In der Hooligan-Szene gibt es die Unsitte der „Ackerschlägereien“ als verabredete Massenkämpfe, die gar nicht mehr vorgeben, irgendeinen auch nur behaupteten Zusammenhang mit dem Fußballsport zu haben. Was sie ihren Teilnehmern wohl geben, sind Gemeinschaft und das Gefühl, zur richtigen Seite zu gehören, auch und gerade weil die Definition der eigenen Seite und der Konflikt mit der anderen Seite von jedem Inhalt losgelöst sind. Dass dabei jemand getötet oder schwer geschädigt wird, ist von den Teilnehmern nicht erwünscht, aber das Risiko gehen sie bei Veranstaltungen dieser Art natürlich ein.
In diese Art von vorab abgesprochenem Kampf zwischen zwei Lagern ist die „Operation Metro Surge“ in Minnesota, im Bombast der Trump-Regierung angeblich die größte Aktion zur Entfernung illegaler Ausländer aller Zeiten, abgeglitten. Nachdem innerhalb von zwei Wochen zwei Demonstranten von Beamten der Einwanderungspolizei erschossen wurden und die Öffentlichkeit das nicht goutiert, wollen die Seiten nun offenbar wieder etwas Ruhe einkehren lassen mit einem Austausch der Führung des Einsatzes und einem Abzug eines Teils der Polizisten. Was ist geschehen?
Glasklarer Wählerauftrag
Fangen wir mit den Grundlagen an. In den Vereinigten Staaten leben über zehn Millionen Menschen als illegal anwesende Ausländer. Beide wesentlichen Kandidaten der vergangenen Präsidentschaftswahlen haben versprochen, die hinauszuwerfen. Bei Donald Trump ist das natürlich eines seiner Signaturversprechen, aber auch Joe Biden hat in seiner letzten Rede zur Lage der Nation angekündigt, dass mit ihm kaum noch illegale Migranten kommen würden, denn er würde die „Dynamik der Grenze verändern“ und sie würden dann statt nach sechs Jahren nach sechs Wochen aus dem Land „hinausgeworfen“ oder, wörtlicher übersetzt, „hinausgekickt“. Kamala Harris versprach: „Diejenigen, welche unsere Grenzen illegal überschreiten, werden ergriffen und entfernt“, und wer einen Asylanspruch nicht ordentlich an der Grenze vortrage, verwirke sein Asylrecht.
Beide aussichtsreichen Kandidaten, die zusammen 98 Prozent der Wählerstimmen einfuhren, versprachen also, illegale Ausländer zu entfernen. Die erfolgreichste Kandidatin, die versprach, illegalen Ausländern einen Weg zur Staatsbürgerschaft zu eröffnen, war Jill Stein von der Grünen Partei (ja, die gibt es auch in Amerika) mit 0,6 Prozent der abgegebenen Stimmen. Der Wählerauftrag war an den Wahlversprechen gemessen glasklar.
Abschiebekönig Obama
Mit den Wahlverheißungen ist es natürlich so eine Sache. Der Abschiebekönig der amerikanischen Präsidenten der letzten Jahrzehnte ist immer noch Barack Obama, der auf durchschnittlich 344.000 Abschiebungen pro Jahr kam, während es in Donald Trumps erster Amtszeit 234.000 pro Jahr waren. 2025 wurden wohl – offizielle Statistiken stehen noch aus – rund 350.000 Abschiebungen vorgenommen, also ungefähr so viele wie unter Obama im Durchschnitt, aber weniger als in seinem Rekordjahr 2012 mit 410.000. Es könnte sein, dass – so wie nur Richard Nixon nach Rotchina reisen konnte – nur ein Präsident der Demokratischen Partei Abschieberekorde aufstellen kann, während einem der Republikaner von der anderen Seite zu viele Steine in den Weg gelegt werden. So oder so, mit der Umsetzung des an den Wahlversprechen und -ergebnissen gemessenen Wählerwillens hapert es.
Kontinuität gibt es aber nicht nur in den Zahlen der Abschiebungen, sondern auch im Personal. Der „Grenzzar“ der zweiten Trump-Regierung und Chef der Ausländerpolizei ICE während der ersten, Tom Homan, war nämlich schon unter Präsident Obama verantwortlich für die Ergreifung und Abschiebung ausreisepflichtiger Ausländer. Von Obama erhielt er für „anhaltende außergewöhnliche Leistungen“ als Chefabschieber die höchste Auszeichnung der Vereinigten Staaten für Beamte, den Presidential Rank Award for Distinguished Service.
Alles bleibt beim Alten
So wie Kandidaten beider Parteien vor den Wahlen versprechen, illegale Ausländer abzuschieben, haben beide nach den Wahlen ihre Motive, das dann doch nicht in größerem Umfang als zuvor zu tun.
In der Demokratischen Partei gibt es einen erheblichen Flügel in den linken Hochburgen großer Städte, der aus Prinzip Abschiebungen verhindern will. Wo dieser Flügel die Mehrheit hat, erklärt er gerne Städte zu „Zufluchtsstädten“ oder auch Landkreise oder gar ganze Bundesstaaten und verbietet der Polizei und anderen Behörden durch Gesetze oder Dienstanweisungen jede Zusammenarbeit mit den Ausländerbehörden des Bundes bezüglich illegaler Ausländer, selbst im Falle erheblicher Straftaten. Wo es sich nicht um erhebliche Straftaten handelt, haben kommunale und bundesstaatliche Polizeien auch pragmatische Gründe, sich nicht um den Aufenthaltsstatus von Leuten, für den sie nicht zuständig sind, zu kümmern: Es ist schwer, beispielsweise aussagewillige Zeugen zu finden, wenn die fürchten müssen, dass die Nennung ihrer Personalien zu ihrer Abschiebung führt.
Auch die Republikaner sind in der Praxis deutlich weniger abschiebewillig als in den Wahlkampfreden, und zwar sowohl die traditionellen als auch die populistische Bewegung um Präsident Donald Trump. Der hat nämlich schon letzten Juni auf die eigentlich ziemlich freche Beschwerde von Unternehmen, dass ihnen die Arbeiter ausgingen, wenn man die Illegalen wegschaffe, geantwortet, dass er das nicht wolle, was ich damals in einem Artikel thematisiert habe. Da schrieb er dann: „Wir müssen die Bauern schützen“, nämlich indem sie ihre rechtlosen Billiglöhner behalten dürfen, „aber DIE KRIMINELLEN AUS DEN USA schaffen.“ Unter den „Kriminellen“ werden dabei offensichtlich nicht die verstanden, die lediglich Straftaten begehen, die direkt aus der Beschäftigung ohne Aufenthaltsstatus hervorgehen. Will man diese Arbeiter aber doch behalten, dann wird nichts aus Abschieberekorden.
Erlebnis statt Ergebnis
Wenn sich die Abschiebezahlen von Präsidenten ganz unterschiedlicher politischer Ausrichtungen also gleichen, sogar auch ihre Spitzenbeamten für dieses Feld, und wenn in beiden Parteien starke Interessengruppen gar nicht wollen, dass endlich im großen Stil abgeschoben wird, dann wird es nichts mit der Einhaltung der Wahlversprechen. Man kann wählen, wen man will, aber die Resultate bleiben ungefähr gleich. Das erzeugt Frust bei den Wählern, insbesondere wenn die Kandidaten einen ausgesprochenen Wahlkampf für einen Wechsel geführt haben, was sowohl bei Obama als auch bei Trump der Fall war. Es erzeugt sicher auch Frust bei Trump selbst, dessen ausgesprochener Voluntarismus sich im Amt vor der Wand des sogenannten „Sachzwangs“, der tatsächlich ein nicht ausgehandelter Interessenkonflikt ist, findet.
Im Konflikt zwischen Gestaltungswillen und Einschränkungen, unter denen die Resultate unterschiedlicher Politiker beider Parteien sich ziemlich ähneln, findet sich nun der erste Schlüssel zur Gewalteskalation in Minneapolis wie auch zuvor in anderen linksregierten Städten. Gerade weil die beiden Seiten ihre Gestaltungsspielräume eingeschränkt sehen, sich aber ihrer gestaltenden Identität versichern wollen, für sich selbst und als Schau für das Wahlvolk, koppeln sie den gewaltsamen Austrag ihrer Differenzen vollkommen von den Inhalten ab und treffen sich zur Gewalteskalation mit Vorankündigung, die nun für zwei Beteiligte tödlich ausging und auch dem Wahlvolk zu viel wird. Mit Ausländerpolitik haben diese Auseinandersetzungen im Grunde so viel zu tun wie Ackerschlägereien mit Fußball.
Diese Verschiebung vom Inhalt auf die Gewalt als Schauspiel ist eine Technik, in der Präsident Trump aufgeht. Am 1. April 2007 trat er mit sichtbarem Spaß an der Sache bei der bis dahin zuschauerstärksten Veranstaltung im Schau-Ringen, der WrestleMania 23 der WWE, auf. Zuerst schlugen sich die Ringer, dann schlugen sich die Schiedsrichter, und dann rasierte Trump als Gewinner des „Kampfs der Milliardäre“ seinem im Würgegriff gehaltenen und „Nein, mein Gott, nein“ rufenden Milliardärskollegen Vince McMahon die Haare vom Kopf. Natürlich war es ein abgesprochener Schaukampf, bei dem beide Milliardäre gut an den zahlreichen Nichtmilliardärszuschauern verdienten, aber doch auch eine Rolle, an der Trump sichtlich Spaß hatte. Bill Gates und Warren Buffett hätten nicht zur Verfügung gestanden.
Invasion
Zu Anfang seiner Amtszeit versuchte Präsident Trump sich an einigen zahlenmäßig unbedeutenden, aber aufmerksamkeitserzeugenden Schnellabschiebungen. Die hatten gemeinsam, dass sie einerseits vorwiegend Leute wie akademische Judenhasser und mutmaßliche Mitglieder besonders brutaler Banden betrafen, deren Anwesenheit sicher kein Gewinn für Amerika ist. Andererseits setzte man bewusst auf verschiedene zweifelhafte Rechtstheorien, dass der Präsident und der Außenminister freihändig entscheiden dürften, wer hinausfliegt, ohne weitere Anwendbarkeit von Grundrechten auf diese Frage, ohne weiteren Prozess.
Manche wurden direkt in Haftplätze, die vom salvadorianischen Präsidenten Nayib Bukele gemietet wurden, in einem Brutalgefängnis verbracht, ohne Prozess oder Angabe einer Haftdauer, selbst entgegen ergangenen richterlichen Anordnungen. Diese auf Spektakel angelegten Grenzüberschreitungen versandeten, ließen sich auch nicht halten, nachdem das Rechtssystem erst einmal angelaufen war. Sie wurden gerade als spektakuläre Anwendung eines behaupteten Ausnahmerechts konzipiert, das jedenfalls nicht skalierbar ist.
Dann kam man auf die Idee einer Skalierung in Form der Konzentration durch den massenhaften Einfall von Einwanderungspolizei in linksregierten Städten, die Abschiebungen hintertreiben und in denen eine Mehrheit der Einwohner Trump ablehnt.
Am 15. Juni, als bereits Ausschreitungen in Los Angeles wegen soweit eigentlich ziemlich normaler Aktivität der Einwanderungspolizei stattfanden, sandte Trump eine Nachricht auf seinem Truth Social-Dienst, der die neue Linie ankündigte. Darin setzte Trump zwar einerseits das Ziel der „größten Massenabschiebung der Geschichte“. Andererseits begann sich das Ziel aber auch schon zu verschieben auf den Kontrast zwischen „ECHTEN Amerikanern“ und den Großstädten als „Machtzentrum der Demokraten, wo sie Illegale [alle ungewöhnliche Großschreibung wie im Original] Ausländer benutzen, um ihre Wählerbasis auszudehnen, in Wahlen zu betrügen und den Sozialstaat auszubauen, womit sie Arbeitsplätze und Leistungen von hart arbeitenden amerikanischen Bürgern rauben.“ Deswegen werde Trump massive Einsätze in „Amerikas größten Städten, wie Los Angeles, Chicago und New York“ vornehmen. Damit begannen dann auch Operationen in diesen Städten, deren größte wohl in Chicago war.
Nun liegt es eigentlich auf der Hand, dass es für effektive Abschiebungen nicht gut ist, wenn man vorher Zeit und Ort ankündigt. Wäre das tatsächlich das Ziel, dann käme man weiter damit, unangekündigt bei Betrieben in Branchen vorbeizuschauen, von denen jeder weiß, dass sie auf der Basis von Schwarzarbeit und illegalen Ausländern funktionieren, und dabei die Sozialversicherungen zu überprüfen. Kündigt man an, zu einer bestimmten Zeit in die Straßen einer bestimmten Stadt zu kommen, können die betreffenden Personen ja einfach den Aufenthalt dort vermeiden; klingelt man an der Tür, dann werden sie entweder nicht antworten oder die Polizei wegschicken, womit ohne einen Durchsuchungsbeschluss im amerikanischen Recht normalerweise der Besuch auch beendet ist. Dass es nicht um das Abfischen möglichst vieler Schwarzarbeiter ging, zeigte sich auch an Trumps oben zitiertem Ausspruch, schon drei Tage vor der Ankündigung des angeblich größten Programms für Abschiebung und „Remigration“ aller Zeiten, dass er „unsere Bauern schützen“ wolle vor dem Entzug ihrer Billiglöhner und vergleichbare Branchen wohl auch.
Strafe
Anstatt die ansonsten unauffälligen Schwarzarbeiter in Masse abzufischen, könnte man auch ein anderes Ziel formulieren: die in den „Zufluchtsstädten“ trotz strafrechtlicher Verurteilung geduldeten abgeurteilten Kriminellen einzufangen und wenigstens die loszuwerden. Am 30. Juni gab das Ministerium für Heimatsicherheit dann auch eine Pressemitteilung heraus, die dieses Ziel angab: „Ministerin Noem hat ICE gegen die Schlechtesten der Schlechtesten von der Leine gelassen – einschließlich Bandenmitgliedern, Mördern und Vergewaltigern.“ Dieses beschränktere Ziel steht aber nicht nur im Widerspruch zur Ankündigung zahlenmäßig nie dagewesener Abschiebungen und von „Remigration“, sondern passt auch nicht recht damit zusammen, dass man solche Einsätze im Voraus ankündigt und maximal spektakulär gestaltet, denn die Zielpersonen werden dann ebenfalls kaum anzutreffen sein. Wirksamer für dieses Ziel wäre wohl der Einsatz von Zielfahndern, gefolgt von Besuchen samt richterlichem Durchsuchungsbeschluss ohne zeitliche oder räumliche Vorankündigung.
Bei dieser Widersprüchlichkeit der Ziele und Methoden liegt es nahe, das ist der zweite Schlüssel zur Gewalteskalation, dass weder die Entfernung einer möglichst großen Zahl von illegal im Land Anwesenden noch die Entfernung der schwersten Intensivtäter das Ziel waren, sondern etwas anderes. Die schon im Ansatz nicht sehr effektiven, aber umso spektakuläreren Einsätze sollten die Gegner Trumps, die nicht nur illegale Ausländer beherbergen, sondern auch Trump in beispielloser Weise verfolgt haben, demütigen und ihnen und dem Fernsehpublikum die Macht Trumps vorführen. Im Grunde war es ein Schaukampf, eine Wiederholung der Rasur Vince McMahons zum Glatzkopf.
Widerstand
Dieser Schaukampf wurde auch von der Gegenseite, die ebenso den öffentlich zelebrierten Konflikt gesucht hat, dankbar angenommen. Der Bürgermeister von Chicago, Brandon Johnson, forderte die Bevölkerung auf, sich „in diesem Augenblick“ gegen die angekündigten Massenabschiebungen „zu erheben“. Er interpretierte Trumps Aktionen als Krieg und als Krankheit, gegen die man sich wehren müsse: „Es ist ein Krieg gegen unsere Kultur. Es ist ein Krieg gegen unsere Demokratie. Es ist ein Krieg gegen die Menschheit. [!!] Ich zähle auf alle Chicagoer, in diesem Augenblick Widerstand zu leisten, denn welche verletzliche Gruppe auch immer heute verfolgt wird, eine andere Gruppe wird die Nächste sein […] Niemand von uns ist immun gegen diese Krankheit.“ Natürlich hat Johnson, wie andere Politiker, die sich ähnlich äußerten, das damit eingehegt, dass alles friedlich bleiben solle, aber wenn man sich auf der Verteidigerseite in einem Krieg gegen die ganze Menschheit sieht und auf das bekannte Niemöller-Zitat anspielt, liegt doch auch nahe, dass gutes Benehmen keine Rolle mehr spielen darf.
Mit einer Behauptung hatte Johnson aber wohl recht: „Was wir in Los Angeles gesehen haben, handelt sich nicht wirklich um Einwanderung. Es handelt sich nicht um inhaltliche Politik.“ Johnson schob das auf einen „Tyrannen im Weißen Haus, der eine vollständige Geringschätzung unserer Verfassung und die Verwerfung unserer Demokratie [sic] hat.“ Bei der Konzentration auf den Splitter im Auge Trumps sah Johnson natürlich nicht den Balken in seinem Auge, dass seine Überhöhung des Konflikts und Widerstands ebenfalls rein performativ und nicht inhaltlich bestimmt war.
Umringt
Schon in der ersten Stadt, die Ziel einer solchen Massenaktion der Einwanderungsbehörden wurde, Los Angeles, kam es zu Protesten in einem Kontinuum zwischen eindeutig erlaubter Demonstration und Gewalt. Manche gingen auf die Straße und skandierten. Es kam in Mode, Schrillpfeifen mitzunehmen, mit denen man vorgeblich mögliche Zielpersonen vor dem Auftauchen der Einwanderungspolizei warnen wollte. Die aber ging meistens auffällig genug vor, und die Pfeifkonzerte waren laut genug, dass das Pfeifen wohl eher eine Form des Protests als der Signalisierung war. Ein gutes Geschäft, übrigens: In meinem linkslastigen Vorort verkauft ein Eisenwarenhändler einfache Plastikpfeifen speziell zu diesem Anlass für 12 Dollar pro Stück. Da tönt es nicht nur auf der Straße laut, sondern auch an der Kasse.
Andere gingen weiter. Eine Taktik, die sich während dieser Zeit entwickelte, war das Umzingeln von Einwanderungspolizisten oder deren Autos zu Fuß oder mit Autos. In Minneapolis kam es zu einer Szene, bei der Bundespolizisten, deren Ziel offenbar gar keine Einwanderungssache war, aber von Demonstranten so verstanden wurde, in ihren gepanzerten Fahrzeugen eingekesselt wurden, um sie an der Weiterfahrt zu hindern. In Los Angeles wurde in ähnlicher Weise ein Bus der Polizei blockiert, der wohl dem Abtransport von Festgenommenen dienen sollte. In Chicago wurde ein Auto der Bundespolizei von zehn Autos umringt, zum Stehen gebracht und gerammt.
Diese Methode hat, geschickt ausgeführt, den Vorteil der glaubhaften Abstreitbarkeit: Wer im Weg steht, kann behaupten, er habe nur sein verfassungsmäßiges Recht wahrnehmen wollen, die Tätigkeit der Polizei zu filmen. Wer einem Polizeiauto nachfährt, kann behaupten, er habe nur irgendwohin fahren wollen. Wer es rammt, kann behaupten, es habe zu schnell angehalten. Trotz allgegenwärtiger Kameras ist Bildmaterial oft undeutlich, zumal die Einwanderungspolizei im Gegensatz zu vielen kommunalen Polizeien in Amerika weniger stark mit Kameras an Körper und Fahrzeugen ausgestattet ist. Die Bundespolizisten reagierten auf derartige Behinderung ihrer Tätigkeit oft mit Pfefferspray, Reizgasbehältern und dergleichen, gelegentlich kam es auch zu Auseinandersetzungen mit Schusswaffengebrauch.
Tacticool
Bei dem mehr performativen als zielorientierten Vorgehen beider Konfliktseiten entwickelten sich auch Verkleidungen, bei denen sich die beiden Seiten nicht zufällig immer ähnlicher sehen. Mehr oder minder uniformierte Beamte erscheinen in einer Bekleidung und Ausrüstung, die eher militärisch als polizeilich wirken, in Flecktarn oder Olivgrün mit Plattenträger, Langwaffen und viel Ausrüstung. Häufiger als eine gewisse Uniformierung ist aber eine Montur aus Jeans oder taktisch angehauchten Hosen von Marken wie 5.11 und einem Kapuzenpullover, oft mit der Kapuze über den Kopf gezogen, dazu gegebenenfalls wieder Plattenträger oder Schutzweste.
Ebenso beliebt sind arg tief und weit abstehend getragene Schenkelholster für Pistolen, auch wenn keinerlei Ausrüstung ein vor Fremdzugriff sichereres und schneller zu bedienendes Gürtelholster blockiert, im Grunde eine Zurschaustellung der Waffe. In einem Convenience Store in Chicago stand ich hinter einer einzelnen Person, mutmaßlich ein solcher Beamter, aber nicht gekennzeichnet, der ein solches Holster so trug, dass auch jemand, der das Geheimnis des Entriegelungshebels nicht kennt, problemlos sah, wo der war und wie man Zugriff hat, mit etwas Geschick schneller als der Träger. Im Amerikanischen gibt es für diesen Bekleidungsstil die schöne Bezeichnung „tacticool“. Eine gewisse Anlehnung an die Ästhetik insbesondere der Spezialeinheiten gibt es auch im zivilen Leben, aber man kann es damit übertreiben.
Kurzer im Mantel
Eine Sonderrolle bei der Verkleidung nimmt Gregory Bovino ein, der Chef der Grenzpolizei, die eigentlich hauptsächlich für die Grenzen zuständig ist, aber hilfsweise zur Unterstützung der Einwanderungsbehörden herangezogen wurde und dann die Leitung des unglücklichen Einsatzes in Minneapolis übernehmen sollte. Der verkleidet sich so gern in Phantasieuniformen wie weiland Wilhelm II. Er selbst hat seine Rückstufung von einer Befehlsfunktion noch unter Präsident Biden damit erklärt, dass seine Aktivität in den sozialen Medien, insbesondere das Posieren mit einem Karabiner, als unangemessen erachtet wurde; es mochte aber auch damit zusammenhängen, dass seine Methoden nicht nur unkonventionell, sondern bisweilen auch illegal waren.
Unter Trump wieder zu neuen Befehlsfunktionen gekommen, hat sich der auffällig kurz gewachsene Bovino einen zweireihigen Uniformrock mit aufgenähten Abzeichen beschafft, der rasch Aufmerksamkeit erregte. Von den Linken wurde der als stereotyper Nazimantel gesehen und beschrieben. Plausibler ist wohl eine Anlehnung an die Uniformröcke der amerikanischen Armee in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, aber es handelt sich nicht um ein reguläres Teil einer Uniform der Grenzpolizei. Ebenso trägt er gerne einen Sam-Browne-Gürtel wie einst General Pershing, auch da wieder bei Pershing als Teil einer Uniform, bei Bovino als Teil einer selbst gestalteten Verkleidung. Entgegen der amerikanischen Gewohnheit, dass selbst im Militär hohe Offiziere eher vom Schreibtisch aus planen, geht Bovino auch gerne höchstselbst an die „Front“, ruft da in einer Situation, die so angespannt gar nicht wirkt, „Das Gas kommt! Das Gas kommt!“ und macht sehr langsam einen Reizstoffbehälter klar und wirft ihn.
Gesichtslos
Bei Polizisten, die andere Leute anhalten wollen, wäre jedenfalls, und besonders wenn angespannte Situationen zu erwarten sind, eine zivil wirkende Uniform, die als solche erkennbar und einigermaßen schwer zu erwerben ist, sinnvoller als eine wahllose Zusammenstellung aus dem Armeewarenladen. Man kann sich sogar, als Verkleidung zu Halloween beworben, problemlos Kapuzenpullover mit ICE-Aufdruck bestellen, die den nur an Beamte verkauften Varianten praktisch gleich sehen. Beide Varianten gibt es in wahrhaft elefantösen Übergrößen, die einem auch in Pressefotos und auf der Straße begegnen und den tacticoolen Auftritt weiter ins Lächerliche ziehen.
Auf Seiten der Protestierenden gab es anfangs absurde Spaßkostüme, wo die Sache ernster wurde aber auch wieder die Mode der dunklen Kapuzenpullover und sogar der Schutzwesten mit MOLLE-Trägersystem.
Beiden Seiten ist auch gemeinsam, dass sie ungern ihr Gesicht zeigen. Balaclavas oder Schlauchschals sind ein beliebter Teil der Montur, bei Demonstranten auch schon einmal Corona-Masken, seit dem erhöhten Einsatz von Reizstoffen immer mehr auch volle Gasmasken. Damit begegnen sich auf der Straße Gruppen, bei denen sich Polizisten und Demonstranten oder Störer sehr ähnlich sehen, vielleicht selbst nicht immer erkennen können, wer auf welcher Seite ist. Die Verdeckung des Gesichts soll einerseits vor Repressalien schützen, andererseits ist sie auch ein Element der Eskalationsdynamik: Wer kein Gesicht hat, schlägt leichter zu und auf den schlägt es sich leichter.
Die in diesen Motivationen angelegte und in diesen Auftritten ausgedrückte Eskalationsdynamik sollte sich dann in diesem Monat in Minneapolis entfalten.
Liesen Sie Was ist in den USA los? (2) Wenn das Wort „Gun!“ den Schaukampf beendet hier.
Lesen Sie morgen weiter: Die Aufführung, oft wohl genüsslich, performativer und von Inhalten weitgehend abgekoppelter Gewalt als Abschiebepolitik, musste irgendwann einmal schiefgehen. Ein gemeinsames Muster, das den Narrativen beider Seiten widerspricht, scheint mit einiger Wahrscheinlichkeit erkennbar.
Ein sehr guter, tief recherchierter Artikel, dessen Grundgedanke auch auf weitere Bereiche generalisiert werden kann. Was heute Politik heißt, ist PR, Theater, Darstellung. Reale Politik wird ruhig in geschlossenen Kämmern gemacht, sans tambour ni trompette; alles, worüber die Medien laut berichten, ist Politdarstellung für dummes Publikum. Ich habe mehrmals darüber geschrieben, dass die europäische „Unterstützung“ der Ukraine genauso eine Farce ist, wie die „Friedensinitiativen“ von Trump. In der politischen Realität gibt es weder das eine noch das andere.
Die Farce wird aber zur Tragödie dann, wenn sich im Publikum Leute finden, die so dumm sind zu vergessen, dass sie bloß Zuschauer bleiben sollen. Sie verwechseln Darstellung und Wirklichkeit und laufen hoch auf die Bühne, um sich auf der „richtigen Seite“ im Kampf aufzutreten. Dann gibt es Todesopfer, und bei allem Beileid für diese müsste man zugeben, dass, wer zwischen Propaganda und Leben nicht unterscheiden kann, letztlich selber schuld ist.
„Gehen Sie mal lieber wieder zum Vietnamesen, Rindsviech essen“
Erledigt. Die Kinder vom Vietnamesen besuchen übrigens ein Altsprachliches. Und geben mir Recht. War ja klar.
@ Martin Schmitt: Ja, heute ist es besonders linkslastig… muss man aushalten können. Prost. :-)
p.s.: Typisch doitscher Weltverbesserer. Erstmal vor der eigenen Türe kehren!
Lieber Herr Taterka, ich interessiere mich für DAS vor Ort, und nicht in Israel, und zwar: „Wie viele in Deutschland niedergelassene Ärzte wurden wegen angeblich gefälschter Corona-Atteste bundesweit verhaftet, und wie viele Durchsuchungen in Praxen und Privathäusern gab es?“ Noch was: Die von Ihnen Genannten kenne ich… MFG
@Paul Franklin, Ihren Satz „Mittlerweile kann ich nur staunen …“ hätte ich gern mit einem Hinweis auf das Buch Daniel ergänzt, darf aber nicht.
„Apokalypse“ (Enthüllung) ist nichts für Feiglinge, macht aber Mut, wenn sie richtig verstanden wird. Das aber scheint nicht erwünscht zu sein.
Faktenreicher, gleichzeitig launiger Artikel, psychologisch scharfsinnig, bester des Jahres! Danke Herr Haynold!