Gideon Böss (Archiv) / 17.10.2016 / 13:00 / Foto: Tomaschoff / 1 / Seite ausdrucken

Warum Religionsunterricht nicht in die Schule gehört

In einer Kolumne auf Spiegel Online wird gerade der Religionsunterricht an deutschen Schulen verteidigt und als notwendiges Mittel gegen Radikalisierung bezeichnet. Der Artikel nennt vier Hauptpunkte. Im Religionsunterricht würde es nicht um Mission gehen, außerdem sei er nicht der verlängerte Arm der evangelischen oder katholischen Kirche, er würde den Schülern beibringen, „Fundamentalistische Positionen zu erkennen und deren Konsequenzen zu reflektieren“ und schließlich würde Schule eben auch bedeuten, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die „einem unangenehm oder lästig sind“.

Ich finde nicht, dass es an staatlichen Schulen Religionsunterricht geben sollte. Religion ist Privatsache und die Religionen haben selbst dafür zu sorgen, Menschen auf sich aufmerksam zu machen und sie von ihren Inhalten zu überzeugen. Warum der Staat sich da als Unterstützer einbringt, ist mir nicht klar. Er sollte religionsblind sein und nur dann eingreifen, wenn aus dem religiösen Eck die Spielregeln unserer Gesellschaft bedroht werden.

In der Realität sieht es ganz anders aus. Kirche und Staat sind nicht getrennt, der Staat zieht für die Kirchen Steuern ein und Kirchenvertreter sitzen in den Fernsehräten und in Ethikkommissionen der Bundesregierung. Vor allem aber ist das Argument, dass der Religionsunterricht ja kein „verlängerter Arm der evangelischen oder katholischen Kirche“ wäre, schlicht falsch.

Religionsunterricht als verlängerter Arm der beiden Großkirchen

Die Kirchen entscheiden, wer in staatlichen Schulen Religionsunterricht erteilen darf. Punkt. Und zwar nicht aufgrund einer rein inhaltlichen Prüfung, die klärt, ob der jeweilige Lehrer die Kernaussagen des Christentums korrekt wiedergibt. Stattdessen wird der Lebensstil des potenziellen Religionslehrers überprüft, der bitteschön den Wertvorstellungen der Kirche zu entsprechen hat. Ein schwuler Mann wird es darum sehr schwer haben beim Versuch, jemals einer Schulklasse von Bergpredigt und Nächstenliebe zu erzählen.

Ein kleiner Ausschnitt dessen, was die Katholische Kirche von potenziellen Religionslehrern erwartet (die sich bei der katholischen Kirche bewerben müssen, obwohl sie an staatlichen Schulen als Staatsdiener unterrichten werden):

Kriterien zur Erlangung einer Kirchlichen Unterrichtserlaubnis

  • Der/die Religionslehrer/in ist bereit, den Religionsunterricht in Übereinstimmung mit der Lehre der Katholischen Kirche zu erteilen
  • Der/die Religionslehrer/in beachtet in der persönlichen Lebensführung die Grundsätze der Lehre der katholischen Kirche

Es wäre ein Missverständnis, wollte man darunter nur die Vermeidung von bestimmten Verstößen gegen die Sittenlehre der Kirche verstehen, es kommt vielmehr auf ein am Evangelium gemessenes Leben als Christ mit der Kirche an:

  • Der/die Religionslehrer/in ist lebendiges Mitglied der Kirche
  • Er/sie nimmt am Leben der Pfarrgemeinde, insbesondere auch am Sonntagsgottesdienst, teil
  • Verheiratete leben in einer kirchenrechtlich gültigen Ehe und haben ihre Kinder katholisch taufen lassen. Sie bemühen sich nach Kräften darum, die Kinder im katholischen Glauben zu erziehen. Ein eheähnliches Zusammenleben ohne kirchliche Trauung ist mit der Lehre der Kirche nicht vereinbar

Das alles kann nur als die Aufführung einzelner Beispiele aus dem viel umfassenderen Auftrag verstanden werden, den Christen haben.

Selbstverständlich ist unter diesen Bedingungen der Religionsunterricht der verlängerte Arm der beiden Großkirchen (ach ja: das ist übrigens das Bewerbungsformular), weil sie ihre Wertvorstellungen durchsetzen dürfen und von Lehrern im Staatsdienst verlangen, sich ihren Wertvorstellungen unterzuordnen – viele, denen das heute noch egal ist, werden sich wohl erst an dem Tag darüber empören, wenn auch muslimische Organisationen vollkommen zu Recht verlangen, ebenfalls ein Wörtchen mitreden zu dürfen.

Gesinnungs-TÜV für Religionslehrer

Dass es nicht „um Mission“ geht, ist auch eine erstaunliche Aussage. Wenn es nur um „Informationen“ und um „Weltwissen“ gehen würde und darum, „dass die Kinder etwas über das Christentum lernen, aber doch auch über andere Religionen“, bräuchte es keinen Gesinnungs-TÜV für Religionslehrer, also keine Einmischung durch Katholiken und Protestanten in die Lehramtsausbildung. Wenn es nur um „Wissen“ gehen würde, könnte jeder Lehrer Religionsunterricht geben, da reicht dann als Vorbereitung ein kurzer Blick auf Wikipedia und schon können Referate über die Ausbreitung des Christentums, die Anfänge des Islams, die Götter der Hindus und die Wiedergeburt bei den Scientologen (ja, das wirft die Frage auf: wer entscheidet eigentlich anhand welcher Definition, was eine Religion ist?) verteilt werden.

Am schwächsten ist aber das Argument, „Schule bedeutet auch, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die einem unangenehm oder lästig sind“. Nicht nur, weil Schule immer beinhaltet, sich mit Themen beschäftigen zu müssen, die einem lästig sind (man frage einen x-beliebigen Schüler und er wird diverse Fächer nennen können, auf die genau das zutrifft) sondern auch, weil nach dieser Logik einfach alles an der Schule behandelt werden müsste, egal wie abseitig es ist.

Gegen Religionsunterricht spricht auch, dass die Schule nicht der Ort ist, an dem entschieden werden kann, was die richtige Religion ist und die richtige Weise, sie zu leben. Ganz einfach deswegen, weil es bei Religionen kein „richtig“ und „falsch“ gibt, was wiederum ja auch Chancen und Gefahr gleichzeitig ist. Die heiligen Bücher sind in etwa so klar in ihrer Sprache wie die wöchentlichen Horoskope in Frauenzeitschriften. Da kann jeder hineindeuten was er will und deswegen gibt es auch diesen berühmten „Missbrauch von Religionen“ nicht.

Was als Missbrauch bezeichnet wird, ist nur eine Auslegung des Glaubens, die mehrheitlich abgelehnt wird – wobei Mehrheiten sich auch ändern können und es auch ständig tun. Schon alleine deswegen ist es nicht möglich, dass an Schulen die Religion „richtig“ gelehrt wird. Religion gehört ins Privatleben und nur dann ins Zentrum staatlichen Interesses, wenn sie auf eine Weise ausgelebt wird, die unsere Freiheit bedroht.

Gideon Böss schrieb das Sachbuch „Deutschland, deine Götter – unterwegs zu Tempeln, Kirchen, Hexenhäusern“

Foto: Tomaschoff

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Leserpost

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Rudi Knoth / 18.10.2016

Hallo: Dieser Meinung bin ich auch. Ich denke, daß hier die Trennung zwischen Staat und Kirche besser sein sollte. Dann erübrigt sich auch die Frage, ob eine Religion zu diesem Land gehört oder nicht. Denn dann kann jede Religionsgemeinschaft ihren Glaugen lebebn und den entsprechenden notwendigen Tempel bauen.

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