In ihrer Rede vor dem jüngsten Parteitag der Grünen in Hannover ließ die Parteivorsitzende Franziska Brantner dankenswerterweise die Unterdrückungsgeschichte und das Selbstbehauptungspotential der Frau als solcher Revue passieren. Man habe die Hexenverbrennungen überlebt, die Küchenschürze der fünfziger Jahre und man werde auch „diese Faschos“, gemeint war die AfD, „gemeinsam überleben“ (Achgut berichtete). Ach wie gut, dass Frau Brantner offenbar nicht weiß, dass gerade wieder allerorten Hexen gemeuchelt werden. Zwar nur auf Theaterbühnen, aber man weiß ja nie, denn wo Pappmachee-Öfen lodern …
Ich selbst wurde gerade Zeuge eines solchen Autodafés und zwar im Münchner Gärtnerplatztheater, jener Bühne, die in der bayerischen Landeshauptstadt fürs leichtere Genre zuständig ist, darunter auch Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ nach dem gleichnamigen Märchen der Gebrüder Grimm. In der Adventszeit kann es sich keine deutsche Bühne leisten, dieses Stück nicht auf den Spielplan zu setzen, das vor allem bei Familien mit Kindern, die man ja gerne als künftige Opernbesucher sehen möchte, außerordentlich populär ist. In der Rangliste der Opern mit den meisten Aufführungen rangierte „Hänsel und Gretel“ in der Spielzeit 2023/2024 auf Platz drei nach Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“ und Giacomo Puccinis „La bohème“.
Die Asche der bedauernswerten Hexe auf mein Haupt! Eigentlich geht es nicht an, dass man Humperdincks Klassiker zum ersten Mal kurz vor dem Renteneintritt sieht. Meist hat man nämlich schon im Kindesalter mit diesem Stück erste Bekanntschaft mit der Oper als musikalischer Gattung gemacht. Bei mir war es jedoch Richard Wagners „Der fliegende Holländer“, schon etwas schwerere Kost, aber eben auch ein Märchen- und Mythenstoff, der die kindliche Fantasie anzuregen imstande ist.
Möglicherweise hatte mein sozialdemokratisch gepolter Vater, der mich ins Wiesbadener Staatstheater schleppte, ein Problem mit der Literaturgattung Märchen, die in den siebziger Jahren in den Focus gesellschaftskritischer Exegeten rückte, voller Gewalt, überholten Rollenbildern und verstaubten Moralvorstellungen. Oder er mochte Humperdincks zuweilen etwas betuliche Volkstümlichkeit nicht.
Unerschöpfliches Betätigungsfeld für ehrgeizige Regisseure
Humperdincks Musik ist erstaunlich nahe an Wagner, den er heiß verehrte. Er wirkte als Assistent des Meisters an den Vorarbeiten zur Uraufführung des „Parsifal“ mit und unterrichtete dessen Sohn Siegfried in Kompositionslehre. Letzterer brachte es allerdings nie zu einem solchen Bühnenerfolg wie Humperdinck mit „Hänsel und Gretel“. Die Uraufführung im Jahre 1893 in Weimar wurde von keinem Geringeren als Richard Strauss dirigiert und innerhalb kurzer Zeit wurde das Werk von fünfzig Bühnen nachgespielt. Unvorstellbar heute bei einer „modernen“ Oper.
Leider ist „Hänsel & Gretel“ nicht nur ein musiktheatralischer Wurf mit Schmachtfetzen wie dem „Abendsegen“ („Abends will ich schlafen gehen, vierzehn Engel um mich stehn.“) und einer mitreißend-symphonischen Ouvertüre, sondern auch ein unerschöpfliches Betätigungsfeld für ehrgeizige Regisseure, die sich seit Jahrzehnten an dem harmlosen Werk abarbeiten – Grimms drastischere Vorlage war von der Librettistin, Humperdincks Schwester Adelheid entschärft worden – und dabei kein Klischee woker Theaterarbeit auslassen.
Mal steht die Rolle der Frau im Mittelpunkt, mal die Gewalt, die die kannibalistische Knusperhexe den Kindern antut (Kindesmissbrauch!), welche dann allerdings brutal zurückschlagen und die Hexe in den Ofen expedieren, was der Grenze des Schicklichen seinerseits bedrohlich nahekommt. Gerne im aufklärerischen Sinne thematisiert wird auch die häusliche Gewalt im Elternhaus von Hänsel & Gretel, die Armut der Eltern und der frömmelnde Zug, der die Oper durchzieht.
Ein schales Happyend
Wie das Geisterschiff des „Fliegenden Holländers“ in modernen Inszenierungen der Oper zum bloßen Buddelschiff mutierte, schrumpft auch das Lebkuchenhaus, mit dem die Hexe ihre kindlichen Opfer anlockt, schon mal zum handelsüblichen Backwerk der Vorweihnachtszeit. Manchmal wird alles Märchenhafte einfach gecancelt wie in einer Inszenierung, die der Intendantenliebling Robert Carsen 2018 an der Oper Zürich herausbrachte.
Statt im Wald sind Hänsel & Gretel hier in einer trashigen Szenerie à la Bronx gestrandet, die Mutter ist eine Prostituierte, der Vater alkoholabhängig, die Hexe als Weihnachtsmann verkleidet, der die Kinder mit den Verführungen der Konsumgesellschaft konfrontiert. Und der Sandmann befördert die Kids mit Drogen ins Reich der Träume. Warum eigentlich muss man Kinder mit Kapitalismuskritik konfrontieren, bevor sie überhaupt wissen, was das ist, der böse Kapitalismus?
Alles Christlich-pietistische ist bei Carsen getilgt, die vierzehn Engel, die die Kinder im Schlaf bewachen – ein Trupp aus Messdienern und Breakdancern. Und statt Erlösung im Zeichen des die Oper durchziehenden Hymnus „Wenn die Not aufs höchste steigt, Gott der Herr die Hand uns reicht“ gibt's ein schales Happyend. „Die Kinder sind zwar vom Hexenzauber erlöst, werden aber arm bleiben, denn die Oper zeigt keinen Weg in eine bessere Wirklichkeit“, heißt es in einer Rezension. Schade, wenn man schon Kindern jene Hoffnungslosigkeit einflößt, die offenbar die Mehrzahl der Regisseure befallen hat.
Carsens Züricher Produktion wurde gerade ersetzt, nicht wegen überbordener Modernität, wie die Pressestelle versichert. Jetzt rettet sich die Regie in den nicht sonderlich originellen Kunstgriff, das Märchen als „Theater auf dem Theater“ zu konzipieren. Der ursprüngliche Stoff wird „gebrochen“, indem ihn Kinder von heute als Probe zu „Hänsel und Gretel“ auf nackter Bühne erleben. Die eigentliche Geschichte bleibt wieder einmal auf der Strecke.
Türen öffnen zu einer anderen Welt
Am Theater Erfurt waren in der Spielzeit 2004/2005 sogar zwei Fassungen zu sehen, einmal eine werkgetreue Version der Weimarer Uraufführung, ein andermal eine Neuinszenierung des Italieners Giancarlo del Monaco, die sich um Kinderprostitution und Kinderpornografie drehte und „Nur für Erwachsene“ bestimmt war. Auch die frühere Sängerin und Regisseurin Brigitte Fassbaender langte 2017 am Staatstheater Braunschweig kräftig hin, als sie Händel und Gretel statt in den dunklen Wald ins Schlachthaus schickte.
Glücklicherweise haben an manchen Häusern noch traditionelle Inszenierungen überlebt, die Märchen als das nehmen, was sie sind: Märchen eben. Wie jene am Münchner Gärtnerplatztheater aus dem Jahre 1974, ein stilsicher gebautes Nachtstück und hinreichend gruselig, um Kinder, aber auch ihre Eltern in ihren Bann zu ziehen. Verantwortlich war seinerzeit der Opernregisseur Peter Kertz, der aus einer bekannten Nürnberger Künstlerfamilie stammte. Besonders anrührend der Auftritt der Engel, die sich im Halbdunkel um die friedlich schlafenden Kinder scharen und zu einem Engelskonzert formieren, das an Matthias Grünewalds Darstellung auf dem Isenheimer Altar Isenheimer Altar erinnert. Das öffnet Türen zu einer anderen Welt und so soll es ein.

Hänsel & Gretel = Erlösung durch Verbrennung! Das ist doch die Botschaft des Märchens. Alles was wir wissen, wissen wir nur von der beiden Geschwistern, die behaupten, sie wären von einer Hexe angelockt worden, dann spielte das himmlische Kind eine kurze Rolle, und dann wären sie von der Hexe derart gefoltert worden, dass ihnen keine andere Möglichkeit blieb, als die folternde Hexe selbst zu verbrennen. Es wäre wirklich Notwehr gewesen, behaupten sie.
Dann durchsuchen sie das Haus und nehmen die Wertsachen der Hexe mit.
Zu Hause angekommen beginnen sie mit dem Vermögen der „Hexe“ ein neues und schönes Leben.
Es ist das einzige Grimmsche Märchen, in dem ein Mensch absichtlich verbrannt wird,
Und es ist das beliebteste Weihnachtsmärchen in der christlichen Welt. Ich finde es einfach nur eklig.
Das Geisterschiff des „Fliegenden Holländers“ hatten wir vor einigen Jahren in Berlin schon als eine Art Beton-U-Boot-Kasten und die Uniform des Holländers war an die der SS angelehnt.
Oder Pantomimen, die die verrinnende Zeit symbolisieren sollen, oder einen Gefangenen-Chor im Bienenkostüm oder Gefangene im KZ-Dress oder einen entmannten König, der im Lendenbereich scheinbar einen riesigen Blutfleck auf dem Nachthemd hat (sollte das Ende des Patriarchats und Symbol des Feminismus darstellen)…
Die permanenten Belehrungen und/oder Modernisierungsambitionen mit Politikeinschlag sind nervtötend und vergällen teilweise einfach nur den Musikgenuss.
Wenn wir in die Oper gehen, würden wir gerne einfach die Musik und das Stück genießen. Das Libretto gibt es nicht umsonst und anschließend kann man sich eigene Gedanken zu dem Stück und Parallelen in der Geschichte oder aktuellen Politik machen – wenn man das denn will.
@Thomas Taterka: Ich maße mir nicht an, über Klemperer und Strauss zu urteilen. Beisteuern möchte ich einen ERGÄNZENDEN Fakt: Die Schwiegertochter von Richard Strauss, Alice, geb. von Grab-Hermannswörth, war Jüdin. Sie hatte unter den Drangsalierungen und Diskriminierungen schwer zu leiden, insbesondere im Pogrom-Jahr 1938, und überlebte nur dank der Strauss-Familie. Mehrere ihrer eigenen Familien-Angehörigen wurden deportiert und verstarben im KZ. (vgl. u. a. gap-geschichte.de, Autor A. Schwarzmüller). Alice Strauss gilt heute als wichtige Mitarbeiterin des (alten) Richard Strauss. Inbesondere hat sie als getrue Archivarin seine Werke für die Nachwelt bewahrt.
Gibt es noch Opern in Deutschland? Überhaupt Theaterkunst? Seit Corona kann ich dramatische Stücke gar nicht mehr vertragen, und nach jeder Operndarstellung besaufe ich mich und schwöre, dass dies mein letzter Besuch war; doch ein Jahr später versuche ich nochmal, um danach wieder zu kotzen, denn das Regie bewegt zu keiner anderen Lebensaüßerung. Selbst das Stuttgarter Balett, das nach Cranco die absolute Weltspitze war, geht langsam nach unten. Wo kann man zwischen Allgäu und Holstein noch ins Theater gehen??? Berlin bitte nicht vorschlagen.
Der Phantasie der Regisseure sind je nach Zeitgeist keine Grenzen gesetzt:
Hänsel und Gretel 1935: Die böse Hexe erschnüffelt mit ihrer geilen, gierigen Geldriechnase die blonden, blauäugigen, arischen Kindlein Hänsel & Gretel und lockt sie in eine grausame Falle…
Hänsel und Gretel 2025: Die böse Hexe erschnüffelt mit ihrer geilen, gierigen Geldriechnase die palästinensischen Kindlein Hamza & Gaza und lockt sie in eine grausame Falle…
Lesetip: Ephraim Kishons „Podmanitzki hat endlich Erfolg“
Ich halte Humperdinck Märchenoper Hänsel und Gretel für ganz große Kunst – wenn sie entsprechen ‚kindgerecht‘ aufgeführt wird. Schön, daß das Gärtnerplatztheater sich für eine kinderfreundliche Aufführungs-Praxis entschieden hat. Denn auch wenn uns Nazis, Bolschwisten und andere Ideologen das einreden wollen: Kunst soll gerade kein bezahlter agitierender Kammerknecht aller möglichen Ideologien sein – Kunst soll zu allererst (auch) Freude machen! Und glückliche und staunende Kinderaugen sind ein Widerschein dieser Freude. So soll es ein! Lieber Herr Etscheit, danke für diesen Beitrag. – Ich fahre jetzt zu einem (Klassischen) Weihnachtskonzert.