Das Wort „Fron“ bedeutet im Mittelhochdeutschen „dem Herrn gehörig“ oder „des Herrn“, wie man es auch aus Begriffen wie „Frondienst“ kennt, also Arbeit im Dienst eines Grundherrn. „Leichnam“ bedeutete ursprünglich schlicht „Körper“ oder „Leib“ und hatte noch nicht die heutige ausschließliche Bedeutung von „toter Körper“. Fronleichnam heißt also wörtlich: „Leib des Herrn“.
An Fronleichnam feiern Katholiken die Hostie, bei der der Priester in der Messe sagt: „Der Leib Christi.“ Diese liturgische Formel ist zentral, weil sie nicht nur eine Erinnerung ausdrückt, sondern nach katholischem Verständnis eine Realität bezeichnet, die im Sakrament gegenwärtig wird.
Katholiken glauben, dass die Hostie nicht bloß ein Symbol für Jesus ist, sondern dass sie in der Eucharistiefeier tatsächlich zum Leib Christi wird. Diese Lehre nennt sich Transsubstantiation. Sie besagt, dass sich die „Substanz“ des Brotes vollständig wandelt, während die „Akzidenzien“, also äußere Eigenschaften wie Geschmack, Form, Geruch und Aussehen, erhalten bleiben. Für die Sinne bleibt es Brot, aber in seinem innersten Wesen ist nach katholischem Verständnis Christus selbst real gegenwärtig. Diese Gegenwart ist nicht metaphorisch oder rein geistig gedacht, sondern real und sakramental.
Gott in der Fußgängerzone
An Fronleichnam wird diese konsekrierte Hostie, also der Leib Christi, in einer Monstranz durch die Straßen getragen. Das Allerheiligste verlässt dabei bewusst den Kirchenraum und wird in die Öffentlichkeit gebracht, aus dem sakralen Innenraum hinein in das Profane, also in die alltägliche Welt der Städte und Dörfer: auf Marktplätze, durch Straßen, vorbei an Cafés, Eisdielen, Bushaltestellen, Kneipen und Wohnhäusern. Theologisch ist das eine starke symbolische Handlung: Gott wird nicht im geschützten Raum der Kirche „versteckt“, sondern sichtbar mitten im Alltag der Menschen gezeigt. Gott wird in der Fußgängerzone spazieren geführt.
Gerade diese Bewegung vom Sakralen ins „Profanum“, in den dem Heiligen gegenüberstehenden Bereich, ist zentral. Wenn die Hostie aus der Kirche getragen wird, wird sie nicht entweiht, sondern im Gegenteil öffentlich verehrt. Alles entlang des Weges wird gleichsam in den Radius dieser Verehrung hineingenommen. Auch das Alltägliche soll so in Beziehung zum Heiligen treten.
Darum gehören zu Fronleichnam aufwendige Prozessionen: Blumenteppiche, die oft schon in den frühen Morgenstunden gelegt werden, geschmückte Straßen, kleine und große Altäre unter freiem Himmel, Musikvereine, Chöre, Fahnenabordnungen von Vereinen und kirchlichen Gruppen. Die Prozession bleibt immer wieder stehen, der Priester segnet die Umgebung, und es werden Evangelien gelesen oder Hymnen gesungen. Die Monstranz steht dabei im Zentrum des Geschehens, häufig unter einem Baldachin getragen, der die besondere Heiligkeit des Inhalts hervorhebt.
Diese öffentliche Form des Glaubens ist bewusst sichtbar und sinnlich gestaltet: Weihrauch, Glockenklang, Gesang und festliche Kleidung sollen ausdrücken, dass hier nicht nur ein Gedanke, sondern ein Glaubensereignis gefeiert wird. Die Botschaft lautet: Christus gehört nicht nur in die Kirche, sondern mitten hinein ins Leben der Menschen und in die Gesellschaft.
Zeit liturgischer Freude
Moment mal, wird jetzt manch ein Christ sagen, gibt es nicht schon einen Tag, an dem der Leib Christi gefeiert wird? Richtig: Gründonnerstag, der Tag des letzten Abendmahls, an dem Jesus Brot nahm und sprach: „Das ist mein Leib.
Warum also braucht es dann Fronleichnam überhaupt? Die Antwort ist historisch und liturgisch recht praktisch. Gründonnerstag liegt unmittelbar vor Karfreitag. Die Kirche tritt an diesen Tagen bereits in die Passionszeit ein, in der das Leiden und Sterben Jesu im Mittelpunkt steht. Die liturgische Atmosphäre ist daher ernst, still und von Trauer geprägt. Es ist kein Tag für festliche Prozessionen mit Musik, Blumen und öffentlicher Prachtentfaltung. Die Feier des Abendmahls ist eingebettet in den Beginn des Leidensweges Christi.
Genau hier kommt die mittelalterliche Mystik ins Spiel. Eine entscheidende Rolle spielt dabei Juliana von Lüttich, die im 13. Jahrhundert in Visionen die Vorstellung hatte, dass der Kirche ein eigenes Fest für das Sakrament der Eucharistie fehlte. Nach ihrer Überlieferung sah sie in mystischen Erfahrungen einen Mond mit einer dunklen Stelle, den sie als Symbol für das fehlende Fest deutete. Daraus entwickelte sich die Idee eines eigenen Feiertags zur besonderen Verehrung des Leibes Christi außerhalb der Passionszeit, in einer Phase nach Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten, also in einer Zeit liturgischer Freude.
Diese Idee wurde schließlich von der Kirche aufgegriffen. Papst Urban IV. führte Fronleichnam im Jahr 1264 offiziell für die gesamte Kirche ein. Damit wurde ein ursprünglich lokal geprägter Impuls zu einem weltweiten katholischen Hochfest. Fronleichnam ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür, dass eines der großen Kirchenfeste seinen Ursprung in der spirituellen Erfahrung einer Frau hat, etwas, das im mittelalterlichen kirchlichen Kontext keineswegs selbstverständlich war.
Glaube liegt in öffentlicher Sichtbarkeit
Die Kritik an diesem Fest kam besonders entschieden von Martin Luther. Für ihn war Fronleichnam ein typisches Beispiel für eine kirchliche Praxis, die sich seiner Ansicht nach nicht ausreichend auf die Bibel stützte. Er kritisierte, dass die Eucharistie hier aus dem ursprünglichen Kontext des Abendmahls herausgelöst und zu einem eigenständigen öffentlichen Spektakel gemacht werde. Aus seiner Sicht werde der eigentliche Sinn des Sakraments überlagert durch Prozessionen, äußere Pracht und ritualisierte Verehrung. Besonders die Vorstellung einer dauerhaften Anbetung der Hostie außerhalb des Abendmahls lehnte er ab. Für Luther stand die persönliche Glaubensbeziehung und das Wort Gottes im Mittelpunkt, nicht die sakrale Verehrung einer substantiell gewandelten Hostie.
Für die katholische Tradition hingegen liegt genau in dieser öffentlichen Sichtbarkeit der Glaube. Er soll nicht nur gedacht, sondern erlebt werden, mit allen Sinnen und in Gemeinschaft. Fronleichnam wird deshalb oft als eines der „katholischsten“ Feste überhaupt beschrieben, weil es die Idee der sichtbaren, leibhaftigen Gegenwart Gottes besonders stark betont.
An Fronleichnam feiern Katholiken gewissermaßen die radikalste Aussage ihres Glaubens, nämlich dass Gott nicht fern ist, sondern im Brot gegenwärtig, das man ihn sehen, tragen, verehren und durch die Straßen einer Stadt oder eines Dorfes bewegen kann.
Wer das alles für Hokuspokus hält, stößt dabei auf eine überraschende sprachgeschichtliche Wendung. Das Wort „Hokuspokus“ wird häufig auf die lateinischen Wandlungsworte der Messe zurückgeführt: „Hoc est corpus meum“: „Das ist mein Leib“. Für Menschen, die kein Latein verstanden, klang diese Formel wie eine geheimnisvolle Zauberformel. Im Volksmund wurde aus "Hoc est corpus"

Schön erklärt! Und ja, es ist Glaubenssache, die Sache mit Jesus. Und nicht brimboriales Spektakel. Martin Luther lag da genau richtig. Christus will eine Beziehung zu uns im Herzen. Er will nicht als ein Stückchen Esspapier in einer Monstranz angebetet werden. Im Heidelberger Katechismus fand man dafür noch richtig deftige Worte: das ist vermaledeiter Götzendienst
Es ist nicht verwunderlich, daß ausgerechnet Fronleichnam nicht von Protestanten gefeiert wird, allzusehr entzündete sich der theologische Streit an der Deutung der Transsubstantiation, die Swift in Gulliverss Reisen karikierte, indem er Liliput und Blefuscu darüber streiten ließ, auf welcher Seite man Eier aufzuschlagen habe. Was aber in der Eucharistiefeier, also dem Abendmahl wichtig ist, daß vom Neuen Bund die Rede ist. Ob das Mahl mit dem Sederabend vor Pessach, oder mit den Gastmahlen der Griechen in Beziehung, ist nicht eindeutig geklärt. Die Prozession steht, als Aus- und Umzug, zur Exodusgeschichte in Beziehung. Religionssoziologisch aber dient der Neue Bund dazu, die Lehre Jesu zu internationalisieren und aus der Volksgemeinschaft herauszulösen. Der erste Bund ist konstitutiv im jüdischen Denken, während die Eucharistie ein theologischer Tummelplatz der gesamten Christenheit ist. Die Nachfolge Jesu, so er selbst, sei es, daß Kreuz auf sich zu nehmen, als sei es leicht. Was in etwa bedeutet, daß Gesetz des ersten Bundes zu erleichtern, da sonst nicht die Speisegesetze, oder die der Beschneidung aufgehoben wären. Der Neue Bund wird bei jedem Abendmahl verkündet, neben der paulinischen Lehre von Kreuztod und Auferstehung, bildet er eine Brücke; nicht Jude nicht Grieche, nicht Sklave nicht Freier nicht Mann nicht Frau, denn Ihr seid Alle eins in Jesus. ( Galater 3. 28) Paulus betreibt im großen Stil die kulturelle Aneignung durch Umdeutung, die Evangelien sind nach etwa 400 Jahren redaktionell abgeschlossen, ohne daß der Bund am Sinai irgendwo aufgehoben wurde.
Ach Herr Buurmann, mir fällt gerade noch was ein, um es unsere Mitbürgern & Freunden mit Hornhaut an den Knien nochmal so richtig zu geben. Rezitieren Sie mal bitte das Vaterunser, Herr Buurmann. Da wird klar, Gott & Gottes Reich, würde der Brite als „God & Kingdom in being“ beschreiben. Wobei es im Deutschen, „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe“, noch gar nicht da ist, noch nicht mal in Sichtweite. Die Paulinisten unter unseren Mitbürgern warten quasi schon 2k Jahre drauf & nix passiert. Die ganze Kirche, alle Theologie für die Katz.
Nach wie vor dürfte es katholische Geistliche geben, die – durchaus wörtlich zu nehmen – „Dreck am Stecken“ haben. Selbige Protagonisten sollten in Klausur gehen und inniglich über den Sinn von Fronleichnam reflektieren. Mit Glauben und innerer Hingabe. Schlechte Antriebe und widernatürliches Handeln können auf diese Weise überwunden werden. Die Teilnahme an Teestubengefasel, Klimagehampel, „Kirche von unten“ und ähnlicher Hokuspokus sind hingegen diesen Zielen nicht dienlich.
@ Else Schrammen: so war es auch bei uns in der Eifel. Aus welcher Gegend stammen Sie?
Werter Herr Buurmann, Sie haben das billige Hilfskonstrukt, welches die Kurie installierte & Luther durchschaute, gut in Szene gesetzt. Die Kurie sah sich, wohl aufgrund tausender Anfragen, gezwungen, diesen Jesus von Nazarath irgendwie herbeizuschaffen & was war einfacher, als das billigste Backwerk? Hatte dieser antik-stalinistische Hasardeur aus Galiläa doch alle seine Follower bis heute beschissen, weil er härter log, als unser Pinocchio in der Bundeskanzlei. Jesus versprach seinen Followern noch zu deren Lebzeiten per Apokalypse (eine Art Weltrevolution) zurückzukehren. Aber anscheinend war das weitere Leben des Jesus von Nazareth in Ägypten oder Indien doch süßer, als mit den Genossen zu Jerusalem gegen die Römischen Kapitalisten anzutreten. Der mutigste Theologe aller Zeiten, Alfred Loisy, wollte eigentlich in Seiner wichtigsten Schrift den Katholizismus verteidigen, schrieb aber die Wahrheit: „Jesus verkündete das Reich Gottes, & gekommen ist die Kirche“. Dafür wurde Loisy, glaube 1908, exkommuniziert. Ähnlich ging es auch dem Christen Ernst Moritz Arndt, der mit dem frei zitierten Satz, „der Gott, der das Eisen schuf, der wollte keine Knechte (oder gar Schafe),“ restlos von uns Heiden okkupiert wurde. Billige PR oder Propaganda geht auch heute noch häufig nach hinten los. Insofern gebe ich Ihrem Artikel eine knappe 5/10, weil mehr eine fast schon übermenschliche Leistung darstellte.
Hi! Fronleichnam ist der Glaube, dass mit Leib und Seele auferstanden wird, verklärt wie Jesus auf dem Tabor usw.