will jemand ernsthaft behaupten, das bloße Auswechseln der letzten Zahl des Datums bedeute bereits etwas wirklich und wahrhaftig ganz anderes?” Mathematik ist eine abstrakte Hilfswissenschaft! Neues Jahr? Astronomie. Der Planet Erde benötigt halt ungefähr 1 Jahr für eine vollständige Umrundung der Sonne,. Ungefähr, 2024 ist ein Schaltjahr (warum war 2000 kein Schaltjahr)? Fragen wir die Politiker. Eine Geldeinheit bleibt halt eine Geldeinheit. Die Zahlen haben sich das nicht ausgedacht? 1, 2, 3 …? Abstrakte Größen. Interpretation? Dauer der Planetenumlaufbahn in Zeiteinheiten, Höhe der Staatsschulden in Geldeinheiten? Zauber der Mathematik? In der Anwendung flexibel. Heute beim Penny Markt. 9,96€, bitte aufrunden, 10,00€. Flexibel? 

Manni Meier / 04.01.2024

Gut umarmen Sie ihre Bäume und streicheln ihre Steine, Frau Stephan. Die Moslems feiern unser Neujahr ja auch nicht, die randalieren da lieber. Ist schließlich nach dem Heiligen Silvester benannt, der als Papst an diesem Tage, Anno 335, das Zeitliche segnete. Also christliches Fest, deshalb Haram! Und der Prophet hat denen obendrein sowieso einen eigenen Kalender mit 354 Tagen verordnet. Also, Frau Stephan, herzen Sie weiterhin ihre Steine und liebkosen ihre Bäume und lassen wir die muslimischen Fachkräfte weiter an diesem Tage randalieren. Aber lassen Sie uns, übriggebliebene alte weise Männer, in alter Tradition weiterhin an Sylvester feiern, Sekt und Bowle genießen und uns am prächtigen Feuerwerk erfreuen. “The same procedure as last year? -“The same procedure as every year” - solange Rot/Grün es noch erlaubt.

Wolf Hagen / 04.01.2024

Der Mensch ist ein soziales Wesen, also zumindest die meisten. Im Grunde sind alle Feiern nichts weiter als Vorwände, um sich zu treffen, zu saufen, andere oder Freunde und Familie zu sehen, kurz um Spaß zu haben. Viele Feiern wurden und werden ritualisiert, um so stärker, desto weniger Spaß könnte man sagen. Ob Sie, oder ich nun den 01.01., den 22.12., oder Ihren Geburtstag feiern spielt eigentlich keine Rolle für die Welt und das Universum. Obwohl so ganz stimmt es nicht, besonders bei Geburtstagen, denn ist man zu jung, oder zu alt, darf man vieles noch nicht, oder nicht mehr. Manchmal aus gewichtigen Gründen, sehr oft aber auch nur wegen einer Zahl, an der die eigene Zurechnungsfähigkeit fest gemacht wird…

Ralf Pöhling / 04.01.2024

Die Jahreszahl hat in etwa den selben Wert, wie die Zeitanzeige auf dem Blurayplayer, während man einen Film schaut. Sie dient der Orientierung. Mehr nicht. Sie sagt nichts darüber aus, wie gut oder schlecht der Film ist. Ich mache den Unfug mit Silvester jetzt seit 52 Jahren mit. In jungen Jahren ist das ja so etwas wie ein Sport, eine möglichst spektakuläre Silvesterparty zu erwischen. Aber warum eigentlich? Jedes mal wird ein riesiges Brimborium darum gemacht und am nächsten Tag ist doch wieder alles gleich. Wenn Leute feiern wollen, schön und gut. Aber da gibt es doch bestimmt sinnvollere Anlässe. Nämlich welche, die nicht auf schnöden Zeitabläufen, sondern auf positiven Ereignissen basieren. So wie z.B. Geburten, Hochzeiten, etc.. Aber wer sich auf Silvester unbedingt zudröhnen und die Finger wegsprengen will, der soll das in einem freien Land natürlich auch weiterhin tun können. Aber verstehen tue ich das genau so wenig wie Sie, Frau Stephan.

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