Audrey Hepburn war zweifellos eine Stilikone. Doch in unserer Familie spielte sie nicht die Hauptrolle. Die Hauptrolle gehörte meiner Mutter. Ich bin aufgewachsen zwischen Burda-Schnittmustern und den komplexen Linien, die meine Mutter selbst aufs Papier zeichnete. Diese geometrische Präzision hatte einen kuriosen Nebeneffekt: Sie ist der Grund, warum wir Kinder später mit den Straßenatlanten der Vorzeit – lange vor der Erfindung des Navis – so mühelos klarkamen. Wer gelernt hat, Schnittmuster zu lesen, verläuft sich nicht im Raum. Und er verliert auch nicht so leicht den inneren Kompass.
Das Geld in der Familie unserer Großeltern mütterlicherseits reichte damals, um das Studium meines Onkels zu finanzieren, der später Dr. med. für Innere Krankheiten wurde. Meine Mutter wurde Schneidermeisterin. Zu ihrem Glück und zum Glück ihrer vielen Freundinnen, die stets nach der neuesten Mode verlangten – ja, sogar nach Haute Couture.
Der gelebte Westen am Bosporus
In der jungen Republik Türkei gab es eine lange Epoche, in der der Westen nicht nur kopiert, sondern mit Stolz gelebt wurde. Das Kopftuch spielte in unserem Alltag keine Rolle. Meine Mutter, eine wunderschöne Frau, lebte uns diese Modernität vor. Hollywood-Filme schaute sie sich zusammen mit ihren Freundinnen im Kino an – allerdings nie ohne Papier und Bleistift in der Hand. Die Leinwand war der Laufsteg, von dem sofort abgeschaut wurde, was die großen Stars trugen. Direkt nach dem Kinobesuch ging es in einen der vielen Stoffläden Istanbuls. Stoffe wurden begutachtet, verglichen, befühlt. Wenn meine Mutter danach ein neues Kleid nähte, sah es bei uns zu Hause aus, als würden wir eine Schlacht auf einem textilen Kriegsschauplatz vorbereiten.
Wenn sie mich in den Stoffladen mitnahm, war sie ein Blickfang. Doch das Faszinierende war: Je nach Stadtteil sahen fast alle Frauen so schick und extravagant aus. Und die Männer? Sie trugen ausnahmslos Anzug, meist maßgefertigt. Es gab damals nichts von der Stange. Sogar die einfachen Leute, wie der Fischer auf seinem Boot, trugen ein Sakko – nur eben ohne Krawatte. Es war eine Zeit, in der die Menschen Träume, Pläne und eine greifbare Zukunft hatten. Es lohnte sich, Ziele zu setzen.
Niemand ahnte damals, was sich zeitgleich in Deutschland zusammenbraute. Keiner wusste, dass deutsche Politiker und Regierungen im Laufe der Jahrzehnte zu „Islamverstehern“ mutieren würden. Während wir in der Türkei die Säkularisierung feierten, wurden in Deutschland islamische Vereine wie Milli Görüş großgepäppelt. Unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit bauten sie ein Paralleluniversum auf. Sie nahmen unzählige Türken unter ihren Schirm, verlangten die Teilnahme der Jugendlichen an Korankursen und diktierten den Alltag bis auf den Teller: Fleisch durfte nur noch in von ihnen empfohlenen Metzgereien gekauft werden, weil es angeblich nur dort islamisch korrekt geschächtet wurde.
Aus genau diesem repressiven Milieu der Milli Görüş entsprang später auch ein Mann namens Recep Tayyip Erdoğan. Das Kopftuch, das in Deutschland plötzlich zum vermeintlich unumgänglichen Symbol des Islams hochgejazzt und von der Politik hofiert wurde, schwappte mit voller Wucht in die Türkei zurück. In Istanbul gab es damals unter uns Einheimischen einen bitteren stehenden Satz, wenn das Stadtbild plötzlich von verschleierten Frauen dominiert wurde: „Man merkt, es sind gerade Schulferien in Deutschland.“ Die Re-Islamisierung unserer Heimat war ein deutsches Importprodukt.
Der Preis der Wahrheit
Heute ist meine Mutter 94 Jahre jung. Sie hat sich den Fußknöchel gebrochen. Eine Operation wäre nötig, ist aber wegen ihres hohen Alters nicht mehr möglich. Im März dieses Jahres wurden es genau zehn Jahre, seit ich sie das letzte Mal umarmen, ihren Duft riechen und sie küssen konnte. Warum? Weil ich ein „ganz Schlimmer“ bin. Einer, der die Wahrheiten herausschreit. Hier wie dort.
Das geht nicht ungestraft. Das ging in der Türkei noch nie – und in Deutschland neuerdings auch nicht mehr. Ich lebe im Exil – in der anderen Heimat – von der eigenen Familie, getrennt durch die unerbittlichen Fronten der Meinungsfreiheit.
Der Beitrag ist eine Liebeserklärung an meine Mutter. Aber er ist auch eine eindringliche Warnung an Deutschland. Ich liebe Deutschland. Genau deshalb schmerzt es mich so tief, zu sehen, wie dieses Land dieselben naiven Fehler wiederholt, die meine alte Heimat ins Dunkel gestürzt haben.
Zwei Szenen mit meiner Mutter haben mein Leben und meinen Charakter jedoch so tief geprägt, dass kein politischer Druck sie je auslöschen kann.
„Der Jude ist ein Angsthase“
Während meiner Kindheit in der Türkei hatte ich armenische und jüdische Freunde. Doch in den 1960er Jahren passierte etwas Seltsames: Eines Tages waren sie weg. Einfach so, ohne Abschied.
Ich war vielleicht neun oder zehn Jahre alt, als ich mit den jüdischen Nachbarskindern in unserem Garten in Istanbul spielte. Stella und Aaron hießen sie – zwei Namen, die ich heute noch wunderschön finde. Wir drehten uns im Kreis und schrien aus vollem Hals: „Der Jude ist ein Angsthase, der Jude ist ein Angsthase...“ Wir waren Kinder. Uns fehlte jeder Tiefgang, jedes Verständnis dafür, was wir da eigentlich von uns gaben. Sogar Stella und Aaron machten voller Inbrunst mit.
Ihre Eltern, Tante Mava und Onkel Yakup, saßen auf der Terrasse und beobachteten uns schweigend. Was sie gedacht haben mögen? Ob sie ihren Kindern am Abend etwas dazu gesagt haben? Diese Fragen stellte ich mir erst zehn Jahre später. Doch da waren Aaron, Stella und ihre Familie längst fort – spurlos verschwunden. Erst als Erwachsener begriff ich das lähmende Muster der Angst, das sich um mich herum vollzogen hatte.
Das Schlüsselerlebnis auf der Fähre
Meine Mutter erzählte mir Jahre später, dass man damals aus Angst vor Repressalien niemandem erzählte, wenn man das Land verließ. Man vertraute sich höchstens ein, zwei Personen an. Meine Mutter war so eine Vertrauensperson.
Das entscheidende Erlebnis meines Lebens spielte sich auf einer der 20-minütigen Schiffstouren zwischen dem asiatischen und dem europäischen Teil Istanbuls ab. Ich saß auf dem oberen, überdachten Freideck. Als alle Plätze besetzt waren, bat mich meine Mutter auf ihren Schoß, damit eine andere Frau mit ihrem Kleinkind Platz fand. Ich fragte den Jungen nach seinem Namen. „Vartkes“, sagte er. So hieß auch unser armenischer Handwerker aus der Nachbarschaft. Ohne nachzudenken, fragte ich laut: „Bist du auch Armenier, wie Onkel Vartkes?“
Sofort zog mich meine Mutter fest am Arm zu sich – als wollte sie die Frage physisch wieder in meinen Mund zurückholen. Die beiden Mütter lächelten sich verschämt und verängstigt an. Die Stimmung kippte sofort. Ein Mann, vielleicht Mitte 40, der unter den Stehenden stand, baute sich vor der Frau auf und herrschte sie an: „Steh auf, gib mir deinen Platz! Was erlaubst du dir eigentlich?“
Die Frau wollte verängstigt aufstehen, doch meine Mutter packte sie am Arm: „Bleiben Sie sitzen, ich gebe meinen Platz.“
Der Mann entgegnete aggressiv: „Bleiben Sie sitzen! Ich möchte, dass sie aufsteht, dieses Gesindel!“ Er zerrte an dem einen Arm der Frau, meine Mutter hielt den anderen fest. Dann schwenkte der Mann aufs Du um und schrie meine Mutter an: „Bist Du etwa auch einer von denen?“
Rund 150 Passagiere standen oder saßen drumherum. Niemand mischte sich ein. Alle schauten weg. Doch meine Mutter gewann diesen stummen Kampf durch schiere Willenskraft; der Mann ließ schließlich von der Frau ab.
Das Vermächtnis
Zu Hause verlor meine Mutter nicht viele Worte darüber. Sie sagte nur, dass manche Leute die jüdischen und armenischen Türken nicht leiden könnten. Und sie fügte einen Satz hinzu, der mein Lebenskompass wurde: „Dass du mir das niemals so handhabst. Alle Menschen sind gleich, überall auf der Welt.“
Das habe ich verstanden. Wenn ich heute als Internetaktivist das Unrecht, den Antisemitismus und die Unterdrückung nicht schweigend ertragen kann, dann liegt das an diesem Tag auf dem Schiff. Es war der Tag, an dem ich verstand, warum unsere jüdischen Freunde nach Israel und in die USA flohen und die Armenier nach Frankreich. (Diesen Teil der Geschichte erzählte ich schon mal in Auszügen bei Achgut).
Meine Mutter lehrte mich, das Schnittmuster der Freiheit gegen den Terror der Mehrheit und den schleichenden Konformismus zu verteidigen. Deutschland, das ich liebe, sollte endlich beginnen, genau dasselbe zu tun, bevor es zu spät ist.

Und was genau lieben sie an Deutschland? Die gegenwärtigen Zustände, und bereits unter gegangene beste Deutschlands können es ja wohl kaum sein?
Ich war vor 40 Jahren als 20 jährige für drei Tage mit dem Rucksack im Rahmen einer Inter-Rail-Reise in Istanbul. Ich empfand die Stadt nicht als modern. Ja, oberflächlich trugen viele Frauen westliche Kleidung. Aber ab 18.00 Uhr konnte man keine Frauen mehr allein auf den Straßen sehen. Morgens wurden wir orientalisch geweckt. In ganz Istanbul erschallten die Muezzin-Rufe, die sich gegenseitig übertönten. Ich wurde als Touristin belästigt, wenn ich nur drei Minuten ohne meine männliche Begleitung auf mich gestellt war. Mit Westen und westlich hatte das alles nichts zu tun. Nach den drei Tagen hatte ich für mich beschlossen, nie mehr in ein islamisches Land zu reisen. Das Essen aber war gut.
„Alle Menschen sind gleich, überall auf der Welt“. Mutter Dener (94) klingt wie unsere Omas gegen Rechzz. Der Beitrag ist eine Liebeserklärung an die bunte Vielfalt. Und den Sohnemann „schmerzt es so tief, zu sehen, wie dieses Land dieselben naiven Fehler“…?
Ach Herr Dener, ich mag Ihre Texte!
Obwohl mich dieser mal wieder zu Tränen rührt.
Unvergesslich die Abende, die ich bei einem 14tägigen Aufenthalt vor 15 Jahren in Istanbul am Bosporos, am Marmarameer und in einem Vergnügungslokal zubringen durfte. In der Nähe des Ortes, wo ich am Tage tätig war, gab es eine Moschee, deren Lärm so viel beachtet wurde wie bei uns Kirchenglocken. In den 14 Tagen hatte ich ganze sieben Kopftücher gezählt, wovon zwei am Sonntag bei betagten Frauen im Topkapipalast. Zurück berichtete ich einer CDU-Landtagsabgeordneten von MV während einer Familienfeier darüber, und dass ich mehr als sieben Kopftücher zähle, wenn ich zur Arbeit fahre. Ich fragte sie auch, wie ein Volk sich so etwas bieten lassen kann. Sie schaute betreten vor sich auf den Tisch und gab keine Antwort. Damals wusste ich noch nicht, dass sich die CDU schlimmer als SPD und Grüne zur Landesverräterpartei entwickeln würde.
Sehr geehrter Herr Ahmet Refii Dener, diesen Rückschritt, den sie als Türke in der Türkei er-fahren haben, haben auch die Ossis im Ost-Deutschland schon hinter sich, nun will auch das Wesen im Westen vom Dummland diese Er-fahrung, allerdings mit dem Lasten-Fahrrad, er-fahren !?
In Ihren Texten, wie ernst die Themen auch sein mögen, liegt stets ein Zauber, der mich mit seinen Worten fesselt. Vielen Dank dafür, Herr Dener!