Stefan Frank / 24.03.2020 / 16:42 / Foto: Tim Maxeiner / 14 / Seite ausdrucken

Was hamstert die Türkei? Kölnisch Wasser!

Während die meisten Wirtschaftszweige in der Türkei ebenso wie im Rest der Welt am Beginn einer Depression stehen, boomt eine Branche: Die Hersteller von Kölnischwasser müssen ihre Produktion erheblich ausweiten, um die Nachfrage zu befriedigen.

Der Grund: kolonya, wie das Duftwasser auf Türkisch heißt, gilt als Virenkiller. Kolonya hat eine Tradition, die bis ins Osmanische Reich zurückgeht. Den bekannten Hersteller Rebul aus Istanbul etwa gibt es seit 1895. Mittlerweile wird Kölnisch Wasser in der Türkei in zahlreichen unterschiedlichen Düften vertrieben, doch Zitrone ist der ursprüngliche und beliebteste. Traditionell wird kolonya in den Händen verrieben und auch dem jeweiligen Gegenüber angeboten, bei einer Vielzahl von Anlässen: auf Reisen, in Restaurants, nach einem Haarschnitt, beim Empfang von Gästen oder auch bei Krankenbesuchen und Beerdigungen.

Mit einem Alkoholgehalt zwischen 50 und 80 Prozent, so die englischsprachige türkische Zeitung Daily Sabah, sei kolonya „laut Experten eine hervorragende vorbeugende Maßnahme gegen die Verbreitung von Viren und Bakterien“. Woran der Autor des Artikels die Spekulation knüpft, dass es „die Affinität der Türkei zu kolonya sein“ könne, die dafür gesorgt habe, dass die Türkei „so lange gegen die Viruskrise immun blieb“. (Andere Beobachter meinen, vielleicht stimme die türkische Statistik nicht; zudem gingen auch die gemeldeten Infektionszahlen in der Türkei in den letzten Tagen deutlich nach oben.)

Verkaufszahlen steigen rasant

An einer Tatsache zumindest gibt es keinen Zweifel: Die Verkaufszahlen steigen rasant – so sehr, dass auch der öffentliche US-Rundfunksender NPR schon davon Notiz nimmt. „Im winzigen Atelier Rebul im Istanbuler Stadtteil Karaköy“, berichtet NPR,

„kümmert sich der 44-jährige Eigentümer Goksel Kaygin um einen anschwellenden Kundenstrom. Sie quetschen sich in den engen Laden, der von einer schwindelerregenden Auswahl an Düften gesäumt ist, die von Zitrone (ausverkauft) und Limette bis zu grünem Tee, Gewürzen und Feigenblüten reichen und zwischen 3 und 8 US-Dollar pro Flasche kosten.“

Die Angst vor dem Virus scheine die Kunden „nicht davon abzuhalten, sich in den kleinen Raum seines Geschäfts zu drängen“, bemerkt der Reporter. „Wie Sie sehen, ist hier wegen des Virus sehr viel los“, sagt ihm Kaygin. Er zeigt auf einen Stapel Kartons, die gerade draußen angeliefert wurden. „Die Leute nehmen sich Flaschen, noch bevor wir sie in die Regale geräumt haben.“

Die jüngere Generation habe bislang kein großes Interesse an Kölnisch Wasser gezeigt, sagt er. „Aber jetzt verstehen sie, dass es auch ein Desinfektionsmittel ist und sie kommen ebenfalls, um zu kaufen.“

In der osmanischen Zeit, erklärt Kaygin, sei kolonya ein beliebtes Geschenk zum Eid-Feiertag gewesen, der das Ende des muslimischen heiligen Monats Ramadan markiert. Diese Tradition gebe es immer noch. „Früher habe ich das nur für Eid gekauft“, sagt einer seiner Kunden, „aber jetzt bin ich zurück, weil es ja auch ein Desinfektionsmittel ist.“ Kaygin führe auch eine andere Marke, doch wegen des geringeren Alkoholgehalts verkaufe sich diese nicht so gut, berichtet NPR.

Kein Ethanol mehr im Benzin

Auch die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtet über den Run auf Kölnisch Wasser und beschreibt ein Szenario stark erregter Konsumentennachfrage, für das sich im deutschsprachigen Raum der Begriff „Hamsterkäufe“ eingebürgert hat:

„Nachdem letzte Woche der erste Fall von Coronavirus in der Türkei verkündet worden war, strömten die Türken in die örtlichen Geschäfte, um sich mit Kölnischwasser einzudecken. ‚Die Nachfrage nach dem nach Zitrusfrüchten duftenden Kölnischwasser und insbesondere nach Zitrone hat sich verfünffacht’, sagt Engin Tuncer, Inhaber des größten türkischen Herstellers Eyup Sabri Tuncer.“

Vor der Filiale in der Hauptstadt Ankara stünden die Leute in fast 100 Meter langen Schlangen, um ihr Kölnischwasser direkt von der Quelle zu beziehen. „Einige Leute haben leere 20-Liter-Plastikflaschen mitgebracht, um sie mit Kölnisch Wasser zu füllen, aber wir verkaufen maximal 1,5 Liter pro Person“, so Tuncer. Bei sachgemäßer Anwendung reiche diese Menge für zwei Monate aus, fügt er hinzu, denn drei bis 3,5 Milliliter Kölnisch Wasser pro Person auf gewaschenen Händen reichten aus. Somit bestehe keine Notwendigkeit zum Horten.

Tuncer lobt, dass die türkische Regierung kürzlich beschlossen hat, dass Benzin fortan kein Ethanol mehr beigefügt werden muss. Laut der türkischen Regulierungsbehörde für den Energiemarkt werden durch die Einstellung der Verwendung von Ethanol in Benzin zusätzliche 20.000 Kubikmeter für die Herstellung von Desinfektionsmitteln und Kölnisch Wasser im Land bereitgestellt. Kölnisch Wasser Zitrone enthalte mindestens 80 Prozent Ethanol, sagt Tuncer, andere gängige Duftsorten wie Jasmin, Tabak, Lavendel und weißer Tee immer noch mehr als 70 Prozent.

Export fällt aus

Angesichts der steigenden Nachfrage aus der Türkei lehne sein Unternehmen Anfragen aus dem Ausland ab, um sich ganz auf den Inlandsmarkt konzentrieren zu können. „Da wir dachten, dass die Menschen in unserem Land ein solches antibakterielles Produkt benötigen könnten, fanden wir es nicht richtig, Kölnisch Wasser ins Ausland zu verkaufen“, erklärt er. Um noch mehr davon herstellen zu können, habe seine Firma die Produktion anderer Güter wie Erfrischungstücher, Flüssigseife, Hand- und Körpercreme und Shampoos vorerst eingestellt.

Ganz ähnlich das Bild bei dem türkischen Kosmetikfabrikanten Bülent Emekçi, der in Mörfelden-Walldorf bei Frankfurt für den deutschen Markt produziert. Er sagt:

„Wir importieren die Rohstoffe für die Herstellung von Kölnisch Wasser aus der Türkei, stellen das Produkt in unseren eigenen Werken in Deutschland her, füllen es hier ab und verkaufen es dann in der ganzen Türkei.“

Weil auch sein Unternehmen aufgrund der Pandemie in letzter Zeit Schwierigkeiten hatte, mit der Nachfrage nach Kölnisch Wasser Schritt zu halten, hat es ebenfalls die Produktion einer großen Anzahl von Produkten zurückgefahren, um alle Ressourcen für die Herstellung von Kölnisch Wasser einzusetzen.

„Wir produzieren im Zwei-Schichten-Betrieb 12.000 Flaschen Kölnisch Wasser pro Tag“, so Emekçi. Er erklärt, er habe sich mit Unternehmen in der Türkei getroffen, um Möglichkeiten zur Steigerung der Produktions- und Vertriebsaktivitäten zu erörtern, doch aufgrund der dortigen hohen Nachfrage nach Kölnisch Wasser seien diese Bemühungen bislang erfolglos gewesen. Erschwerend komme hinzu, dass die türkische Regierung für Kölnisch Wasser und dessen Grundstoffe Ausfuhrkontrollen erlassen hat.

Tradition der Handdesinfektion

Im Kampf gegen die Verbreitung des Virus geben die Behörden und Medien in der Türkei die gleichen Empfehlungen wie überall auf der Welt: Händewaschen und auf den Handschlag bei der Begrüßung verzichten.

Auch Staatspräsident Erdogan vermeidet das Händeschütteln und legt stattdessen als Gruß die rechte Hand auf die linke Brust. Bei einer Rede vor Anhängern sagte er kürzlich mit Blick auf die hohen Infektionszahlen in Westeuropa: „Sie nennen sich westliche Staaten, aber hunderte Menschen sterben. Warum? Ich denke, es ist, weil sie nicht vorsichtig genug sind.“

Parfümeriebesitzer Kaygin ist naturgemäß von den Vorzügen des Kölnisch Wassers überzeugt. Dass es jetzt so einen Boom erlebt, habe auch damit zu tun, dass die Tradition, es zur Handdesinfektion zu benutzen, nie völlig ausgestorben sei, sagt er. „Sie haben es immer gewusst, aber jetzt erinnern sie sich wirklich daran.“

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Mena-Watch.

Foto: Tim Maxeiner

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Gabriele Klein / 24.03.2020

Kölnisch Wasser enthält nicht nur Alkohol sondern auch Bergamot und das desinfiziert auch. Enthalten auch in Earl Grey Tee.  (Schwarztee in hoher Dosis oder zu stark scheint mir heimtückisch ich hörte da im weiteren Bekanntenkreis schon wiederholt von Todesfällen.  Aber jetzt wären wir wieder beim “Zaubertrank” von Obelix.  d. heißt bei: Eukalyptus Kamille Salbei Thymian Honig alle antiseptisch / desinfizierend und /oder entzündungswidrig Und mir leuchtet als Patient z.B. nicht ein, warum ein Arzt Iboprufen das mir buchstäblich “Löcher in den Magen reist” verschreibt wenn meine sehr starken grippebedingten Schmerzen im Nebenhölen bereich bereits mit dem ersten Atemzug eines Kamillendampfbades verschwinden u. somit Viren auch nicht groß Richtung Lunge sich weiterverbreiten. würden Vielleicht deshalb weil die Kamille auf jedem Bahndamm wie Sauerampfer gedeiht und man sich damit nicht so wichtig machen kann wie mit dem einem neuen Serum (auch wenn es am Ende nicht immer hält was es verspricht…)

Gabriele Klein / 24.03.2020

@Herr Loewe: Sie können das Ding doch selber bauen. Material dazu sollten Sie genug in ihrem Kleiderschrank haben. Sie benötigen nur ein wenig Phantasie. Wie wäre es mit einem einfachen Dreieckstuch das Sie sich vor die Nase binden. Den Zipfel stecken sie sich in ihren Rollkragen oder Rundhalsausschnitt Ihres Pollundersr. Es gibt aber auch ganz einfache Funktionstücher auf jedem Kaufhaus Wühltüsch für etwa 2-3 Euro, wie wärs damit? Aber wenn es was wirklich Teures sein soll könnten Sie sich auch unter dem Thema Kältschutz Skisport fündig werden ab 20 Euro bis 30 Euro Aufwärts.  Die Studie der Uni Cambridge deutet darauf hin, dass alles was Sie sich da umbinden hilft, manches weniger manches mehr. Aber alles ist besser als nichts.  Also wenn wir es mit Tröpfchen infektion zu tun haben (was ich nicht glaube) dann dürfte jeder Lappen bereits eine Hilfe sein. Ich glaube allerdings nicht dass sich das so verbreitet wie suggeriert wird. Denn dazu verbreitet sich die Seuche viel zu schnell. Mal ehrlich, wenn ein Tröpfchen bei Ihnen im Gesicht landet merken Sie das doch, und das kommt selbst bei höchster Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel kaum vor selbst nicht in der Sardienenbüchse eines Zuges, weil es höchst peinlich ist und wir erzogen wurden sowas nun wirklich nicht zu tun. Den Atem des andern bekommen wir allerdings ab und zwar aus weitester Entfernung wie uns der Geruchssinn und die Wahrnehmung des schlechten Atems lehrt. Einer Studie entnahm ich, dass sich die Grippe Viren schon in den Luftreinigern /Ventilatoren finden d.h. dann würden sie sich schon in der Luft und nicht nur in Tröpfchen bewegen.  Aber hier haben wir ein Definitionsproblem: wo beginnen eigentlich die Tröpfchen und wo endigt die feuchte Luft.? Aber so eine Maske bremst auch die Abgabe des Atems nach außen ans Gegenüber.  Also ich wäre so frei und würde das am Arbeitsplatz tragen, gerade am Bankschalter . Schade dass Maskenträger von den ÖR /Medien, wie ich las eher belächelt als gestützt werden

Mike Loewe / 24.03.2020

“Um noch mehr davon herstellen zu können, habe seine Firma die Produktion anderer Güter ... vorerst eingestellt.”—Seit Wochen schon warte ich auf die Nachricht, dass mal irgendein Unternehmen in Deutschland sich erbarmt, wenigstens einen Teil seiner Produktion auf einfache Atemschutzmasken umzustellen. So schwer kann das doch nicht sein, da die Dinger lediglich aus etwas Vlies, einem Draht und zwei Gummibändern bestehen. Sicher lässt sich damit prima Geld verdienen, weil das Publikum derzeit bereit wäre, für so ein Pfennigprodukt etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Hallo Tempo, Hakle, Zewa und wie sie alle heißen, wie wär’s denn mal? Oder lieber zugucken wie jeden Tag mehr Seuchenopfer sterben?

Peter Wachter / 24.03.2020

Hätt da noch nen Tip und hoffe ich bin der Erste mit dem alten Spruch: Wenns vorne juckt und hinne beisst, dann nimm Klosterfrau Melissengeist (79 Volumenprozent), wenns vorne beisst und hinne juckt, dann nimm e anderes Produkt (Kölnisch Wasser 85 Volumenprozent).

Ulla Schneider / 24.03.2020

“Frau Nachbarin, Ihr Fläschchen”,,,,,,,Schau an, das 4711. Ich habe aus Tradition schon immer ein Fläschchen für unterwegs dabei. Vielleicht erinnern sich jetzt einige wieder im europ. Raum an diese kleine ” Wunderwaffe”, die auch gegen Spannungskopfschmerzen an heissen Tagen hilft. Es würde mich für das Werk in Colonia freuen. Die haben lange herumkrachseln müssen. Leider gibt es die Unterwegstücher mit dem traditionellen Aufdruck nicht mehr. Da waren meine Enkel ganz scharf hinterher.

Karla Kuhn / 24.03.2020

“Kölnisch Wasser” , hatte meine Mutter immer in der Handtasche.  “Nicht ohne mein “Kölnisch Wasser.” Hatte ich total vergessen, danke für die schöne Erinnerung.

Wilfried Cremer / 24.03.2020

Die Türken wissen halt, wo die Kultur zu Hause ist. Sag ich mal so als Kölner. Der Karneval ist dabei nur der Umkehrfehler der Bestimmung der Drei Könige.

Arnauld de Turdupil / 24.03.2020

Eine Frage: Ist “Kölnisch Wasser” mit Alkohol drin für einen strammen Erdo Khan nicht gänzlich “haram”? Schwierig ist auch die Erkenntnis der Römer/Lateiner betr. “In vino veritas”, denn Veritas mögen die Herren des letzten und billigsten Buches nun mal gar nicht (der Autor wäre z.B. bei Vroniplag durchgefallen, der Religionsstifter müsste stiften gehen wie weiland exDoc Guttenberg). Die ganze Geschichte scheint auf Sand gebaut, wenig durchdacht… doch Pech beim Denken ist nichts Neues am Bosporus und in Köln. Man müsste eben eine lokale Version erfinden, dann entfielen etliche Kosten? Ach, die gute Demontage-Merkel wird die Rezepturen bei 4711 abzweigen lassen und zur Wiedergutmachung (aufgrund der deutschen Schuld im rassistischen Kolonialismus) den Türken - mit einem zusätzlichen besänftigen Bonus in butterweicher Währung - schenken.

Alexander Schilling / 24.03.2020

Um die apotropäische Wirkung des Alexopharmakons zu verstärken, sei den Kunden empfohlen, bei Benutzung ein kleines Lied (nach der bekannten Weise “corona Bavariae”) zu trällern—mit dem Text “koloonya Türkiiye”...

Sirius Bellt / 24.03.2020

Genau so erlebe ich Türken mehrheitlich in Deutschland. Teilen, Solidarität mit anderen Nationen? Nix da. Auch der hochmütige Spruch vom Sultan wundert mich nicht. In ein paar Wochen fordert er wieder Geld, wenn ihm die Situation entgleitet.

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