Die Website des Moskauer Gulag-Museums besteht nur noch aus drei Sätzen: „In Moskau wird ein Museum der Erinnerung eröffnet. Es wird dem Gedenken an die Opfer des Völkermords an dem sowjetischen Volk gewidmet sein. Die Ausstellung wird alle Phasen der Kriegsverbrechen der Nazis während des Großen Vaterländischen Krieges umfassen.“
Wenige Tage vor dem vierten Jahrestag des Angriffs auf die Ukraine hat die Stadt Moskau das Aus für eines der ambitioniertesten Museen Russlands verkündet. Auf seiner Website gab Bürgermeister Sergei Sobyanin bekannt, dass das Gulag-Museum der Hauptstadt aufgelöst wird. An seine Stelle soll ein neues Museum treten, in dem es nicht mehr um die 18 Millionen Gefangenen sowjetischer Arbeitslager geht, sondern um sowjetische Opfer des Zweiten Weltkriegs.

Die Schließung markiert den vorläufigen Höhepunkt einer folgenreichen Revision der russischen Geschichtspolitik. Hatte Präsident Putin noch 2015 ein Dekret erlassen, in dem er die Notwendigkeit betonte, das Andenken an die Millionen Opfer politischer Repression zu bewahren, ist davon heute keine Rede mehr. Im Gegenteil: Wer sich dafür einsetzt, die Massenverfolgungen in der Sowjetunion aufzuarbeiten, steht selber in Gefahr, verfolgt zu werden.
Das Gulag-Museum blieb von dieser Entwicklung lange unberührt. Auf Initiative des ehemaligen Lagerhäftlings und Historikers Anton Antonow-Owsejenko hatte es die Stadt Moskau 2001 gegründet. 2015 zog es in ein historische Backsteingebäude, das zu diesem Zweck aufwändig saniert worden war. Drei Jahre später öffnete dort eine fulminante Dauerausstellung, die 2021 mit dem renommierten Museumspreis des Europarates ausgezeichnet wurde. Russland, so schien es, stellt sich seiner Geschichte.
Wer das Museum besuchte, dem blieben manche Eindrücke noch lange im Kopf. Gleich zu Beginn stellten sich ihm sechszehn Zellentüren aus unterschiedlichen sowjetischen Gefängnissen entgegen. In tiefschwarzen Ausstellungsräumen standen hell erleuchtete Vitrinen, in denen Überbleibsel aus Lagern in ganz Russland lagen. Besonders verstörend die weiße Büste Stalins, der väterlich ein Mädchen mit Blumen umfasst, hinter sich riesige erkennungsdienstliche Fotos inhaftierter Kinder. An einer Stelle wurden auch die Namen der 3,5 Millionen bislang bekannten Häftlingen verlesen, was jedes Mal mehr als zwei Jahre in Anspruch nahm.

Im November 2024 wurde die Moskauer Gulag-Ausstellung überraschend geschlossen. Bei einer Inspektion seien Verstöße gegen den Brandschutz festgestellt worden, hieß es. Die Kulturabteilung versicherte allerdings, es handele sich um eine vorübergehende Maßnahme. Doch wenig später, im Januar 2025, wurde der langjährige Direktor des Museums, Roman Romanow, entlassen.
Kritik an der Sowjetunion unterbinden
Über die Gründe kursierten in Moskau nur Vermutungen. Auslöser soll ein „Gedenkgebet“ gewesen sein, das das Museum am 30. Oktober 2024, dem Tag des politischen Gefangenen in Russland, in seinem Garten organisierte. Öffentliche Veranstaltungen aus diesem Anlass werden seit einigen Jahren massiv erschwert.
Im Dezember soll es dann zu einem weiteren Konflikt gekommen sein. Für die Dauerausstellung des Moskauer Stadtmuseums hatten die Kollegen vom Gulag-Museum den Abschnitt über die Verfolgungen der 1930er Jahre konzipiert. Eine Woche vor der Eröffnung sei jedoch plötzlich verlangt worden, nicht mehr darauf hinzuweisen, dass Moskau das Entscheidungszentrum für die Repression gewesen sei. Romanow habe das abgelehnt. Schließlich wurde der gesamte Text entfernt.

Im Auftrag der Kulturabteilung übernahm damals die Chefin des Stadtmuseums, Anna Trapkova, das Gulag-Museums. Sie war dadurch bekannt geworden, dass sie nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Innenhof ihres Museums ein Rekrutierungsbüros der Armee einrichten ließ. Für die Arbeit ihres Vorgängers war sie gleichwohl voller Lob: „Dies ist eines der besten historischen Museen der Stadt, das sich all die Zeit erfolgreich entwickelt hat.“
Umso überraschender war nun die Mitteilung des Bürgermeisters, dass das Museum aufgelöst wird. Bereits im Juni soll in dem Gebäude eine Ausstellung über Opfer deutscher und japanischer Kriegsverbrechen eröffnet werden. Hinter den Kulissen hatte man offenbar bereits intensiv daran gearbeitet. Sogar die wichtigsten Exponate konnte Sobyanin schon nennen, darunter ein Eisenbahnwaggon, mit dem Menschen in nationalsozialistische Vernichtungslager transportiert worden waren. Zur Direktorin berief er Natalja Kalaschnikowa – „Kriegsveteranin“ und Trägerin der Medaille „Teilnehmerin an einer militärischen Spezialoperation“, wie in der Mitteilung hervorgehoben wurde.
Die Abwicklung des Gulag-Museums ist ein weiterer Schritt der russischen Führung, Kritik an der Sowjetunion zu unterbinden. Um den Patriotismus zu stärken, soll es beim Rückblick auf die Geschichte nur noch Helden oder Opfer geben, aber keine Täter. Insbesondere Armee und Geheimdienst sollen wegen der Massenverbrechen kein schlechtes Gewissen mehr haben. Den Liberalen im Land wurde die letzte Institution genommen, die Stalins Massenmord zur Sprache brachte.
Bereits 2014 wurde die Gedenkstätte im ehemaligen Lager Perm-36 verstaatlicht. Mitglieder der Aufarbeitungsorganisation Memorial hatten sie aufgebaut und verwaltet. Doch der Verein musste sich als „ausländischer Agent“ registrieren. Anschließend wurde er so lange mit Gerichtsverfahren überzogen, bis er sich auflöste. Das letzte erhaltene Gulag-Lager kann zwar immer noch besichtigt werden, doch nur wenige Besucher verirren sich in das mehr als 1500 Kilometer von Moskau entfernte Gelände. Seit einiger Zeit widmen sich die Ausstellungen und Veranstaltungen zudem vor allem dem Zweiten Weltkrieg und dem Beitrag der Häftlinge zum Aufbau der Sowjetunion statt dem unmenschlichen Lagerregime.

Als „Agent“ musste sich 2014 auch der Dachverband von Memorial registrieren. Nach mehreren Durchsuchungen und Steuerverfahren wurde die Organisation 2021 vom Obersten Gericht landesweit verboten. Zwei Jahre später löste das Moskauer Stadtgericht auch das Sacharow-Zentrum auf, das in der Hauptstadt jahrelang Ausstellungen und Veranstaltungen zur Sowjetunion durchgeführt hatte. Ehemalige Memorial-Mitglieder können ihre Aktivitäten seitdem nur noch privat fortsetzen. Nach dem Vorbild der „Stolpersteine“ in Deutschland bringen sie zum Beispiel kleine Schilder an Häusern an, um auf die letzte Adresse eines der vielen Hingerichteten hinzuweisen.
Widerstand auch aus der Gesellschaft
Andere Memorial-Mitglieder haben Russland inzwischen verlassen. 2023 gründeten sie, gemeinsam mit europäischen Unterstützern, einen internationalen Verband, um die Arbeit aus dem Exil fortzusetzen. Doch Mitte Februar stufte die russische Generalstaatsanwaltschaft auch diese Vereinigung als „unerwünschte Organisation“ ein. In Russland darf sie seitdem nicht mehr aktiv werden. Das hat vor allem für die Verbliebenen Konsequenzen, da jetzt jede Form der Zusammenarbeit, und sei es nur das Posten eines Links, bestraft werden kann.
Wer sich trotzdem weiter mit Stalins Terror beschäftigt, steht inzwischen stets mit einem Bein im Gefängnis. Die „Verbreitung wissentlich falscher Informationen über die Tätigkeit der UdSSR während des Zweiten Weltkriegs“ kann mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden. Dasselbe gilt für „Informationen, die eine offensichtliche Respektlosigkeit gegenüber der Gesellschaft über die Tage des militärischen Ruhms“ zum Ausdruck bringen. Auch die „Erniedrigung der Würde einer Person“ aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe – zum Beispiel der Geheimpolizei – ist strafbar. Die Gleichsetzung der Handlungen der Sowjetführung mit denen des Dritten Reiches ist ebenfalls verboten.
Der Historiker Juri Dmitrijew, der die sowjetischen Massengräber in Karelien entdeckte, sitzt bereits seit 2016 im Gefängnis. Die Russische Militärhistorische Gesellschaft verbreitete zudem die Falschbehauptung, unter den fast 10 000 Toten befänden sich auch von Finnen erschossene Rotarmisten. Auf den Massengräbern des NKWD ließen die Behörden inzwischen ein Denkmal für die „Opfer der finnischen Besatzer“ errichten. Auch der Mitbegründer von Memorial, Oleg Orlow, wurde 2024 wegen eines Artikels zu zweieinhalb Jahren Lagerhaft verurteilt. Inzwischen lebt er – nach einem Austausch gegen einen russischen Geheimdienstagenten, der in Berlin einen Tschetschenen ermordet hatte – in Deutschland.

Wer sich weiter in Russland um die Aufarbeitung der Sowjetverbrechen kümmert, muss inzwischen aber nicht mehr nur mit der Justiz rechnen. Die jahrelange Staatspropaganda hat vielmehr dazu geführt, dass ihm auch aus der Gesellschaft Widerstand entgegenschlägt. Im russischen Portal „Zen“ begrüßten etliche Nutzer die Auflösung des Gulag-Museums. Und das Verbot von Memorial wurde von Veteranen der Roten Armee angestoßen, die sich darüber beschwerten, dass sich in einer Datenbank mit 3,5 Millionen Opfern auch 19 Nazi-Kollaborateure befanden.
Warum Putin die Aufarbeitung der Stalin-Verbrechen beenden will, wurde in dem Prozess gegen Memorial deutlich. Ziel der Vereinsaktivitäten, so Staatsanwalt Alexei Schałarow, sei es, „das Bewusstsein der Bevölkerung schrittweise von der Erinnerung an die Sieger zur Notwendigkeit der Reue für die sowjetische Vergangenheit umzugestalten.“ Diesem Ansinnen hat nun auch die Stadt Moskau einen Riegel vorgeschoben.

„Jetzt hätten die Russen allen Grund sich zu schämen Russen zu sein“. Ja, wäre ich Russe, so würde ich mich zusätzlich schämen, sowas wie Marx&Engels; in mein Land gelassen zu haben, @Thomas Sz. Gilt auch für die Mao-Chinesen, die ebenfalls von Stalin versaut worden sind oder sich von ihm haben versauen lassen – bis heute. Wann wachen sie auf, werden endlich richtig woke? Sich derart das Leben versauen zu lassen ist ähnlich schlimm&dumm; wie der Moslem, der sich vom Islam das Leben versauen lässt – das allerdings schon seit mehr als tausend Jahren. Porca miseria. Ginge es allen besser oder schlechter ohne den verfluchten Bockmist? Man stelle sich vor: Alles weg, der Scheiß. Hau’s wech. Basta. Der TOLLPAZ versucht es gerade, schaumermal. „Tollere“ lateinisch heißt einfach: Weghauen, bitte nicht verwechseln mit „tolerare“, erdulden, erleiden. Das ist eher was für Masos, der Sadist tickt da anders. Hat der Letztere nicht eher recht? Entscheiden sie jetzt, sofort. Sacramento dolores. Aber wahrscheinlich guckt eh wieder kein Schwein.
@Fend: Die christlich geprägten Länder Europas und deren Ableger in den Amerikas haben wohl die meisten Christen umgebracht – das ganze Christengesäusel hin oder her. Da kommen Moslems oder Chinesen kaum mit, oder?
Wer „Archipel Gulag“ von Solschenizyn gelesen hat, muß entsetzt gewesen sein. In Hitlers KZ’s bestand die reale Aussicht auf ein Ende des Martyriums, spätestens nach dem Kriegsbeginn. In Stalins Lagern kaum. Ich kann mir nicht vorstellen, was in Menschen vorgegangen ist, die diesem Terror ohne Hoffnung ausgeliefert waren. Das Dasein reduziert auf das tägliche Überleben?
Gerbert, wenn Sie mal wieder in Ihrer westdeutschen Vollkommenheit schwelgen wollen, empfehle ich Ihnen den Film „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo.“ Als ich 1991 in die vergammelten Bundesländer gekommen bin, habe ich das erste mal Bettler gesehen, das erste mal, dann gleich in Frankfurt, eine Drogenszene mit tausenden erbarmungswürdigen Opfern, bin das erste mal von Prostituierten angesprochen worden. Sozialismus war eine üble Diktatur, der Westen in seiner systemischen Menschenverachtung war in vielen Aspekten nicht besser. Noch was, bevor sich hier wieder einige geistig Minderbemittelte echauffieren. Den üblen Zustand der Bausubstanz der ehemaligen kenne ich selbst. Mit „vergammelt“ meine ich die geistige Verwahrlosung. Stichwort 68-ger.
@ Judith Panther
Die Aufarbeitung ist eine Sucht und hat was schwer Angeschlagenes, damit verstärkt man seine Neurose und kann taub gewordenen Gefühle aktiviert. Es geht dabei nicht darum, was man fühlt, sondern wie bei der Selbstverletzung mit Rasierkingen, daß man fühlt.
Aufarbeitung ist vielleicht ein Pendant zum Geschmackverstärker wie Glutamat.
Man lebt seine Neurose, bohrt in alten Wunden herum, kratzt den Schorf wieder ab, streut Salz hinein, bis es eitert. Man denkt daran, spricht darüber, träumt davon. Das ist eine Lebensbeschäftigung.
Das ist auch die Form der Psychotherapie. Der Schmerz überlagert alle Gefühle. Man läßt die Vergangenheit nicht zur Ruhe kommen. Davon leben viele, Psychologen, Psychiater, Therapeuten, die Pharmaindustrie, Apotheker, Ratgeber, Nervenheilanstalten.
Seit Freud ist die „Analyse“ eine lukratives Geschäftsmodell. Irgendwas findet man immer bei der Mutter, die an all meinem Elend schuld ist. – Wir vergeben keine Schuld!
Die Vergangenheit kann man nicht ändern, man kann sie instrumentalisieren.
„Das Gute – dieser Satz steht fest – ist stets das Böse, was man lässt.“ Wilhelm Busch
„Lutz Herrmann / 16.03.2026
Saudumme und unmenschliche Entscheidungen im Kriegsverlauf.
Den muss man echt nicht in Schutz nehmen. Es sei denn, man heißt Putin.“ – Sie meinen also, daß er Berlin erobert und ein paar Staaten Osteuropas einkassiert hat, sei nur eine Fußnote der Geschichte, weil ja schließlich die USA, England und natürlich Frankreich den zweiten Weltkrieg gewonnen haben ?
@Michael Müller:„Das Geschichtsbild wird immer manipuliert…“---Nicht immer und nicht in diesem Fall. Die SU, also Russland mit Kolonien, hat zwei Wochen nach Hitler die Polen angegriffen, danach die Balten und Finnland, in Koordination mit den Nazis. Das steht auch so im H-S-Pakt. Nur wurde bis in die 90er Jahre die alleinige Schuld Deutschlands favorisiert. Nach dem Zusammenbruch der SU gab es ein Freiheitsfenster wo die Russen ihre Gsch ein Stück weit aufarbeiten konnten und im Westen auch zur Kenntnis genommen werden musste. Empfehle den Film „The Soviet Story“. In RU verboten weil, siehe Artikel oben.