Rainer Bonhorst / 14.03.2018 / 06:25 / Foto: Pixabay / 44 / Seite ausdrucken

Was man privat meinen darf

Die Vertreibung des Schriftstellers Uwe Tellkamp aus der warmen Mitte unserer heimeligen Republik hinüber in die rechte Strafecke ist Anschauungsunterricht erster Güte. Warum der Autor des „Turm“ in die Ecke beordert wurde, hat die sächsische Kunstministerin Eva-Maria Stange auf wunderbar entlarvende Weise begründet.

Dass die meisten Migranten nicht vor Krieg und Verfolgung fliehen, sondern kämen, um in die Sozialsysteme einzuwandern, sei dem Schriftsteller zwar als „Privatmeinung“ gestattet. Öffentlich geäußert aber würden solche Parolen das gesellschaftliche Klima vergiften. Damit hat Frau Stange unfreiwillig, aber treffend das Problem angesprochen, das unsere Gesellschaft tatsächlich vergiftet. Es ist die Unterscheidung zwischen stumm zu bleibender Privatmeinung und gestatteter Meinungsäußerung.

Das Grundgesetz sieht diese Unterscheidung nicht vor. Es spricht von freier Meinungsäußerung. Also Äußerung. Nix stumm. Die private, also stumme Meinungsfreiheit, die ihre Grenzen dort findet, wo sie öffentlich geäußert wird, ist eine Erfindung der political correctness, also der letzten Jahre. Eva-Maria Stanges Parole von der „Privatmeinung“ und der vergiftenden Meinungsäußerung mag auf den ersten Blick wie blanker Blödsinn klingen, entspricht aber exakt dem Zeitgeist. Im deutschen Alltag wird längst zwischen unausgesprochener oder nur im vertrauten Kreis formulierter Meinung und dem, was man einer größeren Öffentlichkeit zumuten mag, streng unterschieden.

Vertreibung aus dem Klub der Lieben und Netten

Neu ist dieses Phänomen natürlich nicht. Es ist das Merkmal einer jeden Diktatur, ob rechts, ob links oder einfach nur despotisch. Wo es richtig hart hergeht oder herging, wandert(e) der unbotmäßige Meinungsäußerer ins Gefängnis. Wie etwa in der Türkei, um ein aktuelles, im Weltvergleich aber keineswegs herausragend schlimmes Beispiel zu nennen. So weit ist es bei uns zum Glück noch lange nicht. Hierzulande droht dem unbotmäßigen Meinungsäußerer nur die Vertreibung aus dem Klub der Lieben und Netten und die Versetzung in die Reihen der Schmuddelkinder. Wer etwas robuster gebaut ist, kann das verschmerzen. Der Sensible aber leidet wie ein Exilant, der sich nach der alten Heimat sehnt.

Historisch gesehen ist die Unterscheidung zwischen dem, was man sagen darf, und dem, was zu sagen nicht erlaubt ist, der Normalzustand. Erst die Aufklärung hat daran gerüttelt und schrittweise dazu geführt, dass Denken und Sagen (oder Schreiben) eine möglichst große Schnittmenge haben sollten. Oder wenigstens haben dürfen sollten.

Der Normalzustand vordemokratischer Zeiten wird meiner Meinung nach am besten in einem Volkslied aus dem 19. Jahrhundert beschrieben:

Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten, sie fliehen vorbei wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen.

Ja, so war das, als freie Gedanken nur Privatsache sein durften. Und als die Jäger mit dem Schießgewehr kamen, wenn die Gedanken nicht mehr als nächtliche Schatten vorbei flohen, sondern laut und deutlich oder gar schwarz auf weiß Gestalt annahmen.

Heute gehen die Jäger nicht mehr mit dem Schießgewehr in Stellung, sondern feuern den Bannstrahl der political correctness ab. Und da es sich bei den Jägern von heute oft um Jägerinnen mit Nanny-Zertifikat handelt, sage ich nicht, wie Marquis Posa: Sire, geben Sie Gedankenfreiheit! Sondern: Madam Stange und Co, lassen Sie uns, verflixt noch mal, unsere Redefreiheit!

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Leserpost

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Martin Schau / 14.03.2018

Was mich so empört ist die Tatsache, dass seit den 60ern jede noch so abstruse, falsche, einseitige oder unverschämte linke Wortmeldung /Aktion /These etc. aufmerksam angehört, diskutiert und gelobt wurde. Und wehe, dies geschah nicht! Dann braute sich sofort republikweit Empörung zusammen: Maulkorb! Willkür! Intoleranz! Wo bleibt das Recht auf freie Meinungsäußerung?! Ist es in Deutschland wieder so weit…?! Hat die BRD nichts dazugelernt?! usw. Ob Politik, Kunst oder Kultur, seit Jahrzehnten durfte links ALLES und tat dies auch mit größter Selbstverständlichkeit. Jetzt regt sich erstmals ein nicht linker Widerstand - und der politisch-mediale Komplex zeigt seine undemokratische Fratze…

Uta Buhr / 14.03.2018

@Gudrun Meiselbach: Liebe Frau Meiselbach, war das nun Satire oder meinen Sie das,, was Sie da abgelassen haben, wirklich? Tja, und Ihr Rechtschreibung lässt sehr zu wünschen übrig.

Annette Busch / 14.03.2018

Wenn Du Zwang und Druck erfährst, singe oder pfeife die neue Hymne freier Menschen: DIE GEDANKEN SIND FREI.

Richard Loewe / 14.03.2018

in Großbritannien ist man einen Schritt weiter: dort hat die Polizei keine Zeit mehr Einbrecher und Schläger zu jagen, weil man “online hate crimes” gegen Muslime verfolgen muss. Kommt in Deutschland auch bald. Wir sind langsamer, aber wesentlich gründlicher. Der feste Wille deutsche Tugenden gegen islamische Untugenden auszutauchen wurde ja vor einigen Wochen im ZDF quasi in den Meinungsmainstream geleitet.

Gernot Radtke / 14.03.2018

“Madam Stange und Co, lassen Sie uns, verflixt noch mal, unsere Redefreiheit!” - Ihr Beitrag, verehrter Herr Bonhorst, in Ehren, aber sein Schlußsatz ist unwürdig. Wer ist Frau Stange, daß wir, der Bürger und Souverän, von ihr, einer ideologiegetriebenen alten Rotbonzin, die “Redefreiheit” zu erbitten hätten? Dagegen wehrt sich alles in uns, was republikanisch denkt und freiheitlich empfindet. Die (vor allem linken) Gouvernantenanmaßungen auf allen Gesellschaftsebenen gehören entschieden bekämpft und in die Wüsten getrieben. Mit der Austreibung des Mündelwesens kann man gleich bei den Sätzen beginnen.

Ulrike Teich / 14.03.2018

HaJo Wolf - ich bin Jahrgang 1980, ich habe auch nie Elend, Krieg und Armut erlebt, kann aber dennoch nachfühlen, nachvollziehen, dass unser Wohlstand, die Rechte die wir als Frauen hier genießen, nicht vom Himmel gefallen sind. Es ist nicht das Alter, sondern die Bereitschaft zu reflektieren, sich zu informieren, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen die man benötigt, um nicht mit Scheuklappen durch die Welt zu laufen. Die Einsicht, dass man nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen hat, dass man selbst nicht unfehlbar ist und dass letztlich auch Dinge, an die man jahrelang geglaubt hat, sich trotzdem als falsch herausstellen können - und dass es KEIN zeichen von Schwäche ist, Fehler einzugestehen, sondern im Gegenteil ein Zeichen von Größe.

Klaus Maschmann / 14.03.2018

Mir fällt zu all den unsäglichen Entwicklungen und Tendenzen in unserer “modernen und offenen” Gesellschaft immer wieder nur folgendes ein:  Nazis >>> das waren und sind immer diejenigen, die mit den perfidesten Methoden Menschenjagd betreiben, die Mitmenschen hemmungslos diskreditieren, die sich nicht scheuen Existenzen von Andersdenkenden zu vernichten und diesen jedweden Schaden zuzufügen, die glauben, ein Meinungsmonopol zu besitzen, das ein Argumentieren überflüssig macht! Davon ist offenbar unsere gesamte Gesellschaft inzwischen - in dem Irrglauben Gutes zu tun - massiv unterwandert. Besonders befremdlich ist dabei, daß sich die umtriebigen Anwender der modernen Nazimethoden für besonders lupenreine und aufrechte Demokraten halten ... dabei aber geflissentlich übersehen, daß gerade sie es sind, die unsere Demokratie und unsere freiheitliche Grundordnung besonders gefährden.

Esther Burke / 14.03.2018

Noch ein Lied(text) : “Und wenn die Welt voll Teufel wär / und wollt uns gar verschlingen / so fürchten wir uns nicht so sehr / es soll uns doch gelingen. / Der Fürst dieser Welt, / wie sau´r er sich stellt, / tut er doch uns nicht ;/ das macht er ist gericht´;/ ein Wörtlein kann ihn fällen. Das Wort sie sollen lassen stahn / und kein Dank dazu haben;. .... / das Reich muss uns doch bleiben” (Martin Luther -Ein feste Burg ist unser Gott - 1529)

Karla Kuhn / 14.03.2018

Gibt es “Satiriker” unter den Leserbriefschreibern ???  Wenn ja, dann wurde der Brief sehr gut getarnt, alle Achtung !

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