Vince Ebert (Archiv) / 07.11.2013 / 13:51 / 4 / Seite ausdrucken

Warum schließen wir uns so gerne der Mehrheitsmeinung an?

Wieso kaufen wir iPhones, trinken CocaCola, trennen Müll oder bleiben als Fußgänger fünf quälende Minuten lang an einer roten Ampel stehen, wenn es die anderen um uns herum auch tun? Und warum laufen wir plötzlich mit los, sobald einer oder zwei der Fußgänger einfach die Straße überqueren?

Viele von uns sind davon überzeugt, sie treffen derlei Entscheidungen eigenständig und aus freien Stücken. Doch das stimmt nicht ganz. In Wahrheit ist es mit unserem individuellen, selbstständigen Handeln gar nicht so weit her.

Zu diesem Phänomen führte der Sozialpsychologe Solomon Asch in den 50er Jahren ein legendäres Experiment durch: Er legte einer Gruppe von Freiwilligen Karten mit unterschiedlich langen Linien vor und bat sie, diejenigen auszuwählen, auf denen die Linien gleich lang waren. Der Gag an der Sache: Die meisten Probanden waren in das Experiment eingeweiht und gaben absichtlich allesamt die gleiche, eindeutig falsche, Antwort. Asch wollte wissen, ob sich die echten Versuchsteilnehmer davon beeinflussen ließen. Das Ergebnis war verstörend: Nach leichtem Zögern schlossen sich rund 80 Prozent der untersuchten Personen der Mehrheitsmeinung an und stimmten der falschen Antwort zu. Je größer die Gruppengröße der Leute mit den falschen Antworten war, umso deutlicher war das Ergebnis. Oft jedoch reichte schon ein einziger „Komplize“, der widersprach, und die Testperson bestand auf ihrer richtigen Meinung.

Im Jahre 2005 entwickelte der Neurowissenschaftler Gregory Berns von der Emergy University in Atlanta das Asch-Experiment noch weiter. Mit Hilfe der Magnetresonanztomographie überwachte er die Gehirnaktivität seiner Probanden und stellte etwas noch Absurderes fest: Immer, wenn sich die Teilnehmer entgegen ihrer eigenen Wahrnehmung der Mehrheit anschlossen, war die höchste Aktivität im intraparietalen Sulcus zu verzeichnen, einem Bereich, der für das räumliche Vorstellungsvermögen zuständig ist. Die Teilnehmer hatten sich folglich nicht nur bewusst für eine falsche Antwort entschieden, sie nahmen nach dieser Entscheidung die Länge der Linien auch tatsächlich anders wahr! Ein Phänomen, das vielen Frauen bekannt vorkommt, wenn Männer untereinander von „20 Zentimetern“ sprechen.

Offenbar ist der Drang nach Konformität bei uns Menschen so stark ausgeprägt, dass normale, intelligente und aufgeschlossene Menschen unter bestimmten Bedingungen glauben, dass eine blaue Wand grün ist oder dass zwei plus zwei Fünf ergibt. Deswegen kommen wahrscheinlich in vielen politischen Ausschüssen oftmals so absurde Entscheidungen zustande.

Wissenschaftler vermuten, dass dieser Gruppendruck tief in unserem evolutionären Erbe verwurzelt ist. Die menschliche Spezies hat bis heute überlebt, weil unsere Urahnen darauf konditioniert waren, anhand einfacher Regeln Entscheidungen zu treffen. Und eine zentrale Entscheidung war: „Tue das, was die anderen auch tun, dann liegst du nicht ganz falsch.“ Irgendwie logisch. Denn in der Steinzeit war der Einzelgänger ein gefundenes Fressen für den Säbelzahntiger.

Für unsere Urahnen war es schlicht und einfach profitabler, ohne groß nachzudenken gemeinsam in die falsche Richtung zu marschieren, als alleine in die richtige. Kein Wunder, dass wir Gruppenharmonie über fast alles stellen. Denn weil die Vorteile der Gruppenzugehörigkeit die Nachteile des Alleinseins lange Zeit ausstachen, schließen wir uns auch heute noch im Zweifelsfall der Mehrheitsmeinung an.

Wir spenden Blut, weil es unsere Nachbarn auch tun, hören die gleiche Musik wie unsere Freunde oder gehen denselben Verführern auf den Leim. Gruppendenken und kollektive Gefühle funktionieren in die positive genauso wie in die negative Richtung.

Die Gründe davon mögen im Einzelfall individuell, vielfältig und komplex sein. Doch das Asch’sche Konformitätsexperiment hat auf plakative Weise gezeigt, wie viel Steinzeit-Mensch auch nach Tausenden von Jahren Zivilisation in uns steckt. Die Angst vor dem Säbelzahntiger steckt uns immer noch in den Knochen. Und das, obwohl das Tier schon vor einer halben Ewigkeit ausgestorben ist.

Weitere Kuriositäten aus der Wissenschaft finden Sie in dem neuen Buch von Vince Ebert: „Bleiben Sie neugierig“ rororo oder unter www.vince-ebert.de

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Leserpost

netiquette:

Wolfgang Uhr / 10.11.2013

Komisch, ich frage mich, warum ich eigentlich immer gegen den Strom schwimmen muss. Kann die Mehrheit nicht einmal was vernünftig machen, so dass man es mal was leichter hat?

Hans Meier / 07.11.2013

Na ja, das mit dem Phänomen, gegen den gesunden Verstand zu verstoßen, geht auch nur, wenn Verstand vorhanden und funktioniert ;-) Es kommt zudem auch noch auf die rationale Wahrnehmung an, ob man sich z.B. an Visionären orientiert deren Emotionen anschließt und auch, jegliche internationale Intelligenz ausblendet, wie das hierzulande z.B. in der Energiewende und der Förderung untauglicher Technologien geschieht. Diese Furcht vor dem „Tiger“ ersetzt offensichtlich bei denen, die wenig selbstbewusst, zivilisiert und frei von Ängsten durchs Leben stolpern rationale Einsichten.

Karl Schurz / 07.11.2013

Ich muss etwas widersprechen oder besser ergänzen/erweitern. Die Ergebnisse dieser “angeborenen Verhaltensweise” mögen zum Erhalt “des Genpools” beigetragen haben. Das ist nicht unwichtig. Entscheidend ist aber, dass diejenigen, die sich dem Gruppendruck widersetzten, also die “knallharten Individualisten mit Grips”, die Gruppe aus ihrem “Dämmerschlaf” holten, der zwar zum Überleben ausreichte, aber kaum einen Beitrag zum Fortschritt brachte. Die “Jungs (guys)” mit eigenen Kopf brachten der Gruppe den Fortschritt (Feuer, Werkzeug, etc.). Die “Schwarmintelligenz” der Gruppe ermöglichte dann das weiterreichen der Erkenntnisse von Individualisten. :-) Denke ich…

Mathias Freese / 07.11.2013

Das ist auch so ein Trend: Forscher finden etwas heraus, und Leute, denen das Ergebnis nicht passt, schieben evolutionsbiologische Gründe vor und erklären die für nichtig weil nicht zeitgemäß - die Steinzeit ist ja vorbei. Natürlich ist die Steinzeit vorbei. Nichtsdestotrotz ist es in vielen Fällen immernoch sinnvoll und manchmal wirklich immernoch lebenserhaltend, sich konform zu verhalten. Glauben Sie nicht? Dann gehen Sie doch einfach mal dort über eine Straße, wo alle anderen stehenbleiben. Natürlich ist es ratsam, sich diese Dinge bewusst zu machen und stets zu überlegen: Wo hab ich mich konform verhalten, ohne dass es gut für mich war? Und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Aber immer überall “Nein” zu schreien, um aus Prinzip der Fisch zu sein, der gegen den Strom schwimmt, ist auch nicht zielführend. Sie können die Steinzeit noch so oft totreden - manche Instinkte des Menschen ergeben auch in High-End-Zivilisation noch Sinn.

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