Wer verstehen will, warum auf Irans Straßen wieder „Pahlavi“ gerufen wird, muss einen Moment aus den schnellen Reflexen des deutschsprachigen Diskurses heraustreten. In Deutschland klingt „Schah“ für viele automatisch nach Absolutismus, Dynastie, Gestern. Im Iran selbst ist der Klang bei vielen ein anderer: eine Chiffre für den radikalen Bruch mit der islamischen Rechtsordnung – und für die Rückbindung an eine ältere staatliche und kulturelle Tradition, die nicht aus der Scharia abgeleitet wird.
Der iranisch-britische Historiker Michael Axworthy hat den Iran einmal als eine Art „Weltreich des Geistes“ charakterisiert – als Kulturraum, dessen Ideen und staatliche Traditionen über Jahrhunderte weit ausstrahlten. Ich zitiere das hier sinngemäß aus der Erinnerung, nicht wortwörtlich. Man muss diese Formulierung nicht romantisieren, um den Kern zu erkennen: Persische Kultur hat Nachbarn und auch Europa immer wieder mitgeprägt – oft indirekt, durch Übersetzung, Handel, Migration und religiöse Debatten. Viele in Europa ahnen kaum, wie viel aus diesem Kulturraum in die eigene Geistesgeschichte eingesickert ist.
Gerade deshalb ist es für die heutige Protestbewegung nicht „unpolitisch“, wenn sie auf vorislamische Begriffe, Symbole und Erinnerungen zurückgreift. Es ist zutiefst politisch – nur eben nicht im westlichen Parteijargon. Es ist eine Antwort auf eine Erfahrung: Jahrzehnte der Unterdrückung („sarkub“) haben gezeigt, dass ein System, das seine Legitimität aus religiöser Rechtssetzung bezieht, Bürgerrechte nicht als unveräußerlich versteht, sondern als widerrufbares Privileg.
Die iranische Geschichte kennt Phasen, in denen Sprache und Kultur massiv bedrängt wurden – etwa nach der arabischen Eroberung, als persische Verwaltung und Literatur zeitweise unter Druck gerieten und sich erst langsam wieder eigene Ausdrucksformen erkämpften. In der iranischen Erinnerung wird dafür oft das Bild von den „zwei Jahrhunderten des Schweigens“ (200 Jahre Stille) verwendet. Und heute blicken viele Iraner auf 47 Jahre Unterdrückung unter der Islamischen Republik zurück. Gerade in dieser langen Erfahrung liegt eine Wucht: Wer so lange unter einem religiösen Zwangssystem lebt, sucht nach einer Gegenidee, die stärker ist als Angst.
Hier kommt „Pahlavi“ ins Spiel – und zwar doppelt
Erstens ist „Pahlavi“ seit 1925 ein Familienname. In diesem Jahr wurden im Zuge staatlicher Modernisierung Nachnamen verbindlich eingeführt; Reza Schah wählte „Pahlavi“ bewusst. Diese Wahl war eine Setzung: Rückbindung an eine vorislamische Traditionslinie – und programmatische Abgrenzung von der religiös-rechtlichen Umklammerung durch Klerikerherrschaft. In einem Land, in dem Kleriker über lange Zeiträume politischen Einfluss als religiöse Autorität ausübten, war diese Namenswahl eine kulturelle Botschaft: Der Iran hat mehr als eine einzige Identität.
Zweitens ist „Pahlavi“ nicht nur Name, sondern auch ein Begriff aus der iranischen Kulturgeschichte: Pahlavi bezeichnet die mittelpersische Sprache und Schrifttradition der sasanidischen Zeit. Wenn heute „Pahlavi“ gerufen wird, schwingt bei vielen daher nicht nur „eine Person“ mit, sondern eine Idee: ein Iran, der sich nicht über Scharia und religiöse Vormundschaft definiert, sondern über Staatlichkeit, Recht und nationale Würde aus der eigenen Geschichte heraus.
Diese Doppeldeutigkeit erklärt auch, warum der Begriff das Regime so allergisch macht. Der Hass auf „Pahlavi“ ist nicht nur personal – er ist symbolisch. Er richtet sich gegen die Behauptung, dass der Iran mehr ist als die Islamische Republik; dass unter dem „schwarzen Mantel“ – als Bild für den erzwungenen religiösen Überwurf – eine andere Seele weiterlebt. Genau diese Behauptung ist für ein theokratisches System gefährlich, weil sie ihm das Monopol auf Identität entzieht.
Darum ist auch die Parole „Pahlavi barmigarde“ („Pahlavi kehrt zurück“) mehr als dynastische Nostalgie. Sie kann die Rückkehr einer Person meinen – aber ebenso die Rückkehr einer Idee: dass das Recht wieder über Willkür steht, dass Frauen nicht Eigentum sind, dass Gewissensfreiheit nicht verhandelbar ist und dass Würde nicht von religiöser Konformität abhängt. Wer „Pahlavi“ ausschließlich als „Monarchismus“ abtut, verpasst diese Ebene – und erklärt sich dann ratlos, warum dieser Ruf in ganz unterschiedlichen Milieus auftaucht.
„Ja, aber was kommt danach?“
Ein zweiter Reflex verstellt häufig den Blick: die pauschale Gleichsetzung von „Schah“ mit „Absolutismus“. Ja, der Iran hatte absolutistische Herrschaftsformen – vor allem vor der konstitutionellen Bewegung. Aber die Pahlavi-Ära war verfassungsrechtlich eine konstitutionelle Monarchie. Das ist kein Freibrief für idealisierte Rückschau, aber ein historischer Unterschied. Und wer Europa an real existierenden Machtkonzentrationen messen will, muss nur nach Frankreich schauen: Auch ein Präsident kann in einem republikanischen System sehr weitreichende Kompetenzen besitzen.
Doch die zentrale Blockade im deutschen Gespräch ist oft eine andere: Sobald Iraner den Sturz des Regimes fordern, kommt reflexhaft die Frage: „Ja, aber was kommt danach?“ Diese Frage klingt vernünftig, wird aber in der Praxis häufig als Bremse benutzt – als Argument, lieber beim Status quo zu bleiben oder „Dialog“ zu pflegen. Der Effekt ist fatal: Die Täter in Teheran profitieren von unserer Angst vor der Zukunft.
Hier hilft ein Gedankengang, den der kluge iranische Kommentator Kia Rostami in einem Facebook-Kommentar zugespitzt formuliert hat. Er beschreibt, dass viele deutsche Gesprächspartner die ideologische Natur der Islamischen Republik unterschätzen: ein antisemitisch-antiisraelisches Regime, das seit seiner Gründung Vernichtungsfantasien gegenüber Israel propagiert, dafür Stellvertreter und Milizen aufrüstet und zugleich im eigenen Land Freiheitsrechte zertritt. Sein Text ist bewusst scharf; ich nehme ihn als Impuls, weil er eine deutsche Wahrnehmungslücke markiert – nicht als „amtliche Analyse“, sondern als Stimme aus der iranischen Erfahrung.
Natürlich sind historische Vergleiche nie deckungsgleich. Aber sie können eine Struktur sichtbar machen: Auch beim Ende des Nationalsozialismus hat niemand ernsthaft gefragt, ob „danach“ garantiert sofort eine perfekte Demokratie stünde. Man hat verstanden, dass ein ideologisch-expansionistisches Gewaltregime beendet werden muss. Die Frage war nicht, ob die Zukunft sofort makellos wird, sondern ob die Gegenwart unerträglich und gefährlich ist. Genau diese Priorität verrutscht heute beim Iran-Diskurs ständig.
Es geht um das Ende der Islamischen Republik
Ein Unterschied wird dabei häufig übersehen: Hitlerdeutschland war „boots on the ground“, mit Uniformen, Eroberungen, Besatzung. Die Islamische Republik arbeitet oft auf leisen Sohlen: über Stellvertreter, Milizen, Radikalisierungsnetzwerke, Anschläge, Mordkomplotte, Cyberangriffe, Desinformation und Geldströme. Das wirkt für europäische Augen weniger „klassisch kriegerisch“, ist strategisch aber ebenso zerstörerisch – gerade weil es unsere offenen Gesellschaften ausnutzt und die Gewalt an Dritte auslagert.
Wer so ein Regime dann mit „Handel und Wandel“ zu zähmen versucht, belohnt die Methode: Man toleriert die Gewalt, solange sie ausgelagert, verschleiert und plausibel abstreitbar bleibt. Aber die Zielsetzung wird vom Regime nicht verborgen: ideologische Expansion, regionale Dominanz – und die permanente Drohung gegen Israel. Wie kann man mit einem Regime, das solche Ziele offen propagiert, auf Dauer „Normalität“ spielen und dabei hoffen, es werde sich schon mäßigen?
Gerade deshalb ist es so wichtig, die Stimmen aus dem Iran so wiederzugeben, wie sie tatsächlich klingen. Die Straße ist plural – niemand behauptet seriös, „alle“ rufen dies oder jenes. Aber wer persischsprachige Originalquellen verfolgt, erkennt: Es geht nicht um ein Maßnahmenpaket. Es geht um das Ende der Islamischen Republik. Und in dieser radikalen Systemfrage hat „Pahlavi“ für viele Menschen eine kulturelle und politische Signalwirkung, die man im Westen häufig nicht einmal erklärt – und damit zugleich verfehlt.
Die Aufgabe der Diaspora ist dabei schlicht: nicht „für“ den Iran zu sprechen, sondern sichtbar zu machen, was im Iran selbst gesagt wird – gerade dort, wo es im Westen bequem überhört oder geglättet wird. Wer die Stimmen aus dem Land ernst nimmt, erkennt: Es geht um Würde, Recht – und um das Ende eines Regimes, das nicht nur den Iran unterdrückt, sondern Gewalt exportiert. Wer angesichts dessen zuerst „Was kommt danach?“ fragt, sollte sich zuerst der Gegenwartsfrage stellen: Wie lange wollen wir noch so tun, als sei dieses Regime ein „normaler“ Handelspartner, wenn es im Kern ein ideologisches Gewaltprojekt ist?
Dr. med. Nahid-Ingrid Jung, geb. 1961 in Würzburg, arbeitet als HNO-Fachärztin in Berlin. Von 1970 bis 1978 besuchte sie die Deutsche Schule Teheran. Seit 2022 wertet sie persischsprachige Originalquellen und Livestreams zur Lage im Iran aus.
Trump hat nicht gefragt, „was kommt danach?“, er handelt: „I have cancelled all meetings with Iranian Officials until the senseless killing of protesters STOPS.“
Ist es gut, wenn die Herrschaft der Mullahs in Persien endet? Ich sage ja!
Wissen wir, was danach kommt? Nein!
Wird es besser sein? Ja, sicher!
Hoffentlich sehr bald!
Mario
Ich bete mit „all meiner Kraft, all meiner Seele, all meinem Gemüte “ für die Menschen im Iran, dass sie frei werden mögen von diesem unmenschlichen System.
„Persischsprachige Originalquellen und Livestreams zur Lage im Iran auswerten“ ist gut und schön, aber gegen ein „ideologisches
Gewaltprojekt“ hilft nur Frauenpower aus der Diaspora. Von Amazonen, die in Berlin wohnen!
Wie glücklich wären die Völker – Deutsche, wenn sie 1933 statt Hitler einen Kaiser; Iraner, wenn sie jetzt statt Mullahs einen Schah; und Russen, wenn sie statt Lenin/Stalin einen Zar hätten.
1979 meinten die Iraner: Weil der Reis um 30% teurer wurde, müsse eine Revolution stattfinden. Sie fand statt, und der Reis wurde um 400% teurer.
Leider ist das Unwissen der Deutschen über den Iran nicht geringer als ihr Unwissen über Israel. Der Unterschied ist allerdings, dass sie zu Israel trotz ihrer Unbildung starke und – im Wortsinn – verkehrte Meinungen vertreten, während sie sich für den Iran einen feuchten Kehricht interessieren. Dabei wäre – wird! – ein freier Iran auch für Europa ein großer Gewinn und ein schwerer Schlag gegen den Islamismus. Iran als Partner Israels – es gäbe die Chance auf Frieden und Wohlstand in der Region. MIGA!
Stimmig kommt mir der Text nicht vor. Nach der Niederlage gegen die Araber waren die Perser schon unter den Abbassiden mitentscheidend für die Entwicklung des Islams. Damals gehörten sie auch mehrheitlich zur Sunna. Stark gelitten hat der Iran erst viel später unter der Zerstörung durch die Mongolen. Die spätmongolischen Timuriden zeigten dann dafür verantwortlich, dass sich im Iran die Zwölfer Schia durchgesetzt hat. Mit dem Umsturz durch die Safawiden wurde der Schiismus dann Staatsreligion und der Konflikt mit dem sunnitischen Osmanenreich Dauerthema.
Der Islam und dann spezieller der Schiismus ist also seit hunderten von Jahren bestimmend für die Kultur des Irans. Mag ja sein, dass die Khomeini Mullahs und ihre korrupten Garden weichen müssen, aber liberal wird der Iran dadurch noch lange nicht.
Dass zeitgenössische Perser in großer Zahl von Dareios I und Kyros träumen, mag ich nicht glauben und würde sie auch in den Augen der ehemaligen Satrapien verdächtig machen.