Warum ist es am Rhein so schön?
„Heute ist der Rhein herausragender Industrie- und Wirtschaftsstandort, Brennpunkt und Schmelztiegel europäischer Kooperation. Die meist befahrene und am besten erforschte Wasserstraße des Kontinents. Und er ist ein überaus beliebtes Reiseziel. […] Was aus dem Strom der Ströme wurde, das ist vor allem der Initiative Johann Gottfrieds Tullas geschuldet.“
So heißt es in einer ZDF-Dokumentation von 2006. Johann Gottfried Tulla (1770–1828), ein Ingenieur aus Karlsruhe, hatte ambitionierte Pläne zur Kanalisierung von Flüssen entworfen und als Chef der badischen (Ober-)Direktion des Wasser- und Straßenbaues vorangetrieben. Das betraf die Dreisam und insbesondere den Oberrhein auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württemberg.
Der Rhein bot sich damals als Relikt eiszeitlicher Veränderungen dar: Auen, Sümpfe, Niederungen, unterschiedliche Flussarme, temporäre Inseln und unklare Ufer. Der unberechenbare Fluss zerstörte durch Überschwemmungen und Eis Siedlungen und potenzielle Agrarflächen. Durch die Sümpfe verbreitete sich das „Sumpffieber“, nämlich die Malaria. Nur unter starken Einschränkungen ließ sich der Fluss mit Schiffen befahren. Krankheiten und Katastrophen zu bekämpfen, die Rheinufer in prosperierende Landschaften zu verwandeln, den Fluss für die Menschen lebenswerter und nützlicher zu gestalten, war Tullas Antrieb.
Rheinrationalität statt Rheinromantik
Nachdem er Anfang des 19. Jahrhunderts in seiner Geburtsstadt mit den Grundstein für das heutige Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gelegt hatte, sammelte er Unterstützung für sein Großprojekt der Rheinbegradigung. Die Anliegerstaaten ließen sich dafür einnehmen und um 1817 begannen die Arbeiten, die Generationen andauern sollten – bis weit über Tullas Tod hinaus.
Über mehr als hundert Kilometer hinweg wurde der Flussverlauf gerader, das Flussbett enger und tiefer, zahlreiche Durchstiche verkürzten die Länge um zig Kilometer. „In der Regel sollten in kultivierten Ländern die Bäche, Flüsse und Ströme Kanäle sein“, fand Tulla – mit nur einem Bett pro Fluss. Auch müsse, so der Ingenieur, „die Leitung der Gewässer in der Gewalt der Bewohner stehen“. Kein Gott, kein Schicksal, sondern des Menschen Hand sollte es also sein, die die Welt so kreiert, wie es ihren Interessen und Bedürfnissen entspricht. Rheinrationalität statt Rheinromantik. Man kann die Landschaft malen, wichtiger ist es, sie zu verändern. Die Menschen unterwerfen sich Umwelt und Natur, statt sich von ihr unterwerfen zu lassen.
Heute, 200 Jahre später, wieder ein Gedanke von großer Sprengkraft. Das durch die Neue Linke in der westlichen Welt inzwischen zum Dogma gewordene Öko-Denken spricht eine ganz andere Sprache: erhalten, konservieren, das angebliche Wohl von Pflanzen und Tieren, einen großen Gesteinshaufen abgöttisch verehren, den wir „von unseren Kindern nur geborgt“ haben. „Mutter Erde“ und „Vater Rhein“ – zwei romantische Verklärungen ähnlicher Art. Dabei ist mit Tulla ein Mitmensch „Vater des modernen Rhein“.
„Herkulestat“ Rheinbegradigung
Gewiss hat nicht alles genauso geklappt wie geplant. Die Hochwasserverminderung am Oberrhein hatte die Gefahr größerer Überflutung an Mittel- und Niederrhein zur Folge. Tulla setzte die nördlichen Anrainer faktisch unter Zugzwang. Nachdem der Widerstand Preußens, Hessens und der Niederlande überwunden war, konnte das Projekt voranschreiten und musste logischerweise seine Fortsetzung rheinabwärts finden, wo man sich dann auch der Begradigungsaufgabe annahm. Tulla hatte die Tiefenerosion mit der Senkung des Grundwasserspiegels unterschätzt. Eine Herausforderung, die wiederum ingenieursmäßig gelöst werden kann, heute etwa durch Zuführung von Kies und Sand.
Es gelang, den Rhein zu kanalisieren, „dass er angrenzenden Flächen mit Feldern und Orten nicht in die Quere kommt; die Wege für Schiffe wurden kürzer und hindernisärmer, und schließlich führte die Verringerung der Überschwemmungsfläche zu neuem Ackerland und zu einer Reduzierung der Mückenpopulation und somit der Gefahr durch Malaria.“ Als bittere Ironie der Geschichte verstarb Johann Gottfried Tulla 1828 in Paris an genau dieser Krankheit, zu deren Bekämpfung er Großes geleistet hatte. Über ein halbes Jahrhundert später war die „Herkulestat“ Rheinbegradigung abgeschlossen. Der Rhein, so Franz Josef Reindl, Hafendirektor in Ludwigshafen, ist „seit Tulla planbar, berechenbar, bewohnbar und auch vernünftig zu bewirtschaften. Erst da hat diese Gegend hier die wirtschaftliche Kraft entwickelt, die sie heute hat.“
Grundlagen unserer heutigen Zivilisation
Eine ZDF-Doku feierte vor rund 15 Jahren in Sachen Tulla noch „den Sieg der Ingenieurskunst über die Gewalt der Flüsse, den Sieg des Menschen über die Natur“, gab aber zu bedenken, dass Tullas Hoffnung, den wilden Strom vollends zu beherrschen, sich zerschlagen habe, wie heutige Hochwasserereignisse zeigten. Stattdessen müsse man sich anpassen. Dem lässt sich entgegenhalten, dass Beherrschung einen permanenten Prozess der verbesserten Methoden und ihrer Anwendung bedeutet. Wenn wir lernen, dass wir für Überschwemmungen da und dort Retentionsflächen bereithalten müssen, wo sich das Wasser ausbreiten kann, dann sind wir in der Lage, daraus Konsequenzen zu ziehen. Und die Anpassung selbst, etwa in Form von baulichem Hochwasserschutz, funktioniert auch immer besser.
Wenn aber vor wenigen Jahren eine Sendung – ebenfalls des ZDF – hingeht und Tullas Begradigung als „eine der frühen Umweltsünden“ verunglimpft, dann hat man verlernt, die technischen, wirtschaftlichen und auch geistigen Grundlagen unserer heutigen Zivilisation zu verstehen und wertzuschätzen. „Damals“, schreibt ein Youtube-Kommentar in der ihm offenbar eigenen Orthographie, „zuderzeit wahren die echt groeßenwahnsinning“. Pionierleistungen wie die des Visionärs Tulla, „das Kleinteilige bündeln, überflüssige Wegstrecken verkürzen, ein gemeinsames Ziel verfolgen über alle Grenzen hinweg“, haben unseren heutigen Wohlstand erst möglich gemacht – und Fortschritt bildet die Grundlage für weiteren Fortschritt. Ohne diesen Fortschritt und Wohlstand wäre an Naturschutz im Bereich der Fließgewässer im Übrigen gar nicht zu denken.
Solche großen Ambitionen werden westlichen Ländern leider zunehmend fremder. Kultivierung und Gestaltung von Landschaften und Umgebung gelten weitverbreitet als moralisch verwerfliche Eingriffe in das Goldene Kalb „Natur“, dem die Öko-Ideologie einen übermenschlichen Eigenwert zuschreibt. Statt Flüsse im Sinne des Menschen zu kanalisieren, kanalisiert man lieber dessen Verhalten. Durch Verbote, Steuern und Predigen eines schlechten Gewissens – im Namen von Umwelt, Klima, Gesundheit, politischer Korrektheit. Nicht der „gebändigte“ Mensch darf jedoch unser Ideal sein, sondern ein „Bändiger des wilden Stroms“ wie Tulla sollte uns Ansporn werden, Hindernisse zu bezwingen und nach mehr zu streben.
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An der Stelle ist es angebracht, eine Lanze zu brechen fuer die romantiker, d.h. die richtigen. Das waren beileibe keine fortschrittsfeinde und naturvergoetterer, ganz im Gegenteil. Die romantik in Deutschland war kein gegenmodell zur Aufklärung. Sie war kein Ausdruck eines Unbehagens an der Zivilisation. Ein E.T.A. Hoffmann dachte moderner als so mancher, der sich heute für modern hält. Ihren Ursprung hatte die romantik bei Kant, nicht beim lieben Gott. Es gab allerdings eine zivilisationskritische Richtung innerhalb des sich entwickelnden Bürgertums, vor allem in den USA, die wir heute gemeinhin mit der romantik gleichsetzen. Aber auch hier passt so einiges nicht. Die huette am walden pont war nur wenige Schritte vom einem laden entfernt, den wir heute supermarkt nennen würden. Thoreau SPIELTE sein Leben in der Wildnis. Niemand ist weiter von der Natur entfernt als die, die sie heute veegoettern.
Wie die meisten Menschen überhaupt liebe ich die Natur, besonders die typisch nordische. Ich bin auch für die Einrichtung von Naturschutzgebieten und die Renaturierung, dort wo es vernünftig ist und nicht die Existenz von Menschen und Tieren, insbesondere Haustieren bedroht. Rotgrüne Ideologen, die sich zu Naturschützern aufschwingen, wollen am allerwenigsten die Natur schützen, wie der von ihnen bejubelte, die Natur extrem schädigende Bau von Windkraftanlagen sowie die massenweise Einführung von Neozoen menschlicher Art beweist, denen sie jede Form der Naturzerstörung supertolerant nachsehen. Die Harmlosesten von ihnen, denen man bis zum Erbrechen in Staats-TV-Natursendungen begegnet, wollen einfach ihre schrullige Egozentrik meistens als fast Selbstversorger verwirklichen, was primär keinen wehtut, aber sekundär in der Regel mit dem Ausfall ihrer für den modernen Menschen typischen Produktivität und vor allem weiteren schrulligen linken Ideen auf anderen Gebieten verbunden ist. Zum Ausgleich schaffen sie hier und da etwas Wertvolles in Form von Urlaubsdomizilen und naturnahen Produkten als Alternativen zu den Produkten der industriellen Lebensmittelproduktion. Beim harten Kern der rotgrünen "Naturschützer" ist Naturschutz jedoch nur dann ein Thema, wenn er in ihr Ideologiegebäude passt, weshalb sie jede sich bietende Gelegenheit nutzen, um mit dem Missbrauch von vorgeschobenen Naturschutzzielen den bösen Kapitalismus zu bekämpfen, wie einerseits die kriminellen Aktionen um die Rodung des Hambacher Forsts und andererseits das Ausbleiben von Protesten bei der extrem naturzerstörenden Errichtung von Windkraftanlagen beweisen.
Die Grünen, die Liebhaber der wilden Natur, möchten gerne zurück zum Leben als Jäger und Sammler. Damals war die Natur noch übermächtig. Die Ursünde der Naturbeherrschung liegt auch schon lange zurück, es war die Sesshaftwerdung, zugleich der Beginn des Kapitalismus. Das ist auch die Erklärung dafür, warum die Grünen so links geworden sind. Dabei hat es durchaus seinen Sinn, die Natur zu schützen vor einer übermächtigen Industrie. So wie es auch Sinn hat, die Menschen zu schützen vor einem übermachtigen Staat. Das Problem ist, wenn man Industrie und Staat ganz abschafft, dann ist das kein Fortschritt sondern ein grosser Rückschritt. Der aber von den Grünen gerne als Fortschritt gesehen wird.
Sehr schöner Artikel Artikel Herr Lövenich! Natur und Leben bedeuten nun einmal ständige Veränderung und Anpassung. Das Bewahren eines einmal erreichten Zustandes ist illusionär und unnatürlich. Natur kennt keinen Stillstand, kein Bewahren eines einmal Erreichten sondern nur ständige Veränderung. Was heute noch Meeresboden ist, ist morgen Festland und übermorgen Gebirge, um dann wieder abgetragen zu werden. Wer glaubt einen bestimmten Zustand wie einen Screenshot einfrieren und erhalten zu können ist auf dem Holzweg. Das gilt für die jetzt erblühenden Frühlingsblumen genauso wie für das Klima und die Bewegung der Kontinente.
Es ist wichtig zu verstehen, warum die wohlstandsverblödete „Neue Linke“ bzw. wahlweise die Grün- oder Klimasozialisten eben auch gegen die Kultivierung und Gestaltung von Landschaften randalieren: sie sehen sich wie schon ihre roten/braunen Vorgänger als Verlierer dieser zivilisatorischen Entwicklung. Kulturelle und wirtschaftliche Prosperität, erzeugt durch technische Exzellenz, unternehmerisches Denken und verantwortungsvolles Handeln eines jeden Einzelnen, sind etwas womit Linke gar nicht umgehen können - denn sie zeigt ihre ganze Unfähigkeit und wird daher von der Stuhlgruppe aus erst bekämpft - und wenn die Gruppe dann auf dem Stuhl der Macht sitzt, ein totalitärer Gegenentwurf installiert. Dann ist das Verschandeln und Roden von Parkanlagen und Märchenwäldern natürlich auch wieder bis zum Kollaps erlaubt: für die „große Sache“, das „Endziel“, die „Energiewende“, aus „humanitären Gründen“.
Was man vergöttert, macht man sich nicht untertan, auch nicht zum Besten aller. Der grüne Schrumpfgott Erde ist der dickste Trumm des Christentums.
Die Romantik der Deutschen ist wohl unausrottbar. Heinrich Heine hat das schon gut beschrieben. Es ist aber eine Romantik, die verbunden ist mit Dreck, Krankheiten, Hunger und reiner Substistenzwirtschaft. Man kann so nur denken, wenn man grün und wohlstandsverblödet ist und den Zustand der Natur als gottgewollt empfindet. Und heute feiern genau die Leute mit ihren iphones Partys und baden dort an den Altrheinarmen, die ohne diese zivilisatorischen Errungenschaften aufgrund ihrer Verweichlichung am Arsch wären.