Karstadt ist pleite. Eine schmerzliche Tatsache, die sich allerdings schon früh abzeichnete. Ein Konzern, der vor zwei Jahren allen Ernstes „Outdoor-Regenschirme“ verkaufen wollte, musste große Probleme haben. Viele sind der Meinung, die Regierung solle das Unternehmen retten und Karstadt in eine Art Staatskaufhaus verwandeln. Weht also bald durch die Filialen in Wuppertal und Offenbach kubanisches Flair? Leere Regale untermalt mit der Musik von Buena Vista Social Club?
Das Subtile am Kapitalismus ist ja, das er ein gnadenloses Entmachtungsinstrument ist. Er trennt die Effektiven von den Ineffektiven. Wenn Bill Gates ab morgen keinen klugen Gedanken mehr hat, kann er in fünf Jahren seinen Laden dichtmachen. Fidel Castro hatte in seinem ganzen Leben noch keinen einzigen klugen Gedanken, aber ist trotzdem noch am Ruder. Denn mit der Marktwirtschaft ist es wie mit der Schwerkraft. Wenn man sich ihr entziehen will, muss man diese Welt verlassen.
Eine Auffassung, die freilich nicht von allen Ökonomen geteilt wird. Vor etwa 80 Jahren lehrte der Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes, dass Regierungen bei Konjuktureinbrüchen mit Staatsausgaben gegensteuern sollen. Wenn der Osten nicht in Schwung kommt, kloppt man eben ein Musical-Theater in die Uckermark und – schuppdiwupp – entstehen blühende Landschaften. Das Geniale an Keynes war, dass er staatlichen Unfug auf eine wissenschaftliche Basis gestellt hat.
Keynianer mögen jetzt einwenden: Ja, aber freie Marktwirtschaft ist doch sooo ungerecht! Natürlich wäre es erheblich fairer, wenn beim Fussball alle 22 Spieler auf derselben Seite spielen und wir diese dämlichen Tore abschaffen würden.
In der Tat gibt wenige Beispiele, in denen staatliche Lenkung besser funktioniert als die Gesetze der Marktwirtschaft. Die Sozialisten in Moskau haben zum Beispiel Straßen nicht unter dem Gesichtspunkt angelegt, jemand könnte irgendwohin wollen. Sondern: Wie kann man die eindrucksvollsten Miltär-Paraden abhalten? Die Ampelschaltung wurde nicht etwa darauf ausgelegt, dass der Verkehrsfluß garantiert war, sondern, damit drei Luftwaffenbatallione und 100 Raketenwerfer innerhalb einer Grünphase die Kreuzung passieren konnten.
Natürlich wird der freie Markt nie perfekt funktionieren, aber er funktioniert immer noch besser als die meisten Formen staatlicher Regulierung. Das Private ist dem Öffentlichen vorzuziehen. Was ist sicherer? Ihr Garten oder der Stadtpark? Wem vertrauen sie mehr? Ebay oder unserem Rentensystem? Was ist sauberer? Öffentliche Toiletten oder ihr Badezimmer? Sollten sie ein Jungeselle unter 30 sein, vergessen sie die letzte Frage.
Kapitalismus ist so ähnlich wie Sex. Selbst wenn er schlecht ist, ist er immer noch besser als überhaupt keinen zu haben. Deswegen ist die Insolvenz von Karstadt auch kein Anzeichen von Marktversagen, sondern das genaue Gegenteil. Firmenpleiten sind eindeutige Indikatoren dafür, dass der Markt funktioniert. Wirtschaftliche Probleme oder Missmanagement dem ungerechten Markt anzulasten, ist so, als würde man seine Badezimmerwaage beschimpfen, weil man zehn Kilo zugenommen hat.
Wirtschaftshistoriker haben seit 1870 etwa 150 Krisen identifiziert, in denen ein Land mindestens zehn Prozent Rückgang des Bruttoinlandproduktes erlebte. Ihre Anayse führte zu drei Schussfolgerungen. Erstens: Finanzkrisen wird es immer geben. Zweitens: Fast immer kamen Volkswirtschaften gestärkt aus den Krisen heraus. Drittens: Das Unklügste, was man machen kann, ist, die Verlierer einer Krise künstlich am Leben zu erhalten.
Trotzdem sucht halb Europa derzeit sein Heil in einer konsequenten Rückverstaatlichung. Offenbar haben viele Menschen lieber die Sicherheit, wenig zu haben, als die Unsicherheit sich mit Angebot und Nachfrage auseinandersetzen zu müssen. Doch wer Angst vor dem Markt hat, hat in Wirklichkeit Angst vor dem Leben. Man kann die Gravitation nicht dafür verantwortlich machen, dass sich die Menschen in Dummheiten stürzen.
