Es gibt Dinge, die vergisst man nicht. Zum Beispiel das Gefühl, wenn man mit einem Griff in die Jackentasche prüft, ob der Schlüssel da ist – und für einen Moment dieses winzige Vakuum im Kopf entsteht. Noch ist nichts passiert. Noch steht man nicht vor der Wohnung wie ein dummer Tourist, der seine Existenzberechtigung an einer Tür verloren hat. Aber der Gedanke ist da: Wenn der Schlüssel nicht da ist, beginnt die Moderne. Und Moderne heißt in Deutschland: Du bist nicht ausgesperrt – du bist marktwirtschaftlich verwertbar.
Ich gebe zu: Ich hege eine gewisse Antipathie gegen Schlüsseldienste. Nicht erst durch eigene Erfahrung. Das begann schon als Kind, irgendwo zwischen „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“ – die Sendung hieß eigentlich „Vorsicht Falle“ – und der Erkenntnis, dass es Berufe gibt, die nur existieren, weil Menschen in Stresssituationen bereit sind, Dinge zu unterschreiben, die sie in normalem Zustand nie unterschreiben würden. Ein Schlüsseldienst ist keine Dienstleistung. Er ist eine Form der Erpressung – nur mit Quittung.
Meine erste Begegnung mit dem Thema „Tür“ war allerdings in Köln. Wir wohnten zentral. Eines Tages kommen wir nach Hause, und unsere Eingangstür sah aus, als hätten Einbrecher nicht das Schloss, sondern gleich die komplette Tür verarbeitet – als Material, als Projekt, als Statement. Das ganze Sechsfamilienhaus war betroffen, alle Wohnungen, in denen zum Tatzeitpunkt niemand zuhause war. Und jetzt kommt die Pointe: Wir hatten Glück, dass wir den Schlüsseldienst nicht brauchten. Wir mussten nämlich nicht nur das Schloss wechseln – wir mussten gleich die ganze Tür wechseln. Das ist Deutschland: Glück im Unglück heißt hier, dass man beim falschen Problem wenigstens das richtige Gewerbe nicht bezahlen muss. Man lernt dann sehr schnell, wie sich Sicherheit in Deutschland anfühlt: als eine Mischung aus Versicherungsformular, Baumarkt und dem dumpfen Gefühl, dass es beim nächsten Mal wieder passiert.
In meiner Verzweiflung kam mir damals eine Idee, die so naiv war, dass sie schon beinah genial war. Ich klebte einen Zettel an die Tür – adressiert an den Einbrecher. Höflich, aber eindeutig: „Herr Einbrecher, das letzte Mal haben Sie schon nichts mitnehmen können. Und wir müssten schön blöd sein, wenn wir ab jetzt irgendetwas Wertvolles in der Wohnung lassen würden. Außerdem wartet diesmal eine Überraschung auf Sie.“ Welche Überraschung? Keine Ahnung. Aber Einbrecher haben Fantasie. Und Fantasie ist manchmal stärker als Stahl. Ein Freund, Polizist, sagte mir mal, dass Einbrecher Risiken scheuen würden. Ein Zettel genügt offenbar schon als Risikofaktor, weil er eine Unberechenbarkeit signalisiert, die das moderne Verbrecherhirn nicht leiden kann. Man möchte kalkulierbare Opfer, keine Literaten an der Haustür. Wir lagerten unsere Wertgegenstände daraufhin bei einer Sparkasse – in Gelsenkirchen, weil eine Freundin das empfahl. Das ist natürlich Spaß!
Und tatsächlich: In den folgenden Jahren waren Einbrecher noch dreimal in unserem Mietshaus – aber nie in unserer Wohnung. Ich bilde mir bis heute ein, der Zettel war schuld. Vielleicht war es auch einfach nur Zufall. Aber man nimmt ja jede Form von Kontrolle dankend an, die man noch bekommen kann.
Ein Sicherheitskonzept aus Sperrholz
Jahre später lebte ich in Alanya. Und dort passierte es dann: der klassische Super-GAU des bürgerlichen Lebens. Die Schlüssel steckten innen in der Tür. Ausgesperrt. Und jetzt wird es interessant. Es gibt überhaupt keinen Grund, türkischen Schlüsseldiensten mehr zu vertrauen als deutschen. Vielleicht tue ich ihnen Unrecht – aber jeder Mensch hat seine Ängste. Bei mir heißt die Angst: „Du wirst abgezockt.“ Und zwar nicht als Ausnahme, sondern als Geschäftsmodell. Ich wusste: hundert Meter entfernt gibt es einen Schlüsseldienst. Ich gehe hin – Mittagspause. Natürlich war Mittagspause, zumal das Leben in der Türkei aus lauter Pausen besteht. Während ich also noch frage: „Wann kommen die?“, tauchen aus den umliegenden Geschäften drei, vier Männer auf. Und jeder einzelne sagt, fast im Chor: „Ich kann helfen. Ich kann aufmachen.“
In diesem Moment begreift man etwas, das im deutschen Sicherheitsdenken nicht vorkommt: In manchen Ländern ist eine Tür nicht der Endgegner des Lebens. In Alanya hatte ich plötzlich das Gefühl, Schlösser sind mehr Dekoration als Schutz. Denn wenn jeder zweite Passant weiß, wie man eine Tür aufbekommt, dann ist das Schloss nur noch ein psychologisches Accessoire – wie ein Fahrradhelm, den man trägt, während man zu Fuß unterwegs ist.
Dann kommt der Meister. Mit einer riesigen Werkzeugtasche, wie ein Chirurg. Man erwartet eine Operation. Wir gehen zu meiner Wohnung. Er stellt sich vor die Tür, greift aber nicht in die Werkzeugtasche. Stattdessen holt er aus der Hosentasche ein kleines Blechstück. Kein Bohrer. Kein Lärm. Keine Dramatik. Wenn ich übertreiben wollte, würde ich sagen, dass es drei Sekunden dauerte. Nein, gefühlt, ging es viel schneller. Zack – Tür offen.
Und ich stand da, wie ein deutscher Steuerzahler, der gerade erfahren hat, dass sein Sicherheitskonzept aus Sperrholz besteht. Man ist erleichtert – und gleichzeitig innerlich kaputt, weil man gerade gesehen hat, wie dünn die Schicht ist, auf der wir unser Gefühl von Kontrolle aufbauen. Ich frage: „Was bin ich schuldig?“ – Er sagt: „Gib mir irgendwas.“ Ein Satz, der in Deutschland nicht existiert. „Gib mir irgendwas“ ist hier illegal, weil man dafür keine Gebührenordnung hat.
Sonntag ist Notdienst
Und jetzt kommt die Pointe der ganzen Geschichte: Ich war so überrascht, dass ich nicht betrogen wurde, dass ich ihm wahrscheinlich zu viel gegeben habe. Man muss sich das einmal vorstellen: Der Mensch ist konditioniert. Er rechnet mit Abzocke. Und wenn sie ausbleibt, fühlt er sich fast verpflichtet, freiwillig mehr zu zahlen – als würde man dem System danken, dass es einmal nicht zugeschlagen hat. Ab später hatte ich bei jedem Vorbeigehen das Gefühl, dass der Schlüsseldienstmann mir gegenüber übertrieben freundlich war. „Frau wartet, ich muss schnell was einkaufen!“, war natürlich eine Lüge. Er sollte nicht glauben, dass niemand zuhause wäre.
Zurück in Deutschland erlebte ich dann das Gegenteil: Eine Nachbarin in Aschaffenburg rief den Schlüsseldienst. Sonntag. In Deutschland ist Sonntag nicht Sonntag. Sonntag ist Notdienst. Notdienst ist die religiöse Zusatzsteuer des Systems. Drei Buchstaben vorne – „Not“ – und plötzlich kostet das Ganze 220 Euro. Das nächste Mal wird sie wahrscheinlich überlegen: Wohnung aufgeben oder Schlüsseldienst rufen?
Und deshalb ist der Schlüsseldienst für mich nicht nur ein Handwerker. Er ist ein Symbol. Für eine Gesellschaft, in der man für jeden Ausnahmezustand ein Geschäftsmodell gebaut hat. Für ein Land, in dem Stresslagen nicht gelöst, sondern monetarisiert werden. Und für eine Mentalität, die uns einredet: Es sei normal, für 30 Sekunden Türöffnen den halben Wocheneinkauf zu bezahlen – weil „Regeln“. Nur eine Sache habe ich gelernt: Man sollte nicht fragen, ob der Schlüssel steckt. Man sollte fragen, ob man in einem Land lebt, in dem man im Notfall noch Mensch bleibt – oder nur noch Kunde.
Beitragsbild: Deutsche Fotothek, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons

Gibt mir irgendwas, mach du den Preis, was willst du geben? Das ist auf den Trödelmärkten zuhause. Vorsicht!
Da kommt man nicht unbeschadet weg, denn egal, ob man kauft oder geht, man fühlt sich überrumpelt und die Leichtigkeit des Tages ist vorbei.
Herr Dener, sie verwirren mich. Einbrecher, welche ihnen die Tür gratis öffnen, möchten sie nicht und Schlüsseldienste, damit sie in die Wohnung kommen auch nicht? Den Begrüssungstext für die Einbrecher gestalte ich auch einfacher: „Wer hier Geld findet, bekommt 50% Finderlohn“ und am Klingelschild steht Don Vito Corleone.
Wenn dein Sparvermögen nicht ausreicht brauchst du einen seriösen Schlüsseldienst.
Und das ist Deine Bank. Sie gibt dir den nötigen Schlüssel für ein Leben in Prosperität. Wenn nun deine Millionen sprudeln ist es ratsam, dieses Vermögen zu sichern. Dafür sorgt deine Bank mit einem entzückenden Schließfach. Um dieses sichere Schließfach noch einmal abzusichern, wird dir deine Bank eine ultimative Versicherung anbieten. ……… Ab und zu reicht diese ultimative Versicherung aus sparsamkeitsgründen nicht aus. Aber keine Angst. Mit EBAY geht es in die nächste Runde.
Werter Herr Dener, Sie sind aber ein Knauserer. Wenn RWE bei PwC anruft, um die Dienst eines Managers zu buchen, kostet die Stunde über 1.000 Euro.
Hallo Herr Dener, sehr gut beobachtet ! Vielleicht hilft für das nächste „Aussperr-Event“ die rechtzeitige und erfolgreiche Teilnahme an einem LOCKPICKING-Kurs. Alternativ tut es auch ein 10er-Satz Öffnungskarten in versch.Stärken, am besten im Auto in dieser Klappe vor dem Fahrernachbarsitz beheimaten. Und üben,üben,üben…..
Unser Nanny-Abgreifer-Staat regelt alles und jeden. Rechtsanwälte, Steuerberater und Zahnärzte haben eine Gebührenordnung. Nur Schlüsseldienste nicht. Ein versehentliche Lücke? Kaum zu glauben.
Mir war meines Tasche durch einen Dieb abhanden gekommen, einschließlich des Haustürschlüssels. Ich mußte mir sogar Geld leihen, um nach Hause zu kommen.
Ein Nachbar rief für mich den Schlüsseldienst.
Der bohrte und hämmerte an der Tür herum, daß ich die billiger selber eingetreten hätte. Er war gerade dabei, die Türzarge herauszubrechen, weil trotz des aufgebohrten Schlosses und der aufgesplitterten Tür keine Bewegung nach innen möglich war.
Ich rief: Aufhören, sofort aufhören!
Ich untersuchte die Tür und eine Befestigungsschraube des Schlosses hatte sich im Schließfach verklemmt. So ausgeleiert, wie die Tür schon war, kam ich da bequem mit der Zange ran. Ich schob die Schraube beiseite und Auf war die Tür.
Der Schlüsselspezialist hat mich mit Reparaturen 700 Euro gekostet.
Seitdem verstecke ich einen Haustürschlüssel unter der Fußmatte. Da kommt keiner drauf.
Der Zettel ist ein guter Tipp.