Was erlauben Kiew!

Die Ukraine habe nach der Operation Babčenko nun ein Glaubwürdigkeitsproblem, höre ich immer wieder aus deutschen Medien und von ebenso linksliberalen Freunden. Ich sage: Nein, die Ukraine hat kein Glaubwürdigkeitsproblem. Sie mag eine schlechte Regierung haben, aber haben wir eine gute? Und gibt es in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft bessere? Doch ein Glaubwürdigkeitsproblem hat sie nicht. Das kann man nämlich nur haben, wenn auf der anderen Seite eine prinzipielle Bereitschaft zur Akzeptanz besteht. Und die gibt es nicht. 

Das Image der Ukraine im Westen wird wesentlich von Leuten bestimmt, die ihre Qualifikationen, die sie nach eigener Auffassung dazu befähigen, über Osteuropa mitreden können, bei allen möglichen Gelegenheiten erworben haben – aber in nicht in der Ukraine. Früher, vor dem ganzen Ärger, wurde die Ukraine überhaupt nicht als Staatswesen wahrgenommen, sondern als ein bedauernswertes Zwischen-Territorium auf dem Weg zwischen uns, oder, o.k., meinetwegen noch Polen, und Moskau. Man assoziierte Kornfelder, Prostituierte und radioaktive Zonen. 

Nach dem Majdan hat man immerhin angefangen, die Ukraine als Subjekt der Geschichte wahrzunehmen, aber wieder machte sie alles falsch. Denn den hierzulandigem Denkweisen über die Ukraine haftet immer etwas Paternalistisches an, und immer die Neigung, die Ukraine als Funktion des eigenen Verhältnisses zu Russland zu begreifen. Doch diese Hilfs- und Spanndienste verweigert die Ukraine neuerdings.

Die einen werden es der Ukraine nie verzeihen, dass sie die Sowjetunion mit kaputtgemacht hat. Die anderen, dass sie klaren Verhältnissen im östlichen Europa – hier wir, dort die – querkommt. Die dritten wollten aus ihr ein besseres Russland machen, und projizierten alle Hoffnungen, die sie einst auf Gorbi legten, nun auf den Majdan. 

Die Ukraine tanzt in jeder Hinsicht aus der Reihe

Sie alle wurden enttäuscht. Die Ukraine leidet nicht mehr still – sie führt Krieg, sie baut Waffen, sie betreibt Atomkraftwerke und organisiert geheimdienstliche Spezialoperationen mit Nebengeschmack. Die Politiker dort sind Machos. Gay-Pride-Paraden und Windräder werden nicht so richtig gut angenommen. Die Gesprächspartner sind unberechenbar. Die Ukraine schämt sich ihrer Flagge nicht und baut keine selbstreflexiven Denkmäler – aber, Teufel noch eins!! Juden haben hier unter weniger Antisemitismus zu leiden als im Rest Osteuropas. 

Die Ukraine tanzt also in jeder Hinsicht aus der Reihe. Sie ist ein ständiges Ärgernis. Sie ist nicht so geworden, wie wir sie haben wollten, mit ein wenig Zuckerbrot für ihre verfetteten Eliten und der Peitsche für ihre Rentner und depravierten Ingenieure. Sie ist ein hartes, sperriges, ungezogenes Land. Ein Land, das die eigenen jungen Leute so sehr entnervt, sodass sie ihr Glück im Ausland suchen. Wenn sie wenigstens Öl und Gas hätte, das sie uns billig verkaufen könnte. Dann würden wir ihr ja noch einiges durchgehen lassen. Aber so? Was erlauben Kiew!??

Daher nennen die Deutschen von Neuer Osnabrücker bis Passauer Neue sie unglaubwürdig, ein Schmierentheater, ein Tollhaus, einen gescheiterten Staat. Unnötig zu erwähnen, dass ein Teil der vorgeblichen Evidenz für dieses Scheitern aus einem wirklich gescheiterten Staat stammt, in dem die Oligarchie den Staat aufgefressen hat, die Mafia den Geheimdienst gibt, das Staatsterritorium an Warlords verhökert wird, das Staatsoberhaupt nicht weiß – oder nicht zu wissen vorgibt – wo seine Armee sich überall so herumtreibt. 

Die Reaktionen laufen alle auf dasselbe hinaus: Wir werden die Ukrainer nur dann ernst nehmen, wenn sie an den Platz zurückkehren, den ihnen das Schicksal nunmal vorgegeben hat: einen subalternen Platz in der russischen Einflusssphäre. Dann, als Verbündete Moskaus, werden wir sie wieder ernst nehmen. Dann wird man wieder von ihrer Größe und ihren Potenzialen schwärmen, von ihrer Industrie sprechen, welche Russland erst groß mache, und davon, dass Russland und die Ukraine zusammen unschlagbar seien.

Leider ist dieser schöne Traum zerschellt. Die Ukrainer haben sich anders entschieden, das Leben ist hart, es schenkt einem keiner was, schon gar nicht der Westen, schon gar nicht Deutschland, wo vorneherum die Welt verbessert und Demokratisierungsunterricht gegeben wird, und hinten business as usual mit Massenmördern und Kriegsfürsten gemacht wird. 

Und daher ist die Ukraine TOTAL glaubwürdig, weil ihre Bürger und ihre unvollkommene Regierung, ihre lächerlichen Staatsorgane erkannt haben: Was ihr euch rausnehmt – das machen wir jetzt auch mal. Und der empörte deutsch-russische Chor gibt ihr recht: Touché.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Steffen Huebner / 03.06.2018

Sicher eine Menge Ironie im Artikel - nicht schlecht. Ob allerdings die EU jetzt gut damit fährt, Großbritanien gegen die Ukraine auszutauschen, ist strittig - zumindest beim deutschen Steuerzahler.

Michael Scheffler / 03.06.2018

Das mag ja alles sein, aber warum sollte der Deutsche Michel das auch noch mit seinem Geld unterstützen? Die Ukraine kann gern machen, was sie will. Ich will mich dort nicht eingemischt sehen.

Grigori Golowko / 03.06.2018

Ich kann den Artikel inhaltlich nicht nachvollziehen. Die Geheimdienstaktion um den Herrn Babtschenko ist nun mal einfach nicht plausibel, die Motive für das Handeln des ukrainischen Geheimdienstes bleiben (auch nach diversen “Erklärungen” aus Kiew) undurchsichtig. Daran ändert auch noch so viel Sympathie für dieses Land nichts. Nach vier Jahren der Regierung Poroschenko ist eine nüchterne Zwischenbilanz angesagt. Was hat dieser Präsident erreicht- und was nicht? Tatsache ist, dass die EU den Ukrainern Reisefreiheit zugestanden hat, das ist sicher ein grosser Erfolg. Tatsache ist aber auch, dass die Wirtschaft des Landes brach liegt. Ohne Unterstützung durch den IWF wäre die Ukraine pleite bzw. zahlungsunfähig. Von einem EU-Beitritt ist das Land mittlerweile weiter entfernt als 2014. Poroschenko hat viel versprochen- aber so gut wie nichts gehalten. Aus guten Gründen (“Panama Papers”) gilt er als korrupt, eine Strategie ist im Handeln der ukrainischen Regierung - auch mit viel Goodwill- schon lange nicht mehr erkennbar.  Die verfrühte und quasi bedingungslose Unterstützung des Euromaidan 2013/2014 durch die EU und die USA haben mitgeholfen die aktuelle enorm schwierige Situation zu schaffen. Man kann sehr viel am russischen Handeln auf der Krim und in der Ostukraine kritisieren, aber es soll doch bitte niemand sagen, dass diese Entwicklungen nicht vorhersehbar gewesen seien. Die Ukraine muss nicht Russlands Vasall sein, sie ist aber nun einmal auf ein Einvernehmen mit Russland angewiesen. Wer das nicht einsehen will, verkennt die Realität.

Daniel Oehler / 03.06.2018

Kiew erlaubt sich die Verharmlosung von Nazis und die Beweihräucherung eines gewissen Bandera. Polen, Ungarn und Rumänen erlauben sich, den Umgang mit Polen, Ungarn und Rumänen in der Ukraine zu kritisieren. Kiew hat sich nach dem vom Westen orchestrierten Regime Change sofort erlaubt, die Russische Sprache zu verbieten, obwohl die Hälfte der Bevölkerung Russisch spricht. Das ist so, als würden die Deutschschweizer den Gebrauch des Italienischen und des Französischen in der Schweiz verbieten. Die Bewohner der Ostukraine erlauben sich, dagegen zu sein, und werden deshalb vom Waffenfabrikanten Poroschenko mit Artillerie zusammengeschossen. Die Bewohner der Krim haben sich in einer Volksabstimmung erlaubt, für einen Abfluss ihrer Steuern Richtung Moskau zu stimmen.

Timo Kinzel / 03.06.2018

Bravo, wunderbar geschrieben! Nach meinem letztjährigen Aufenthalt in Kiew hat sich auch bei mir das Gefühl manifestiert, dass die Ukraine einen eigenwilligen Charakter besitzt und einen Teufel tun wird, diesen infrage stellen zu lassen. Es gibt in Europa momentan wohl kaum ein spannenderes Land.

Anna Veronika Wendland / 03.06.2018

Ich mische mich als Autorin selten in Diskussionen meiner Leser ein. Aber hier muss ich zum Beitrag von Andree Bauer doch mal einhaken. Wie kommen Sie darauf, ich fände Angriffe gegen Homosexuelle akzeptabel? Das unterstellt nämlich Ihre Suggestivfrage, und das ist eine Unterstellung, die ich zurückweise. Was ich hingegen feststelle, ist, , dass in westlichen Demokratien entstandene Formen der Agitation und Selbstermächtigung von Minderheitengruppen in Osteuropa häufig als Import und Oktroi wahrgenommen werden - was für den Bürgerrechtskampf von Schwulen und Lesben dort auch kontraproduktiv sein kann. Sie verwechseln die Überbringerin einer schlechten Nachricht mit der Bejublerin. Meine Polemik fokussiert auf die westliche, vor allem deutsche Wahrnehmung der Osteuropas im allgemeinen und der Ukraine im besonderen. Wenn Sie meine Kritiken an ukrainischen Regierungs-Realitäten, so auch am Umgang mit dunken Kapiteln der ukrainischen Geschichte lesen möchten, empfehle ich Ihnen meinen Blog Anna Vero Wendland auf Facebook. Sie können sich auch per PM melden, dann schicke ich Ihnen Antworten auf all Ihre Monita in Form früherer Publikationen. Zum Antisemitismus: wie wir in Deutschland selbst gut wissen, funktioniert Antisemitismus auch ohne Juden - die Korrelation „wenig Juden in der Ukraine/wenig Antisemitismus“, die Sie da aufmachen, ist daher keine plausibe Begründung. Ich beziehe mich auf eine kürzlich veröffentlichte Studie des Pew Centers, das den Antisemitismus in postsozialistischen Ländern im Vergleich untersucht hat. Anders als hierzulande ist fast jeder erwachsene Ukrainer mit Juden zur Schule gegangen, hatte oder hat jüdische Kollegen, Bekannte, Freunde, auch wenn viele heute in Israel oder den USA leben. Die Ukraine hat einen Ministerpräsidenten jüdischen Glaubens,  Es gibt überaus lebendige Beziehungen nach Israel und ein nach sowjetischer Verfolgung und der Auswanderungswelle der 1990er wieder auflebendes Gemeindeleben.

Karla Kuhn / 03.06.2018

Herr Mertens, danke für Ihren aufschlußreichen und trotzdem humorigen Leserbrief.  Anscheinend können “WIR” (bestimmte Gruppen!!) es einfach nicht lassen, immer und immer wieder verschiedene andre Länder zu erziehen, vor allem in unserem Sinn.

Wulfrad SChmid / 03.06.2018

Was wollen Sie uns eigentlich sagen, Frau Wendland? Und meinen Sie nicht auch, der Haufen Dreck vor und hinter unserer eigenen Türe wäre so groß, dass wir uns erst mal diesem zuwenden und ihn wegschaffen sollten, ehe wir über andere Völker/Länder/Staaten und ihre Regierungen/Politiker die Nase rümpfen? Schreiben Sie doch mal über die Verlogenheit und Glaubwürdigkeit deutscher Politiker aus CDU CSU SPD FDP GRÜNE LINKE… Oder ist Ihnen das zu heikel?

Richard Kaufmann / 03.06.2018

Erstaunt las ich diesen Artikel wie auch die Kommenrare, die dieses Gemurkse namens Ukraine in völlig falschem Licht beleuchten. Haben wir schon vergessen, dass auf dem Majdan Hakenkreuze mit deutschem und US-Geld finanziert marschierten? Weiss jemand, dass sämtliche Minderheiten, die in der Ukraine leben (und deren gibt es nicht wenige), schikaniert werden und ihnen die Muttersprache verweigert wird?! Nein, vermutlich nicht! Weiss noch jemand, wie die kriminellen Regierungen der Ukraine zustande gekommen sind? Weiss jemand, wie sich die nette Nato in der Ukraine verhält? Eher nicht, sonst würde man nicht so einen Text verfassen.

Karsten Dörre / 03.06.2018

Ukraine ist keineswegs ein begehrenswertes Land dort zu migrieren oder Urlaub zu machen. Dass deutsche Medien die Ukraine lieber in der russischen Einflusssphäre sehen wollen, tut in den Haaren weh. Wer verlangt von den Ukrainern Windräder zu bauen? In Deutschland verlangt auch keine Mehrheit Windräder - außer Unternehmen, die damit Geld verdienen wollen und ein paar Politiker, die ihren politischen Auftrag falsch interpretieren.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Anna Veronika Wendland, Gastautor / 15.01.2019 / 11:59 / 40

Wer Ökostrom sagt, muss auch Atomdoping sagen

Der Anteil an „Erneuerbaren“‘ an unserer Stromerzeugung betrug 2018 erstmals über 40 Prozent. Diesen Erfolg verdanken die Öko-Stromversorger einem sonnigen Sommer mit überdurchschnittlicher Einspeisung aus Photovoltaik-Strom. Gleichzeitig…/ mehr

Anna Veronika Wendland, Gastautor / 25.11.2018 / 16:30 / 11

Im Klima-Lala-Land

Zeit, einen Energiewende-Kongress einzuberufen und eine Forsa-Umfrage in Auftrag zu geben, dachte sich die „Welt“ im Verbund mit dem Stromkonzern EnBW. Allerdings werden in den…/ mehr

Anna Veronika Wendland, Gastautor / 16.10.2018 / 06:29 / 45

“Nuclear-Pride”-Bewegung - dürfen die das?

Zum ersten Mal seit längerer Zeit stehen energiepolitische Themen in diesem Herbst wieder ganz oben auf der Agenda. Im Hambacher Forst stehen sich militante Umweltschützer,…/ mehr

Anna Veronika Wendland, Gastautor / 05.08.2018 / 12:30 / 17

Das Ende der Energiewende kündigt sich an

In der Dürre- und Hitzewelle schmelzen so manche Gewissheiten. Zum Beispiel jene, dass man hierzulande gleichzeitig aus Kernenergie und Kohle aussteigen könne und allein mit…/ mehr

Anna Veronika Wendland, Gastautor / 21.06.2018 / 15:00 / 4

Die Leuchten vom Bundes-Umweltministerium

Das Bundesumweltministerium und der Klimaschutz: freie Diskussion unerwünscht. Das zeigte sich vor ein paar Tagen mal wieder anlässlich des „Petersberger Klimadialogs“, der in Wirklichkeit, weil er…/ mehr

Anna Veronika Wendland, Gastautor / 22.05.2018 / 06:25 / 22

Der deutsch-belgisch-französische Atomkrieg

Die westdeutsche Grenzmetropole Aachen ist für dreierlei Dinge berühmt: Für ihre Traditionsproduktion steinharter Lebkuchen, für ihre jährliche Vergabe des Karlspreises (an Politiker und Kirchenfunktionäre) sowie…/ mehr

Anna Veronika Wendland, Gastautor / 05.04.2018 / 06:15 / 14

Mein Leben als russisches Atom-Groupie und Nato-Bambi

In der Blogosphäre schreibe ich zu zwei Themen, von denen ich aufgrund eigener Forschung was verstehe: über die Geschichte und Gegenwart Osteuropas, und über die…/ mehr

Anna Veronika Wendland, Gastautor / 23.03.2018 / 06:19 / 32

Dichter und Schweißer – Eine Widerrede

Ich schreibe, wie Wolfram Ackner, ab und zu für die Achse, und ich wohne, wie er, in Leipzig. Und ich habe mir, wie Wolfram, die…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com